IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Die beruflichen Angebote für Frauen nach der Familienphase nehmen zu

Mütter dringend gesucht!

„Wenn ich an einem Nachmittag mit meinem Sohn unvorhergesehen einen Termin beim Kieferorthopäden habe, kann ich die Arbeitszeit an einem anderen Tag nachholen“, sagt Nina Ladouz, Call Center Agentin bei Pro Dialog in Bonn-Bad Godesberg. Gerade hat sie mit der Kundin eines Mobilfunkbetreibers über das zusätzliche Angebot einer Internat-Flatrate gesprochen und damit das letzte Telefonat für diesen Arbeitstag erledigt. Nun ist es 16.15 Uhr und es geht nach Hause zu den beiden jugendlichen Söhnen Amir und Mizar.

Ihre Kollegin Martina Specchia hat noch ein paar Stunden vor sich. Mit einem Headset ausgerüstet sitzt sie noch bis zum Abend an ihrem Computerarbeitsplatz, um mögliche Neukunden für eine private Zahnzusatzversicherung anzurufen. Ihre Kinder Valentina und Leonardo sind bereits junge Erwachsene, die weniger Aufmerksamkeit brauchen. Doch ihr Vater benötigt hin und wieder ihre Hilfe: „Ich habe die Freiheit, mal einen Tag frei zu nehmen. Neulich wurde mein Vater krank und ich musste kurzfristig nach Hamburg. Das war überhaupt kein Problem.“

Infoflyer in Kindergärten

„Wir fragen bereits im Vorstellungsgespräch, zu welchen Zeiten unsere Mitarbeiter verfügbar sind“, sagt Beate Effelsberg, Prokuristin bei Prodialog (www.prodialog.de). „In unseren Dienstplänen werden die genannten Zeitfenster berücksichtigt. Wenn jemand außer der Reihe frei nehmen muss, kann er die Stunden beispielsweise an einem Samstag nachholen.“

Die Prodialog Telemarketing GmbH, 2001 von Geschäftsführer Amir Shafaghi gegründet, setzt auf Frauen, die nach der Familienphase in den Beruf zurückkehren möchten. In einem Flyer mit dem Titel „Berufe für Mütter, die sich für ihre Kinder Zeit nehmen“ wirbt das Unternehmen für seine familienfreundlichen Arbeitsplätze. Der Flyer wird beispielsweise in Kindergärten ausgelegt, es treffen Bewerbungen von Frauen aus allen Branchen ein. „Die Berufe, die die Mütter hier im Unternehmen haben, sind wie ein bunter Blumenstrauß“, sagt Beate Effelsberg. „Wir haben Hotelkaufleute, frühere Selbständige, Ärztinnen mit abgeschlossenem Staatsexamen und viele weitere Berufe.“ Das Einarbeitungsprogramm ist kurz, es dauert drei bis fünf Tage. Dann steht ein Pate, der bereits über Erfahrung im Unternehmen verfügt, als Ansprechpartner zur Verfügung, um über anfängliche Hürden hinwegzuhelfen.

Um eine möglichst hohe Zufriedenheit seiner Mitarbeiter zu erlangen, hat das Schwesterunternehmen von Prodialog, die H2O AG, die Talentmanagementsoftware Human Lifecycle Matrix entwickelt. „Wir erfassen neben den üblichen Daten zum Lebenslauf alle besonderen Fähigkeiten der Mitarbeiter, das kann auch Gartenarbeit sein“, erläutert Ersan Hasan, Senior Project Manager bei der H2O AG. „Daraus entsteht ein Profil, nach dem zum Beispiel eine berufstätige Mutter eingesetzt wird. Wenn sie gut und gern verkauft, bringt sie im Qualitätsmanagement vielleicht nicht die volle Leistung. Fühlt sie sich hingegen an ihrem Arbeitsplatz wohl, ist sie für das Unternehmen erfolgreich. Eine Win-Win-Situation.“

Brücken zurück in den Beruf

Prodialog schätzt an Müttern die Kommunikationsstärke, die Geduld und das Verantwortungsbewusstsein. Softskills, die jedes Unternehmen gut gebrauchen kann. Angesichts des Fachkräftebedarfs werden Arbeitgeber zunehmend auf Mütter während der Familienphase aufmerksam. Denn wenn junge Frauen mit abgeschlossener AusbiIdung und Berufserfahrung sich in die Familienphase verabschieden, wenn sie mit ihren Kindern Laufrad fahren üben und Hausaufgaben betreuen, liegt für die Wirtschaft wichtiges Wissen brach. „Wir können uns gar nicht leisten, auf diese Zielgruppe zu verzichten“, sagt Martina Schönborn-Waldorf, Leiterin der Regionalagentur Bonn/Rhein-Sieg (www.regionalagentur.net). Die Agentur berät zu den Themen Arbeitsmarkt und Beschäftigungsförderung, ihr Handlungsprogramm für Berufsrückkehrer nennt sich „Brücken bauen in den Beruf.“ Dabei geht es um Weiterbildung während der Familienphase, die über den Bildungsscheck gefördert werden kann, und um Ausbildung in Teilzeit (www.wiedereinstieg.nrw.de).

Kürzere Familienphasen, längere Betreuungszeiten

Martina Schönborn-Waldorf, Leiterin der Regionalagentur Bonn/Rhein-Sieg.

"Wir können uns gar nicht leisten, auf Berufsrückkehrerinnen zu verzichten."

Martina Schönborn-Waldorf beobachtet, dass sich in den vergangenen fünf Jahren bei berufstätigen Müttern vieles verändert hat. „Früher dauerte die Familienphase durchschnittlich zehn bis zwölf Jahre. Manche Frauen blieben sogar 18 Jahre zu Hause“, sagt sie. „Heute gehen die jüngeren, gut ausgebildeten Mütter bereits nach fünf bis sechs Jahren wieder an den Start.“ Die Länge der Familienphase hinge von vier Faktoren ab: Der Tätigkeit, der Qualifikation, den Karrierechancen und dem Einkommen. „Frauen mit körperlich anstrengenden Berufen, etwa in der Pflege, in Kantinen oder im produzierenden Gewerbe, bleiben länger zu Hause als Frauen in Büroberufen. Fachpersonal mit guten Karrierechancen will meist schnell wieder arbeiten. Und wer beispielsweise das Reihenhaus abbezahlt, kehrt ebenfalls schnell zurück“, fasst die Leiterin der Regionalagentur zusammen.

Allerdings sei es nicht immer einfach, an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren. „Beide Seiten, Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen, haben inzwischen hohe Ansprüche an die Flexibilität“, meint Schönborn-Waldorf. „Wenn der Chef sagt, Teilzeit sei nicht möglich, orientieren sich viele Frauen um.“ Den Bemühungen der Kommunen und der Unternehmen in Bonn/Rhein-Sieg, für eine bessere Betreuung der Kinder unter drei Jahren zu sorgen, stellt sie ein gutes Zeugnis aus. „Da hat sich vieles getan. Bonn hat inzwischen einen Betreuungsschnitt von 20,5 Prozent, der Rhein-Sieg-Kreis von 13,2 Prozent.“ Auch die Entwicklung bei den Offenen Ganztagsschulen sei positiv. Allerdings gebe es noch viel zu tun: „Das ist eine Baustelle, an der wir kontinuierlich weiterarbeiten müssen.“

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

Die Wirtschaft

Aktuelle Ausgabe

Downloads

Zu dieser Meldung sind keine Downloads vorhanden.

Ansprechpartner

Photo of Michael  Schmaus

Tel.: 0228 2284-140
Fax.: 0228 2284-124