IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Digitalisierung: Die künftigen Kompetenzanforderungen im Blick

Interview mit Professor Dr. Friedrich H. Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Bonn

Prof. Dr. Friedrich H. Esser, Institut für Berufsbildung (BIBB)Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser kennt die duale Berufsausbildung aus eigener Anschauung: Der 59-jährige Diplom-Kaufmann und Wirtschaftspädagoge absolvierte einst eine Bäckerlehre in Grevenbroich, bevor er über den „zweiten Bildungsweg“ das Abitur nachholte und studierte. Seit 2011 ist er Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. „Die Wirtschaft“ sprach mit ihm über Ausbildung in Zeiten des digitalen Wandels.

Die Wirtschaft: Herr Professor Esser, die Digitalisierung ist in vollem Gange, und mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) rollt bereits die zweite Welle der Digitalisierung an. Was bedeutet das für die Unternehmen?

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser: Diese zweite Welle der Digitalisierung, ausgelöst durch KI, wird das Veränderungstempo der Arbeitswelt noch einmal erhöhen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich Berufsprofile und Fachkräftebedarfe beschleunigt verändern. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die gemeinsam vom BIBB und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchgeführten Szenario-Rechnungen vom Herbst 2018 hinweisen. Laut einem darin enthaltenen „Wirtschaft 4.0-Szenario“ wird es im Jahr 2030, verglichen mit 2018, einerseits rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze nicht mehr geben. Andererseits werden bis 2030 durch die Digitalisierung aber auch knapp 2,8 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden sein. Und viele der anderen, fortbestehenden Arbeitsplätze werden sich verändern.

Was folgt daraus für die Aus- und Weiterbildung?

Für die Ausbildung bedeutet das, dass Berufe weiterentwickelt und zukunftsorientiert in der betrieblichen und schulischen Praxis umgesetzt werden müssen. Und für die Weiterbildung gilt, die Chancen der Digitalisierung, zum Beispiel durch den Einsatz digitaler Medien, zu einer umfassenden Neugestaltung zu nutzen, um auch künftig den Erhalt und die Weiter-entwicklung der beruflichen Handlungsfähigkeit während des gesamten Berufslebens abzusichern.

Wie müssen sich Aus- und Weiterbildung in Deutschland verändern, um den Herausforderungen gerecht zu werden?

Im vergangenen Jahr haben wir im BIBB eine neue Veranstaltungsreihe eingeführt, den „Denkraum“. Gemeinsam mit Ausbildungsverantwortlichen aus der Praxis haben wir „in die Zukunft geschaut“ und diskutiert, was sich in der Berufsbildung ändern muss. Übereinstimmender Tenor war: Aus- und Weiterbildung müssen stärker individualisiert und auf die Ausgangsvoraussetzungen der einzelnen Lernenden angepasst werden. Und: Aus- und Weiterbildung müssen mehr vom Ziel ausgehend geplant und gestaltet werden. Das heißt: Man muss die künftigen Kompetenzanforderungen stärker im Blick haben. Beides unterstreicht die Schlüsselrolle des Bildungspersonals.

Stichwort Ausbildungsordnungen: Es dauert ja stets einige Zeit, bis ein Beruf neugeordnet ist und „ins Rennen geht“. Welche Möglichkeiten haben Unternehmen denn unterhalb dieser Schwelle, um in der Ausbildung auf geänderte Rahmenbedingungen zu reagieren? Und muss nicht auch der Prozess der Anpassung von Berufen agiler werden?

Ausbildungsordnungen werden sicherlich auch künftig in eher größeren Zeitabständen aktualisiert. Was den Stand der Technik und die Prozessgestaltung angeht, finden sich in den Betrieben einfach zu große Unterschiede. Eine Ausbildungsordnung kann deshalb immer nur einen Rahmen schaffen. Es liegt in der Verantwortung der Betriebe und Berufsschulen, die Ausbildung der jeweiligen Situation angepasst zu gestalten. Diese Anpassungsprozesse müssen in der Tat agiler werden. Das heißt aber nicht, dass die Berufe im Zwei-Jahres-Rhythmus aktualisiert werden müssen, sondern dass betriebliche und schulische Ausbildungspläne ein regelmäßiges Update brauchen.

Einer der Pluspunkte unseres dualen Ausbildungssystems ist die bundesweite Einheitlichkeit der Berufe. Droht mit Zusatzqualifikationen, wie sie nun zum Beispiel in wichtigen Metall- und Elektroberufen vorgesehen sind, nicht eine Zwei-Klassen-Ausbildung? Werden Azubis in Ausbildungsbetrieben, in denen die Digitalisierung noch keine so große Rolle spielt, nicht abgehängt?

Das sehe ich nicht so. Zusatzqualifikationen sind ein Mittel zur Differenzierung der Ausbildung. Sie schaffen eine zusätzliche Basis für Spezialisierung und spätere Weiterbildung der künftigen Fachkräfte. Sie beinhalten die Möglichkeit, die Ausbildung zu modernisieren und zusätzliches Know-how in die Arbeitsprozesse einzubringen.

Wie gut ist denn das Ausbildungspersonal in Unternehmen und Berufsschulen auf den digitalen Wandel vorbereitet?

Ich muss zunächst anerkennen, dass die Digitalisierung nicht die einzige Baustelle ist, an der die Ausbildungspraxis gegenwärtig arbeitet. Es gibt bereits viele lobenswerte Beispiele, wo es gut klappt; es gibt aber auch Zurückhaltung und Vorsicht, und ich kann dies auch nachvollziehen. Von den guten Beispielen lernen wir aber, dass durch persönlichen Austausch, gegenseitige Wertschätzung und Inspiration durch Vorgesetzte, mehr Transparenz und gemeinsame Projekte in den Regionen und zwischen den Lernorten sich schon einiges mehr bewegen ließe.

Das BIBB hat nun im Auftrag des BMBF einen umfangreichen Überblick zur „Berufsbildung 4.0“ erarbeitet. Wie geht es weiter?

Es gilt, aus den Ergebnissen unserer Initiative die richtigen Schlüsse für eine zukunftsfeste Berufs-bildung zu ziehen und in konkrete Projekte und Programme umzusetzen. Zuvorderst geht es jetzt um die Qualifizierung des Ausbildungs-, Lehr- und Prüfungspersonals. Dazu werden wir verstärkt weiter an der Modernisierung unserer Ordnungsmittel für die Berufsbildung arbeiten.

Das Interview führte Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn

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