IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


Unternehmen profitieren mehrfach, wenn sie Prüfer (frei)stellen

Prüfungen

Hans-Jürgen Niemeier prüft seit 1998 angehende Fachinformatiker für AnwendungsentwicklungOb er einen jungen Mann oder eine junge Frau auf die Note 1 prüft, entscheidet Hans-Jürgen Niemeier nach wenigen Minuten. „Wenn jemand selbstbewusst und sicher auftritt, provoziere ich mit schwierigen Fragen. Spricht jemand hingegen leise und unsicher, hole ich ihn mit einfachen Fragen ab.“

Niemeier, einer der Gründer des IT-Dienstleisters CONET und inzwischen Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der BWI GmbH, ist seit über 20 Jahren ehrenamtlicher Prüfer im IHK-Beruf des Fachinformatikers für Anwendungsentwicklung. In den Prüfungsausschüssen der IHK Bonn/Rhein-Sieg vertritt er die Arbeitgeberseite, neben einem Arbeitnehmervertreter und einem Lehrer vom Berufskolleg.

Das Fachwissen sei nicht das alleinige Kriterium, um eine Prüfung gut zu bewerten. „Es geht nicht darum, dass jemand jede englischsprachige Abkürzung perfekt auflöst. Es geht darum, dass der Prüfling sein Fachgebiet grundsätzlich versteht und weiß, wo er Alternativen findet, wenn ein Weg sich als Sackgasse herausstellt.“

In Bonn/Rhein-Sieg gehört Niemeier zu den Urgesteinen unter den IT-Prüfern. Seit 1998 engagiert er sich aus zwei Gründen: „Zum einen hatte ich schon immer ein Faible dafür, junge Männer und Frauen in zukunftsorientierte Berufe zu holen. Zum anderen wollte ich Nachwuchs für mein eigenes Unternehmen generieren: für CONET.“

Dem Trend des späten 20. Jahrhunderts, in der IT nur Hochschulabsolventen einzustellen und alles andere nach Indien auszulagern, wollte er dual ausgebildete Fachinformatiker entgegensetzen. „Natürlich gab es immer das Risiko, dass gut ausgebildete Fachkräfte das Unternehmen verlassen, um doch zu studieren“, sagt Niemeier. „Deshalb habe ich auch die Weiterbildung an Fachhochschulen und Universitäten gefördert. Immer mit dem Ziel, selbst gute Leute zu bekommen. Das war mittelständisches Denken.“ Er ist stolz darauf, dass er auf diese Art viele gute Mitarbeiter halten konnte.

Rasanter Wandel in der IT fordert Prüfer

Wer über 20 Jahre in einer Branche prüft, die sich immer wieder neu erfindet, erlebt einen enormen Wandel. „Ich komme selbst aus der IT-Anwendungsentwicklung“, erzählt Niemeier. „Anfangs konnten die Prüflinge mir fachlich nichts vormachen. Als Geschäftsführer von CONET musste ich immer wissen, was Sache ist.“

Doch die Technologie entwickle sich rasant, wie sich beispielsweise an der Künstlichen Intelligenz zeige. Heutige Prüfer brauchten andere Methoden, um festzustellen, ob ein Prüfling das Fachwissen beherrscht. „Wichtig ist, dass die Prüfer Allrounder sind, keine Spezialisten.“

Auch die Bürokratie habe in den vergangenen 20 Jahren stark zugenommen. „Einsprüche und Gerichtsverfahren führen dazu, dass wir uns als Prüfer heute viel stärker um Formalien kümmern müssen. Doch wir sind keine Verwaltungsmitarbeiter. Ob eine Belehrung korrekt abgelaufen ist, ist für uns zweitrangig.“ Dort wünscht der ehrenamtliche Prüfer sich einen „Schutzschirm“ der hauptamtlichen IHK-Mitarbeiter.

Unternehmen profitieren, wenn sie Prüfer stellen

Die Bürokratie erschwere, junge Prüfer zu motivieren. Ein weiteres Hemmnis sei, dass immer weniger Unternehmen die ehrenamtlich tätigen Prüfer freistellten: „Für mich ist es sonnenklar, dass Prüfer aus meinem Unternehmen während ihrer Arbeitszeit prüfen und sich keinen Urlaub nehmen müssen“, sagt Niemeier.

Jeder Betrieb profitiere von Mitarbeitern, die prüfen: „Sie korrigieren ihr eigenes Weltbild. Denn sie erleben, wo andere Menschen Schwierigkeiten haben. Diese Erfahrungen tragen sehr zur persönlichen Reifung bei. Wenn Unternehmen also Fachkräfte aufbauen möchten, die Teams führen und Zukunftsthemen erkennen, dann ist das Prüfen eine gute Schulung.“

Außerdem könne jedes Unternehmen, das Prüfer stellt, die eigenen Auszubildenden besser betreuen. „Wenn ich weiß, welche Erwartungen ein Prüfungsausschuss hat, kann ich die Prüflinge darauf vorbereiten. Das führt zu besseren Noten. Und wer mit einer 2 aus der Prüfung kommt, ist viel motivierter als derjenige, der es gerade so geschafft hat.“

Auf finanziellen Gründen würde Niemeier niemanden zum Ehrenamt raten. „Prüfer bekommen sechs Euro pro Stunde. Das ist nett, aber finanziell nicht attraktiv.“

Der Überlegung des DIHK, Prüfungsausschüsse in Zukunft von mindestens drei auf mindestens zwei Personen zu reduzieren, erteilt Niemeier eine Absage: „Um objektiv zu prüfen, ist es sehr wichtig, dass mehrere unterschiedliche Personen den Prüfling sehen. Auch würde eine Zweierbesetzung den Stress der Prüfer erhöhen, so dass das Risiko formaler Fehler steigt.“

Stattdessen wirbt er dafür, die Lehrer doppelt zu besetzen im Sinne eines Back-up, um die einzelnen Prüfer zeitlich zu entlasten. Jeweils einen Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer zu entsenden, hält er für antiquiert. „Wichtig ist, dass Berufskolleg und Unternehmen den Prüfling erleben. Gerade die Erfahrung aus den Betrieben hilft einzuschätzen, ob jemand für den Beruf geeignet ist.“

Junge Prüferin in Männerdomäne

Die ehrenamtliche Prüferin Jutta Broich hat einen vollkommen anderen Blick auf die Dinge. Die 29-jährige Logistikmeisterin prüft seit 2014 angehende Fachkräfte für Lagerlogistik. Sie vertritt im Prüfungsausschuss die Arbeitnehmerseite. „Ich möchte, dass Auszubildende ihre Angst vor der Prüfung verlieren, wenn sie sehen, dass ich nur wenige Jahre älter bin als sie“, sagt Broich. „Wenn jemand sehr aufgeregt ist, erzähle ich, dass ich damals bei meiner Prüfung auch tief durchatmen musste.“

Logistikmeisterin Jutta Broich ist nur wenige Jahre älter als ihre PrüflingeLogistikmeisterin Jutta Broich ist nur wenige Jahre älter als ihre Prüflinge

Bei ihrem Arbeitgeber, der Strax GmbH in Troisdorf Spich, bildet die Leiterin der Serviceabteilung Fachkräfte für Lagerlogistik aus. Außerdem ist sie stellvertretende Ausbildungsleiterin für die Kaufleute im Groß- und Außenhandel. Das Unternehmen entwickelt und vertreibt weltweit Mobilfunkzubehör – vom Kopfhörer bis zur ledernen Handytasche. „Ich möchte mein Fachwissen weitergeben“, sagt Broich. „Deshalb bin ich Prüferin.“

Es beeindruckt sie überhaupt nicht, dass einige Prüflinge fast so alt wie sie oder sogar älter sind. Broich überzeugt durch ihr Fachwissen. Allerdings möchten nicht alle Prüflinge in der Männerdomäne der Lagerlogistik vor einer jungen Frau Rede und Antwort stehen. In diesen Fällen zeigt die Logistikmeisterin Autorität: „Wenn jemand nicht mit mir einverstanden ist, erkläre ich die Spielregeln klipp und klar.“

Menschenkenntnis wächst

Broich reformierte die Ausbildung in ihrem Unternehmen. „Jeder Auszubildende geht auf eine Reise. Die begleite ich gern.“ Inzwischen bietet Strax der IHK Bonn/Rhein-Sieg regelmäßig an, die eigenen Räume für praktische Prüfungen zu nutzen. Das Unternehmen stellt PCs zur Verfügung. Mitarbeiter, die beim Auf- und Abbau der PCs und anderen Prüfungsvorbereitungen helfen, werden freigestellt.

Bleibt bei all dem Engagement für die Ausbildung noch Zeit für die eigene Fortbildung? Sie bleibt: „Ich besuche gern die Seminare, die die IHK für Prüfer anbietet“, sagt Broich. „Zuletzt ging es zum Thema Sprache und Kommunikation um einfache Sätze, in die vollkommen unterschiedliche Dinge interpretiert wurden. Das zeigt, dass wir vieles nicht für selbstverständlich nehmen dürfen.“ Auch der Austausch mit anderen Prüfern in den Seminaren ist ihr wichtig.

Das Amt als Prüferin sei ein Baustein, um im Beruf voran zu kommen: „Im Unternehmen wird meine Rolle sehr positiv wahrgenommen. Ich werde oft gefragt: Wie würdest Du das machen?“ Weil sie ihr Wissen immer auf dem aktuellen Stand halten müsse, setze sie sich mit vielen neuen Ansätzen in der Industrie auseinander.

Auch für ihre persönliche Entwicklung zahle sich das Ehrenamt aus: „Meine Menschenkenntnis wächst. Jeder Prüfling bringt etwas anderes mit. Bei manchen ist es ein Witz, der die Atmosphäre lockert. Andere haben fachliche Lösungsansätze, bei denen ich denke: Das ist zwar kein Standard, doch so könnte man einen Lkw auch beladen.“

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

IHK Bonn/Rhein-Sieg sucht ehrenamtliche Prüfer

Jede IHK-Prüfung, ob in Aus- oder Fortbildung, wird von ehrenamtlich tätigen Prüferinnen und Prüfer abgenommen. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg sucht laufend Fachleute aus Unternehmen, die prüfen möchten.

Sie sollten bereits an der Aus- und Fortbildung junger Menschen beteiligt sein und Spaß daran haben, auch im Prüfungswesen Qualität zu garantieren. Es geht darum, den Fachkräftenachwuchs zu fördern!

Wer Interesse hat, kann als Hospitant an Prüfungen teilnehmen. So lässt sich am besten testen, wie es sich anfühlt, die Position des Prüfers einzunehmen. Interessierte können sich bei Sven Schnieber, schnieber(at)bonn.ihk.de Tel.:, 0228 2284-122, melden.

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