IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


60 Jahre Bundesrepublik Deutschland

Stabile Regierung, gesunde Wirtschaft

Von der Friesdorfer Straße 256 in Bad Godesberg bis zur Görresstraße im Bundesviertel ist es kein weiter Weg. Weniger als vier Kilometer trennen die beiden Orte voneinander. Und mehr als die räumliche Nähe verbindet sie. Am 7. September 1949 trat in der Pädagogischen Akademie, zwischen Rhein und Görresstraße gelegen, der wenige Wochen zuvor gewählte erste deutsche Bundestag zusammen. Alterspräsident Paul Löbe, von 1920 bis 1924 und 1925 bis 1932 Präsident des Reichstages der Weimarer Republik, verwies in seiner Eröffnungsrede auf die Erwartungen der Menschen an das neue Parlament: „…dass wir eine stabile Regierung, eine gesunde Wirtschaft, eine neue soziale Ordnung in einem gesicherten Privatleben aufrichten, unser Vaterland einer neuen Blüte und neuem Wohlstand entgegenführen…“.

Kredite, Sportsgeist und Improvisationstalent

In der Friesdorfer Straße 256 wurden keine Eröffnungsreden gehalten. Allerdings wurde hier im selben September, oder auch im April oder Juni, so genau lässt sich das nicht mehr feststellen, ganz im Sinne von Paul Löbe damit begonnen, die Wirtschaft aufzurichten. Auf dem Grundstück an der Friesdorfer Straße gründete die Chemikerin Margarete Debus 1949 eine Lackfabrik, die heutige Dr. Debus GmbH.

1949 gründete Dr. Margarete Debus ihre Lackfabrik in Bonn. die 91jährige ist auch heute noch täglich im Betrieb.

Margarete Debus, 1918 in Godesberg geboren, hatte nach ihrem Abitur 1937 eine Lehre in der Kölner Lackfabrik Kotthoff absolviert und dann während des Zweiten Weltkriegs in Bonn Chemie studiert. Nach dem Krieg half sie aus alter Verbundenheit zunächst, das zerstörte Kölner Unternehmen wieder in Gang zu bringen. Dort lernte sie Ludwig Meurer kennen. „Mich reizte, selbst etwas herzustellen“, erinnert sich Debus an die Entscheidung, die sie dann zusammen mit ihrem Arbeitskollegen traf: Die beiden verließen den Kölner Betrieb, um in Bonn ein eigenes Unternehmen zu gründen. Dabei halfen der 31-Jährigen drei Dinge. Erstens: ihr Sportsgeist – 1936 hat sie bei den Olympischen Spielen Staffel-Weltrekord über 4 x 100 Meter erreicht. Zweitens: ein Kredit von der Kölner Bank – „anders wär’s nicht gegangen, wir hatten ja nichts nach dem Krieg“, erinnert sich die Unternehmerin. Und drittens: jede Menge Improvisationstalent, schließlich mussten Grundstoffe besorgt und Kunden gewonnen werden. Das erste Produkt aus dem Hause Debus & Meurer: Lacke für Gardinenstangen.

Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4

Vier Kilometer nördlich wurde ebenfalls improvisiert. „Die parlamentarischen Anfänge waren beschwerlich“, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert bei der Festveranstaltung zum 60. Jahrestag der ersten Bundestagssitzung vor zwei Monaten im ehemaligen Bonner Plenarsaal. Für die 410 Abgeordneten standen anfangs nur 50 Büros zur Verfügung. Das reichte gerade für Präsidium und Fraktionsvorstände. Lammert zitierte in seiner Rede den damaligen Abgeordneten Günter Goetzendorff: „In Bonn fand ich bei einem Studienrat ein Zimmer zur Untermiete. Dort wohnte ich mit meinem Abgeordnetenkollegen Dr. Adolf Arndt von der SPD. Wir waren sehr behelfsmäßig untergebracht. Wenn seine Frau zu Besuch kam, konnte ich frühmorgens das Badezimmer nicht benutzen, weil sie darin schlief.“ Immerhin war er von festen Mauern umgeben. Hans-Christoph Seebohm, erster Bundesverkehrsminister, hatte es weniger bequem – er wohnte mehrere Monate lang in einem Eisenbahnwaggon. „Die originellste Adresse in einer an Provisorien gewiss nicht armen Zeit“, kommentiert Helmut Vogt in seinem lesenswerten Buch „Der Herr Minister wohnt in einem Dienstwagen auf Gleis 4“ über die Anfänge des Bundes in Bonn.

Die Eröffnungsfeier des Parlamentarischen Rates fand im Rahmen eines Festaktes am 1. September 1948 im Bonner Museum Alexander Koenig statt.

„Das war eine spannende Zeit“, erzählt Heinz Engels, ein weiterer Jubilar. Nach einer Lehre in Bonn und später im elterlichen Geschäft in Lüdenscheid begann er 1949 in Bonn als Pressefotograf. Bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags am 7. September war er dabei – „den erforderlichen Ausweis habe ich noch heute!“ Sein erster Prominenter vor der Kamera: Theodor Heuss. Engels, der in den folgenden Jahrzehnten für Stern und Spiegel, General-Anzeiger und viele andere Zeitungen und Magazine Menschen und Ereignisse in der Bundeshauptstadt fotografierte, war schon dabei, als das mit der Hauptstadt noch gar nicht so klar war. Von 1948 bis 1949 hatte im Museum König und in der Pädagogischen Akademie der Parlamentarische Rat das Grundgesetz erarbeitet. Am 10. Mai 1949 votierten die Mitglieder mit 33 zu 29 Stimmen für Bonn und gegen Frankfurt als „vorläufiger Sitz der Bundesorgane“. Karl Arnold, erster Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hatte Bonn ins Spiel gebracht, die Stadt und ihre Nachbargemeinden seien eine geeignete Stätte, „an der sich die neue Entwicklung gesund, kraftvoll und frei vollziehen kann“. Das sahen längst nicht alle so. „Nie würde es werden, was eine moderne Hauptstadt sein soll“, urteilte etwa der spätere Außenstaatssekretär Rolf Lahr. Nach heftigen Diskussionen und vielen Gesprächen hinter verschlossenen Türen bestätigte schließlich der Bundestag am 3. November 1949 mit 200 zu 176 Stimmen das Votum des Parlamentarischen Rates. Damit war Bonn vorläufige Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.

Provisorium mit Bestand

Langsam aber sicher entwickelte sich das Land wieder zu einem eigenständigen Akteur auf der internationalen politischen Bühne. Mit dem Deutschlandvertrag, dem Wiedergutmachungsabkommen mit Israel, dem Aufbau der Bundeswehr, dem Nato-Beitritt und den Römischen Verträgen wurden in den Fünfzigerjahren grundlegende außenpolitische Weichen gestellt. Ähnlich weitreichende Entscheidungen traf der Bundestag auf dem Gebiet der Innenpolitik. Mit der Sozialgesetzgebung – Kindergeld, Rentenreform, Kündigungsschutz – legte er die Fundamente für die Sozialstaatlichkeit der Bundesrepublik. Mit Maßnahmen wie dem Lastenausgleichsgesetz gelang es zudem, die Folgen von Krieg und Vertreibung zu lindern.

Ebenso langsam wie sicher entstand eine politische und parlamentarische Kultur, die sich, wie Norbert Lammert in seiner Festrede sagte, „vielleicht nur hier in Bonn und nur in den ersten Nachkriegsjahrzehnten so günstig entwickeln konnte, wie sie sich entwickelt hat“. Bald war die passende Bezeichnung in der Welt: „Bonner Republik“. Sie steht bis heute, erklärt der Bonner Geschichtsprofessor Dr. Günther Schulz im Interview mit „Die Wirtschaft“ (siehe Seite 18), „für Bescheidenheit, Kleinräumigkeit, Beschränkung auf Funktionalität, unprätentiöse Selbstdarstellung“. Was eher langweilig klingt, war für das Land von unschätzbarem Wert: „Vor diesen Deutschen braucht man keine Angst zu haben“, sagte einmal Egon Bahr.

Es herrschte Aufbruchstimmung – die viel zitierten „Wirtschaftswunderjahre“ waren angebrochen. Im politischen Bonn folgte ein Erweiterungsbau auf den anderen, neue Wohnsiedlungen entstanden, und das war auch dringend erforderlich, denn schnell zeigte sich, schreibt Helmut Vogt, „wie naiv die Vorstellung vieler Mitwirkender gewesen war, das politische Zentrum eines mittelgroßen Industriestaates in ein paar Villen und fünf Kasernen unterbringen zu können“. Gleichwohl fehlte es zunächst an einer städtebaulichen Planung, die Erweiterungen wirkten improvisiert und unterstrichen den Charakter Bonns als Provisorium. Erst zu Beginn der Sechzigerjahre reifte auf Initiative von Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier ein Plan zur Neuordnung des Parlamentsviertels. Bekanntestes Ergebnis: der nach ihm benannte „Lange Eugen“, das Abgeordnetenhochhaus.

Auch Debus & Meurer expandierte. Margarete Debus musste zwar zunächst den frühen Tod ihres Geschäftspartners verkraften – seit 1952 führt sie allein die Geschäfte –, konnte aber im Laufe der folgenden Jahre sowohl die Kundenbasis als auch die Produktpalette erweitern. Fassadenfarben, Kunststofflacke und Einbrennlacke kamen hinzu, später auch Acrylharzlacke. Abnehmer waren zum einen Malereibetriebe, zum anderen metallverarbeitende Firmen. Viele saßen im Sauerland. In einem davon – daran erinnert sich Debus noch gut – absolvierte Mitte der Fünfzigerjahre Franz Müntefering, später Vizekanzler und SPD-Parteivorsitzender, eine Ausbildung zum Industriekaufmann.

Eugen Gerstenmaier, Bundestagspräsident von 1954 - 1969, förderte den Bau des Abgeordnetenhochhauses, das deshalb nach Fertigstellung vom Volksmud den Namen "Langer Eugen" erhielt. Auf den Sportplätzen vor dem Abgeordnetenhochhaus trugen die Mitglieder des Bundestages viele Fußballspiele aus. Auf dem Foto ist Annemarie Renger zu sehen, die erste Frau als Bundestagspräsidentin (1972 - 1976) beim Anstoss.

Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre zeichnete sich ein bemerkenswerter Wandel ab. „Immer mehr Kräfte im Land gingen davon aus, dass die Provisorien Westdeutschland und Hauptstadt Bonn von Dauer sein könnten“, so Professor Schulz. Es war die Zeit der sozialliberalen Koalition. Die Zeit des Moskauer und des Warschauer Vertrags, des Grundlagenvertrags mit der DDR und des Beitritts zu den Vereinten Nationen. Und die Zeit eines massiven Baubooms in der nun plötzlich nicht mehr ganz so provisorischen Hauptstadt. Neue Rheinbrücken, neue Autobahnanschlüsse, neue Straßen, neue, repräsentative Gebäude – Bonn wollte nicht mehr länger aus allen Nähten platzen und gleichsam auf gepackten Koffern sitzen.

Stattdessen packte Margarete Debus ihre Koffer. Sie hatte in Bonn einen sudanesischen Geschäftsmann kennengelernt und plante, im Sudan in einen Betrieb für Herstellung und Vertrieb von Reinigungsmitteln zu investieren. „Da war ich ganz Abenteurerin“, erzählt sie, „ich wollte etwas Neues ausprobieren.“ Zu der Zeit sei sie durchaus eine Pionierin gewesen, kaum ein anderer Unternehmer habe dorthin gewollt. Sie hat viel reingesteckt in das Projekt – das schließlich scheiterte. „Eigentlich hatten wir dort eine Betriebsstätte gebaut, doch als ich das nächste Mal hinkam, wohnten da Leute.“ So endete das Abenteuer. „Es war zum Glück kein Totalreinfall – trotzdem blieb es das einzige Abenteuer“, schwor sie sich damals.

Ende und Neuanfang

Der Bundesrepublik und der Bundeshauptstadt stand das wohl größte Abenteuer noch bevor: der Mauerfall, die Wiedervereinigung, die Hauptstadtfrage. Am 20. Dezember 1990 nahm zum ersten Mal seit 1932 ein frei gewähltes gesamtdeutsches Parlament seine Arbeit auf. Dieses Parlament beschloss ein Jahr später den Umzug der Regierung und des Bundestags von Bonn nach Berlin. 338 Abgeordnete stimmten für den Wechsel an die Spree, 320 für Bonn. Als dieses Ergebnis bekannt wurde, schreibt der ehemalige Wirtschaftskorrespondent der „ZEIT“ in Bonn, Wolfgang Hoffmann, „waren die Bonner wie gelähmt, herrschten Ratlosigkeit, Wut und Zukunftsängste“. Fotograf Heinz Engels, der einst Adenauer und Brandt und Queen Elizabeth und Soraya vor der Kamera hatte, musste plötzlich einen Lokalpolitiker in Ippendorf in dessen Blumengarten fotografieren. „Das war schon eine große Umstellung“, weiß er noch heute.

Doch die Stadt verfiel nicht in Schockstarre, sondern packte an. Dabei halfen ihr natürlich die finanziellen Mittel aus dem Bonn-Berlin-Ausgleich und die Tatsache, dass einige Ministerien ihren Hauptsitz in Bonn behielten. Dennoch musste ein enormer Strukturwandel bewältigt werden. 1996 wurde Bonn beispielsweise UNO-Stadt; inzwischen haben sich hier 19 Einrichtungen der Vereinten Nationen niedergelassen. Außerdem zogen über 20 Bundesbehörden, darunter Bundeskartellamt und Bundesrechnungshof, nach Bonn. Auch das Bundesversicherungsamt hat seinen Sitz am Rhein, mit der Verwaltung des Gesundheitsfonds hat es Anfang dieses Jahres eine zusätzliche, umfangreiche Aufgabe erhalten.

"Die Mauer ist weg" - am 9. November 1989 öffnet die Deutsche Demokratische Republik (DDR) ihre Grenzen. Ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, tritt die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ist vollendet.

Weitere Stützpfeiler des Neustarts sind die Wissenschaft – etwa das europäische Forschungszentrum CAESAR – und die Wirtschaft. Die boomte ohnehin in den Neunzigerjahren, vor allem jedoch in Ballungszentren wie der Rheinschiene Bonn-Köln-Düsseldorf. Unternehmen finden in der Region Bonn hochqualifizierte Arbeitskräfte und eine exzellente Verkehrsinfrastruktur – zwei zentrale Aspekte für die Ansiedlungsentscheidung. Mit der Deutschen Telekom, der Deutschen Post/DHL und der Postbank haben gleich drei bedeutende Konzerne ihren Sitz in Bonn. Die Telekom ist derzeit das siebtgrößte deutsche Unternehmen, die Post steht auf Platz 9. Eine andere Erfolgsgeschichte: die SolarWorld AG. Binnen einem Jahrzehnt wuchs das Bonner Unternehmen vom kleinen solaren Handelshaus zum internationalen Solarkonzern mit über 1.800 Mitarbeitern.

Dennoch ist das Jubiläumsjahr 2009 nicht nur ein Grund zum Feiern. Die Bundesrepublik durchlebt gerade ihre bisher größte Wirtschaftskrise. Auch wenn die jüngsten Konjunkturumfragen des DIHK und der IHK Bonn die Hoffnung zulassen, dass sich die Lage der Unternehmen in Deutschland insgesamt, aber auch in der Region bald bessert: Von Sektlaune sind viele Unternehmer und Bürger derzeit weit entfernt. Deutschland steht vor großen Herausforderungen, die die soeben gewählten Mitglieder des 17. Deutschen Bundestages und die neue Bundesregierung hoffentlich schnell und beherzt angehen werden.
Auch die Bundesstadt Bonn – seit nunmehr 18 Jahren ohne „haupt“ – muss einige komplizierte Hausaufgaben bewältigen. Dazu gehört das enorme Haushaltsdefizit ebenso wie die erfolgreiche Fertigstellung des World Conference Centers (WCCB). Wenn allerdings stimmt, was vor ein paar Monaten Unternehmer und IHK-Vollversammlungsmitglied Jörg Haas sagte – „Bonn ist eine der meistunterschätzten Städte“ –, dann wird die Stadt die aktuelle Krise überwinden.

Bundestagsgebäude Reichstag

Und das Unternehmen Dr. Debus an der Friesdorfer Straße in Godesberg? Inzwischen besteht die Produktpalette vor allem aus Zwei-Komponenten-Acryl-Lacken, die im Maschinen- und Fahrzeugbau sowie als Bootslacke und für Bodenbeschichtungen verwendet werden. Doch die Wirtschaftskrise lastet schwer auf einem Hauptabnehmer: der Autoindustrie. Der Umsatz mit Autolacken ist massiv eingebrochen. Die Unternehmerin, trotz ihrer 91 Jahre immer noch Tag für Tag vier Stunden im Betrieb aktiv, ist zum einen von den Produkten überzeugt. „Die Qualität muss gut sein, sonst würden unsere Lacken und Farben doch nicht bestellt.“ Zum anderen hat sie in den 60 Jahren Unternehmensgeschichte die Erfahrung gemacht, wie wichtig langfristige Kundenbeziehungen sind. Beständigkeit also? Margarete Debus nickt.
Auch wenn zwischen der Friesdorfer Straße und dem Regierungsviertel heute nicht vier, sondern 600 Kilometer liegen: „Berlin ist in mancherlei Hinsicht Bonn geblieben“, sagte Bundestagspräsident Lammert im September in Bonn. Beständigkeit also?

Herzlichen Glückwunsch, Bundesrepublik!

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn
lotharschmitz13(at)gmail.com

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