IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Kreativ durch den digitalen Wandel

Kultur- und Kreativwirtschaft

Kultur- und KreativwirtschaftElf Teilbranchen bilden zusammen die Kultur- und Kreativwirtschaft – von A wie Architektur bis W wie Werbewirtschaft. So vielseitig die Szene auch in Bonn und Rhein-Sieg ist – etwas haben die kleinen, mittleren und großen Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft gemeinsam: Sie alle stecken mitten im digitalen Wandel. Wie gehen sie damit um? Welche Chancen der Digitalisierung nutzen sie? Welchen Herausforderungen müssen sich die Unternehmen stellen? Eine Bestandsaufnahme.

Viele Wege führen zur Digitalisierung. Manche Firmen tun sich schwer damit, empfinden den nicht immer freiwillig eingeschlagenen Weg als lang und mühsam. Andere sehen vor allem die Chancen, stürzen sich förmlich auf die neuen Möglichkeiten, ihnen erscheinen die Wege eher kurz und unkompliziert. Walter Kucher zählt eher zu letzteren. Sein Weg zur Digitalisierung ist besonders kurz. Exakt 16 Stufen führen aus seiner kleinen analogen Welt in die digitale ein Stockwerk über ihm. Und er geht sie gerne, praktisch täglich.

Auf seiner hochwertigen Visitenkarte – gedruckt auf schwarzem 1.600-Gramm-Papier der Marke Gmund, einen Millimeter dick und von edler Haptik – stehen die entscheidenden Fakten: „Walter Kucher – Jünger der schwarzen Kunst“. Für Kenner ist sofort klar, was gemeint ist. Die anderen wenden das klei-ne Kärtchen, das übrigens auf ebener Fläche auch steht, und lesen „Hofgarten-Manufaktur – Feinster Druck aus Bonn“.

Betritt man die Hofgarten-Manufaktur durch den unscheinbaren Eingang an der Ersten Fährgas-se zwischen Hofgarten und Rhein, erschließen sich die Worte „schwarze Kunst“ und „Manufaktur“ sofort: Vor einem steht eine 68 Jahre alte Druckmaschine der Heidelberger Druckmaschinen AG. Sie arbeitet im Hochdruckverfahren, eine künstlerische Drucktechnik, die vergangenes Jahr von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde. Die Maschine ist ein Schmuckstück – und eindeutig museal.

Aber wir befinden uns nicht im Technikmuseum, sondern in einer kleinen Druckerei. Die Liebhaberstücke – zwei Meter weiter steht ein weiterer Druck-„Oldtimer“ – leben also und drucken zum Beispiel edle Visitenkarten wie die von Walter Kucher. Oder die eines Künstlers, der sich die fast drei Millimeter dicke, kunstvoll designte Karte fünf Euro das Stück kosten lässt und sie als limitierte Auf-lage nur besonderen Freunden und Geschäftspartnern überreicht; jede einzelne ist nummeriert.

Walter Kucher entwirft und fertigt auch hochwertige Hochzeitseinladungen oder Geschäftsberichte im Schuber, die das Herz aller Bibliophilen trotz nüchternen Inhalts höher schlagen lassen. Immer wieder erhält der gebürtige Österreicher Auszeichnungen für einzelne Produkte. Stolz ist er auch darauf, das Telekom-Magenta miterfunden und -entwickelt zu haben, wie er erzählt.

"Jünger der schwarzen Kunst": Walter Kucher (l.) und Jaromir Danoval"Jünger der schwarzen Kunst": Walter Kucher (l.) und Jaromir Danoval

Nur 16 Stufen, wie gesagt, trennen die kleine, feine Manufaktur von Jaromir Donovals Geschäftsräumen. Von außen – der Eingang liegt an der Adenauerallee – wirkt der Laden auf den ersten Blick wie ein Copyshop. Den hatte Donoval auch mal, doch viele Jahre und zwei, drei „Digitalisierungs-wellen“ später, wie er die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre nennt, konzentriert er sich ganz auf Digitaldruck. „Wir sind eines der modernsten Digitaldruckzentren in NRW“, sagt er. „Und punkten mit Möglichkeiten, die der herkömmliche Druck nicht bietet.“

„Schnelligkeit, Flexibilität, Druck und Konfektionierung von Unterlagen mit variierenden In-halten und Auflagen ab einem Stück – das macht der Digitaldruck alles möglich“, erklärt Donoval. Mit seiner „KOGES Druck-Center GmbH“ fertigt er für Kunden zum Beispiel technische Dokumentations- und Schulungsunterlagen, Periodika und Zeitschriften und weitere Drucksachen. Auch viele Werber zählen zum Kundenkreis.

Kucher schätzt die zusätzlichen Möglichkeiten des Digitaldrucks. Donoval ist begeistert von dem, was Kucher aus seinen alten Druckmaschinen herausholt. Deshalb führt Donoval nicht nur die Geschäfte bei KOGES, sondern ist auch Mitgeschäftsführer der Hofgarten-Manufaktur. „Wir arbeiten eng zusammen“, sagen beide, „um unseren Kunden das Beste aus zwei Welten zu bieten.“

„General-Anzeiger“: Die Reichweite ist so groß wie nie

Das ist auch der erklärte Anspruch des Bonner „General-Anzeigers“ (GA). Längst ist neben das gedruckte Wort – das übrigens per Digitaldruck zu Papier gebracht wird – das elektronische getreten. Im Herbst vergangenen Jahres feierte die Homepage ihr 20-jähriges Bestehen. „1998 ging es mit der Digitalisierung los, und seit der Jahrtausendwende nahm sie deutlich an Fahrt auf“, erzählt GA-Chefredakteur Dr. Helge Matthiesen. So sehr, dass viele Unternehmen, auch die Bonner Zeitungsdruckerei und Verlagsanstalt H. Neusser GmbH, die den GA herausgibt, den zunehmenden Fahrtwind deutlich zu spüren bekamen.

Blick in den Newsroom des Bonner "General-Anzeiger"Blick in den Newsroom des Bonner "General-Anzeiger"

Große Teile des Anzeigengeschäft wanderten von der gedruckten Ausgabe ins Internet – aber dort nicht in gleichem Maße zu den Zeitungen. Die sozialen Medien kamen auf, Smartphone und Tablet traten ihren Siegeszug an – und mittendrin Zeitungen wie der General-Anzeiger, der weiterhin gedruckt gefragt war und ist, zugleich jedoch auch als Online-Medium nicht mehr wegzudenken ist.

„Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als mitzugehen“, sagt Matthiesen. Vom E-Paper bis zur Nachrichten-App, von der Homepage bis zur Präsenz bei Facebook und Instagram bespielt die Redaktion alle Kanäle, auf denen die Menschen Nachrichten aus Bonn und der Region verfolgen wollen.

Die Zahlen rechtfertigen diese Strategie. Im Dezember 2018 zählte der GA 9,3 Millionen „Page Impressions“, Seitenaufrufe, eine Steigerung von 17,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der sogenannten Unique User wuchs im selben Zeitraum von einer Million auf 1,12 Millionen. Dagegen sinkt die Druckauflage langsam, aber kontinuierlich um vier Prozent pro Jahr.

Die Herausforderung für den Verlag: „Einerseits ist unsere Gesamtreichweite dank der steigenden digitalen Verbreitung so groß wie nie, andererseits lässt sich das Online-Geschäft, in das der Verlag viel Geld investiert, nach wie vor sehr schwierig monetarisieren“, erläutert Matthiesen. Dies ist ein wesentlicher Grund dafür, dass sich der Bonner Traditionsverlag einen starken Partner gesucht und ihn mit der Rheinischen Post Mediengruppe gefunden hat. Seit knapp einem Jahr ist die Düsseldorfer Mediengruppe nun Eigentümerin des General-Anzeigers.

Auch Rundfunkanbieter und Musikverlage sind dem digitalen Wandel unterworfen

„Die Kreativwirtschaft treibt den digitalen Wandel in Nordrhein-Westfalen enorm voran. Sie liefert sowohl kleinen und mittleren Unternehmen als auch großen Unternehmen Input für die Digitalisierung“, heißt es auf der Homepage des NRW-Wirtschaftsministeriums. Das mag stimmen. Doch muss sie sich auch selbst dem digitalen Wandel stellen. Manche schon seit längerem und umfassend, wie die Druck-, Verlags- und Zeitungsbranche, manche erst in jüngerer Zeit oder verhalten. Erfasst vom Wandel werden im Grunde jedoch alle Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft, wie unsere kleine Rundreise durch den IHK-Bezirk Bonn/Rhein-Sieg, die mit der Hofgarten-Manufaktur, KOGES und dem General-Anzeiger begann, zeigt.

Beispiel Rundfunk: „Digitale Transformation bedeutet Kultur- und Strukturwandel für jedes Unter-nehmen. Für die Deutsche Welle ist die Transformation zum digitalen Medienunternehmen eines der drei wichtigsten Unternehmensziele“, sagt Barbara Massing, Verwaltungsdirektorin des Senders mit Sitz im Bonner Bundesviertel sowie in Berlin. Von einem neuen Videoproduktionssystem über die Einführung von cloudbasierten Officeanwendungen für kollaboratives Arbeiten bis hin zu einem neuen Bewerbermanagement-Tool arbeitet die Deutsche Welle in allen Bereichen an der Umsetzung einer eigenen Digitalstrategie.

Studio der Deutschen Welle Studio der Deutschen Welle

Chefredakteurin Ines Pohl ergänzt: „Die Deutsche Welle sendet in 30 Sprachen. Viele unserer Zielregionen erreichen wir primär über Social-Media-Kanäle. Allein deshalb ist es für uns seit vielen Jahren gelebter Alltag, unsere journalistischen Inhalte multimedial aufzubereiten, und zwar so, dass sie am besten zu der jeweiligen Plattform für unterschiedliche Zielregionen passen.“

Beispiel Musikbranche: In Hennef hat die „Gothic Musikverlag und Studio GmbH“ ihren Sitz. Der Firmenname ist eher Insidern bekannt, die Namen von Künstlern, deren Songs Geschäftsführer Helmuth Rüßmann verlegt, kennen hingegen ganz viele: die Kölner Band Brings etwa, Anna-Maria Zimmermann oder – 20 Jahre lang – Wolfgang Petry.

Die Aufgabe des Musikverlags ist es, für die Verbreitung der Titel zu sorgen – auf allen Kanälen. Rüßmann sucht also Plattenfirmen, damit die Titel auf Schallplatte, CD und online zu den Fans gelangen. Und er sorgt dafür, dass möglichst viele Kapellen und Alleinunterhalter die Stücke spielen. Auch diese Variante gibt es: Ein Autor oder Komponist bietet dem Verlag einen Titel an – und Rüßmann sucht den passenden Interpreten dafür, stellt Demos her und macht den Titel publik.

Helmuth Rüßmann im Studio in HennefHelmuth Rüßmann im Studio in Hennef

Die Digitalisierung hat in der Musikbranche allerdings einiges auf den Kopf gestellt. Früher waren CDs die wichtigste Einnahmequelle für die Künstler und ihre Verlage. Doch der Markt ist eingebrochen. Immer mehr Titel werden online gestreamt, von Diensten wie „Spotify“, oder online heruntergeladen, etwa via „iTunes“.

„Dabei bleibt viel weniger Geld für die Künstler und Verlage übrig“, sagt Rüßmann. Nicht nur weil ein komplettes Album als Download in der Regel günstiger ist als eine Schallplatte oder CD. „Sondern weil sehr viele Leute nur Einzeltitel herunterladen statt des kompletten Albums“, erläutert Rüßmann. Also fließen auch nur Tantiemen für einzelne Stücke.

Doch auch in Zeiten der Digitalisierung bleibt eine wichtige analoge Einnahmequelle – sie hat an Bedeutung sogar noch zugenommen: Live-Konzerte. „Viele Menschen suchen das Erlebnis und sind heute bereit, bis zu 100 Euro und mehr für eine Konzertkarte zu zahlen“, erzählt Rüßmann, „das wäre bis vor einigen Jahren undenkbar gewesen.“

Das Verlegen von Musik ist also schwieriger und mühsamer geworden. Wie kommt Gothic dennoch über die Runden? „Indem wir die Trefferquote möglichst hoch halten“, lacht Rüßmann. Man müsse stärker als früher aussieben, ein Gespür für Erfolgstitel haben. „Wenn der Song richtig gut ist, wird er unablässig gespielt und gestreamt – und dann geht die Rechnung am Ende auf.“

Kino in Wachtberg profitiert von der Digitalisierung

Von Hennef wechseln wir auf die andere Rheinseite, bleiben aber im Rhein-Sieg-Kreis. In Adendorf, das zu Wachtberg gehört, eröffneten Rudi Knorr und seine Frau Ille im November 2007 in einer ehemaligen Töpferei das „Drehwerk“. Es ruht auf drei Säulen: einem Kinosaal mit 45 Plätzen, einer Kleinkunstbühne mit 50 Plätzen und einem Restaurant, ebenfalls mit 50 Plätzen. Das Kino-Konzept: „Guter Mainstream plus Programmkino“, sagt Rudi Knorr. Vor-stellungen gibt es an allen sieben Tagen, bei vielen ist der Saal voll. Insgesamt liegt die Auslastung bei rund 60 Prozent, was laut Knorr reicht, um schwarze Zahlen zu schreiben.

Kleinkunstbühne und Kinosaal im "Drehwerk", WachtbergKleinkunstbühne und Kinosaal im "Drehwerk", Wachtberg

Ein erfolgreiches Kino auf dem Land? „Vor der Eröffnung haben wir Studierende beauftragt, in Meckenheim und Berkum die Menschen zu befragen, was sie von einem Kulturangebot in Wachtberg halten würden“, erzählt Knorr, „und heraus kam: Die Menschen fänden das toll.“ Zwölf Jahre nach der Eröffnung geben ihm die Besucherzahlen immer noch recht.

Und wie ist das mit der Digitalisierung, Herr Knorr? „Ehrlich gesagt: Gut!“ lautet die vielleicht etwas überraschende Antwort. „Die Digitaltechnik bietet zum Beispiel große Vorteile bei der Vorführung des Films“, erklärt der Kinobetreiber, „das Handling ist viel einfacher, wir brauchen keinen Vorführer mehr.“

Allerdings sorgt die Digitalisierung auch dafür, dass vielen Kinos jüngere Zuschauer abhandenkommen, weil sie stattdessen verstärkt auf Onlinespiele oder Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime zugreifen. „Das betrifft uns aber nicht so stark“, sagt Knorr. Der Unternehmer profitiert noch auf andere Weise von der Digitalisierung, nämlich mit seiner zweiten Firma „Knorrwerbung GmbH“. Sie hat sich auf Kinowerbung für lokale Unternehmen spezialisiert.

„Früher rümpften viele Kinobesucher die Nase, wenn Lokalwerbung über die Leinwand flimmerte“, sagt Knorr, „denn sie war oft nicht gut gemacht.“ Mit der Digitalisierung gebe es nun aber ganz andere Produktionsmöglichkeiten bei gleichzeitig viel geringeren Kosten. So gebe es beispielsweise im Internet Datenbanken mit fertigen Szenen, die man einkaufen und in die eigene Produktion eines Werbespots integrieren könne.

Auch der Kunstmarkt profitiert von der Digitalisierung

Zurück in Bonn. Ein Besuch in der „UPdate GALLERY UG“ in der Nordstadt. Der Kunstmarkt zählt ebenfalls zu den elf Teilbranchen der Kultur- und Kreativ-wirtschaft – und ist in Sachen Digitalisierung, anders als Film, Rundfunk und Verlage, doch bestimmt unverdächtig?!

„Ganz im Gegenteil“, sagt Galeristin Wendy Hack, „ohne Digitalisierung würde die Galerie nicht funktionieren.“ Wie das? „Weil ich von Vernetzung lebe.“ Sie ist auf Facebook und Instagram aktiv, hat sogar eigens eine Werkstudentin beschäftigt, die eine neue Website kreiert hat, und nutzt für den Austausch mit China auch das dortige soziale Medium „We Chat“. „Der Kontakt zu Künstlerinnen und Künstlern in aller Welt sowie meinen bestehenden und potenziellen Kunden ist sehr, sehr wichtig für mich“, betont die Galeristin. Insofern seien die Möglichkeiten der Digitalisierung auf diesem Gebiet ein Teil ihres Geschäftsmodells.

Die Galeristin Wendy HackDie Galeristin Wendy Hack

Wendy Hack präsentiert und vermarktet mit ihrer Galerie Künstlerinnen und Künstler, von denen sie persönlich überzeugt ist: 40 Prozent asiatische Kunst, 60 Prozent Kunst aus dem Rheinland, Deutschland und Europa. Zudem bringt sie Kunst in Unternehmen und präsentiert sie auf Messen und bei Events im Ausland.

Das alles geht nicht mehr ohne digitale Kommunikation. Aber auch nicht ohne reale Galerieräume. „Das ist mein Showroom und meine Visitenkarte“, betont die geborene Australierin, die auch selbst als Künstlerin und freie Kuratorin aktiv ist. Zwar baue sie gerade einen Online-Shop auf, doch sei es sehr schwer, Kunst im Internet zu verkaufen. „Sehen Sie sich um: Im Grunde verkaufe ich Emotionen“, sagt sie, „und das geht persönlich, hier in den Räumen, viel besser als online.“

Digitalisierung verändert die Art, wie wir arbeiten

Die Digitalisierung verändert nicht nur Kommunikation und Geschäftsprozesse. Nach Einschätzung vieler Expertinnen und Experten verändert sich durch sie auch die Art und Weise, wie die Menschen arbeiten. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über Themen wie „Arbeiten 4.0“ oder „New Work“ berichten (siehe dazu auch unser Interview).

„Das Bewusstsein dafür, dass sich Arbeitsstrukturen ändern müssen, scheint stärker zu werden“, schreiben im Februar die New-Work-Expertinnen Lea Böhm und Friederike Euwens in einem Beitrag für das Magazin „Capital“. „Was Start-ups und mittlerweile auch verstärkt größere Unternehmen begriffen haben ist, dass die Arbeit in klassischen hierarchischen Strukturen immer öfter an ihre Grenzen stößt.“

Melanie und Holger Vogel haben diese Grenzen schon vor längerer Zeit hinter sich gelassen. „New Work, Vertrauensarbeitszeit, Home-Office, Führen auf Distanz, agile Arbeitsmethoden, virtuelle Jour-Fixes – all das leben und probieren wir seit Ende 2003“, sagt Melanie Vogel. Fünf Jahre davor hatte sie mit ihrem Mann die „AGENTUR ohne NAMEN GmbH“ in Köln gegründet, 2008 verlegten die beiden den Firmensitz nach Bad Godesberg. Die Agentur berät Unternehmen in Sachen Recruiting, Arbeitgeberattraktivität, Weiterbildung und Personalentwicklung.

2004 kam ihr Sohn zur Welt – und beide wollten sich um die Erziehung kümmern. Also arbeiteten sie fortan Vollzeit im Home-Office. „Dass die Chefs nicht immer präsent sind, war für unsere damaligen Beschäftigten zunächst gewöhnungsbedürftig“, gibt Melanie Vogel zu. Die gleichen Freiheiten bot sie auch den Angestellten an. Nicht alle wollten diese Flexibilität, manche kündigten in der Folgezeit. „Dafür kamen neue Leute hinzu, die sich darauf einlassen wollten und unser Modell spannend fanden“, erzählt die Unternehmerin.

Die Agentur von Holger und Melanie Vogel arbeitet komplett agilDie Agentur von Holger und Melanie Vogel arbeitet komplett agil

Heute besteht die Agentur aus sieben Leuten, die projektweise mitarbeiten. „Seit dem Umzug nach Bad Godesberg arbeiten wir komplett agil“, erläutert Vogel. Das Team sei in Deutschland verstreut, einer arbeite sogar als „virtueller Assistent“ von Bulgari-en aus. Über Skype tauschen sie sich untereinander aus, wann immer das erforderlich ist, außerdem gibt es Teamchats in den einzelnen Projektgruppen. Ein-mal pro Woche gibt es via Skype zudem einen Jour-fixe fürs gesamte Team. Auf alle Dokumente, Tools und das CRM-System können die Projektmitglieder mobil zugreifen.

„Agilität heißt für uns Flexibilität im Denken und Handeln“, sagt Melanie Vogel, „und das funktioniert nur, wenn alle im Team größtmögliche Eigenverantwortung haben.“ Sie und ihr Mann hätten dafür lernen müssen, sich zurückzunehmen und diese Selbstständigkeit auch zuzulassen. „Außerdem müssen wir akzeptieren, dass andere Menschen die Dinge auch anders angehen. Für uns bedeutete das, auch Fehler zulassen zu können“, betont sie. „Klar ist: Diese Art zu arbeiten muss man erst lernen, und sie erfordert hohe Transparenz und großes Vertrauen.“

New Work in Beuel: Eigenverantwortung, Transparenz, Entscheidungsfreiheit

Das würde Christian Ohler sicherlich unterschreiben. Mit ihm und der „i22 Digitalagentur GmbH“ in Beuel beenden wir unsere Digitalisierungsrundreise durch die Szene der Kultur- und Kreativwirtschaft in Bonn/Rhein-Sieg.

i22 wurde 1997 gegründet, firmierte zwischen-zeitlich als Internet- und heute als Digitalagentur. „Digitalisierung – und damit das, was wir tun – ist weit mehr als Internet und Websites“, erklärt der Unter-nehmer. i22 produziert für die Kunden Anwendungen, die für ihr Geschäftsmodell benötigt werden. Das hat natürlich viel mit Internet zu tun, aber eben nicht nur.

„Es geht generell um die Veränderung von Geschäfts-prozessen, nicht nur im Zusammenhang mit Kunden, sondern auch intern“, erläutert er und nennt als Beispiel eine Software, die sein Unternehmen für einen Konzern entwickelt hat, der darüber sämtliche Firmen- und Kundenevents intern organisiert und steuert. Die Digitalagentur entwickelt für Kunden aber auch Online-shops und betreut ihre Plattformen im Internet, zum Beispiel die Seite „telekom.de“.

Jan Linketscher (l.) und Christian Ohler, Geschäftsführer der "i22 Digitalagentur GmbHJan Linketscher (l.) und Christian Ohler, Geschäftsführer der "i22 Digitalagentur GmbH

Digitalagentur ist man aber auch in eigener Sache. „Alles was wir tun und wie wir zusammenarbeiten soll möglichst digital sein, sonst würde es nicht zu uns passen“, lautet Ohlers Credo. Technisch heißt das: Bei i22 greifen die inzwischen rund 100 Beschäftigten auf eine selbst entwickelte Software zu, mit der die gesamte Arbeit organisiert wird. Sie gibt laufend Auskunft über den Stand sämtlicher Projekte sowie die Budgets, über die Budgets – und darüber, ob ein Projekt noch profitabel ist. „Unsere Zusammenarbeit und unser Wissens-management sind komplett softwarebasiert, alle können von überall zugreifen“, sagt der Unternehmer.

Bei „New Work“ geht es aber nicht um Technik, diese ist allenfalls ein Hilfsmittel. „Auf einem dynamischen Wachstumsfeld wie dem unsrigen kann man sich als Unternehmen nur noch erfolgreich bewegen, wenn man herkömmliche Strukturen hinter sich lässt“, ist Ohler überzeugt. Deshalb übernimmt jedes Team selbst die Verantwortung dafür, wie es zum Ziel kommt. „Teams müssen autonom handeln können, ohne Direktiven“, findet Ohler. Transparenz, Entscheidungsfreiheit, selbstorganisiertes Arbeiten sind bei i22 an der Tagesordnung.

Dahinter steht ein Paradigmenwechsel. „Jeder im Team soll erst mal selbst machen – und nur dann weitere Experten hinzuziehen, wenn man wirklich nicht weiterkommt“, erläutert Ohler. Es gibt keine zentralen Freigabeprozesse und keine engen Kontrollen mehr. Und noch etwas gilt bei i22 nicht mehr: dass Arbeitszeit an sich schon eine Leistung ist. „Die Leistung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steckt in dem Produkt, das am Ende herauskommt“, stellt Ohler klar. „Ob sie morgens oder abends, im Home-Office oder hier im Büro dahin gekommen sind, ist zweitrangig.“

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn

7. IHK-Branchentreff Kreativwirtschaft NRW

Die Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen laden Unternehmen aus der Kreativbranche am
Donnerstag, 27. Juni 2019, ab 15:00 Uhr
zum 7. IHK-Branchentreff Kreativwirtschaft NRW ein.

Dieses Jahr findet er erstmals im IHK-Bezirk Bonn/Rhein-Sieg statt – Veranstaltungsort ist das BaseCamp Bonn, In der Raste 1, 53129 Bonn.

Der Branchentreff bietet eine Plattform, um sich untereinander - mit anderen Kreativunternehmen aus NRW, aber auch aus anderen Branchen - zu vernetzen und voneinander zu lernen. Thema ist New Work und die aktuellen Veränderungen in der Kreativwirtschaft - etwa im Bereich Digitalisierung.

Impulsgeber ist Stephan Grabmeier, Chief Innovation Officer bei der Kienbaum Consultants International GmbH, Köln. Weitere Infos und Anmeldung unter www.ihk-bonn.de | Webcode 6492237, oder bei Rebekka Griepp, Telefon 0228 2284-186, E-Mail griepp(at)bonn.ihk.de.

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