150 Jahre van Dorp

Bonner Kaufmannsfamilie feiert Jubiläum

10.10.2011

Als Kind ging Christina van Dorp nur ungern in den Kindergarten. Viel spannender war es, wenn im Geschäftshaus der Eltern die neu eingetroffene Ware ausgepackt und ausgezeichnet wurde. „Da gab es immer riesige Kartons, in die wir Türen und Fenster geschnitten haben, um daraus Häuser zu bauen“, erinnert sich die 28-jährige.

Christina van Dorp

Heute ist Christina van Dorp, die einen Mastertitel als Betriebswirtin besitzt, Mitglied der Geschäftsführung der Wilh. Van Dorp KG, einem der ältesten Unternehmen Bonns. Drei Etagen hat das Geschäft am Bonner Münsterplatz, in dem die Familie mit Gläsern, Porzellan und Bestecken, Hausrat sowie Leuchten und Lampen handelt.
Vor 150 Jahren, im Jahr 1861, gründeten ihre Ururgroßeltern Karl und Maria van Dorp das Unternehmen. Installateur- und Klempnermeister Karl van Dorp baute einen Handwerksbetrieb für sanitäre Anlagen auf, seine Frau verkaufte Haushaltsartikel. Sie hatten den Zeitpunkt für ihre Unternehmensgründung gut gewählt: Die Region profitierte von der neuen Eisenbahnstrecke entlang des Rheins, Stadtgas und Elektrizität kamen auf. Der technische Fortschritt erhöhte die Nachfrage nach Lampen, Haus- und Küchenartikeln und den ersten elektrischen Haushaltsgeräten.

Früher Esszimmer, heute Büro

Erster Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg – das Unternehmen überstand die schwierigen Jahre, wenn auch mit Blessuren: Die 1939 großzügig modernisierten Verkaufsräume wurden im Herbst 1944 zerbombt. Der Wiederaufbau dauerte bis nach der Währungsreform. Es folgten erfolgreiche Jahre, in denen die Verkaufs-, Ausstellungs- und Lagerräume immer wieder verändert, vergrößert, modernisiert wurden. Auch die Privatwohnung der Familie über den Geschäftsräumen musste weichen. „Wo heute mein Büro ist, hatten wir früher unser Esszimmer“, erzählt Christina van Dorp.

Das Sortiment erlebte einen ständigen Wandel. „Als unser Unternehmen gegründet wurde, war die Glühlampe noch nicht erfunden“, sagt Christina van Dorp in der Lampenausstellung im Untergeschoss. „Heute handeln wir mit LED-Leuchtsystemen.“ Die Abteilung für Großgeräte und Installation fiel in den 60-er Jahren mangels Wirtschaftlichkeit weg. Statt dessen gewann die Abteilung für Glas, Porzellan, Keramik und Geschenkartikel hinzu.

Inzwischen sind auch Stoffe ein großer Umsatzfaktor: Bettwäsche, Plaids oder sogar Kimonos sind im Erdgeschoss ausgestellt. „Früher war es unvorstellbar, dass Menschen sich hier vor einen Spiegel stellen und einen Morgenmantel anprobieren. Heute geht das“, erzählt Christina van Dorp. „Wir leben schon lange die Kombination von verschiedenen Artikeln, die man inzwischen Concept-Store nennt. Das hat mit unseren Wurzeln zu tun, der Klempnerei und den Haushaltswaren.“

Das Unternehmen war in seiner 150-jährigen Geschichte ununterbrochen in Familienbesitz, immer führten Familienmitglieder die Geschäfte. Die familiäre Atmosphäre ist deutlich spürbar. Etwa wenn Marie-Luise Künster, die im vergangenen Monat ihr 40-jähriges Jubiläum im Hause van Dorp feierte, die junge Chefin duzt und mit „Schätzchen“ anspricht.

Angebote zum Jubiläum

Es gehört zur Philosophie des Hauses, jede Kundin und jeden Kunden freundlich zu begrüßen und behilflich zu sein, ohne Kaufdruck aufzubauen. Knapp 40 Mitarbeiter stehen bereit, um die Kunden bei ihrem Einkauf zu begleiten. So kommt an einem Vormittag unter der Woche eine Frau in die erste Etage, um nach einer ganz bestimmten Vase der dänischen Glasbläserei Holme Gaard zu fragen. Kurz darauf klingelt das Telefon. Die Anruferin aus Erpel in Rheinland-Pfalz möchte zu einem Service, das ihrer Tochter gehört, ein besonderes Stück hinzukaufen. „Wir haben eine sehr breite Zielgruppe“, sagt Christina van Dorp. „Bei uns findet jeder etwas, sei es das Teelicht für 3,90 Euro oder der silberne Kerzenleuchter für 1599,00 Euro.“
Insgesamt sei das Geschäft unter der Woche im Vergleich zum Freitag Nachmittag und zum Samstag ruhig. Die Zeiten, zu denen die Besucher in die Bonner Innenstadt kommen, hätten sich in den vergangenen Jahren verschoben. „Wir spüren, dass zahlreiche Beamte die Stadt verlassen haben. Statt dessen haben viele berufstätige Frauen erst am Wochenende Zeit zum Einkaufen.“

Zum Jubiläum, das bis zum 22. Oktober 2011 gefeiert wird, bietet van Dorp ganz besondere Angebote wie die Leuchte des Bauhaus-Schülers und Produktdesigners Wilhelm Wagenfeld. Kochvorführungen und Teeproben runden das Programm ab.
Doch nicht nur zum Jubiläum finden sich ausgefallene Ideen und Produkte wie etwa der vollelektronische Staubsauger in Form einer runden Personenwaage. Er kann so programmiert werden, dass er in Abwesenheit seiner Besitzer über die Böden kurvt und den Schmutz aufnimmt. Eine Fotozelle schützt ihn davor, die Treppen herunterzusausen. Gleich neben diesem Hightechgerät ist ein Staubwedel mit Straußenfedern ausgestellt, wie ihn die Hausmädchen vor Erfindung der Elektrizität benutzten. Das Traditionsbewusstsein der Familie van Dorp ist auch im Sortiment sichtbar.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn