IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


125 Jahre Grafschafter Krautfabrik: „Die mit dem gelben Becher“

Das besondere Unternehmen

125 Jahre Grafschafter KrautfabrikIn einer Eisdiele kam Albert Schmitz 1954 auf die Idee, den Grafschafter Goldsaft in einen gelben Becher aus Pappe zu füllen. Zuvor war der Zuckerrübensirup in schweren Marmeladengläsern oder Eimern, aus denen er portionsweise abgefüllt wurde, in die Läden gekommen. Ein Becher wie in der Eisdiele hingegen war leicht und von innen beschichtet, so dass nichts auslaufen konnte. Schmitz, damals Geschäftsführer der Grafschafter Krautfabrik in zweiter Generation, entdeckte den Pappbecher für sein Rübenkraut – wie der Volksmund den Zuckerrübensirup bis heute nennt. Als Farbe wählte er Gelb, weil es gut zum dunklen Sirup passte.

Der gelbe Becher ist in den Köpfen der Verbraucher fest verankert. Allerdings ist er seit Anfang 2017 aus Kunststoff. Zu oft beanstandeten die Kunden, dass Deckel und Becher aus Pappe nach einigen Wochen, in denen das Rübenkraut zwischen Frühstückstisch und Küchenschrank hin- und hergewandert war, nicht mehr richtig aufeinander passen wollten.

Stefan Franceschini, Geschäftsführer der Grafschafter Krautfabrik Josef Schmitz KG in vierter GenerationStefan Franceschini, Geschäftsführer der Grafschafter Krautfabrik Josef Schmitz KG in vierter Generation

„Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt Stefan Franceschini, Geschäftsführer der Grafschafter Krautfabrik Josef Schmitz KG in vierter Generation. „Glas zerbricht schnell und ist schwer, das erhöht die Transportkosten, die wir nicht über eine Preisanpassung an unsere Kunden weitergeben wollten. Reine Pappe ohne Kunststoffbeschichtung wird zwar von den Kunden wegen ihrer Umweltfreundlichkeit geschätzt, eignet sich aber nicht.“

Also lief es auf einen lebensmittelechten Kunststoffbecher hinaus, der recycelbar ist. „Der kunststoffbeschichtete Pappbecher musste in den Hausmüll. Im Vergleich dazu ist der jetzige Kunststoffbecher umweltfreundlicher, da er zu 100 Prozent wiederverwertbar ist.“

Ziegel und Rüben

Es war nur eine von unzähligen Entscheidungen, die die Familie im Laufe von 125 Jahren Firmengeschichte fällen musste. 1893 gründete Josef Schmitz, der aus einer Meckenheimer Bauernfamilie stammte, das Unternehmen – zunächst als Feldbrandziegelei. Noch heute charakterisieren die roten Ziegel aus eigener Produktion den Firmensitz am Meckenheimer Stadtrand.

Die Fabrikation von Rübenkraut kam 1904 hinzu. Josef Schmitz konnte seine Mitarbeiter auf diese Art das ganze Jahr über beschäftigen: Wenn das Baugewerbe sich im September für die Winterpause rüstete und keine Ziegel mehr brauchte, begannen die Bauern auf den Feldern mit der Rübenernte. Mit seiner neu gegründeten Krautfabrik schaffte Schmitz auch Arbeit für die kalte Jahreszeit.

Für die Bauern aus dem Umland ist die Krautfabrik bis heute ein geschätzter Partner. „Wir liefern bereits in der vierten Generation Zuckerrüben an Grafschafter“, sagt Theo Münch, der seit seinem 16. Lebensjahr mit dem Traktor zur Krautfabrik fährt. „Wir kennen uns sehr gut, vieles läuft auf Zuruf.“

Rübenkraut im Imagewandel

Die rheinische Zuckerrübe verdankt ihren Aufstieg Napoleon. Er riegelte 1806 die Häfen Europas für britische Schiffe ab. Wegen seiner Kontinentalsperre wurde Zucker knapp und teuer, die Zuckerrübe nutzte ihre Chance.

Seitdem hat das Rübenkraut viele Höhen und Tiefen erlebt. Nach dem Ersten Weltkrieg war Grafschafter eine von etwa 200 Fabriken in Deutschland, im Zweiten Weltkrieg galt sie als kriegswichtig. Ein Bombardement, bei dem 70 Prozent der Stadt Meckenheim in Schutt und Asche versanken, überstand die Fabrik nahezu unbeschadet. Doch schon wenige Jahre später sank der Stern des Rübenkrauts. Konfitüre passte besser zum Wirtschaftswunder.

Während zahlreiche Wettbewerber von der bundesdeutschen Landkarte verschwanden, konnte Grafschafter expandieren. Das Unternehmen ist heute Marktführer beim Rübenkraut. Zur breiten Produktpalette gehören inzwischen u.a. Apfelkraut, Birnen- und Pflaumenmus sowie Sirup für die Lebensmittelindustrie. Der Export wächst.

Seit 2012 zählen der Rheinische Zuckerrübensirup und das rheinische Apfelkraut zu den 15 EU-geschützten regionalen Lebensmittel-Spezialitäten aus NRW. Nur der Ziegelbetrieb wurde 1989 eingestellt. „Wir haben viel Glück gehabt“, sagt Stefan Franceschini mit der ihm eigenen Bescheidenheit. Glück gehört dazu – und die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

Logo GrafschafterName: Grafschafter Krautfabrik Josef Schmitz KG
Geschäftsführer in 4. Generation: Stefan Franceschini
Gründung: 1893 als Feldbrandziegelei, seit 1904 Produktion von Zuckerrübensirup
Gründer: Josef Schmitz, Urgroßvater von Stefan Franceschini
Mitarbeiter: 100
Standorte: Meckenheim, Beesel (NL), Hamburg
Produktion: ca. 14.000 Tonnen süßer Brotaufstriche u.a. aus Zuckerrüben, Äpfeln, Birnen und Pflaumen sowie ca. 35.000 Tonnen Industriesirupe
Branche: Lebensmittel
Kunden: Lebensmitteleinzelhandel, weiterverarbeitende Lebensmittelindustrie
Website: www.grafschafter.de

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