E-Health in der Gesundheitsregion Bonn/Rhein-Sieg

Das große "E"

E-Health in der Gesundheitsregion Bonn-Rhein-SiegDas „E“ in „E-Health“ wird immer größer. Längst hat die Digitalisierung auch den Ge-sundheitsbereich erfasst – und von der Hä-mophilie-App über den digitalen Patienten-Check-in bis zur elektronischen Patientenakte spielt sie im Gesundheitswesen eine immer wichtigere Rolle. Zahlreiche Technologieanbieter und nutzer sitzen in Bonn, einem der wichtigsten Zentren der Gesundheitswirtschaft in Deutschland. Jüngst erst zeigte eine Studie, dass die Metropolregion Köln-Bonn das Potenzial hat, ein deutschlandweit führendes digitales Gesundheitscluster zu entwickeln.

Es geht auch ohne „E“. Juni 2019. Der Neunjährige klagt über Bauchkrämpfe, die Eltern fahren mit ihm in die Notfallambulanz eines Bonner Krankenhauses. Als klar ist, dass er stationär aufgenommen und am Blinddarm operiert werden muss, kümmert sich die Mutter ums Kind, der Vater um den Papierkram. Und der ist nicht wenig. Er muss per Hand einen Fragebogen ausfüllen, diese Informationen wiederum gibt ein Angestellter in seinen PC ein. Wenig später druckt er zahlreiche Seiten aus – den Aufnahmevertrag.

Die Eltern wollen zudem die erste Nacht beim Kind verbringen, benötigen also eine Elternliege. Dafür müssen sie ein weiteres Formular ausfüllen, wiederum per Hand. Der Mitarbeiter am Empfang druckt den entsprechenden Vertrag aus. Schließich wünscht der Vater W-Lan-Zugang. Er erhält eine Chipkarte, die er am Automaten mit Geld aufladen muss – und einen weiteren Ausdruck mit den Zugangsdaten.

Auch in den drei Tagen des Krankenhausaufenthaltes ihres Sohnes sehen die Eltern viel Papier – und wenig Elektronik. Bei der Visite blicken die Ärzte auf kleine Zettel, die sie aus der Kitteltasche ziehen – und auch die wesentlichen Informationen, die die Krankenschwestern und Pfleger benötigen, tragen sie auf Papier mit sich herum. Das ist die Gegenwart in diesem Krankenhaus – und in vielen Kliniken in Deutschland.

„Die elektronische Patientenakte ist haushoch überlegen“

Die Zukunft allerdings – und mancherorts auch schon die Gegenwart – schreibt sich, gesundheitlich gesehen, mit „E“. Denn „E-Health“ ist auf dem Vormarsch. Sie ist Teil einer Entwicklung, die Digitalisie-rung heißt und längst unumkehrbar ist. Der digitale Wandel hat im Grunde alle Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft erfasst – und auch die Gesundheitswirtschaft befindet sich längst in seinem Sog.

Eine Begriffsklärung zwischendurch:

„Unter E-Health fasst man Anwendungen zusammen, die für die Behandlung und Betreuung von Patientinnen und Patienten die Möglichkeiten nutzen, die moderne Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) bieten.

E-Health ist ein Oberbegriff für ein breites Spektrum von IKT-gestützten Anwendungen, in denen Informationen elektronisch verarbeitet, über sichere Datenverbindungen ausgetauscht und Behandlungs- und Betreuungsprozesse von Patientinnen und Patienten unterstützt werden können.

Dies betrifft beispielsweise die Kommunikation medizinischer Daten, die mit der elektronischen Gesundheitskarte verfügbar gemacht werden, wie z.B. Notfalldaten oder den Medikationsplan, die elektronische Patientenakte und auch Anwendungen der Telemedizin.“

So ist es auf der Website des Bundesgesundheitsministeriums zu lesen.

Auf solche Anwendungen legt zum Beispiel Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve großen Wert. Der Vorsitzende und ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Bonn (UKB) befürwortet die Digitalisierung, denn sie bietet nach seiner Überzeugung enorme Vorteile für Patienten sowie Kliniken und damit für die Gesellschaft.

Wolfgang Holzgreve und Clemens PlatzkösterFürs Gespräch haben Wolfgang Holzgreve und Clemens Platzköster, Geschäftsführer des Vorstandsvorsitzes und Holzgreves Mann fürs Digitale, (s. Bild links) einige Beispiele zur Hand. Sie beginnen mit der „elektronischen Patientenakte“, kurz: EPA.

„Sie könnte längst Alltag sein, ist es aber bisher nur in knapp zehn Prozent aller Kliniken in Deutschland“, bedauert Holzgreve. Das Universitätsklinikum Bonn hat sie unter Ägide von Platzköster Ende 2018 in der neuen Klinik für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik eingeführt, 2019 folgt das Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde und die komplette Kinderklinik.

Technischer Kern ist das im UKB zum Einsatz kommende Krankenhaus-Informationssystem, entwickelt von der Agfa Healthcare GmbH, die ebenfalls in Bonn ansässig ist und von der noch die Rede sein wird. Aerzte-Tablet der Deutschen Telekom AG„Es geht um vollautomatische Pflege- und Therapieplanung, Medikamentation sowie Verlaufs- und Ergebnisdokumentation“, erläutert Platzköster. Alle Ärzte und Ärztinnen können am Computer, aber auch mobil per Tablet auf die Daten (s. Bild: Es zeigt ein Tablet der Telekom AG) zugreifen, alle relevanten Infos stehen jederzeit und überall aktuell zur Verfügung.

„Die Elektronik schließt Irrtümer aus, etwa bei der Medikamentation, reduziert Fehlerquellen und Schnittstellen und erhöht die Patientensicherheit“, schwärmt der Digitalisierungsexperte. Holzgreve sagt: „Die elektronische Patientenakte ist der Papierakte haushoch überlegen.“

Hämophilie-App sorgt für mehr Lebensqualität

Nun ist Digitalisierung für Holzgreve und Platzköster kein Selbstzweck. „Sie muss beim Patienten ankommen und sichtbar dazu führen, dass es ihm besser geht“, definiert Holzgreve ihren Einsatzzweck.

Auch im OP-Bereich spielt Digitalisierung einer immer groessere Rolle

In der Chirurgie und Urologie sind längst OP-Roboter im Einsatz, auch die Herzmedizin ist inzwischen stark digitalisiert (s.Bild). Auch an der Entwicklung von Apps ist das UKB beteiligt. Zum Beispiel an der Weiterentwicklung einer App, die hilft, Hämophilie – also die sogenannte „Bluterkrankheit“ – in Schach zu halten.

Die App des Entwicklers StatConsult gibt es seit 2006. 2014 wurde sie am Zentrum für Hämophilie des UKB weiterentwickelt. Heraus kam ein Smartphone-basiertes elektronisches Tagebuch für Patienten mit der Bluterkrankheit. Die Patienten müssen dadurch längst nicht mehr so oft wie früher in die Klinik kommen, sondern können die Behandlung mit Gerinnungspräparaten zu Hause selbst vorneh-men und dokumentieren, zumal die App die Therapie ständig analysiert und verbessert.

Die App ermöglicht eine zeitnahe Information über die Selbstbehandlung des Patienten und damit eine fast in Echtzeit ärztlich kontrollierte Selbstbehandlung. „Das bedeutet mehr Lebensqualität und Sicherheit für die Patienten und deutlich weniger Kosten für die Klinik“, bringt Holzgreve die Vorteile auf den Punkt.

„Gesundheitswirtschaft spielt für Bonn eine besondere Rolle“

Die bisherigen Beispiele zeigen zweierlei: Sie illustrieren, wie weit die Digitalisierung in der Gesund-heitswirtschaft inzwischen fortgeschritten ist. Und sie sind ein wichtiges Indiz für die Stärke der Branche in der Region Bonn.

„Die Gesundheitswirtschaft spielt für Bonn eine besondere Rolle“, sagte Bonns oberste Wirtschaftsförderin Victoria Appelbe (s. Bild unten) beim Festakt „10 Jahre Gesundheitsregion KölnBonn e.V.“ Mitte Juni vor 150 Zuhörerinnen und Zuhörern. Dazu trage die hohe Konzentration medizinischer Spitzenforschungseinrichtungen in Kombination mit einer erstklassigen Versorgungsstruktur im ambulanten und stationären Bereich bei.

Victoria Appelbe, Wirtschaftsfoerderin der Stadt BonnDarüber hinaus sei Bonn Sitz bedeutender Behörden, Stiftungen und Verbände des Gesundheitswesens. „Hinzu kommen renommierte Unternehmen aus den Bereichen Telemedizin, Imaging-Systeme, Beratung und Arbeitsschutz", so Appelbe weiter. „Mittlerweile ist schon jede sechste Arbeitnehmerin bzw. jeder sechste Arbeitnehmer in Bonn im Gesundheitssektor tätig."

Wer das bloß für Eigenwerbung hält, werfe einen Blick in die erst Anfang Juni vorgelegte Studie „Wirtschaftsdynamik in der Region Bonn/Rhein-Sieg“(PDF; 960 KB). Die Creditreform Bonn Rossen KG und die Creditreform Rating AG analysieren darin den Wirtschaftsstandort in Bezug auf die Struktur der ansässigen Unternehmen, deren finanzielle Risikotragfähigkeit, das Zahlungsverhalten oder auch das Wachstum.

Es zeigt sich, dass die Gesundheitswirtschaft in Bonn/Rhein-Sieg stark repräsentiert ist. Macht ihr Anteil in Deutschland knapp 4,7 Prozent an der Gesamtwirtschaft aus, ist es in Bonn/Rhein-Sieg ein guter Prozentpunkt mehr.

Umgekehrt ist die Ausfallquote in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis besonders gering: Nur 0,55 Prozent der Unternehmen der Gesundheitswirtschaft gelten hier als ausgefallen, verfügen also über eine mangelhafte Bonität oder wurden mit ungenügend bewertet und haben ihre Zahlungen eingestellt. Über alle Branchen hinweg trifft das auf 1,51 Prozent der Unternehmen zu.

Noch eine wichtige Kennziffer: Die Eigenmittelausstattung der Gesundheitswirtschaft stieg zum zweiten Mal in Folge kräftig an und lag zuletzt weit über der Eigenmittelausstattung der Gesamtwirtschaft in Bonn/Rhein-Sieg sowie bundesweit.

Gesundheitswirtschaft spielt sich aber nicht nur auf lokaler Ebene ab. Vielmehr gibt es regionale und überregionale Verflechtungen, sei es bei der Zusammenarbeit medizinischer Dienstleister, im Bereich der Forschung oder auch bei der stationären Versorgung.

„Die Stadt Bonn ist deshalb Gründungsmitglied im Gesundheitsregion KölnBonn e.V., der 2009 etabliert wurde und als regionales Branchennetzwerk fungiert“, sagte Victoria Appelbe beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen des Vereins.

Er sorgt unter anderem dafür, die Stärken der Branche bekannt zu machen. Im Interview mit „Die Wirtschaft“ (siehe Interview) sagt Vereinsgeschäftsführer Prof. Dr. Wolfgang Goetzke, das Rheinland sei vor zehn Jahren in bundesweiten Rankings zur Gesundheitswirtschaft nicht vorgekommen. „Einige Jahre nach unserer Gründung wurden wir in einer bundesweiten Studie bereits als die bekannteste Gesundheitsregion Deutschlands bewertet.“

Umfassender Austausch von Informationen auch mit externen Partnern

Nun könnte die Gesundheitsregion Köln-Bonn weiter durchstarten. Eine Studie der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) im Auftrag des Kölner German ICT & Media Institute (GIMI), der Stadt Köln und des Universitätsklinikums Köln bescheinigte der Metropolregion Köln-Bonn erst im Februar, das Potenzial zu haben, ein deutschlandweit führendes digitales Gesundheitscluster zu entwickeln. „Also ein Ökosystem rund um Gesundheitsdaten und neue Technologien, in dem Akteure des Gesundheitswesens Hand in Hand mit Start-ups arbeiten“, wie es in einer Pressemitteilung von GIMI heißt.

In einer internationalen Analyse von erfolgreichen digitalen Gesundheitsclustern identifizierte die BCG sechs Technologiefelder, die für die Region Köln-Bonn besonderes vielversprechend sind: Präzisionsmedizin und Bioinformatik, Telegesundheit und Telemedizin, Künstliche Intelligenz und Advanced Analytics, Gesundheitsüberwachung und Patientenengagement, Datenmanagement-Software und Cloud-Lösungen sowie Augmented Reality und Virtual Reality.

„Um die Potenziale zu heben, sind große Anstrengungen nötig“, sagte GIMI-Vorstandschef Rudolf van Megen im Februar. „Aber in Europa und insbesondere Deutschland gibt es noch keine enteilten Gesundheitscluster. Die Chance ist da.“

Der nächste Schritt ist bereits eingeleitet: Ende Mai wurde in Köln der Trägerverein „Digital Health Germany e.V.“ mit 17 Organisationen und deren Vertreterinnen und Vertretern der Gesundheitswirt-schaft gegründet. Ziel der Initiative ist es, in der Region Köln-Bonn ein digitales Gesundheitsökosystem zu schaffen, das auf einem der größten Patienteneinzugsgebiete mit einem exzellenten Versorgungsnetz einschließlich renommierter Universitätskliniken gründet.

Professor Dr. Horst Kierdorf„Bei der Versorgung von Patienten – insbesondere Schwerkranken – ist oftmals das Wissen über Kleinigkeiten in der Krankheitsgeschichte der Patienten entscheidend für eine bestmögliche Behandlung. Der umfassende Austausch von Informationen auch mit unseren externen Partnern ist daher von zentraler Bedeutung“, erklärt Professor Dr. Horst Kierdorf, erster Vorsitzender des Vereins Digital Health Germany und Klinischer Direktor der Kliniken der Stadt Köln (s. Bild).

Nun ist „Germany“ ein weites Feld. Doch die Initiatoren denken groß. „Wir fangen lokal an“, sagt Kierdorf, „doch aus dem hiesigen Nukleus kann dann schnell ein überregionales, ja bundesweites Digital-Health-Netzwerk entstehen.“

Dies sei auch deshalb wichtig, weil die Digitalisierung im Gesundheitswesen einerseits schon weit fortgeschritten sei, andererseits aber extrem viele Einzellösungen existieren würden.„Das muss dringend gebündelt werden“, findet Kierdorf, „damit der Nutzen für die Patienten steigt.“

Patienten checken im Krankenhaus selbst digital ein

In Bonn und der Region leisten viele Unternehmen einen Beitrag zur Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft. Zum Beispiel die bereits erwähnte Agfa HealthCare GmbH am Bonner Bogen. Das Unternehmen, eine Tochtergesellschaft des belgischen Konzerns Agfa-Gevaert, zählt in der Region Deutschland, Österreich und Schweiz insgesamt 1.100 Beschäftigte, 450 davon am Standort Bonn. Dort befindet sich die Keimzelle „für digitale Lösungen für stationäre Situationen“, wie es Marketing- und Kommunikationsleiterin Martina Götz (s. Bild) formuliert.

Martina Goetz, Agfa Healthcare, Bonn Einer der Kunden: das Universitätsklinikum Bonn. „Das UKB arbeitet mit unserem digitalen Klinik-Informationssystem ORBIS“, erzählt Götz. Die elektronische Patientenakte sei ein wichtiger Teil davon, doch das System könne noch mehr. „Ob Ärzte, Pflegekräfte oder die Mitarbeiter in der Verwaltung“, erläutert sie, „alle können digital einbezogen werden und ohne Medienbruch auf Falldaten zugreifen.“

Eine andere Entwicklung von Agfa HealthCare: die „Engage-Suite“, ein digitales Gesundheitsnetzwerk,  wie es Martina Götz formuliert. „Die Patienten können damit im Krankenhaus wie in einem Flughafen-Terminal einchecken“, sagt sie.

Patienten checken sich selbst einDas System greife auf verfügbare Vorbefunde zu, der Patient oder die Pa-tientin identifiziere sich am „Check-in-Schalter“ (s. Bild) und erhalte direkt Informationen zu seinem nächsten Termin in der Funktionsstelle oder auf der Station. Dazu läuft in Schleswig-Holstein gerade ein Pilotprojekt.

IT-Sicherheit im Gesundheitswesen

Ein anderer Beitrag zur Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft kommt aus Sankt Augustin. Dort hat die Dahamoo GmbH ihren Sitz, ein Team von IT-Sicherheitsexperten, das sich darauf spezialisiert hat, relevante IT-Sicherheitsrisiken bei ihren Auftraggebern zu ermitteln, pragmatische Lösungen aufzuzeigen und bei der Umsetzung zu unterstützen.

Das Unternehmen betreibt den Blog „ehealth-security.de“ und hat in den vergangenen sieben Jahren viele E-Health-Projekte durchgeführt, unter anderem für die Sparte „Healthcare Solutions“ der Telekom sowie für mehrere Kliniken.

 Daniel Hallen, Geschaeftsfuehrer Dahamoo GmbH, Sankt Augustin„Die Digitalisierung im Behandlungsprozess ist besonders sicherheitskritisch, da hier schon einfache IT-Fehler zu erheblichen Personenschäden führen können. Man stelle sich etwa vor, dass eine auto-matisierte Insulinpumpe die Dosis auf Basis falscher Daten ermittelt oder aus richtigen Daten falsch ableitet“, betont Geschäftsführer Daniel Hallen (s. Bild). Es gehe bei E-Health daher vor allem um die Integrität von Daten und IT-Prozessen, um das Risiko solcher Personenschäden zu minimieren.

Hallen erinnert an den Hacker-Angriff auf das Lukaskrankenhaus in Neuss vor drei Jahren. Über einen leichtsinnigerweise geöffneten E-Mail-Anhang war eine aggressive Schadsoftware in das IT-System des Krankenhauses gelangt.

„Um Patientendaten zu schützen, waren unmittelbar nach dem ersten Auftreten von Fehlermeldungen alle IT-Systeme heruntergefahren worden. Seitdem läuft der Krankenhausbetrieb ‚im Handbetrieb‘. Operationen wurden teilweise verschoben“, berichtete die „NGZ Online“ im Februar 2016. Nach Mitteilung des „Ärzteblatts“ betrug der Schaden zirka eine Million Euro.

„Bis dahin war das Bewusstsein für IT-Sicherheit im Gesundheitswesen noch nicht sehr weit verbreitet“, erinnert sich Hallen, „doch das änderte sich nach Neuss schnell.“ So gehört seit Mitte 2017 auch der Bereich Gesundheit zu den lebensnotwendigen kritischen Infrastrukturen, für die das IT-Sicherheitsgesetz von 2015 besondere IT-Schutzvorkehrungen vorsieht.

Bonner Start-ups sorgen für E-Health-Innovationen

Auch Start-ups arbeiten in der Region an digitalen Innovationen in Sachen Gesundheit. Die trackle GmbH zum Beispiel. Katrin Reuter und ihr Mann Maxim Loick entwickelten ihre Idee aus eigener Betroffenheit.

Sie wussten: Um schwanger zu werden, muss man den richtigen Moment erwischen. Also wandten sie für ihr erstes und später zweites Kind die Temperaturmethode an. Messen, notieren, messen, notieren – eine nervige und durchaus fehleranfällige Routine. Zwischen den beiden Schwangerschaften und danach ging es auf diese analoge Weise weiter – diesmal zur Schwangerschaftsverhütung.

Katrin Reuter und ihr Mann Maxim Loick gruendeten die trackle GmbH

„Das müsste doch auch digital gehen“, sagte sich Katrin Reuter,(s. Bild oben) erfahren im IT-Projektmanagement, während ihr Mann als Software-Entwickler arbeitete. Und so begannen sie zu tüfteln.

Ende 2015 stand der Prototyp von „trackle“: Nachts misst ein Sensor mehrfach die Körperkerntemperatur der Frau und sendet die Daten an die dazugehö-rige App. Die Software errechnet daraus verlässlich das fruchtbare Zeitfenster. Die Methode erweist sich als besonders exakt, zumal die Software – Stichwort „Big Data“ – auch anonymisierte Vergleichsdaten aller anderen Nutzerinnen heranzieht, die auf einem sicheren Server gespeichert werden.

Auf die Unternehmensgründung folgte 2017 eine Crowd-Funding-Kampagne, die für breite Bekanntheit sorgte und Ende 2017 die Teilnahme an der TV-Show „Die Höhle der Löwen“. Die beiden Gründer aus Beuel steckten viel Zeit in die Verfeinerung ihres Produkts und erhielten schließlich im Sommer die notwendige Zertifizierung für Medizinprodukte. Seitdem ist „trackle“ auf dem Markt.

Produziert wird in Deutschland und Tschechien, die Büros verlegte das Paar aus dem Digital Hub in Bonn an den Bertha-von-Suttner-Platz. Das Start-up nimmt aber immer noch am Accelerator-Programm des Hubs teil, erhält also wichtige Unterstützung und Know-how, um sich weiter etablieren zu können. Finanziert wird es durch Wagniskapital von Investoren, sogenannten „Business Angels“.

Mit Künstlicher Intelligenz zu mehr Fitness in Büro und Alltag

In Bad Godesberg und Wachtberg hat die SHEN-TI SPORTS Group GmbH ihren Firmensitz. Der Sportwissenschaftler Chris Bell gründete das Unternehmen vor über zehn Jahren mit dem Ziel, die Erfolgsfaktoren des modernen Leistungssports auf die Bedürfnisse von Normalbürgern zu übertragen.

Um den beiden großen „Krankmachern Stress und Bewegungsmangel“, wie Bell es formuliert, etwas entgegenzusetzen, entwickelten er und seine Frau Esther Bell „FitMit5“, ein auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierendes Kurzfitnessprogramm für die tägliche Pause im Büro und Alltag. Der Digital Hub und die BARMER sind feste Partner von Shenti Sports und arbeiten mit „FitMit5“. Auch Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, weiß die Arbeitsweise von Shenti Sports zu schätzen.

„FitMit5“ zählt mittlerweile tausende aktive Nutzerinnen und Nutzer, viele davon in Firmen und Institutionen, denn „FitMit5“ kann zwar auch privat genutzt werden, ist aber vor allem als Element des Betrieblichen Gesundheitsmanagements gedacht, um gezielt Krankenstände zu reduzieren und die Arbeitgeberattraktivität zu steigern.

Shenti-Sports-Gruender Chris und Esther Bell

Das Konzept: Chris und Esther Bell (s. Bild links) drehten insgesamt rund 200 Übungen, die sie mit Unterstützung eines Professors für Informatik und KI in Maastricht in intelligente Algorithmen verarbeiteten, die für jede Nutzerin und jeden Nutzer nach dessen Wünschen und Bedürfnissen ein maßgeschneidertes fünfminütiges Programm aus Bewegungs- und Entspannungsübungen auswählt.

Geld verdient Shenti Sports mit Jahreslizenzen, die Privatpersonen oder Arbeitgeber erwerben. Außerdem bietet das Unternehmen zur Einführung von „FitMit5“ im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements Workshops an. Weiteres Geschäftsfeld sind individuelle Fitness-Coachings am Firmensitz in Godesberg sowie bei Kunden weltweit.

Ob Krankenhaus-Informationssystem, Schwangerschaftsplanung oder Fitness am Arbeitsplatz: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist in vollem Gange, viele Entwicklungen nehmen in der Region Bonn ihren Anfang – und „Health“ wird bald nicht mehr ohne „E“ geschrieben.

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn