Stop oder Go
Straßenverkehr in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis
In unserer Titelgeschichte „Zu Wasser, zu Lande und in der Luft“ im Märzheft haben wir die Stadt Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis aus der Verkehrsperspektive betrachtet. Wo läuft’s gut auf Straßen und Schienen, wo nicht, welche Bedeutung haben Flughafen und Hafen für die Region. Nach dem Gesamtüberblick geht „Die Wirtschaft“ nun in drei Folgeartikeln näher auf die einzelnen Verkehrsträger ein. Den Auftakt macht in dieser Ausgabe die Straße.
Heute Stau und morgen Stau und übermorgen wieder – so könnte man ein deutsches Trinklied variieren, wenn man, wie Bastian Brinkmann, morgens von Lohmar zum Bonner Hafen fährt und nachmittags in die entgegengesetzte Richtung vom Bonner Norden ins Rechtsrheinische. Seine Pendlerstrecke führt den 19-Jährigen über die Nordbrücke, und regelmäßig beobachtet er dort an einer bestimmten Stelle Stau – oder steckt selbst mittendrin.
Bastian Brinkmann ist Auszubildender bei der Am Zehnhoff-Söns GmbH. Das Traditionsunternehmen betreibt unter anderem den Bonner Hafen. Der angehende Speditionskaufmann weiß aus eigener Anschauung und aus Gesprächen mit den Lkw-Fahrern des Unternehmens: An der Autobahn-Anschlussstelle Bonn-Auerberg in Fahrtrichtung Bonn-Beuel-Nord kommt es regelmäßig zu Staus, und zwar sowohl in der Auffahrt als auch auf der Autobahn. Der Grund: Die auffahrenden Fahrzeuge haben zu wenig Anlauf, um genügend beschleunigen und sich zügig in den Verkehr einordnen zu können. Die durchgezogene Linie ist sehr kurz, und dort, wo sie endet, treffen sie auf die Abbieger nach Beuel, die sich sehr früh rechts einordnen. Denn die Auffahr-Spur wird bereits bei Brückenbeginn zur Abbiegerspur in Richtung Anschlussstelle Beuel-Nord.
Das Problem ließe sich einfach lösen – doch vor Brinkmann ist offenbar niemand darauf gekommen. „Eine längere, einseitig durchgezogene Linie würde enorm helfen“, findet der Azubi. Der Abbiegeverkehr nach Beuel dürfte erst deutlich später auf die rechte Spur. Diese bleibt in Brinkmanns Modell ein Stück länger als bisher reine Beschleunigungsspur. „So könnten vor allem die vielen Lkws, die etwa vom Hafen kommen, eine ordentliche Geschwindigkeit erreichen, um sich dann fließend einzufädeln, anstatt dass sie, wie bisher, teilweise sogar anhalten, um links rüberziehen zu können“, ist Brinkmann überzeugt.
Bewegung in den stockenden Verkehr bringen
Mit Vorschlägen wie diesen könnte viel Bewegung in den oft stockenden Autoverkehr kommen. Das wäre zumal in Nordrhein-Westfalen wichtig, denn in keinem anderen Bundesland stehen die Autofahrer so häufig und lange im Stau wie hier. Der durch das ewige Stop and Go verursachte volkswirtschaftliche und ökologische Schaden ist immens. Die Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen hatten deshalb Verkehrsteilnehmer im Rahmen ihres NRW-weiten Wettbewerbs „Stop oder Go?“ dazu aufgerufen, Verbesserungsvorschläge einzureichen. Die Resonanz war enorm – rund 500 Ideen kamen zusammen und wurden von einer Fachjury aus Experten der IHKs, des NRW-Verkehrsministeriums und des Landesbetriebs Straßen.NRW gesichtet und bewertet.
Rund 20 Vorschläge bezogen sich auf Bundes- und Landesstraßen in der Region Bonn/Rhein-Sieg. Zum Beispiel der von Bastian Brinkmann. „Dieser Vorschlag zeigt beispielhaft, wie mit wenig Aufwand der Verkehrsfluss verbessert werden kann“, freut sich Fabian Göttlich, Verkehrsreferent bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Und er kann verkünden, dass die Idee nicht in der Schublade landet: „Diese Maßnahme wird nach Aussage von Horst Becker, Parlamentarischer Staatssekretär im NRW-Verkehrsministerium, nunmehr umgesetzt!“
Das ist gut, denn die Nordbrücke ist der am zweithäufigsten frequentierte Autobahnabschnitt im gesamten IHK-Bezirk. Mehr als 106.000 Fahrzeuge überqueren täglich den Rhein auf der A 565 zwischen Bonn-Beuel-Nord und Auerberg. Änderungen sind nicht in Sicht. Denn zum einen wird der Verkehr im Rheinland, einem klassischen Transitland, weiter zunehmen, wie etwa in der „Verkehrsprognose Rheinland 2025“ der rheinischen Industrie- und Handelskammern nachzulesen ist. Zum anderen soll nach Plänen der Stadt Bonn der nördliche Autobahnbogen ertüchtigt werden, um etwa die Reuterstraße zu entlasten. Wenn die A 565 zwischen Poppelsdorf und Nordbrücke auf sechs Spuren verbreitert würde, ist Stadtbaurat Werner Wingenfeld überzeugt, könnte viel Verkehr aus Süden und Westen mit Ziel Bundesviertel über die Autobahnen 565, 59 und 562 geführt werden, statt mitten durch die Stadt zu fließen (siehe „Die Wirtschaft“ 3/2012, Seiten 8-21). Allerdings steht dieses Projekt nicht im Bundesverkehrswegeplan und würde wegen der teils auf Stelzen verlaufenden Trasse (Stichwort „Tausendfüßler“) enorm teuer.
Achtspuriger Ausbau der A 59
Gute Nachrichten gab es hingegen für das Rechtsrheinische. Der Ende März von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer vorgestellte Investitionsrahmenplan bringt der Region Bonn 60 Millionen Euro für den sinnvollen achtspurigen Ausbau der A 59 zwischen den Autobahndreiecken Bonn-Nordost und Sankt Augustin-West. „Auf diesem gut drei Kilometer langen Autobahnstück treffen Ost-West- und Nord-Süd-Verkehre aufeinander“, weiß Fabian Göttlich, „mit täglich 116.000 Fahrzeugen ist dies der verkehrsreichste Straßenabschnitt in der Region Bonn.“ Der Investitionsrahmenplan konkretisiert die Vorgaben aus dem Bundesverkehrswegeplan, aktuell deckt er den Zeitraum bis 2015 ab. Den achtspurigen Ausbau der A 59 führt er als „prioritäres Vorhaben“ auf. Der Vorentwurf wurde bereits genehmigt, so dass die Industrie- und Handelskammer spätestens für Ende 2015 die Planfeststellung und Baurecht erwartet.
Auf andere wichtige Maßnahmen muss die Region Bonn hingegen noch länger warten. So sind der sechsspurige Ausbau der A 59 zwischen Sankt Augustin und Köln-Porz sowie die Ortsumgehung Swisttal/Miel mit Anschluss an die A 61 zwar als „weitere wichtige Vorhaben“ im derzeitigen Investitionsrahmenplan vermerkt, Gelder wurden dafür aber nicht eingestellt. „Die Vorplanungen für diese Projekte gehen weiter, die Finanzierung und der Baubeginn bleiben aber ungewiss“, bedauert Kurt Schmitz-Temming, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg.
Hoffen auf den Ennert-Aufstieg
Noch ungewisser ist die Zukunft für regionale Wunschprojekte wie den Ennert-Aufstieg, also die seit Jahrzehnten geforderte Verbindung zwischen A 59/A 562 und der A 3. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg hält dieses Projekt für notwendig, die Planungsexperten des Rhein-Sieg-Kreises sowieso. „Es fehlt in Bonn und Rhein-Sieg an leistungsfähigen Ost-West-Verbindungen“, unterstreichen Kreisplanungsdezernent Michael Jaeger und Dr. Mehmet Sarikaya, Leiter des Kreisplanungsamtes (siehe „Die Wirtschaft“ 3/2012). IHK-Verkehrsexperte Schmitz-Temming sagte im März im Interview mit „Die Wirtschaft“: „Es rächt sich jetzt, dass die bereits 1972 eingeweihte Konrad-Adenauer-Brücke nicht mit der rechtsrheinischen A 3 und der linksrheinischen A 565 verbunden und dadurch kein geschlossener Autobahnring um Bonn geschaffen wurde. Besonders die deutlich gewachsenen Arbeitsplatzschwerpunkte im rechtsrheinischen Bonn und im linksrheinischen Bundesviertel leiden darunter.“ Immerhin: „Notwendige Vorhaben wie beispielsweise der Ennert-Aufstieg können mit der Aufstellung des kommenden Bundesverkehrswegeplans für die Zeit ab 2015 eine neue Chance bekommen“, betont Schmitz-Temming – und schiebt eine wichtige Bedingung hinterher: „vorausgesetzt die Region spricht hier mit einer Stimme!“
Nicht nur die Autobahnen machen den Verkehrsstandort aus, es kommt auch auf die Qualität der Bundes- und Landstraßen sowie der innerörtlichen Straßenverbindungen an. In diesem Zusammenhang kritisiert die IHK, dass die wichtigen Ortsumgehungen Hennef-Uckerath (B 8) und Much (B 56), beide im Rhein-Sieg-Kreis, im aktuellen Investitionsrahmenplan nicht enthalten sind. „Dies ist umso ärgerlicher, als diese Projekte seit neun Jahren als vordringlicher Bedarf im Bundesverkehrswegeplan genannt sind“, sagt Fabian Göttlich.
Keine „Kölner Verhältnisse“
Staus hin, versäumte Projekte her – es gibt auch Lob für den Verkehrsstandort Bonn/Rhein-Sieg. Zum Beispiel von Andreas Schlimgen, einem Unternehmer, für den Zeit Geld ist und jeder Stau und jedes nicht ausgebaute Stück Autobahn eigentlich ein Schlag ins Kontor sein müsste. In der Tat gibt der Prokurist der Schlimgen Logistics Group in Troisdorf zu: „Die Belastung durch zunehmenden Verkehr, Staus und Baustellen ist allgemein gestiegen, unsere Fahrzeuge brauchen für bestimmte Strecken deutlich länger als früher.“ Dennoch klagt er nicht. Sondern lobt. „Wir sitzen seit 25 Jahren in Troisdorf, und der Standort hat sich sehr gut entwickelt.“ Er meint damit die Straßenanbindungen. Auch mit der A 59 ist der Spediteur zufrieden. „Da gibt’s anderswo deutlich Schlimmeres“, sagt Schlimgen und verweist etwa auf das „Nadelöhr Heumarer Dreieck, wo unsere Fahrzeuge viel zu viel Zeit im Stau verbringen“.
Die Unternehmensgruppe besteht aus drei Firmen mit zusammen 100 Mitarbeitern. Eine betreibt vor allem Lagerhaltung, die anderen beiden sind im Transportgeschäft unterwegs. Die Norbert Schlimgen GmbH hat sich auf Luftfracht spezialisiert, genauer: auf die erste und letzte Meile. „Wir bringen Ware von unseren Kunden zu unserem Hub in Troisdorf und von dort zu den Flughäfen Köln/Bonn oder Frankfurt/Main – und umgekehrt von dort zu den Kunden“, erklärt Schlimgen. Das Unternehmen ist quasi eine „Nahverkehrsspedition“, die Kunden sind über ganz NRW verstreut, einige sitzen auch im nördlichen Rheinland-Pfalz. Die andere Transportfirma, die TST Logistics GmbH, hat sich auf Verkehre zwischen NRW und Großbritannien spezialisiert. Beide zusammen haben 50 Fahrzeuge im Einsatz, transportiert wird klassisches Stückgut, Palettenware.
Natürlich hat der Unternehmer Wünsche. „Toll wäre eine Rheinquerung bei Wesseling, damit könnten wir das Heumarer Dreieck umgehen.“ Dennoch zeigt er sich mit der Verkehrsinfrastruktur in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis zufrieden. „Der Kölner Ring bereitet uns wesentlich mehr Kopfschmerzen“, bekundet Schlimgen, „ich bin sehr froh, dass wir in Bonn keine Kölner Verhältnisse haben!“
Lothar Schmitz,
freier Journalist, Bonn
