IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Der Buchhandel in Bonn/Rhein-Sieg

Erlesene Auswahl

Da steht es und fällt aus dem Rahmen. Ein altes schwarzes Lastenrad, wie aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der Menschen noch Bücher lasen, die sie zuvor in ihrem Lieblingsbuchladen gekauft hatten, nach einem längeren Gespräch mit ihrem Lieblingsbuchhändler. Oder die ihnen der Lieblingsbuchhändler gar nach Hause geliefert hatte – am Ende sogar just mit dem alten schwarzen Lastenrad. Gute alte Zeit.

Bonn, im September 2011. Kaiserstraße 46. Eine Hausnummer und doch weit mehr als das. Da steht es, das alte schwarze Lastenrad. Vor einem großen Schaufenster, welches den Blick freigibt auf Bücher. Viele Bücher. Auf hohe Leitern und eine breite Treppe, die zu noch mehr Büchern führen. Wir betreten den buchLaden 46 und stellen endlich einmal die Frage, die wir schon so oft auf den Lippen hatten: Warum steht das Fahrrad vor der Tür? „Wir liefern fast täglich Bücher im Bonner Stadtgebiet aus“, antwortet Holger Schwab, Geschäftsführer des Buchladens. Stadtbibliothek und Unibibliothek, Uni-Institute und Anwaltskanzleien, aber auch ältere, gehkranke Privatkunden kommen in den Genuss des Bücherfahrrads. Die guten alten sind also auch die neuen Zeiten.

Service – das wird in dieser Geschichte noch häufiger zu lesen sein – ist eine der Säulen, auf denen der Buchhandel in Bonn und Umgebung steht. Gepaart mit Kompetenz. Bevor Holger Schwab und sein Team Bücher liefern oder im Laden verkaufen, haben sie für ihre Kunden recherchiert und bestellt. „Interessant ist: Dank Internet und anderen Informationsquellen wissen Leser heute viel mehr über Bücher, auch über abseitige“, beobachtet Schwab. „Aber zugleich wissen sie auch weniger und sind verunsichert: Gibt es das Buch überhaupt noch? Ist es vergriffen, doch noch lieferbar?“ Der Buchhändler benötige mehr Recherchekompetenz als früher, dafür böten sich ihm neue Chancen – nämlich den „hilflosen, suchenden Kunden“, der Rat und Halt im Informationsmeer sucht.

Im buchLaden 46 geht man noch weiter: „Wir wählen bewusst gute Bücher aus, auch und gerade abseits der Bestsellerlisten“, berichtet Schwab. Hier haben kleine Verlage und ungewöhnliche Titel die Chance, Leser zu finden. „Wir stecken viel Zeit und Geld in ein unverwechselbares Sortiment – und sorgen damit immer wieder für Verblüffung“, verrät Schwab das Geheimnis des Erfolgs, „und dabei überträgt sich unsere eigene Begeisterung für Bücher auf die Kunden!“

Der Lohn der Arbeit: viele Stammkunden und die Auszeichnung als „Buchhandlung des Jahres 2010“. Sie bot vergangenen Herbst Anlass, gleich doppelt zu feiern, denn der buchLaden 46 wurde 35 Jahre alt. Gegründet wurde er 1975 von einer linken Hochschulgruppe, der ihr Büchertisch in der Unimensa zu klein wurde. 1979 kam Holger Schwab dazu, zunächst jobbend, später übernahm er gemeinsam mit Klaus Zobel den Laden und machte eine GmbH daraus.

Kunden binden in Oberkassel

Von einem großen Kundenstamm profitiert auch Max & Moritz in Oberkassel. Während ihres Germanistik- und Pädagogikstudiums hatte die Inhaberin der Buchhandlung, Friederike Herschel, entdeckt, dass es kein Antiquariat für gute Kinder- und Jugendbuchliteratur gab. Also eröffnete sie vor 24 Jahren eins. Als dann die Kunden immer häufiger auch nach neuer Literatur fragten, erweiterte Friederike Herschel ihr Angebot und zog dann in das heutige, größere Ladenlokal an der Adrianstraße. Nach und nach erweiterte sie das Sortiment um allgemeine Literatur, Kinder- und Jugendbuch blieb aber stets ein Schwerpunkt. Mit Erfolg: Max & Moritz zählt viele Stammkunden, darunter zum Beispiel Lehrer und Erzieher, die zum Beispiel mit begrenztem Budget kleine Schulbibliotheken bestücken und dankbar für preiswerte antiquarische Bücher sind.

Friederike Herschel setzt in ihrem Oberkasseler Buchladen für Kinder- und Jugendliteratur auf gute Beratung.

Wie bindet ein kleiner Buchladen abseits des Zentrums Kunden? „Zum einen haben wir mit der Bevölkerungsstruktur in Oberkassel viel Glück“, erzählt Herschel, „hier gibt es viele Familien, die bemüht sind, ihren Kindern gute Literatur zu vermitteln.“ Gerade für gute Kinder- und Jugendliteratur benötige man aber auch eine gute Beratung. „Die bekommen Sie bei uns – wir setzen uns mit einer Vielzahl von Titeln auseinander, empfehlen auch ungewöhnliche Titel und solche aus kleinen Verlagen“, erklärt die Inhaberin. Diese Beratungsleistung gilt auch für das übrige Sortiment, ob Belletristik, Sachbücher oder Regionalliteratur. „Wir kennen unsere Kunden und deren Geschmack“, betont Herschel. Dennoch gibt sie angesichts von Amazon & Co zu: „Es gehört viel Idealismus dazu.“

Selbstbewusst in Rheinbach

Die Bevölkerung in Oberkassel ist ein Glück für die engagierte Buchhändlerin. Und die in Rheinbach? „Rheinbach ist von Göttern begünstigt, eine Insel der Glückseligen“, findet Andreas John. „Die Stadt ist schön, mit viel alter Bausubstanz, sie hat fast Urlaubsflair – und das überträgt sich auf alle. Die Einwohner merken: Das ist ein netter Ort.“ Die Folge: Die Menschen kaufen vor der eigenen Haustür ein, gehen regelmäßig in die vielen inhabergeführten Geschäfte. „Unsere Kunden sind zufrieden, dankbar, gelassen und ausgeglichen“, freut sich der Inhaber der alteingesessenen Buchhandlung Kayser.

Die meisten Rheinbacher lieben ihre kleine Stadt. Dies hat zur Folge - sie kaufen dort auch ein. Andreas John, Buchhandlung Kayser, verkauft nicht nur im Geschäft und übers Internet seine Bücher, sondern engagiert sich, mit vielfältigen Veranstaltungen, für die Lebensqualität in Rheinbach.

John selbst ist nicht alteingesessen. Er hat 1976 in Meckenheim die Buchhandlung John gegründet und dreißig Jahre lang geführt. Vor fünf Jahren übernahm er dann von Janbernd Kayser die Buchhandlung in Rheinbach und verkaufte sein Geschäft in Meckenheim. Der Grund: die Götter in Rheinbach… „Es gibt hier eine gute Zusammenarbeit der Einzelhändler und einen regen Gewerbeverein – jeder einzelne von uns profitiert davon, dass die meisten anderen ebenfalls so engagiert bei der Sache sind“, begründet er die Attraktivität der kleinen Stadt westlich von Bonn.
Bedrohung Großstadt? „Nein, selbst wenn unsere Kunden in Bonn oder Köln mal in Großbuchhandlungen stöbern – sie bestellen aus Überzeugung bei uns.“ Bedrohung Internet? „Natürlich bestellen gerade jüngere Leser regelmäßig im Internet“, weiß John. „Also müssen wir unsere Amazon-erprobten Kunden auf unsere eigene Internetseite leiten und ihnen zeigen, dass sie dort genauso schnell ein Buch bestellen können – aber auf Wunsch inklusive telefonischer oder persönlicher Beratung!“ Außerdem trägt Kayser zum kulturellen Leben in Rheinbach bei, etwa durch die Open-Air-Reihe „Literatur im Takt“ in Zusammenarbeit mit örtlichen Büchereien. Auch das sorgt für Aufmerksamkeit und Kundenbindung.

Qualität der Mitarbeiter

Ob Troisdorf ebenfalls von Göttern begünstigt ist, ließ sich nicht herausfinden. Unstrittig ist jedenfalls: Troisdorf ist extrem verkehrsbegünstigt. Und hat eine sehr mobile Bevölkerung. Das hat auch Auswirkungen auf den Buchhandel. „Die Menschen sind immer mobiler, sie pendeln zur Arbeit nach Köln und Bonn – und kaufen dort häufig gleich auch ihre Bücher ein“, beobachtet Angela Hubert. Ein dritter Trend neben der Ausbreitung von Filialisten und dem zunehmenden Buchkauf per Internet, mit dem vor allem der regionale Buchhandel umgehen muss. Was tun? „Unsere einzige Chance ist: Wir müssen Anregungen bieten und die Kunden mit einem guten Sortiment zum Bleiben bewegen“, sagt die Leiterin der Buchhandlung Kirschner in Troisdorf kämpferisch. „Das ist eine permanente Herausforderung“, gibt sie zu, „aber gerade das macht mir an meinem Beruf Spaß!“

Die Buchhandlung ist eines von mehreren Standbeinen der Troisdorfer Unternehmensgruppe Kirschner. Ein anderes, weitaus größeres: der Pressegroßhandel, den die Presse-Grosso Bonn-Rhein-Sieg KG besorgt. Doch selbst wenn die Buchhandlung nur ein kleiner Bereich ist: „Sie ist das Fenster des Unternehmens nach außen“, erzählt Hubert. Außerdem sei Kirschner in Troisdorf ein eingeführter und bekannter Name.

Dennoch: Das Fenster muss leuchten, die Leute kommen nicht von selbst. „Wir sehen unsere Chance in der Qualität unserer Mitarbeiter“, betont Hubert. Das Team besteht, mit ihr, aus vier ausgebildeten Buchhändlern sowie einer Verwaltungsangestellten. Hinzu kommen regelmäßig zwei Auszubildende im Beruf „Buchhändler/-in“. „Wir verstehen uns als klassischer Buchhändler mit Bildungsanspruch“, unterstreicht die Leiterin der Buchhandlung, „wir wollen Anregungen bieten.“ Dazu seien eine gute Ausbildung, viel literarisches Wissen und ein Gespür für die Kunden wichtig. Und Freiheit, wie sie im Buchhandel nicht mehr selbstverständlich sei: „Wir kaufen selbst ein und gestalten unser Sortiment selbst, keine zentrale Stelle redet uns rein“, erklärt Hubert. So kann sich das Team über die Jahre individuell an den Kundengeschmack herantasten – und zugleich immer ein wenig über ihn hinausgehen. Die Schwerpunkte bei Kirschner: eine familienorientierte Auswahl mit allgemeiner Belletristik, Garten- und Kochbüchern, Schule/Lernen, Kinder-/Jugendbuch sowie ein gut ausgebautes Reiseangebot.

Apropos Reisen: Die immer stärkere Mobilität der Menschen kann sich auch positiv auswirken. So unternehmen immer mehr Menschen Ausflüge in der Region, wandernd oder per Rad und an der Natur ebenso interessiert wie an der regionalen Kultur. Kirschner bietet die passende Literatur dazu an – von der Wanderkarte bis zu Veröffentlichungen regionaler Geschichtsvereine. „Ein wachsender Bereich“, freut sie sich.

Kirgisisch, Mongolisch und Twi

Zurück nach Bonn. Mittendrin, direkt neben dem Hauptgebäude der Universität, hat seit 1872 die Bonner Dependance der Kölner Buchhandlung Witsch & Behrendt ihren Sitz. Sie beschäftigt 20 Mitarbeiter und bildet regelmäßig im Beruf „Buchhändler/-in“ aus. Sortimentsleiterin Gundula Strauss ist Mitglied im entsprechenden Prüfungsausschuss der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Wie ihre Kollegin in Troisdorf legt sie ganz großen Wert auf qualifiziertes Personal. „Wir sind ein gut ausgebildetes, engagiertes und sehr motiviertes Team“, sagt Strauss. Für die Kunden heißt das: persönliche und qualifizierte Beratung.

Witsch & Behrendt setzt auf ein gut sortiertes allgemeines Sortiment und profiliert sich zugleich als Universitäts- und Fachbuchhandlung. Schwerpunkte auf diesem Gebiet sind Jura, Medizin und Sprachen. „Wir können ohne Übertreibung von uns sagen, dass Sie Sprachlehrbücher zu allen gängigen Sprachen bei uns bekommen“, erläutert Strauss, „aber auch zu Kirgisisch, Mongolisch oder Twi, einer afrikanischen Sprache.“ Die vielen ausländischen Studierenden in Bonn profitieren wiederum von dem Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache.

Um auf diesen Gebieten besonders gut bestückt zu sein, kooperiert die Buchhandlung eng mit der Universität und vielen Lehrinstituten. „Wir fragen zwei Mal im Jahr jeden einzelnen Sprachdozenten, welche Lehrbücher sie den Studierenden empfehlen“, erklärt Strauss die Vorgehensweise. „Das ist extrem aufwändig, aber so können wir regelmäßig alle relevanten Bücher in der richtigen Stückzahl besorgen.“ So weit es sich um ausländische Titel handelt, für die die Buchpreisbindung nicht gilt, dank zahlreicher Bezugsquellen auch zu günstigen Konditionen. „Unsere Leistungen auf diesem Gebiet haben sich herumgesprochen“, freut sich Strauss.

Zwei ungleiche Schwestern

Schräg gegenüber befindet sich Bouvier. Der Traditionsname – das Unternehmen wurde 1828 gegründet – ist in aller Munde, auch wenn der ausführlich Name etwas anders lautet: Thalia Universitätsbuchhandlung, Filiale Bouvier Bonn. Bouvier hatte nämlich 2003 Insolvenz anmelden müssen und war 2004 von Thalia übernommen worden. Wegen der Tradition, aber auch um sich zu unterscheiden, wurde der alte Name beibehalten. „Wir sprechen ein gehobenes, literaturinteressiertes, bildungsbürgerliches Publikum an“, betont Christine Pilz, stellvertretende Filialleiterin und Herrin über 180.000 Bücher. Die Belletristik umfasst „die Renner, aber auch ein tiefes, gehobenes Sortiment inklusive Klassiker“, so Pilz. Weitere Schwerpunkte sind die Reiseabteilung, Fachbücher, insbesondere für Jura und Medizin, sowie eine CD-Abteilung mit klassischer Musik.

Belletristik hat bei Bouvier den größten Umsatzanteil, gefolgt von Sachbüchern sowie Kinder- und Jugendliteratur. Die Filiale beschäftigt 62 Mitarbeiter, einige davon in Teilzeit, und bildet fünf junge Leute zu Buchhändlern aus. Trotz des eigenständigen Auftritts unterm Bouvier-Signet profitiert das Geschäft nach Einschätzung von Christine Pilz von der Zugehörigkeit zu Thalia. „Wir profitieren beim Einkauf und bei Werbeaktionen, etwa zur Buchmesse oder Weihnachten, vom Know-how unserer Kollegen in der Zentrale, können uns bei Fragen dort jederzeit Rat holen.“ Der Vorteil für die stellvertretende Filialleiterin: „Ich muss mich weniger im Büro aufhalten und kann viel im Laden sein.“ So bekommt sie Trends mit und lernt viel aus Kundengesprächen.

Bouvier unterscheidet sich in der Tat stark von der jüngsten Buchhandlung in Bonn, der Filialschwester Thalia im Metropol. Beim Betreten des ehemaligen Kinos fällt zum Beispiel der große Bereich an Geschenkartikeln auf – in der Sprache des Buchhandels auch „Non Book“ genannt. „Thalia im Metropol und Thalia Bouvier sind deutlich unterschiedlich ausgerichtet“, erklärt Metropol-Filialleiter Dr. Tobias Quast. „So finden die Kunden bei uns im Metropol verstärkt alles zum Bereich Unterhaltung, Familie und Geschenke.“ Die Filiale, die vor genau einem Jahr, am 10. November 2010 eröffnete, spricht damit sowohl Buchkunden an, „die sich auch von schönen Geschenkideen inspirieren lassen, als auch Kunden, die gezielt nach hochwertigen Geschenken jenseits des Buchs suchen“, so Quast. Vor allem DVDs und Spiele stünden hoch im Kurs.

Nach Beobachtung des Filialleiters wird Thalia im Metropol gut angenommen. „Wir sind nach einem Jahr sehr zufrieden und glücklich über den regen Zuspruch, den wir von Kundenseite erhalten.“ Die Erwartungen hätten sich mehr als erfüllt. „Es sind vor allem die Bonner, die meine Mitarbeiter und mich ansprechen, wie schön alles geworden sei,“ freut sich Quast. Thalia im Metropol hat 45 Mitarbeiter und bildet in den Berufen „Buchhändler/-in“ und „Fachlagerist“ aus. Die Verkaufsfläche von 2.500 Quadratmetern erstreckt sich über vier Etagen. Das Besondere: Zahlreiche Elemente des traditionsreichen Hauses wurden originalgetreu restauriert.

Buchspezialitäten

Vom Metropol ist der Weg nicht sehr weit zur Buchhandlung & Galerie Böttger. Trotzdem führt er in eine andere Welt. Alfred Böttger betreibt sein Geschäft an der Maximilianstraße, unweit vom Bonner Hauptbahnhof, seit zweieinhalb Jahren. Davor residierte er in Bad Godesberg, das Ladenlokal war allerdings problematisch und die Straße samt Bürgersteig ein Dreivierteljahr gesperrt. Der neue Standort ist zentral – und doch hadert Böttger mit der Lage. „Meine Laufkundschaft ist eher eine Vorbeilaufkundschaft. Das Publikum für Buchhandlungen wie meine geht offenbar andere Wege.“

Buchhandlungen wie meine – Böttger ist ein Ort für Bücher, die es kaum anderswo in Bonn gibt. „Bestseller finden Sie woanders – es gibt genug Kollegen, die das gängige Programm gut präsentieren“, gibt Böttger freimütig zu. Bei ihm haben die Titel im Regal und auf den Präsentationstischen eine lange Verweildauer, sogenannte „Schnelldreher“ sucht man hier vergebens. Die Bücher liegen aber nicht deshalb so lange, weil sie Ladenhüter wären. „Ich wähle so aus, dass die Titel auch noch in drei, vier Jahren gesucht sind und ihre Käufer finden“, erläutert Böttger. Er setzt auf die Backlist der größeren Verlage und auf das Angebot kleiner Verlage, etwa vom Bonner Weidle Verlag (siehe auch Interview Seite 14).

Das Geschäft läuft leidlich, gibt Böttger zu, es könnte besser sein. Immerhin konnte er einige Kunden aus der Godesberger Zeit mitnehmen, außerdem gewinnt er über die in der Regel äußerst gut besuchten Literatur- und Kunstveranstaltungen sowie über Mundpropaganda immer wieder neue Kunden.

Die profitieren von dem persönlichen Verhältnis zwischen dem Buchhändler und ihnen sowie von der exquisiten Auswahl und der Atmosphäre. Seit 1. September hat Böttger übrigens tatkräftige Unterstützung: Zum ersten Mal in seiner fünfjährigen Geschäftstätigkeit bildet er eine angehende Buchhändlerin aus.

Außergewöhnliches und rare Bücher im Antiquarius

Eine Nische besetzt auch Antiquarius am Bonner Talweg, die letzte Station unserer Reise durch die regionale Buchhandelslandschaft. Sie begann mit einem alten Lastenrad – und endet bei einem Capuccino in der Herbstsonne sowie einem Gang durch den Keller des Ärztehauses gegenüber. Antiquarius – das sind Inhaber Volker Schliwa, seine Mitarbeiter und 32.000 Exponate in gedruckter Form. So viele Titel bietet das Antiquariat derzeit im Internet an. Die Spezialität: rare Bücher, seltene Fundstücke, Außergewöhnliches in gedruckter Form. Beispiele gefällig? In einem der hinteren Räume liegt „frische Ware“. Etwa ein „Stenografischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main“ aus dem Jahr 1848 oder die „Ergebnisse und Ziele der Südpolarforschung“ von Ferdinand Freiherr von Richthofen von 1905. Titel, die nicht jeder sucht und von denen die meisten gar nicht wissen, dass es sie gibt. Diejenigen aber, die aus Forschungsinteresse oder persönlicher Leidenschaft nach Büchern wie diesen suchen, werden bei Antiquarius garantiert fündig.

Verteilt auf den Laden, den Keller, den angemieteten Keller im Ärztehaus gegenüber sowie die Privatwohnung von Volker Schliwa schlummern die Buchschätze und warten darauf, gehoben zu werden. „Das Geschäft ist komplizierter als der Sortimentsbuchhandel“, ist Schliwa überzeugt. Tag für Tag stellt er sich dutzendfach die entscheidenden beiden Fragen: „Was verkauft sich? Welchen Preis setze ich fest?“ Tatsache ist für Schliwa: „Man kann mit einem Antiquariat Geld verdienen.“ Nicht mit alten Taschenbüchern allerdings, mit Belletristik und den Titeln großer Publikumsverlage. Das wird aus Sicht des Antiquars massenweise im Internet angeboten – zu geringen Preisen. Schliwas Rezept: „Entscheidend ist, das richtige Buchmaterial zu finden!“ Er muss sich die besten Nachschubquellen sichern, ob durch Privatankäufe, bei Auktionen oder bei Institutionen, die ihre Bestände auflösen. Und er muss Bereiche abdecken, „von denen man gar nicht vermuten würde, dass es sie überhaupt gibt“.

In 14 Jahren hat Schliwa knapp zwei Millionen Bücher gesichtet, 60.000 Bücher katalogisiert und 28.000 Titel verkauft. Vor allem aus den Bereichen Wissenschaft, Kunst, Geisteswissenschaften und Reise. Von Bienen bis Hundezucht. Von der Ethik in der Stammzellenforschung bis zu Verkehrsregeln in Afghanistan. Hauptsache: speziell und gut erhalten. Antiquarius bietet zudem ein regelmäßiges Kulturprogramm – von Klaus dem Geiger bis zum berühmten Pantomimen Milan Sladek. Und damit die Kunden, die nicht via Internet kaufen, sondern persönlich kommen, nicht nur literarisch und kulturell bestens versorgt sind, betreibt Schliwa in seinem Laden auch ein kleines Bistro. Quiche zur Ernst-Jünger-Erstausgabe und Latte macchiato zum Rom-Bildband aus den Fünfzigern.

Das Rezept für die Antiquarius-Quiche kennen wir nicht. Das Rezept für erfolgreichen Buchhandel in der Region Bonn inzwischen schon. Man nehme viele gute Bücher; füge Kompetenz, Beratung und Service hinzu sowie eine ordentliche Prise Kreativität. Je nach Standort erfreue man sich an einem guten Schuss dankbaren Publikums oder reichere die Mixtur mit ungewöhnlichen Veranstaltungen oder viel Mundpropaganda an. Zur Deko darf’s dann auch schon mal ein altes schwarzes Lastenrad sein.

Lothar Schmitz,
freier Journalist Bonn

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