IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Nachhaltigkeit treibt das Wachstum an

Von New York nach Meckenheim

© E. MantouvalouNachhaltigkeit ist schon lange kein Modethema mehr. Viele Unternehmen haben erkannt, dass faire Arbeitsbedingungen, ressourcenschonende Lieferketten und umweltfreundliche Produktionsverfahren Vorteile bringen: Wettbewerbs-, Image- und Kostenvorteile. Das Interesse der Unternehmen steigt von Tag zu Tag.

Im September 2015 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen 17 nachhaltige Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, kurz SDGs). Mit der Agenda 2030 haben die Diplomaten sich viel vorgenommen: Wirtschaftlichen Fortschritt soll es weltweit nur noch im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Integration geben. Mit dem Raubbau an der Natur müsse Schluss sein. Stattdessen seien Ressourcen nur so zu nutzen, wie sie auf natürliche Weise nachwachsen können.

Was das für die Wirtschaft heißt, bringt Nummer 8 der SDGs auf den Punkt: „Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit für alle“. Nun ist es eine Sache, was UN-Diplomaten in New York beschließen und eine ganz andere Sache, was schließlich bei den Menschen in Städten und Dörfern ankommt. Widersprüche entstehen. Denn wie soll die Wirtschaft wachsen, wenn Ressourcen zu schonen sind? Diese Zielkonflikte mögen an den Konferenztischen der UN noch lösbar scheinen. Zu welchen Auseinandersetzungen sie tatsächlich führen können, zeigt das Beispiel Hambacher Forst.

Dennoch schreiben sich zunehmend mehr Unternehmen auf die Fahnen, das Klima aktiv zu schützen, Menschenrechte einzuhalten und faire Arbeitsbedingungen zu schaffen. Sie orientieren sich an den SDGs, die die Bundesregierung über die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie umsetzen will. „Wir spüren bei den Unternehmen ein wachsendes Interesse, Ökologie und Ökonomie miteinander zu verzahnen“, sagt Michael Pieck, Pressesprecher der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Ökolabel für Hotels in Bonn/Rhein-Sieg

So tragen in Bonn/Rhein-Sieg inzwischen 35 Hotels und Restaurants das Zertifikat „Partner of Sustainable Bonn“. Sie zeigen mit diesem Ökolabel, dass sie sich für Nachhaltigkeit engagieren, sozial handeln und gleichzeitig wirtschaftlich denken. „Das beginnt beim Abfallmanagement, geht über ressourcenschonende Heiz- und Beleuchtungstechnik und endet noch lange nicht bei regionalen Zutaten für die Küche“, sagt Udo Schäfer, Geschäftsführer der Tourismus & Congress GmbH Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler (T&C). Sie hat Sustainable Bonn 2006 ins Leben gerufen.

Udo Schäfer, Geschäftsführer der Tourismus & Congress GmbH Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler (T&C)Udo Schäfer, Geschäftsführer der Tourismus & Congress GmbH Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler (T&C)

„Bonn als UN-Stadt und Sitz von zahlreichen Nicht-Regierungsorganisationen ist Vorreiter bei nachhaltig handelnden Hotels und Restaurants“, meint Schäfer. Auch er geht davon aus, dass die Nachfrage zu umwelt- und klimafreundlichen Betrieben in Zukunft steigen wird. Das Ökolabel, das seit diesem Jahr auch von der Deutschen Hotelklassifizierung anerkannt wurde, schaffe seinen Trägern Wettbewerbsvorteile. (www.bonn-region.de)

Nachhaltige Lieferketten sind gefragt

Nicht nur Kunden fragen inzwischen nach Nachhaltigkeit. Auch große Unternehmen legen diese Maßstäbe bei ihren Zulieferern an. „Lieferanten und Transportdienstleister mit hohen Umwelt- und Sozialstandards werden bei der Beschaffung bevorzugt.“ So steht es klipp und klar im Nachhaltigkeitsbericht der Deutsche Post DHL Group. Der Global Player fordert von seinen Geschäftspartnern international ein sozial und ökologisch gestaltetes Lieferkettenmanagement.

„Das zu gewährleisten, ist für kleine und mittlere Unternehmen schwierig“, sagt Elke Schilling, Geschäftsführerin der Alma & Lovis fair garments GmbH. Sie spricht aus Erfahrung. Das Bonner Textilunternehmen verbindet Mode mit Nachhaltigkeit. Die Kleider, Röcke und Mäntel des Labels Alma & Lovis sind aus ökologisch angebauter Baumwolle. Bei den Arbeitsbedingungen in Spinnereien, Färbereien und Nähereien achtet das Unternehmen auf faire Sozialstandards. „Um zu prüfen, ob unsere ökologischen und fairen Standards im Ausland eingehalten werden, haben wir nur zwei Möglichkeiten: Wir können selbst in die Produktionsländer reisen oder uns zertifizieren lassen.“

Unterstützung für indische Bio-Bauern

Alma & Lovis entschied sich für das GOTS-Zertifikat (Global Organic Textile Standard), das weltweit einen Standard für Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern definiert und soziale Kriterien festlegt. „Dieses Zertifikat macht jeden Produktionsschritt – vom Anbau der Baumwolle bis zum fertigen Kleid – transparent“, sagt Annette Hoffman, ebenfalls Geschäftsführerin.

Annette Hoffmann (r.) und Elke Schilling, Geschäftsführerinnen der Alma & Lovis fair garments GmbH.Annette Hoffmann (r.) und Elke Schilling, Geschäftsführerinnen der Alma & Lovis fair garments GmbH.

Ihre Kundinnen seien sehr gut informiert und stellten gezielte Fragen: „Ist die Baumwolle frei von Pestiziden? Enthalten die Farben Schwermetalle? Nur über das Zertifikat können wir nachweisen, dass wir ökologisch produzieren.“ Die beiden Modemacherinnen kaufen Bio-Baumwolle in der Türkei, Griechenland oder im entfernteren Indien. „Wir bevorzugen kurze Wege“, sagt Hoffman. „Doch in Indien gibt es viele Bio-Bauern. Die dürfen nicht vom Markt verschwinden.“

Die Baumwolle wird jeweils in einer Textilregion Griechenlands oder Portugals gesponnen, gestrickt, gefärbt, zugeschnitten und genäht. Die Konzentration auf eine einzige Textilregion vermeidet lange Transportwege. Von Südeuropa kommt die Ware per Lkw nach Deutschland. „Wir haben uns für Südeuropa entschieden, da wir dort die Einhaltung der Menschenrechte besser kontrollieren können“, sagt Schilling. „In vielen ostasiatischen Ländern hingegen ist das kaum möglich. Dort sieht man nur ausgewählte Betriebe.“

Grünes Profil zwischen Obstplantagen und Baumschulen

„Viele Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass Nachhaltigkeit ihr Wachstum fördert“, sagt IHK-Sprecher Pieck. Dieses Wirtschaftswachstum bestätigt eine Zahl des Statistischen Bundesamtes: 2016 erwirtschafteten Industrie und Dienstleister mit Waren, Bau- und Dienstleistungen für den Umweltschutz 70 Milliarden Euro. Zum Vergleich: In der Stadt Köln lag das Bruttoinlandsprodukt 2015 bei etwa 62 Milliarden Euro.

Auch bei der Suche nach Fachkräften profitieren Unternehmen, die ein Image der Nachhaltigkeit pflegen. „Wir beobachten, dass gerade junge Menschen sich ihren Arbeitgeber nach ökologischen und sozialen Kriterien aussuchen“, sagt Mirjam Gawellek, CSR-Managerin bei der IHK. Um die Betriebe bei ihrer Verantwortung für Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft zu unterstützen, gründete die IHK Bonn/Rhein-Sieg gemeinsam mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg das CSR-Kompetenzzentrum Rheinland (www. csr-kompetenzzentrum.de).

Auch an anderer Stelle entstehen Organisationen, die Nachhaltigkeit in den Fokus rücken. So schufen Unternehmer, Universität Bonn, Hochschule Bonn-Rhein- Sieg, Alanus Hochschule sowie die Städte Meckenheim und Rheinbach den „bio innovation park Rheinland“. Umgeben von Obstplantagen und Baumschulen kooperieren in diesem Verein Wirtschaft und Wissenschaft, um Bioökonomie und grüne Technologien zu fördern. Eines der Forschungsprojekte war die „Entwicklung eines klimaneutralen Wissenschafts- und Gewerbeparks“.

Meckenheims Bürgermeister Bert Spilles (l.) und Wirtschaftsförderer Dirk Schwindenhammer besichtigen den künftigen Unternehmerpark KottenforstMeckenheims Bürgermeister Bert Spilles (l.) und Wirtschaftsförderer Dirk Schwindenhammer besichtigen den künftigen Unternehmerpark Kottenforst

Die Stadt Meckenheim ließ der Forschung Taten folgen, um ihr grünes Profil zu schärfen. Zur Zeit entsteht in ihrem Stadtgebiet der Unternehmerpark Kottenforst, der auf den ersten Blick als klimaneutraler Gewerbepark erkennbar sein soll: Geplant sind begrünte Dächer und Fassaden, Gebäude aus Holz und dazwischen blühende Wiesen mit Schafgarbe, Spitzwegerich und Klatschmohn (s. Interview). „Die Kommunen müssen mit dem Klimaschutz beginnen“, sagt Bürgermeister Bert Spilles. „Es nützt nichts, wenn die Politik in New York, Brüssel, Berlin oder Düsseldorf darüber diskutiert, im Kleinen aber nichts geschieht.“

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

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