Technische Ideen für die Inklusion

Ein spezieller Hubtisch für den Werkzeugmechaniker

Werkzeugmechaniker Viktor G. am hoehenverstellbaren HubtischMenschen mit Behinderung sind oft gut ausgebildete Fachkräfte. Manchmal reichen kleine technische Hilfsmittel, um sie zu festen Stützen im Unternehmen zu machen.

Wenn Viktor G. auf der Autobahn einen Bus oder ein Wohnmobil überholt, sieht er sofort, ob er an der Produktion der Rückleuchten beteiligt war. Der Werkzeugmechaniker arbeitet seit etwa zwei Jahren bei der Jokon GmbH in Bonn-Pützchen, die Beleuchtungssysteme für die Fahrzeugindustrie herstellt. In der Abteilung Werkzeugbau bereitet er Formen vor, in denen anschließend im Spritzgussverfahren Leuchten aller Art produziert werden. Dass G. seine körperlich und technisch anspruchsvolle Arbeit ausüben kann, ist nicht selbstverständlich. Denn er ist seit 1982 schwerbehindert.

Eine Impfung gegen Kinderlähmung in seinem Herkunftsland Russland ging schief. „Die ersten beiden Impfungen verliefen unauffällig, doch nach dem dritten Impftermin begann mein Bein zu schmerzen“, erinnert sich G.. Er erkrankte an Polio. Als er 1996 in die Bundesrepublik kam, war keine Operation mehr möglich. G. hat eine schwere Skoliose, seine Wirbelsäule ist stark verformt. Das führt zu Rückenschmerzen. Außerdem ist sein rechtes Bein acht Zentimeter kürzer als sein linkes Bein.

Der Werkzeugmechaniker kann seinen Beruf ausüben, weil sein Unternehmen ihm einen Arbeitsplatz mit geeigneten technischen Hilfsmitteln ermöglichte. „Wir haben einen stufenlos höhenverstellbaren, fahrbaren Hubtisch und einen Arthrodesenstuhl angeschafft“, sagt Christel Konen-Velasco, ehemalige Inhaberin des Unternehmens und heute noch tageweise in der Personalabteilung tätig.

Tisch und Stuhl ermöglichen G., bei der Arbeit unterschiedliche Positionen einzunehmen: „Werkzeugmechaniker verharren oft lange in einer starren Haltung. Das würde mir starke Schmerzen bereiten. Bei meinem Hubtisch kann ich die Höhe je nach Größe des Werkstücks anpassen. Manchmal arbeite ich im Sitzen, dann im Stehen.“ Auch der bewegliche Stuhl hilft, unterschiedliche Körperhaltungen einzunehmen, um Rücken und Oberschenkel zu entlasten. So poliert G. die Formen, in denen später Leuchten entstehen. Unter seinen geschickten Fingern verschwindet auch der kleinste Kratzer.

Hartnäckigkeit zahlte sich aus

Allerdings war es für die Firma Jokon nicht einfach, die Hilfsmittel zu erhalten. „Ich wollte zunächst die Deutsche Rentenversicherung mit ins Boot holen“, sagt Konen-Velasco. Doch zu ihrer großen Überraschung lehnte die Rentenversicherung den Antrag auf einen geeigneten Stuhl ab. „Damit wollten wir uns nicht zufrieden geben“, sagt sie immer noch fassungslos.

Christel Konen-Velasco und Viktor G. Christel Konen-Velasco sorgte für den behindertengerechten Arbeitsplatz von Viktor G.

Konen-Velasco wandte sich an den Integrationsfachdienst (IFD) des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). Dort wiederum empfahl man ihr Ali Osman Atak, Fachberater für Inklusion bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Atak, der wie andere Fachberater Inklusion bei den rheinischen IHKs vom LVR-Inklusionsamt beauftragt und gefördert wird, fuhr zu Jokon. Er sah sich den Arbeitsplatz einmal an. Seit einem Schlaganfall ist der 35-jährige Atak – gelernter Maschinenbau-Ingenieur – selbst schwerbehindert. Er weiß, wovon er spricht, wenn er einen Arbeitsplatz begutachtet. Bei Jokon sah er sofort: „Es fehlte nicht nur ein geeigneter Stuhl, sondern auch ein höhenverstellbarer Tisch.“ Mit einer finanziellen Förderung des Amtes für Soziales der Stadt Bonn gelang es schließlich, die Hilfsmittel anzuschaffen.

Individuell angepasste Arbeitsplätze

Unternehmensbesuche gehören für Atak zum Arbeitsalltag. Allein im vergangenen Jahr suchte er 69 Betriebe persönlich auf, um zu technischen Hilfsmitteln für Mitarbeiter mit Behinderung zu beraten. Fast 100 Betriebe informierte er am Telefon. „Meist interessieren Betriebe sich erst dann für Inklusion, wenn sie einen schwerbehinderten Bewerber haben oder ein Mitarbeiter im Laufe seines Berufslebens schwerbehindert wird“, sagt er. Jede Behinderung sei individuell, daher stellt er den Unternehmen die unterschiedlichsten Lösungsmöglichkeiten vor. Hier einige Beispiele:

  • Für einen Lager-Mitarbeiter mit einem schwachen Immunsystem, der sich häufig erkältet, wurde eine Luftschleuse gebaut. Sie bläst ähnlich wie bei einem Kaufhauseingang warme Luft von oben herab, so dass die Kälte nicht ins Lager kommt.

  • Ein sehr geräuschempfindlicher Mitarbeiter, der unter dem Lärm in einer Produktionsstätte litt, erhielt einen schallisolierten Bürocontainer als Arbeitsplatz. Der Container ersparte dem Unternehmen einen teuren Umbau.

  • In einer Wäscherei konnte eine Traverse unter der Zimmerdecke angebracht werden. Darüber können die schweren Wäschesäcke aus den Gitterboxen, in denen sie angeliefert werden, herausgehoben werden.

  • Atak hat sein eigenes Büro bei der IHK mit mehreren Hilfsmitteln ausgestattet, darunter ein elektrischer Tacker und ein Locher mit langem Hebel. Seine Texte diktiert er einer Spracherkennungssoftware, die nahezu alles versteht. Schreibt sie einen Namen falsch, kann sie die richtige Schreibweise lernen.

„Betriebe müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern nur umdenken“, sagt Atak. Es gebe bereits eine Fülle von Hilfsmitteln und Informationen. Er versteht sich als Lotse, der den richtigen Weg weist. Das gilt auch für die finanzielle Förderung: „Alle Umgestaltungen werden vom LVR finanziell unterstützt.“

Für die Firma Jokon sind Menschen mit Behinderung seit vielen Jahren ein fester Teil der Belegschaft. „Wir beschäftigen Menschen mit psychischen Problemen, einen Gehörlosen und sogar jemanden, der auf eine Organtransplantation wartet“, sagt Konen-Velasco. „Alle sind für uns sehr wertvolle Fachkräfte.“ Auch auf den Werkzeugmechaniker Viktor G. könnte das Unternehmen nicht verzichten. Denn wären die Werkzeugformen nicht gut poliert, würden sich im Kunststoff der Leuchten Kratzer zeigen. Welcher Neuwagenkäufer würde das akzeptieren?

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

Infos zu technischen Hilfsmitteln am Arbeitsplatz

REHADAT informiert über die Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt. Ein Online-Portal der Initiative widmet sich ausschließlich Hilfsmitteln und technischen Arbeitshilfen. Ob spezielle Werkbank oder Tischbohrsäge, ob ergonomischer Bagger oder elektrischer Locher – die Auswahl ist groß. Alle Hilfsmittel werden im Portal beschrieben. So heißt es z.B. über einen Aktenvernichter: „Einsatzbereich bei eingeschränkter Hand-Arm-Funktion“ oder über einen handgeführten Hubwagen „Entlastung des Muskel-Skelett-Systems“. Technische Daten zu Größe und Gewicht der Hilfsmittel werden ebenso geliefert wie Links zu den Herstellern.
REHADAT ist ein Projekt des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V.. Produkte können dort nicht gekauft werden.
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