IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Die Zukunft der Pflege

"Wir können auch anders"

© M. Marasson/Kzenon (AdobeStock.com)Je älter unsere Gesellschaft wird, desto schneller gerät der Pflegemarkt in Bewegung: Alten-Wohngemeinschaften werden zum attraktiven Geschäftsmodell. Roboter sollen Pflegebedürftigen das Wasser reichen. Seniorenheime suchen nach Wegen, um das Image der Pflegeberufe zu heben. „Die Wirtschaft“ verrät außerdem, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter, die Angehörige pflegen, unterstützen können.

„Das Schönste an unserem Beruf ist, dass pflegebedürftige Menschen durch unsere Hilfe zuhause leben können. Alle wünschen sich, auch zuhause zu sterben. Bei der Sterbebegleitung unterstützen wir die Familie beim Abschiednehmen. Das tue ich gern.“

Wenn Rachid Afarsiou von seinem Beruf erzählt, sind alle Klagen über den Pflegenotstand vergessen. Hier spricht ein examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger mit einer menschlichen Wärme, die in der Diskussion um überforderte und schlecht bezahlte Pflegekräfte längst verlorengegangen ist. Afarsiou liebt seinen Beruf, er ist Bereichsleiter Ambulante Pflege bei der Pflegeteam Wentland GmbH & Co. KG in Rheinbach. „Wenn ich zu einem Kunden komme, werde ich als Gast empfangen. Die Menschen sind sehr dankbar für meine Hilfe. Sie geben mir viel Gutes zurück.“

Ja, es sei körperlich und psychisch anstrengend, pflegebedürftige Patienten zu waschen und ihre Wunden zu versorgen. Ja, die Zeit sei begrenzt, denn bei einer Tagestour sucht eine Pflegefachkraft zwölf bis 15 Patienten auf. „Doch bei einer gut geplanten Tour lässt sich viel Stress vermeiden“, sagt Afarsiou. „Wenn ich hingegen für jemanden 20 Minuten ein-plane, obwohl ich weiß, dass ich für ihn 30 Minuten benötige, ist das für alle frustrierend.“

Ältere Menschen am Rand der Gesellschaft

2015 arbeiteten in NRW 69.300 Menschen bei ambulanten Pflegediensten. So die Zahlen des statistischen Landesamtes IT.NRW. Hinzu kamen 156.700 Beschäftigte in teilstationären und stationären Senioren- und Pflegeheimen. Es sind nicht genug: Die Branche klagt über offene Stellen, die sich nur schwer besetzen lassen.

Woher kommt der Fachkräftemangel? Warum hat die Pflege ein schlechtes Image? Fragen, die auch Matthias Wentland, Geschäftsführer des Pflegeteams Wentland in zweiter Generation, nicht einfach beantworten kann. „Pflege muss eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein“, sagt er. „Doch in Deutsch-land stehen ältere Menschen nicht in der Mitte der Gesellschaft. Obwohl es jeden Menschen treffen kann, ist Pflegebedürftigkeit ein Randthema, das wir problematisieren. Dabei sollten wir das Positive sehen.“

Wentland ist es gelungen, dem Fachkräftemangel ein professionelles Bewerbungsmanagement entgegenzusetzen. „Wir haben 350 Mitarbeiter und können uns über mangelnde Bewerbungen nicht beklagen. Im vergangenen Jahr waren es über 500“, sagt der Geschäftsführer nicht ohne Stolz. Wentland investierte in eine spezielle Software, über die jeder Bewerber innerhalb von 24 Stunden eine Rückmeldung erhält. Der Facebook-Auftritt führt sofort zu einer Karriereseite. Die Bewertungen bei Facebook drehen sich fast alle um das positiv empfundene Arbeitsklima.  

„Gassi-Tour“ für Mitarbeiterin mit Hund

Unternehmen, die schließlich Pflegefachkräfte gewonnen haben, stehen vor einer weiteren Herausforderung: Sie müssen ihre neuen Kräfte binden. Flexible Arbeitszeitmodelle sind dafür eine wichtige Basis. „Wir haben eine ,Mama-Tour’ eingerichtet“, sagt Afarsiou. „Sie startet, nachdem die Kinder in Schule oder Kindergarten gebracht worden sind, und endet zur Mittagszeit.“ Für eine Mitarbeiterin mit Hund richtete er eine „Gassi-Tour“ mit einer besonders langen Mittagspause ein. Afarsiou sah das pragmatisch: „Ich hatte die Wahl: Entweder ich ermögliche das Gassi-Gehen oder ich verliere die Mitarbeiterin.“

Diese 1 Prozent-Regelung für Firmenwagen hilft, Fachkräfte zu binden. Sie können die kleinen weißen Fahrzeuge in ihrer Freizeit nutzen. Den geldwerten Vorteil versteuern sie bei ihrer Einkommensteuererklärung.

Auch kleine Belohnungen für besonders engagierte Arbeit sind bis zu 44 Euro im Monat steuerfrei. „Wir zeigen unsere Wertschätzung über die „Wentland plus“ Karte, auf die wir kleine Beträge buchen. Mit ihr können Mitarbeiter shoppen, tanken oder essen gehen“, sagt Wentland.

Wer schlecht zahlt, ist raus

Bleibt ein Schlüsselthema: Die Bezahlung. Während in Talk-Shows häufig die Rede von der schlecht bezahlten Pflege ist, sehen die Pflegekräfte selbst die Situation etwas anders: „Wir werden im Vergleich zu anderen Berufen nicht schlecht bezahlt, doch es könnte besser sein“, sagt Afarsiou.
Sein Chef geht noch einen Schritt weiter: „Die Branche kann sich schlechte Löhne nicht mehr leis-ten. Wer schlecht zahlt, findet keine Fachkräfte“, meint Wentland.

Allerdings sieht er keine großen Spielräume: „Wir sind abhängig von den Kranken- und Pflegekassen.“ Erst wenn die Pflegesätze erhöht werden, sind höhere Löhne möglich. Das wiederum setzt die Bereitschaft in der Bevölkerung voraus, mehr in die Versicherungen einzuzahlen. Es läuft immer wieder auf die eine Frage hinaus: Was ist uns eine gute Pflege wert?

Ursula Katthöfer

Die komplette Titelgeschichte zur „Zukunft der Pflege – Wir können auch anders“ können Sie in dieser PDF ( (2.063 KB) lesen.
Sie enthält neben einem Interview mit Alexander Pröbstl (Vorstand Pflege- und Patientenservice des Universitätskrankenhauses Bonn) darüber, wie die Technik den Pflegealltag erleichtern und so Raum für mehr Menschlichkeit schaffen kann, auch Informationen für Unternehmen, wie sie pflegende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlasten bzw. unterstützen können.

Die Wirtschaft

Aktuelle Ausgabe

Ansprechpartner

Photo of Heiko  Oberlies

Tel.: 0228 2284-138
Fax.: 0228 2284-221
Photo of Dario  Thomas

Tel.: 0228 2284-148
Fax.: 0228 2284-224