IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Unternehmensnachfolge

Übergabe: Wenn Firmen und Nachfolger zueinander finden

Collage: © Marasson/Andy Dean (Fotolia.com)In den vergangenen Jahren wurde oft Alarm geschlagen, weil es an Nachfolgern für Unternehmen fehlte. Das hat sich geändert, inzwischen steht eine Vielzahl geeigneter Nachfolger bereit. Gleichzeitig steigt der Bedarf an passenden Nachfolgern.

Aber: Immer noch versäumen es viele Unternehmer, sich frühzeitig auf die Suche nach der Person zu machen, die den Betrieb einmal übernehmen könnte. „Die Wirtschaft“ zeigt an drei Beispielen aus der Region, wie Unternehmen und Nachfolger zusammenfinden und worauf es ankommt.

Es ist immer noch der Klassiker der Unternehmensnachfolge – und der Wunsch vieler Inhaber kleiner und mittelständischer Betriebe: dass das Unternehmen eines Tages vom Sohn oder der Tochter, dem Neffen oder der Nichte weitergeführt werden möge.

Bei der sfb Fördertechnik GmbH in Bornheim lässt sich nun eine interessante Variante des Klassikers beobachten: Nicht der Vater hat sich die Tochter als Nachfolgekandidatin auserkoren, sondern eines Tages stand die Tochter im Büro des Vaters und trug ihm die Idee vor, das Familienunternehmen fortzuführen. „Er war ziemlich verdutzt“, erzählt Nicolle Härtling. Vater Stanislaus bestätigt: „Das kam ziemlich überraschend.“

Phase 1: Stabwechsel noch nicht in Sicht

Dabei zweifelte Härtling keineswegs an der Eignung seiner Tochter, bloß hatte sich der jetzt 58-Jährige zu diesem Zeitpunkt, also vor zirka zwei Jahren, noch keine Gedanken zum Thema Nachfolge gemacht.

Damit befindet er sich in guter Gesellschaft: Laut einer breit angelegten Studie aller 16 nordrhein-westfälischen IHKs zum Nachfolgegeschehen in NRW befindet sich ein Drittel der von 55- bis 59-Jährigen geführten Unternehmen im ersten von vier Stadien des Unternehmensübergangs, sprich: „Stabwechsel noch nicht in Sicht“.

Dabei gilt nach Ansicht vieler Forscher ein Unternehmen ab einem Inhaberalter von 55 Jahren als übergabereif, es tritt also in die Phase ein, in der die Unternehmer den in der Regel mehrjährigen Nachfolgeprozess in Angriff nehmen sollten.

Nicolle und Stanislaus Härtling. sfb Fördertechnik GmbH, BornheimTochter und Vater: Nicolle und Stanislaus Härtling, sfb Fördertechnik GmbH.

Auf die Überraschung folgte bei Stanislaus Härtling ziemlich schnell die Freude. „Ich fand die Idee meiner Tochter toll, denn mit einem Schlag war mir klar, dass ich erst gar nicht auf die Suche nach einem passenden Kandidaten gehen muss, sondern wir uns nun in aller Ruhe auf die Nachfolge vorbereiten können.“

Härtling selbst hätte den Nachfolge-Stein bestimmt nicht so bald ins Rollen gebracht, denn er ist erst seit knapp zwölf Jahren Inhaber und Geschäftsführer des kleinen Unternehmens, das sich auf Förderbänder und Förderlösungen für komplette Produktionslinien spezialisiert hat, die unter anderem in der Verpackungs-, Pharma-, Lebensmittel- und Automobilindustrie zur Anwendung kommen.

Davor war er eine Zeitlang als Berater in dem 1968 gegründeten und damals zur Schunk-Gruppe gehörenden Unternehmen tätig. Als der Standort geschlossen werden sollte, einigte sich Härtling mit den Eigentümern darauf, den Betrieb eigenständig als sfb Fördertechnik GmbH fortzuführen.

„Mein Vater hatte dann den Mut, in ein neues Firmengebäude zu investieren und das Unternehmen zugleich zu erweitern“, erzählt die 34-jährige Tochter, „und da wurde mir plötzlich klar, dass er das alles doch nicht machen würde, um es zehn oder 15 Jahre später an irgendwen zu verkaufen.“

Und so kam es, dass Nicolle Härtling nach einem Studium der Musikwissenschaft und beruflichen Stationen bei einer Autovermietung und im Lehramt Praktikantin und dann Assistentin der Geschäftsleitung im väterlichen Unternehmen wurde, um sich umfassend und systematisch in alle Unternehmensprozesse einzuarbeiten.

Phase 2: Vor dem Stabwechsel – erste Planungen

Nicolle Härtling absolviert zurzeit, wenn man so will, zwei „Ausbildungen“: eine zur Unternehmerin und eine zur Nachfolgerin. Das eine hängt eng mit dem anderen zusammen. Und dennoch sind es zwei verschiedene Seiten derselben Medaille.

Die eine Seite hat vor allem mit der Materie zu tun: der Konzeption und Fertigung von Förderbändern und Förderanlagen. Also von Gurtförderbändern, Rollenförderern und Rollenförderbahnen, Zahnriemenförderern, Dreh- und Speichertischen, Kettenförderanlagen, Scharnierbandförderern und Gliederkettenförderern. In Aluminium-, Stahl- oder auch Edelstahlkonstruktion.

Firmengebäude der sfb Fördertechnik in Bornheim.Firmengebäude der sfb Fördertechnik in Bornheim.

Darunter modular aufgebaute Standardausführungen, aber auch maßgeschneiderte Sonderanfertigungen. In einem kleinen Unternehmen mit 20 Beschäftigten muss auch die künftige Chefin ziemlich genau wissen, worum es geht. Dazu kommen Einkauf und Vertrieb, Controlling und Qualitätssicherung und all die anderen unternehmerischen Teildisziplinen.

Doch Vater und Tochter müssen auch lernen, miteinander zu arbeiten, einander beruflich zu vertrauen. Der Senior muss ein sicheres Gefühl dafür gewinnen, dass er seine Firma eines Tages in gute Hände legt. Und die Tochter muss erleben, dass die Firma und die Menschen zu ihr passen und dass ihr Vater auch wirklich loslassen kann. Das ist die „Ausbildung“ zur Nachfolgerin.

„Wir lassen uns dabei viel Zeit“, stellen beide klar, „denn wir wissen, was auf dem Spiel steht.“ Inzwischen hat Nicolle Härtling Prokura – und spätestens in fünf Jahren will ihr Vater den Stab an sie übergeben.

„In diese zweite Phase sollten Unternehmen so rechtzeitig wie möglich starten“, rät Regina Rosenstock, Nachfolge-Expertin der IHK Bonn/Rhein-Sieg, „und sich so viel Zeit wie möglich nehmen.“ Sie beobachtet, dass die Unternehmer ab Mitte 50 inzwischen früher beginnen, über die Nachfolge nachzudenken.

„Steter Tropfen höhlt den Stein“, sagt sie schmunzelnd und spielt damit auf die einschlägigen Empfehlungen der Industrie- und Handelskammern und anderer mit Nachfolgefragen betrauter Institutionen an.

Diese weisen in Broschüren, bei Veranstaltungen, in Beratungsgesprächen und in Magazinbeiträgen wie dem vorliegenden immer wieder gebetsmühlenartig darauf hin, wie kompliziert, facettenreich und langwierig eine erfolgreiche Unternehmensübergabe ist. Offenbar mit Erfolg.

Regina RosenstockNachfolge-Expertin Regina Rosenstock berät zur Unternehmensübergabe.

Der Grund ist einfach: Es geht zum einen um Zahlen und Fakten. Eine Betriebsübergabe muss sorgfältig vorbereitet sein, der potenzielle Nachfolger und möglicherweise beteiligte Banken müssen sich ein dezidiertes Bild machen können von Vermögen und Verbindlichkeiten, Maschinen und Immobilien, Verträgen und möglichen Altlasten, Beschäftigten und Kundenbeziehungen.

Und es geht zum anderen um Emotionen und Psychologie. „Und damit oft ums Ganze, schließlich ist die Firma Lebenswerk und Lebensinhalt des Inhabers“, weiß Rosenstock, „da fällt es oft schwer loszulassen.“ Dies wiederum hat mitunter Folgen.

„Oft fehlt es an der rechten Kraft und an Anreizen, die Firma wirklich fit zu machen für eine Übergabe“, sagt die Nachfolgeexpertin. Und falls man sich doch auf die Suche nach einem Nachfolger eingelassen habe, falle es manchen schwer, demjenigen auch wirklich uneingeschränkt Einblicke zu gewähren und ihn umfassend mit dem Unternehmen vertraut zu machen.

Phase 3: Stabwechsel – Umsetzung und Übergabe

Markus Kerling hat das erlebt. Der Diplom-Ingenieur für Verfahrenstechnik arbeitete in mehreren Großunternehmen, zuletzt als Deutschland-Geschäftsführer einer US-Firma, bevor er den Drang verspürte, sich selbstständig zu machen.

Mithilfe der bundesweiten Online-Nachfolgebörse „nexxt-change“ begab er sich auf die Suche nach einem passenden Unternehmen, schrieb rund 50 Firmen an – und erhielt immerhin 40 Rückmeldungen. Darunter: der Eigentümer der Sealtek Deutschland GmbH in Neunkirchen- Seelscheid, einem kleinen Spezialisten für Industriedichtungen.

Markus KerlingMarkus Kerling übernahm im April 2016 die Sealtek GmbH in Neunkirchen-Seelscheid.

Im September 2015 gab es ein erstes Treffen im Unternehmen, in den folgenden drei Monaten folgten weitere Treffen, darunter auch Beratungsgespräche in der IHK Bonn/Rhein-Sieg sowie Gespräche mit Banken.

„Es lief alles gut“, erinnert sich Kerling an diese Phase. Ab Januar 2016 konnte er sogar intensiver in die Betriebsabläufe reinschnuppern, schließlich bereitete man den Notarvertrag vor. Am 1. April 2016 fand dann die Übergabe statt, seitdem führt der Diplom-Ingenieur die Geschäfte.

„Im Zuge des Nachfolgeprozesses konnte ich mir dankenswerterweise einen guten Überblick verschaffen“, erzählt er. Und doch: „Manche Details erfuhr ich erst im Nachhinein“, sagt Kerling, „und die hätte ich schon gerne vor der Übernahme gewusst.“

Dabei ging es zum Beispiel um Personalfragen, aber auch um einen Wettbewerber, der Kenntnisse über Sealtek-interne Abläufe hat. „Beides lässt sich meistern, aber es wäre fair gewesen, frühzeitig informiert zu sein, um mich darauf einstellen und entsprechend planen zu können“, findet Kerling.

Weiter ins Detail gehen möchte der Unternehmer nicht, denn bis heute besteht zwischen ihm und dem vormaligen Eigentümer Dissens. Insgesamt überwiegt bei Kerling jedoch der Optimismus: „Wir haben ein kleines, feines Team und ein gutes Produkt“, sagt er, „das macht schon Spaß!“

Phase 4: Die Stilllegung des Unternehmens …

… kommt dann zum Tragen, wenn kein Nachfolger gefunden werden konnte. Wie die Studie der NRWIHKs zeigte, stand für Kleinunternehmen mit bis zu 19 Beschäftigten zum Zeitpunkt der Befragung in zwölf Prozent aller Fälle fest, dass sie ihren Betrieb stilllegen werden.

Bei Betrieben mit über 20 Beschäftigten waren es lediglich fünf Prozent. Meist genannter Grund: kein Nachfolger in Sicht. Doch auch die Einschätzung, dass sich die Fortführung des Betriebes nicht lohnen werde, führt häufig zur Stilllegung.

Wie die Studie zeigt, ist nicht jeder Betrieb, der zur Übernahme ansteht, auch übernahme- und zukunftsfähig. „Manchmal hat sich zum Beispiel einfach das Geschäftsmodell überlebt“, weiß IHK-Expertin Rosenstock aus ihrer langjährigen Erfahrung, „manchmal lassen andere wirtschaftliche Gründe eine Fortführung als wenig aussichtsreich erscheinen.“

Für Jürgen Höller war hingegen immer klar: Sein Unternehmen, die A+I Dipl. Ing. Höller und Partner GmbH, hätte das Potenzial, weitergeführt zu werden, und er würde einen Nachfolger finden. Das wollte er aber nicht dem Zufall überlassen; also wandte er sich an seine IHK. „Die hat während der gesamten Zeit der Nachfolgersuche und Betriebsübergabe eine sehr gute Rolle gespielt“, lobt der 74-Jährige.

Mit 69 machte er sich erstmals Gedanken über eine Nachfolge für das 1978 mit zwei Partnern gegründete Unternehmen. Dann sprach er ausführlich mit Regina Rosenstock, und die nahm ihn in den IHK-Nachfolger-Pool auf. Dieser enthält zukunftsfähige Unternehmen und geeignete Nachfolge-Kandidaten.

„Wir führen ausführliche Gespräche mit Übernahmeinteressenten und Noch-Eigentümern“, erläutert Rosenstock, „und wenn wir anhand detaillierter Suchkriterien zu der Überzeugung gelangen, ein Noch-Eigentümer und ein Nachfolge- Interessent könnten zueinander passen, übermitteln wir ihnen jeweils ein anonymisiertes Profil des Gegenübers.“

Ulrich Joritz und Jürgen HöllerZum ersten Februar 2017 übernahm Ulrich Joritz (o.) die Firma A+I von Jürgen Höller.

So geschah es auch im Fall von Jürgen Höller und Ulrich Joritz. Der Diplom-Kaufmann hatte viele Jahre Managementfunktionen in zwei Konzernen bekleidet und war oft im Ausland.

„Als ich 50 wurde, wollte ich endlich einmal selbst die Geschicke in die Hand nehmen“, erzählt Joritz. Und wandte sich an IHK-Gesamtbereichsleiterin Regina Rosenstock.

Auf deren Vermittlung erfuhr er – zunächst anonymisiert – von Jürgen Höllers Firma. „Mir war schnell klar, dass es hier um ein kleines, feines Unternehmen mit viel Potenzial ging“, sagt Joritz, „und bald war mir klar, dass dies genau das richtige Unternehmen wäre, das ich gerne selbst führen würde.“ Auch Höller hatte Interesse den potenziellen Nachfolger persönlich kennenzulernen.

Und so kam es. Vor wenigen Wochen, am 1. Februar 2017, startete Ulrich Joritz formal als Geschäftsführer und neuer Inhaber der Firma A+I.

Bis zur Vertragsunterzeichnung im Dezember 2016 waren dem allerdings knapp zwei Jahre der Nachfolgevorbereitung vorausgegangen. Die bestanden aus zahlreichen Gesprächen und Zeit, die Höller sowie sein zweiter Geschäftsführer benötigten, um alle Unterlagen für die Übergabe aufzubereiten – und aus Pausen.

„Von mir aus hätte es ruhig schneller gehen können“, gibt Joritz zu. Doch ihm sei bald klar geworden, dass es bei einer Unternehmensübergabe um weit mehr als Zahlen geht. „Das ist nichts anderes als ein Trennungsprozess, der einfach seine Zeit braucht“, weiß er heute, „Herr Höller musste sich ans Loslassen und auch an mich als Nachfolgekandidaten herantasten, das geht nicht von heute auf morgen.“

Höller wollte vor allem überzeugt werden, dass es mit seinem Unternehmen auf gute Weise weiterginge. „Mein Hauptanliegen waren die Beschäftigten, mit denen ich teils viele Jahre zusammengearbeitet hatte“, sagt er, „deren Zukunft bei A+I war mir wichtig!“ Damit stieß er bei Joritz auf offene Ohren, denn der weiß aus seiner langjährigen Managementerfahrung, wie schlagkräftig ein eingespieltes Team sein kann.

Joritz hat das Team übernommen und auch sonst zunächst vieles so belassen, wie es sich eingespielt hatte. Mit einer Ausnahme: Er hat den Firmenstandort von Königswinter nach Hennef verlagert. Nun ist die Lage deutlich besser, außerdem war das Unternehmen vorher in einem Gebäude im Privatbesitz von Jürgen Höller untergebracht. „Die Mitarbeiter haben den Wechsel mitgetragen“, zeigt sich Joritz erleichtert, „dafür bin ich sehr dankbar.“

Seit 1. Februar also ist der Diplom-Kaufmann für die Geschicke der A+I GmbH verantwortlich. Es ist anstrengend, das gibt er freimütig zu. „Natürlich ist es etwas anderes, Unternehmer zu sein als angestellter Manager“, weiß Joritz.

Doch jetzt zahlt sich aus, wie gut der Übernahmeprozess gelaufen ist. „Ich erlebe jetzt, dass Herr Höller mit all seinen Einschätzungen und Empfehlungen richtig lag“, berichtet er. Die Firma sei exakt so übergeben worden wie zugesagt. Joritz ist von der Ehrlichkeit und Transparenz sehr angetan. „Herr Höller hat Wort gehalten, und das ist äußerst wertvoll“, lobt er, „das rechne ich ihm hoch an.“

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn

Unternehmensnachfolge: Nützliche Links und Hinweise

Die IHK Bonn/Rhein-Sieg verzeichnet pro Jahr bis zu 200 Beratungsgespräche in Sachen Unternehmensnachfolge und begleitet in der Region jährlich rund 50 Unternehmensübergaben – von der Vermittlung von Firmeninhabern und deren Nachfolgern bis hin zur Beratung etwa zur Preisfindung oder zu Finanzierungsfragen. Informationen im Internet: www.ihk-bonn.de | Webcode 149

Bundesweite Nachfolgeplattform: www.nexxt-change.org

Regionale Nachfolgeplattform der IHK Bonn/Rhein-Sieg: www.nachfolgeboerse.ihk-bonn.de

Netzwerk Unternehmensnachfolge – Unternehmenssicherung in der Region Bonn/Rhein-Sieg: www.ihk-bonn.de |Webcode 2095

Praxishandbuch Unternehmensnachfolge:
Studie zum Nachfolgeschehen in der Region Bonn/Rhein-Sieg (kostenfreier PDF-Download)

Von Generation zu Generation: Studie zum Nachfolgeschehen in NRW
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