IHK Industrie und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg


wige SOLUTIONS: Hinter den Kulissen des Renn-Zirkus

Das besondere Unternehmen

Impressionen vom Renn-ZirkusNoch in den 70er Jahren konnte es eine Woche dauern, bis der Sieger eines Motorsportrennens offiziell feststand. Mit Kopf und Hand wurden Zeiten gemessen, berechnet und verglichen, geprüft und kontrolliert. Dem Motorsport-Reporter Wilhelm Gerner dauerte das damals viel zu lang. Auch der Kölner Feinkosthändler Peter Geishecker, den Gerner häufig am Nürburgring traf, hatte wenig Geduld, wenn er auf Daten und Ergebnisse warten musste. Gemeinsam gründeten die beiden Rennsportfans 1979 die WIGE DATA Datenservice GmbH.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Ein findiger Programmierer entwickelte eine Soft-ware, um die Zeiten am Nürburgring computer-basiert zu messen. Die Digitalisierung des Renn-sports hatte begonnen. WIGE DATA war das einzige Zeitnahme-Unternehmen am Markt, es expandierte schnell.

„Schon bald kam die Frage auf, wie die Ergebnisse für die Zuschauer visualisiert werden könnten. So entstand die Grafik“, erzählt Marcel Hermel, der vor 23 Jahren als Auszubildender zum Unternehmen stieß und heute die Grafikabteilung leitet. Denn sowohl an der Rennstrecke als auch an den Fernsehgeräten wollten die Motorsportfans jederzeit die Platzierungen verfolgen können.

Im Sommer Renn-Zirkus, im Winter Ski-Zirkus

Vom Nürburgring ging es zu zahlreichen weiteren Sportevents: Skispringen, Pferderennsport, Leichtathletik, Eiskunstlauf – kein Wettbewerb kommt ohne Zeitnahme und Visualisierung von Punkten und Platzierungen aus. Auch nicht ohne Scheinwerfer, Laut-sprecher, Mischpulte, Übertragungswagen und Presse-center. WIGE entwickelte sich in den 80er Jahren zum Eventdienstleister, der das komplette Paket der Veranstaltungstechnik mitbrachte, installierte und betrieb.

Im Sommer Renn-Zirkus: Bei der DTM war WIGE von Anfang an dabei. Im Winter Ski-Zirkus: Ständiger Auf- und Abbau bei der Vier-Schanzen-Tournee. 1996 startete WIGE in Stadien und Arenen auf Großbildleinwänden das Fan TV für die anwesenden Zuschauer.
Das Unternehmen ging an die Börse und wurde zur wige MEDIA AG. Doch das Börsengeschäft hätte besser laufen können. Die AG musste sich neu ausrichten. Zeitnahme-und Eventdienstleistungen brachten nach wie vor Gewinn und wurden zum Verkauf angeboten. Thomas Riedel und Martin Schmahl, zwei Unternehmer aus Wuppertal, übernahmen die gewinnbringende Sparte zum 1. Januar 2017. So entstand wige SOLUTIONS.

Seitdem weht frischer Wind. Anfang 2018 stattete das Unternehmen bei den Olympischen Winterspie-len im südkoreanischen Pyeongchang das Deutsche Haus aus. Für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio ist wige SOLUTIONS bereits gebucht. Der DFB setzt bei allen Heimspielen der Fußball-National-mannschaften – Männer und Frauen – auf die Event- und Übertragungsfachleute. Automobilkonzerne las-sen ihre Präsentationen und Messestände mit Technik von wige ausrüsten.

„Büro und Lager in Meuspath, direkt an der Nordschleife des Nürburgrings, waren bald viel zu eng für uns“, erzählt Ulrich Tacke, inzwischen einer der bei-den Geschäftsführer. „Wir suchten nach einem neuen Standort.“ So fand das Unternehmen nach Meckenheim, wo es im März 2018 sein neues Gebäude mit 8.000 Quadratmetern Lagerfläche bezog.

Überraschung im Münchner Olympiastadion

Zeitnahme und Visualisierung haben sich seit den späten 70ern immer wieder neu erfunden. „Heute liefern wir in Echtzeit so viele Daten, dass der Zuschauer ständig das Ranking sehen kann, bei dem sich die Namen der Fahrer verschieben“, erläutert Stefan Schlerkmann, Abteilungsleiter der Zeitnahme. „Ein Rennen mit der Kamera zu verfolgen, können viele. Wir liefern die Daten live, können die Fahrzeuge auf der Stelle tracken. Jeder Fehler würde auffallen.“

In Meckenheim parkt gleich neben den Lagerhallen für das technische Equipment ein 40-Tonner unter einem schützenden Dach – das Herzstück der Zeitnahme. Auf engstem Raum bietet dieser Produktionstruck 14 Personen Platz, um bei Wettbewerben Zeiten zu messen sowie Live-Bilder und aktuelle Infos zu liefern. Zwei Klimaanlagen sorgen für Frischluft und Kühlung, denn die zahlreichen Server heizen den Truck in wenigen Minuten auf. Während Hermel bei Rennen seinen Arbeitsplatz im Truck unter einem riesigen Bildschirm hat, sitzt sein Kollege Schlerkmann im Start-Ziel-Haus der jeweiligen Rennstrecke mit seinen Zeitnahme-Systemen direkt über der Ziellinie. Nur wenige Meter unter ihm donnern die Fahrzeuge vorbei. Seine Kollegen notieren deren Zeiten mit Zettel und Stift – ganz analog. Aus gutem Grund: „Auch wenn der Truck abbrennt, müssen wir in der Lage sein, die Ergebnisse zu liefern.“

Hermel und Schlerkmann sind ein eingespieltes, routiniertes Team. Dennoch spüren sie vor jedem Rennen, wie das Adrenalin durch die Adern pumpt. „Live-Si-tuationen sind immer etwas Besonderes“, sagt Hermel und erinnert an das DTM-Rennen im Münchner Olym-piastadion, bei dem ungewöhnlicherweise jeweils zwei Wagen eins zu eins gegeneinander fuhren. „Das war neu für uns, wir haben wochenlang alle Fälle durch-getestet“, erzählt Schlerkmann. „Nur dass zwei Wagen auf die Tausendstelsekunde zur gleichen Zeit über die Zielgerade fahren würden, konnten wir nicht ahnen.“

Baukastensystem für die Zeitnahme

Geschäftsführer Tacke ist angetreten, um das Unter-nehmen weiter aufzustellen. Für die Zeitnahme lässt er die unternehmenseigene Software weiterentwickeln, die wie ein Baukasten funktionieren soll. „Wir wollen mit unterschiedlichen Modulen arbeiten, um die Zeitnahme auch bei anderen Sportarten wieder anzubieten“, sagt er. Für jede Sportart müsse jedes Reglement – sei es noch so detailliert – in die Software eingefügt werden können.

Die Zukunft wird dreidimensional. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut entwickelt das Unterneh-men eine Software für die Zeitnahme fliegender Objekte. 2018 gab es bei der Drone Champions League bereits erste Eindrücke: „Bei einem Rennen treten bis zu acht Drohnen gegeneinander an. Sie fliegen mit 140 km/h, ein Rennen dauert 20 Sekunden“, sagt Tacke. „Da haben wir wenig Zeit.“ Aber wer sollte sich mit Zeit besser auskennen?

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

wige SOLUTIONS GmbH & Co. KG

Geschäftsführer: Martin Schmahl, Ulrich Tacke
Gründung: 1979 in Frechen
Zahl der Mitarbeiter: 95, darunter 24 Auszubildende in fünf Berufen
Hauptstandort: Meckenheim
Tochterunternehmen: ETC OnlyView, Paris
Kerngeschäft: Full-Service-Dienstleistungen für Medien- und Veranstaltungstechnik, Zeitnahme und Realtime-Grafik
Branche: Medien und Veranstaltungen
Kunden: u.a. ITR e.V. (Veranstalter der DTM), Automobilkonzerne, 1. FC Köln, ADAC, Samsung, Drone Champions AG, Hockenheimring, Marek Lieberberg Konzertagentur GmbH & Co KG (Rock am Ring und Rock im Park), Euro Truck GP

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