IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Kunststoff: Wohin die Reise geht

Kunststoffabfälle reduzieren und recyceln

Kunststoff - mehr als nur PlastikEinwegplastik-Produkte machen 70 Prozent der Müllberge in den Ozeanen aus. Die EU-Kommission hat eine Strategie formuliert, um Kunststoffabfälle zu vermeiden und zu recyceln. „Die Wirtschaft“ berichtet, wie die Kunststoffindustrie in Bonn/Rhein-Sieg mit dieser Herausforderung umgeht.

In Halle 3 der Kautex Maschinenbau GmbH in Bonn-Holzlar wartet eine Blasformmaschine der Baureihe KBB auf ihren Transport zum Kunden. Den Testlauf in dessen Anwesenheit hat sie bestanden, der Geruch von Kunststoff liegt noch in der Luft. Das Produktionsprinzip: Der Extrusionskopf der Maschine formt vier zähflüssige Schläuche aus transparentem Kunststoff, die zu Flaschen für Flüssigwasch-mittel aufgeblasen werden. Auch Shampoo- und Ketchup-Verpackungen sowie viele andere Hohl-körper lassen sich mit dieser Maschine produzieren.

„Wir haben die KBB-Blasformmaschinen 2013 vorgestellt. Sie sind besonders energieeffizient, vergleichbar mit einem Kühlschrank der Kategorie A+++“, sagt Andreas Lichtenauer, Managing Partner des Unternehmens. Die Kunden forderten immer wieder Innovationen, um Kosten bei Energie- und Rohstoffeinsatz zu sparen.

Eine Chance für den Industriestandort Deutschland

Nun stellt die EU-Kommission die Kunststoffbranche vor neue Herausforderungen: Mit ihrer Strategie zur Vermeidung von Plastikmüll setzt die EU auf einen Dreiklang, um die Verschmutzung der Meere zu stoppen, Ressourcen zu sparen und den CO2-Ausstoß zu verringern. Dazu werden Wegwerfprodukte wie Einwegteller und Trinkhalme verboten und Einmalprodukte mit Kunststoffgehalt wie z.B. Feuchttücher gekennzeichnet. Ein zentraler Punkt ist, Hersteller an den Kosten für die Sammlung und Verwertung von Kunststoffprodukten zu beteiligen. Ziel: Weniger Kunststoffmüll, mehr Wiederverwertung und Recycling.

Rohstoffarme EU-Länder  brauchen Recycling

Bisher erzeugen die Europäer pro Jahr 25 Millionen Tonnen an Kunststoffabfällen, von denen der-zeit weniger als 30 Prozent für das Recycling gesammelt werden. Karl-Heinz Florenz, MdEP der CDU, betrachtet diesen relativ niedrigen Anteil als wirtschaftlichen Verlust. „Durchschnittlich gehen rund 95 Prozent des Wertes von Plastikverpackungen verloren, dies entspricht 105 Milliarden Euro pro Jahr. Unser Ziel muss es sein, die Recyclingqualität und die Wirtschaftlichkeit von Plastik zu verbessern.“ Die rohstoffarmen EU-Länder seien auf das Recycling angewiesen.

Andreas Lichtenauer, Managing Partner der Kautex Maschinenbau GmbHAndreas Lichtenauer, Managing Partner der Kautex-Maschinenbau GmbH

„Kautex sieht in der neuen EU-Strategie eine Chance für den Engineering-Standort Deutsch-land“, sagt Lichtenauer. Innovationen sind gefragt. Denn die Verarbeitung von Post Consumer Regrind (PCR), also von Recyclingmaterial, ist schwieriger als die von Rohmaterial. Grund sind schwankende Materialeigenschaften, unter anderem durch Verunreinigungen und verschiedene Kunststofftypen.
Lichtenauer: „Unsere Maschinen können auch dieses Material gut verarbeiten. Gefordert sind den-noch Innovationen, um die Prozess-Stabilität zu verbessern und Geruchsentwicklung sowie Material zu reduzieren.“

Doch es geht nicht nur darum, Rohmaterial durch PCR zu ersetzen. Das Material soll außerdem sparsam verwendet werden. Kautex nutzt dazu Technologien, um Kunststoff aufzuschäumen. Ergebnis sind z.B. Kanister, die nicht mehr aus massivem Kunststoff produziert werden. Stattdessen bestehen sie aus drei Schichten. Die jeweils dünne Außen- und Innenschicht sind massiv, die dickere Mittelschicht besteht aus aufgeschäumtem Material. So kann bis zu 20 Prozent Material gespart werden.

Troisdorf hat ein Herz aus Kunststoff

„Die Kunststoff-Branche gehört zu den Pfeilern der Wirtschaft in unserer Region“, sagt Dr. Rainer Neuerbourg, Leiter des Bereichs Innovation und Umwelt der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Ohne Kunststoff sähe unsere Welt ganz anders aus: Fußballstadien hätten keine Sitzschalen, Autos würden deutlich mehr wiegen. Fleisch bliebe kürzer frisch, Arztpraxen müssten Spritzen aus Glas aufwendig desinfizieren.“ Etwa 20 Prozent des deutschen Kunststoff-umsatzes werden in NRW produziert, jeder fünfte Arbeitsplatz hängt davon ab.

Allein in Troisdorf sind 60 Unternehmen der Kunststoff-Industrie angesiedelt. „Troisdorf hat ein Herz aus Kunststoff, ausgehend von den Innovationen der ehemaligen Dynamit Nobel. Das erste Kunststoff-Fensterprofil der Welt, der weltweit erste PVC-Bodenbelag und eine der ersten Kegelkugeln wurden in der Stadt erfunden“, sagt Thomas Zacharias, Geschäftsführer der Troisdorfer Wirtschaftsförderungsgesellschaft TROWISTA. Sie richtete das Kompetenzzentrum Kunststoff (www. kompetenzzentrum-kunststoff.de) ein, um die regionalen Unternehmen zu vernetzen.

Eines von ihnen ist die Karodur GmbH. Sie produziert seit 2002 Platten aus Verbundstoffen wie PVC und Polypropylen (PP), faserverstärkt mit diversen Materialien wie Kohlen- und Glasfaser. Das Unternehmen bietet seit 2017, deutlich vor der EU-Strategie zur Plastikvermeidung, Bioplatten an.

„Wir arbeiten gemeinsam mit dem Forschungsbereich Nachwachsende Rohstoffe der Universität Bonn an Platten aus Miscanthus. Dieses Schilfgras kann ohne die Zugabe von weiteren Stoffen zu Platten gepresst werden, die bessere Eigenschaften als Spanplatten haben“, sagt Ulrich Hensellek, Geschäftsführer bei Karodur. Er sieht zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten für die unterschiedlich geformten Platten aus Schilf. Sie könnten z.B. bei Warmhaltebehältern das Styropor ersetzen, seien zur Verpackung von Lebensmitteln unbedenklich und würden sich für den Bau eignen.

Ulrich Hensellek, Geschäftsführer der Karodur GmbH

 

Ulrich Hensellek, Geschäftsführer der Karodur GmbH

Zur Produktion nutzt Karodur die Maschinen, mit denen bisher Platten aus Verbundstoffen hergestellt wurden. Hensellek: „Die Technologie ist vergleichbar. Wir können den Kunststoff zurückdrängen.“ Das Interesse an seinen Bioplatten sei groß. Im Deutschen Museum in Bonn stellte er sie bereits vor. Von mehreren internationalen Symposien kamen Anfragen, ob er über die neue Technologie berichten könne.

Mehr Bioplastik muss nicht mehr Klimaschutz bedeuten

Allerdings hat auch Bioplastik aus nachwachsenden Rohstoffen zwei Seiten: Einerseits entnehmen Mais, Weizen oder Zuckerrohr für ihr Wachstum Kohlendioxid aus der Luft. Die Herstellung von Biokunststoffen verbraucht genauso viel CO2 wie später bei ihrer Verbrennung oder Verrottung wieder frei wird – eine ausgeglichene Klimabilanz. Andererseits benötigt Bioplastik landwirtschaftliche Flächen, um angebaut zu werden. Und die sind auf der Erde knapp.

Dr. Neus Escobar, Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität BonnDr. Neus Escobar, Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität Bonn

„Global gesehen könnten zum Beispiel vermehrt Waldflächen zu Ackerland umgewandelt werden“, sagt Dr. Neus Escobar vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität Bonn. Diese veränderte Landnutzung würde den Klimawandel verstärken, so die Wissenschaftlerin: „Wälder binden erheblich mehr Kohlendioxid als etwa Mais oder Zuckerrohr, schon allein auf-grund ihrer größeren Biomasse.“ Mehr Bioplastik führe demnach nicht zwingend zu mehr Klimaschutz. Dieser Effekt sei keine theoretische Spekulation, wie die Erfahrungen mit Biokraftstoffen zeigten. Die steigende Nachfrage nach der „grünen“ Energiequelle hätte in manchen Ländern massive Waldrodungen zur Folge gehabt.

Auch die Hoffnung, dass durch Bioplastik die Vermüllung der Weltmeere abnehme, müsse sich nicht erfüllen. Kunststoffe aus Pflanzen seien nicht automatisch leichter abbaubar als solche aus Erdöl, betont Escobar. „Bio-PE und Bio-PET verrotten genauso schlecht wie ihre Pendants auf Erdöl-Basis.“ Die Forscherin empfiehlt daher eine andere Strategie: Einen materialsparenden Umgang mit Plastik und ein möglichst vollständiges Recycling.

Ursula Katthöfer,  freie Journalistin, Bonn

Merkblätter und IHK-Eco-News

Die Abteilung Innovation und Umwelt der IHK Bonn/Rhein-Sieg berät und informiert zu allen Fragen rund um die EU-Strategie zur Plastik-vermeidung und das neue Verpackungsgesetz. Sie gibt Merkblätter zum Download heraus.
Ferner organisiert sie Veranstaltungen zu Innovation, Umwelt, Energie und Klimaschutz. Aktuelle und ausführliche Informatio-nen aus Europa, Bund und Land sind im Newsletter IHK-Eco-News gebündelt. Abonnement unter www.ihk-bonn.de | Webcode 3352

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