IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Historikerin spürt Unternehmensgeschichten nach

Portrait Dr. Barbara Hillen

Dr. Barbara HillenWürstchen mit Kartoffelsalat. Das bot die deutsche Hausfrau in den 60er Jahren ihren Gästen an. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, Delikatessen wie Austern oder gefüllte Wachteln aufzutischen. Doch dann kam Gerd Käfer (1932-2015).

„Er hat den Partyservice erfunden und in der damals noch etwas biederen Bundesrepublik salonfähig gemacht“, erzählt Dr. Barbara Hillen. In ihrem Buch „Qualität aus Leidenschaft – Geschichte von Feinkost Käfer“ erzählt sie die Historie des Unternehmens, das 1930 in München gegründet wurde und heute weltweit Feinkost vertreibt.

Die Bonner Historikerin hat sich auf die Geschichte von inhabergeführten und geschichtsbewussten Unternehmen bzw. Organisationen spezialisiert. Bereits ihre Doktorarbeit drehte sich um ein Wirtschaftsthema. Sie schrieb die Biografie von Johann Christian Eberle (1869-1937), der 1908 den bargeldlosen Zahlungsverkehr einführte und damit die Grundlage für die heutige Sparkassen-Finanzgruppe legte.

Zuletzt hat Hillen die Festschrift „125 Jahre Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg 1891-2016“ geschrieben. Diese Festschrift ist im Buchhandel erhältlich und bildet damit eine Ausnahme: „Meist erscheinen meine Bücher in einer Auflage von fünf bis wenigen hundert Exemplaren. Sie sind nicht öffentlich zugänglich, sondern als Vermächtnis für Familien- und Unternehmensangehörige gedacht. Sie werden persönlich überreicht, oft bei besonderen Anlässen“, erzählt sie.

Stahlrohr in Scheiben

So enthalten die Bücher Fotos und Erinnerungen, die häufig sehr persönlich sind. Etwa das Bild von Gerd Käfer und seinem Bruder Helmut aus dem Jahr 1937: Die beiden Jungen sitzen um einen runden Tisch mit blütenweißem Tischtuch und löffeln Suppe. Oder das Foto von Alfred Schmidt, Inhaber eines Edelstahlwerks, im Buch „Stählerne Jahre – Vier Generationen der Unternehmerfamilie Schmidt (S+C) 1879-2012“.

1952 besucht Schmidt „seine“ Lehrlinge im Zeltlager an der Nordsee. Der Wind fährt ihm durchs Haar. Er wirkt, als wolle er selbst im Zeltlager zupacken. An anderer Stelle des Buches findet sich ein Zitat aus dem Jahr 1908 von Ludwig Schmidt. In einem Brief schreibt er an seinen Sohn Paul: „Der Hund ist diese Woche gestorben, im Hause lasse ich electr. Licht anlegen + ein neues Closet.“

Manchen Büchern ist bereits am Einband anzusehen, dass sie etwas Besonderes sind. So ziert ein Ring aus Spritzguss mit zehn Zentimetern Durchmesser die Vorderseite der Geschichte von Schmidt und Clemens. „Ich hatte diese Idee, um ein Produkt des Unternehmens sicht- und fühlbar zu machen“, erzählt Hillen. „Ein Auszubildender musste vom kleinsten Stahlrohr, das das Unternehmen produziert, 150 hauchdünne Scheiben abschneiden.“

Buch mit abgeschnittenem StahlrohrEin Ring, der von einem Stahlrohl abgeschnitten wurde, ziert die Geschichte der Unternehmerfamilie Schmidt aus dem Bergischem Land.

Nicht jeder Buchbinder gebe sich die Mühe, Bucheinbände mit individuellem Zubehör zu versehen. Hillen hat sich in der Region ein Netzwerk aus Dienstleistern aufgebaut, die flexibel auf Sonderwünsche reagieren.

Begeisterung weitergeben

„Meine Auftraggeber möchten die Begeisterung für ihr Unternehmen an ihre Nachkommen weitergeben, auch wenn diese noch gar nicht geboren sind“, sagt Hillen. „Sie erzählen von ihrer Motivation oder der Motivation ihrer Väter und Großväter, ein Unternehmen zu gründen. Ihnen geht es um ideelle Werte. Manche sprechen auch zum ersten Mal über sehr persönliche Erlebnisse, z.B. von einer Kriegsgefangenschaft.“ Meist haben ihre Auftraggeber ein Vorbild innerhalb der Familie.

Eine Formulierung, die der Historikerin immer wieder begegnet, egal ob ihre Kunden ehemalige Botschafter oder Unternehmer sind, bezieht sich auf die Nachkriegszeit: „Wirtschaftlich und gesellschaftlich betrachtet waren die Nachkriegsjahre sehr schwierig, es konnte nur besser werden. Wir haben nach vorn geblickt.“

Doch nicht immer steht eine Familie mit mehreren Generationen im Mittelpunkt der Bücher. Einmal war es das Elternhaus eines Unternehmers. Er ließ das baufällige Haus abreißen und errichtete dort stattdessen eine Kindertagesstätte. Das Buch zeigt in vielen Fotos, wie Haus und Bewohner sich über die Jahrzehnte wandelten. Hillen reiste zur Grundsteinlegung der Kita. „Dem Bauherren ging es darum, die Geschichte dieses Fleckchen Heimats für seine Nachkommen zu dokumentieren. Er wollte seinen Enkeln zeigen, was der Opa aus dem Grundstück gemacht hat.“

Für ihre Recherchen führt die Historikerin viele Gespräche mit Zeitzeugen und Familienangehörigen. Auch das Quellenstudium gehört dazu. In Nachlässen, Firmen- und öffentlichen Archiven erschließt sie sich Zusammenhänge rund um die betreffenden Personen und Unternehmen.

Die nächsten Projekte sind bereits geplant. Diesmal geht es um eine weit verzweigte Familie, die u.a. die WC-Ente auf den Markt brachte, sowie die Familiengeschichte eines westfälischen Maschinenbauers.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

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