IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


„Leider werden die enormen Leistungen unserer Prüferinnen und Prüfer häufig unterschätzt“

Interview Dr. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des DIHK

Dr. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des DIHKBundesweit sind allein bei den IHKs mehr als 150.000 ehrenamtliche Prüferinnen und Prüfer in über 30.000 Prüfungsausschüssen tätig. Ihre gesetzlich verankerte Arbeit ist ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Doch nicht nur Prüfer arbeiten ehrenamtlich in der IHK-Organisation. Über den Stellenwert des Ehrenamtes sprach „Die Wirtschaft“ mit Dr. Martin Wansleben, seit 2001 Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

Wie stark werden der DIHK und die IHK-Organisation vom Ehrenamt geprägt?

Ehrenamtliches Engagement hat bei IHKs wie DIHK zentrale Bedeutung. Wir leben von der Mitarbeit der Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihre Erfahrungen aus dem unternehmerischen Alltag in die gemeinsame Arbeit einbringen. Durch die Wahlen der Vollversammlungsmitglieder legen sie mittelbar und als gewählte Mitglieder der Vollversammlung unmittelbar den Kurs und die Inhalte der IHKs vor Ort fest.

Die Mehrheit der Vollversammlungs- und Präsidiumsmitglieder kommt dabei aus kleinen und mittleren Unternehmen und spiegelt letztlich die für Deutschland typische mittelständische Wirtschaftsstruktur wider. Insgesamt engagieren sich in den Vollversammlungen der 79 IHKs über 5.000 Unternehmer und – auch immer mehr – Unternehmerinnen.

Daneben gibt es viele weitere Mitwirkungsmöglichkeiten in IHK-Ausschüssen wie dem Berufsbildungsausschuss, in Arbeitskreisen oder als Prüfer. Insgesamt engagieren sich weit über 200.000 Personen ehrenamtlich in unserer Organisation. Stärkste Säule sind die mehr als 150.000 Prüferinnen und Prüfer. Sie sind das Rückgrat der Beruflichen Bildung.

Allein bei den Industrie- und Handelskammern führen sie jährlich mehr als 600.000 Zwischen- und Abschlussprüfungen in der Ausbildung, mehr als 60.000 Prüfungen in der Höheren Berufsbildung und über 70.000 Ausbildereignungsprüfungen durch. Und auch bei uns im DIHK hat das Ehrenamt eine zentrale Bedeutung.

In der DIHK-Vollversammlung sind die Präsidentinnen und Präsidenten aller IHKs vertreten und wählen den DIHK-Präsidenten als obersten Repräsentanten der deutschen gewerblichen Wirtschaft. Zudem hat der DIHK 16 Fachausschüsse, in denen viele IHK-Mitglieder ihre Expertise aus der unternehmerischen Praxis einbringen.

Die Leistung der Prüfer wird öffentlich kaum wahrgenommen. Was machen DIHK und IHK-Organisation, damit dieses Ehrenamt stärker gewürdigt wird?

In Deutschland engagieren sich mehr als 20 Millionen Menschen ehrenamtlich in den unterschiedlichsten Bereichen, sei es in Sportvereinen, bei der freiwilligen Feuerwehr, in der Sozialarbeit oder bei der Integration von Geflüchteten. Viele dieser Tätigkeiten befinden sich im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung.

Leider werden die enormen Leistungen unserer Prüferinnen und Prüfer häufig unterschätzt. Das müssen wir dringend ändern. Schon seit langem führen die IHKs Prüferehrungen durch, verleihen Urkunden oder Goldene Ehrennadeln. Sie veranstalten Prüferkongresse, geben Prüfer-Newsletter, Prüferausweise, Flyer oder Broschüren heraus und bieten Fortbildungen an.

Seit 2014 küren rund 300 von den IHKs entsandte Prüfer aus allen Regionen Deutschlands Siegerprojekte bei der Verleihung des IHK-Bildungspreises in Berlin. Ganz neue Maßstäbe hat die Teilnahme des Bundespräsidenten, seiner Ehefrau und von Spitzenvertretern der Wirtschaft, der Gewerkschaften und der Kultusministerkonferenz am Tag der Prüfer im Frühjahr 2018 gesetzt.

In der von der IHK Düsseldorf organisierten Veranstaltung ehrte der Bundespräsident langjährige Prüfer und würdigte so stellvertretend die enormen Verdienste des Prüfer-Ehrenamtes in der gesamten Republik. An solche Veranstaltungen mit hoher Wirkung in Öffentlichkeit und Medien wollen wir anknüpfen.

Der Fachkräftemangel und der steigende Zeitdruck am Arbeitsplatz erschweren es, neue Prüfer zu finden. Was tun DIHK und IHKs dagegen?

Belobigungen und Auszeichnungen allein reichen nicht, um Prüfer zu halten und neue zu gewinnen. Wir müssen ihnen auch Lasten von den Schultern nehmen, die in den vergangenen Jahren immer schwerer geworden sind.

Die aktuelle Novelle des Berufsbildungsgesetzes – richtig gemacht – bietet dazu eine große Chance. Die IHK-Prüfungen sind in den vergangenen Jahren immer aufwändiger geworden, vor allem durch anspruchsvolle Prüfungsverfahren und erhöhten Bewertungsaufwand. Historisch gewachsene, nun aber unzeitgemäße und realitätsfremde Vorschriften geben den einzelnen Mitgliedern der Prüfungsausschüsse nur noch geringe Spielräume.

Wir setzen uns daher bei Bundesregierung und im Parlament dafür ein, die abschließende Bewertung schriftlicher Prüfungsleistungen durch zwei fachkundige Ausschussmitglieder zu ermöglichen und das dritte Ausschussmitglied damit zu entlasten. Wir könnten so die knappen Prüferressourcen schonen und eine sinnvolle Arbeitsteilung innerhalb der Prüfungsausschüsse organisieren.

Vielen Dank!

Das Interview führte Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

Strategiepapier

Mit dem Strategiepapier „Prüferehrenamt stärken – Berufliche Bildung sichern“ (PDF; 1,3 MB) will der Bildungsausschuss des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) dieses Ehrenamt wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken. Das 14-seitige Papier liefert Hintergründe, Herausforderungen und Handlungsfelder.

Die Wirtschaft

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