"Die Digitalisierung verändert den gesamten Medizinbetrieb"

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Goetzke, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Vereins Gesundheitsregion Köln Bonn

Professor Dr. Wolfgang GoetzkeDer Gesundheitsökonom Professor Dr. Wolfgang Goetzke lehrt an der Hochschule Fresenius in Köln und ist seit über 40 Jahren in der Gesundheitsbranche, auch als Unternehmer, unterwegs. Zuletzt engagierte sich Goetzke als Mitbegründer des Start-ups mdoc GmbH, das eine branchenübergreifende digitale Plattform für das Gesundheitswesen aufbaut.

Nachdem er vor zehn Jahren den Verein Gesundheitsregion Köln Bonn e.V. mitbegründete und in den ersten drei Jahren als Vorstandsvorsitzender leitete, kümmert er sich jetzt als Geschäftsführer um den laufenden Betrieb. Darüber hinaus ist er Geschäftsführer der HRCB Projekt GmbH, einer Tochtergesellschaft des Vereins.

„Die Wirtschaft“: Herr Professor Goetzke, der Verein Gesundheitsregion Köln/Bonn wurde im Juli zehn Jahre alt. Was sind Ihrer Meinung die drei wichtigsten Meilensteine, die erreicht wurden?

Prof. Dr. Wolfgang Goetzke: Wir hatten uns damals vorgenommen, die komplexe Branche der Gesundheitswirtschaft sichtbarer zu machen und die Vernetzung und Kooperation zwischen den verschiedenen regionalen Akteuren zu fördern, um die Leistungsfähigkeit und Innovationskraft der Versorgung zu stärken. Und ich denke, das haben wir auch sehr gut einlösen können.

Viele erinnern sich heute gar nicht mehr an die Situation vor der Vereinsgründung 2009: So kam das Rheinland in bundesweiten Übersichten über die „Hotspots“ der Gesundheitsversorgung und Gesundheitswirtschaft in Deutschland überhaupt nicht vor, obwohl wir schon damals viele leistungsstarke Einrichtungen und konkurrenzfähige Unternehmen in der Region hatten.

Außerdem kritisierten die Akteuren der Branche, dass es kaum persönliche Kontakte zwischen wichtigen Segmenten der Gesundheitswirtschaft wie der Universitätsmedizin und der Medizintechnik gebe. Heute ist man hier durchweg gut vernetzt.

Einige Jahre nach unserer Gründung wurden wir in einer bundesweiten Studie bereits als die bekannteste Gesundheitsregion Deutschlands bewertet. Und dann bescherte eine vom Land geförderte Marketinginitiative, die unsere Region in wichtigen Herkunftsländern des Medizintourismus bekanntmachte, den Gesundheitseinrichtungen im Rheinland einen enormen Schub zusätzlicher Einnahmen.

Was zeichnet Ihrer Ansicht nach die Gesundheitsregion Köln/Bonn aus? Weshalb sprechen wir überhaupt von einer „Gesundheitsregion“?

Wir haben ideale Voraussetzungen für eine florierende Gesundheitswirtschaft: Wo sonst gibt es eine derartige Konzentration exzellenter Universitätskliniken wie in der Region Aachen, Bonn, Köln, Düsseldorf und Essen? Gesundheitsversorgung ist immer mehr zum „Teamplay“ einer hoch qualifizierten Wertschöpfungsgemeinschaft geworden: Die medizinischen Fachdisziplinen haben sich immer weiter differenziert, der Bedarf an patientenzentrierter Kooperation der Spezialisten ist gestiegen.

Die in der Region erreichte Verbesserung der Zusammenarbeit von Forschung, Technik und Versorgung fördert die Innovationskraft. Und auch die Kooperation und Arbeitsteilung zwischen Einrichtungen desselben Branchensegmentes (zum Beispiel der Kliniken) ist eine wichtige Voraussetzung zur Bewältigung anstehender Herausforderungen.

Der digitale Wandel hat längst auch die Gesundheitswirtschaft erfasst. Wie gehen die Unternehmen und Institutionen hier in der Region damit um? Wer profitiert von der Digitalisierung?

Die verschiedenen Weckrufe sind mit einiger Verzögerung auch in der Gesundheitswirtschaft gehört worden. Selbst die Politik hat erkannt, dass wir in Deutschland nicht auf der Höhe der Zeit sind. Fast wie beim Klimawandel sind aktuell geradezu Aktionismus und Hektik zu beobachten. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, könnte man meinen.

Aber so einfach ist das leider nicht. Den etablierten Gesundheitsberufen mangelt es vielfach noch an den notwendigen Kompetenzen und Erfahrungen zur Gestaltung digitalisierter Versorgungsprozesse. Den Kliniken fehlen Finanzmittel und auch der regulatorische Rahmen für die Medizin in Deutschland ist sehr eng.

Daher bedarf es besonderer Anstrengungen, um die Chancen der Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung nutzen zu können. Das betrifft sowohl auf neue Diagnose- und Therapieverfahren als auch die Verschlankung und Beschleunigung von Prozessen und last not least die stärkere Einbindung der Patienten selbst.

Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group empfiehlt Maßnahmen zur Entwicklung eines digitalen Gesundheitsclusters. Was sind Ihre Erkenntnisse aus dieser Studie – und wie stehen Sie zu den Empfehlungen?

Die Studie weist zu Recht darauf hin, dass wir insbesondere den finanzkräftigen IT- und Internet-Konzernen aus den USA (Google, Apple, Microsoft, Amazon etc.), aber auch anderen Ländern in Sachen Digitalisierung deutlich hinterher hinken und dabei Gefahr laufen, diesen gesellschaftlich und wirtschaftlich wichtigen Bereich am Ende anderen Nationen zu überlassen.

Deshalb haben wir am Zustandekommen der Initiative „Digital Health Germany“ mitgewirkt. Auch die von dieser Initiative avisierte Personalisierung der Medizin durch die Nutzung der riesigen Datenmengen, die in einer digitalisierten Versorgung anfallen, halten wir für richtig. Hier sollten die Impulsgeber aus der Gesundheitsregion KölnBonn sichtbarer werden.

Ein Blick ins Jahr 2029 – und von dort zurück: Feiern Sie 20 Jahre Gesundheitsregion und zehn Jahre Digital Health? Welche Erfolge haben Sie zwischen 2019 und 2029 erzielt?

Ich denke, dass in diesem Zeitraum die zunehmende Digitalisierung deutliche Veränderungen des gesamten Medizinbetriebes hervorgebracht haben wird. Die Patienten werden viele (digitale) Angebote haben, sich selbst über ihre Krankheiten, deren Ursachen und mögliche Therapien zu informieren. Gesundheitskompetenz der Patienten jedes Alters zu fördern, ist ein wichtiger Baustein einer ganzheitlichen zukunftsfähigen Versorgung, die wir auch in der Gesundheitsregion KölnBonn voranbringen wollen.

Die Versorgungssicherheit im ländlichen Raum bei akutem Ärztemangel durch digital unterstützte bessere Arbeitsteilung sowie Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen und den Versorgungseinrichtungen aufrechtzuerhalten, ist eine neue Herausforderung, der sich auch die Kommunen und Gebietskörperschaften unserer Region stellen müssen.

Wir wollen diese Prozesse begleiten, wie wir es in den nächsten vier Jahren zum Beispiel zusammen mit dem Oberbergischen Kreis im Rahmen eines vom Innovationsfond der GKV geförderten Modellvorhabens entwickeln und erproben können.

 

Das Interview führte Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn