IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Betriebliches Mobilitätsmanagement

Was Unternehmen zur alternativen Fortbewegung beitragen

© JobRadVon Jobtickets für Bus und Bahn hat fast jeder schon einmal gehört. Doch Firmen können viel mehr tun, um ihren Beschäftigten den Wechsel vom eigenen Auto auf andere Verkehrsmittel schmackhaft zu machen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zu besserer Mobilität in der Stadt.

"Wir haben seit vielen Jahren ein sehr aktives Mobilitätsmanagement mit Tausenden von Jobtickets, E-Bike-Aktionen mit den SWB, vergünstigten Einkaufsmöglichkeiten von Pedelecs durch unsere Mitarbeiter, Lauftreffs oder Mitfahrer-Plattform im Internet", sagt Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Bonn (siehe auch die Titelgeschichte "Wenn der Verkehr NICHT fliesst").

Auch bei der Deutschen Post DHL Group nutzen knapp 3.000 Beschäftigte ein Jobticket. Zudem stattet das Unternehmen seit vergangenem Herbst seinen Parkraum nach und nach mit Ladestationen für Elektrofahrzeuge aus. "Insgesamt beabsichtigen wir, 50 Ladestationen im Stadtgebiet Bonn in Betrieb zu nehmen, 14 Ladestationen stehen bereits Mitarbeitern und Gästen im Post-Tower zur Verfügung", teilt Konzernsprecherin Heike Meyer mit.

Der größte Arbeitgeber in Bonn - die Telekom - hat allein am hiesigen Standort rund 15.000 Beschäftigte, darunter viele Einpendler. Die tragen, wenn sie per Pkw pendeln, natürlich zur Verkehrsbelastung bei, deshalb schafft auch die Telekom zahlreiche Anreize für den Umstieg auf alternative Verkehrsmittel oder umweltfreundliche Antriebe.

Bei Geschäftswagen zum Beispiel gibt es ein Bonussystem für Fahrzeuge mit besonders niedrigem CO2-Ausstoß. Mobile Arbeitszeiten, Home-Office-Lösungen, Telefonkonferenzen statt Präsenzbesprechungen hat die Telekom ebenfalls seit langem für ihre Beschäftigten im Angebot. Außerdem einen Shuttle-Dienst von den Bonner Telekom-Standorten nach Köln, zum ICE-Bahnhof Siegburg sowie zum Flughafen.

Neben dem klassischen Jobticket für den öffentlichen Nahverkehr gibt es auch ein Fahrrad-Leasing. "Wer möchte, kann ein hochwertiges Fahrrad oder E-Bike leasen", erklärt Peter Kespohl, Unternehmenssprecher und Mitglied im Projektteam "Betriebliche Mobilität", das Prinzip. 2015, beim Start des Projekts, entschieden sich 350 Beschäftigte für ein Leasing-Rad, heute sind es bereits bundesweit 3.500.

Im Trend: Fahrrad-Leasing als Teil des Betrieblichen Mobilitätsmanagements

Ein Anbieter ist die LeaseRad GmbH aus Freiburg. Mit ihrer Marke "JobRad" ist sie auch in NRW aktiv - rund 2.200 Arbeitgeber bieten ihren Beschäftigten hier zurzeit Dienstrad-Leasing über "JobRad" an. "In den letzten drei Jahren hat sich die Anzahl unserer Arbeitgeberkunden verzehnfacht. Geschätzt sind bereits heute mehr als 200.000 Diensträder auf Deutschlands Straßen unterwegs", sagt Gründer und Geschäftsführer Ulrich Prediger. Der Markt werde weiter stark wachsen. "Wir gehen davon aus, dass langfristig jedes zweite neue E-Bike ein Leasingrad sein wird."

Die Umsetzung vom Dienstrad-Leasing ist unkompliziert: Arbeitnehmer suchen sich ein Fahrrad oder E-Bike nach ihren Wünschen im Fachhandel aus. Hierzu kooperiert JobRad mit über 4.500 Fachhändlern, zum Beispiel mit Fahrrad XXL Feld aus Sankt Augustin. Der Arbeitgeber least das JobRad und überlässt es dem Mitarbeiter zur freien Nutzung. Im Gegenzug behält er einen kleinen Teil des Bruttogehalts des Arbeitnehmers ein und bedient damit die Leasingrate.

Die Motive für Arbeitgeber, Jobräder einzuführen, sind laut Prediger vielfältig: ein gestiegenes Umweltbewusstsein, der Trend zu mehr Bewegung und Gesunderhaltung sowie der Fachkräftemangel, der Unternehmen dazu bringe, ihre Leistungspakete für Mitarbeiter neu auszurichten. Auf die tarent solutions GmbH treffen im Grunde alle diese Motive zu.

Das IT-Unternehmen mit 170 Beschäftigten, davon 151 am Stammsitz in Bonn, ist seit einem Jahr "JobRad"-Kunde. "Die Mobilität unserer Mitarbeiter spielt für uns eine wichtige Rolle, außerdem wollen wir als Unternehmen insgesamt noch umweltbewusster werden", sagt Kommunikations- und Pressereferentin Bettina Klevers.

Zudem sieht sie enge Verknüpfungen zum betrieblichen Gesundheitsmanagement: Wer Rad fährt, ist fitter. "Und außerdem", findet Klevers, "können wir mit ÖPNV-Tickets für Azubis, Jobrädern, der Teilnahme an Firmenläufen und anderen Maßnahmen als attraktiver Arbeitgeber punkten."

"Wer etwas bewegen will, muss systematisch Anreize setzen"

Betriebliches Mobilitätsmanagement ist zum Rekrutierungsinstrument geworden, und Jobräder gelten in Städten wie Köln oder Bonn als hip. Dennoch ist es nach Ansicht von Experten noch ein weiter Weg bis zu einem breiten Bewusstseinswandel.

"Es sind immer noch recht wenige Firmen, die sich systematisch über alternative Mobilität ihrer Beschäftigten Gedanken machen", beobachtet Michael Schramek, geschäftsführender Gesellschafter der EcoLibro GmbH in Troisdorf. Immerhin: Seit zwei Jahren nehme das Interesse von Arbeitgebern stark zu, sagt der Mobilitätsberater.

"Wer allerdings wirklich etwas bewegen will, muss systematisch Anreize setzen und das Thema vom Dienstwagen über Arbeitszeiten bis zum Fahrradleasing konsequent durchdenken", unterstreicht Schramek und berichtet als Negativbeispiel von einem großen Industrieunternehmen, dass alternative Mobilität einführen wollte, aber gleichzeitig seinen Parkplatz erweiterte.

Die Voraussetzungen für einen Wandel sind nach Ansicht des Mobilitätsexperten gut. "Die Städte sind voller Autos, Staus und Feinstaubbelastung nerven immer mehr Fahrer und Anwohner und immer mehr Firmen müssen im Wettbewerb um Fachkräfte innovativ punkten", sagt Schramek.

Sein Plädoyer: Firmen sollten den Mut haben, sich in Sachen Verkehr und Umwelt zu positionieren und eine neue Firmenkultur zu verankern. Er empfiehlt positive Anreize, etwa die besten Parkplätze Fahrgemeinschaften zur Verfügung zu stellen oder Duschen und Umkleiden für Radfahrer bereitzustellen.

Auch finanzielle Zuschüsse für jeden Beschäftigten, der nicht täglich Auto fährt, seien denkbar. Doch auch vor negativen Anreizen sollten Betriebe nicht zurückschrecken. "Weshalb nicht die Parkplätze limitieren oder Parkgebühren erheben?", regt Schramek an. Oder: "Wer mit der Bahn zu Terminen fährt, bekommt die Reise- als Arbeitszeit voll vergütet, Autofahrer hingegen beispielsweise nur halb."

Zudem könnten Firmen damit aufhören, für Dienstfahrten private Pkws gegen Vergütung einzusetzen. "Das betriebliche Mobilitätsmanagement bietet unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten", fasst Schramek zusammen, "die es einem Unternehmen erleichtern, Veränderungen herbeizuführen. Sodass die Beschäftigten idealerweise nicht mehr im Stau stehen."

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn

10 Tipps zum betrieblichen Mobilitätsmanagement

Während die Verkehrswende im Großen noch aussteht, hat sie im Kleinen längst begonnen: Kleine, mittlere und große Unternehmen leisten durch sogenanntes Betriebliches Mobilitätsmanagement einen Beitrag dazu, die Straßen Bonns und des Umlandes zu entlasten.

Dabei geht es, generell, um die systematische Analyse und Optimierung des unternehmenseigenen Verkehrsbedarfs. Der ist je nach Branche und Unternehmensgröße sehr unterschiedlich, doch gibt es einen Schwerpunkt, der im Grunde sämtliche Firmen betrifft: die Mobilität der Beschäftigten.

Wir nennen beispielhaft zehn Maßnahmen, mit denen - auch kleinere - Betriebe für ihre Beschäftigten Anreize schaffen können, um das eigene Auto öfters stehenzulassen:

# Jobticket - der Klassiker. Möglich schon ab zwei Beschäftigten. Derzeit nutzen rund 20.000 Beschäftigte in Bonn ein Jobticket
# Ladestationen und ausreichende Parkmöglichkeiten für E-Fahrzeuge.
# Bonussystem für Fahrzeuge mit besonders niedrigem CO2-Ausstoß.
# Online-Pendlerportal zur Gründung von Fahrgemeinschaften.
# Volle Vergütung der Reise- als Arbeitszeit bei Dienstreisen per Bahn.
# keine Vergütung mehr für Dienstfahrten mit privaten Pkw
# Dienstfahrrad-Leasing mit Entgeltumwandlung
# flexible Arbeitszeiten, keine Besprechungen vor 10 Uhr und Home-Office-Lösungen
# Duschen und Umkleiden für Radfahrer
# finanzielle Zuschüsse für jeden Beschäftigten, der nicht täglich Auto fährt

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