IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


„Vor Gründern habe ich großen Respekt“

Interview mit dem Investor Frank Thelen

Investor Frank ThelenDurch die Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“ wurde Frank Thelen einem breiten Publikum bekannt. Das war 2014. Damals hatte der Bonner Investor in der Start-up- Szene längst einen Namen. Mit 18 gründete er sein erstes Unternehmen „Softer Solutions“. 2012 überreichte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihm den „Innovate4Society- Award“, der von Microsoft ausgelobt wird. Heute ist Thelen CEO der Risikokapital-Firma e42 mit Sitz im Bonner Bogen. Der 41-jährige investiert in Start-ups – meist aus der Software- und Designbranche. Er verhalf Firmen wie kaufDA und mytaxi zum Markteintritt.

Sie beklagen, dass Deutschland und Europa bei der Digitalisierung hinter den USA herhinken. Was machen die Europäer falsch?

In Europa haben wir viele große technologische Trends verschlafen: Search, Social, Mobile, Cloud, Media Streaming. Nur bei der Musik hat Europa mit Spotify einen Trend gesetzt. Wenn wir in Europa nicht bald einen Weltmarktführer aufbauen, wird Deutschland zum Entwicklungsland. Firmen wie E.ON und BMW wird es in zehn Jahren nicht mehr geben.

Was muss Europa tun, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Ein erster, wichtiger Schritt ist es, dass wir einen Ort schaffen, an dem sich alle Start-ups und Venture Capitals versammeln, um intensiv daran arbeiten zu können. Aus dem Grund brauchen wir dringend einen großen Hub wie das Silicon Valley.

Welche Rolle kann der Digitale Hub in Bonn dabei spielen?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich lebe in Bonn und bin überzeugter Rheinländer. Hier lässt sich ein erfolgreiches Start-up aufbauen. Das funktioniert, deshalb habe ich in den Bonner Hub investiert. Wir gewinnen an Fahrt. Doch Berlin ist der Hub von Europa. Nicht London, sondern Berlin.

Was können Start-ups in den USA, was sie in Deutschland nicht können?

In den USA erleben wir eine ganz andere Geschwindigkeit. Bei der Suche nach Investoren wird sehr hart gepitcht. Die Amerikaner verstehen es, ein Unternehmen positiv zu verkaufen, sie beherrschen das Storytelling. Davon können deutsche Unternehmen lernen.

Längst nicht jeder Existenzgründer startet mit einer digitalen Idee, das Gros agiert klassisch in Handel, Dienstleistung und Handwerk. So mancher startet sogar ohne eigene Homepage. Brauchen Gründer digitales Wissen?

In jedem Fall. Digitale Bildung ist sehr wichtig, denn unser gesamtes Leben digitalisiert sich: Autos, Medizin, Gebäudetechnik – die Veränderungen sind enorm. So wie Geschichte und Politik Pflichtfächer in der Schule sind, muss auch die digitale Bildung in die Schulen integriert werden. Programmierung sollte als eine dritte Fremdsprache sehr bald Pflicht sein.

Angesichts Ihrer Investition in Lilium (der erste senkrecht startende und landende Privatjet) haben Sie gesagt: „Der Verstand sagt nein, das Herz sagt ja – wir investieren.“ Wie wichtig ist Ihr Bauchgefühl bei Investitionen?

Computer können viel, doch sie können nicht alles übernehmen. Als Investor muss man eine gute Intuition haben, um gute Ideen direkt erkennen zu können. Mir ist bei meinen Investitionsentscheidungen sehr wichtig, dass ich auf mein eigenes Bauchgefühl höre. Damit bin ich bis jetzt meistens sehr gut gefahren.

Start-ups sind immer noch eine Männerdomäne. Sind Frauen schlechtere Gründerinnen?

Im Gegenteil. Studien belegen, dass Frauen erfolgreicher gründen. Sie können vieles besser als Männer. Ich bedaure sehr, dass es noch so wenige Gründerinnen  gibt. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass es mehr Frauen gibt, die sich trauen zu gründen, so dass unsere (Gründer-)Welt noch bunter wird.

Ob Gründer oder Gründerin - nicht jedes Start-up wird zur Erfolgsstory.

Leider eher genau das Gegenteil. Der Großteil der Start-ups scheitert sogar. Es gehört sehr viel dazu, ein Unternehmen aufzubauen und zu führen. Ich habe daher jeden Tag mehr Respekt vor meinem Job.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

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