Auf dem Weg zum Forschungsland Nr. 1

Denkfabrik NRW

10.06.2010

Es ist das Schicksal der Erfinder, dass der Nutzen ihrer Arbeit oft erst nach Jahren erkannt wird. Nicht alles erschließt sich dem Laien so leicht wie der Doppelkammer-Teebeutel, den Adolf Rambold 1929 für den heutigen Düsseldorfer Teekanne-Konzern entwickelt hat. Vielleicht erweist sich ja die neue Hochfrequenz-Zündkerze, die Professor Dr. Holger Heuermann jüngst an der Fachhochschule Aachen vorgestellt hat, noch als entscheidender Baustein moderner Verbrennungsmotoren? Und umgekehrt: Werden die bisherigen Erfindungen rund ums Elektroauto nicht überschätzt? Dass die Solarstrom-Technik der Bonner SolarWorld der Umwelt hilft, ist klar. Aber gilt das nicht auch für die Hochschulen Aachen, Bochum und Duisburg-Essen, die unter Regie des japanischen Industriegiganten Hitachi gerade neue Kraftwerkstechniken entwickeln? Andere Fragen der Zukunft haben gar nichts mit Technik zu tun. Antworten auf die dramatisch alternde Gesellschaft liefert zum Beispiel das nationale Demenzforschungszentrum der Bonner Helmholtz-Gemeinschaft.

Gesucht: Die Ideen von morgen

Ob im Unternehmen oder in der Politik: Wer Forschung und Entwicklung organisieren soll, steht vor einer ebenso schwierigen wie wichtigen Aufgabe. Wichtig, weil die volkswirtschaftliche Binse nun mal stimmt: Deutschland kann seinen Wohlstand mangels ausreichender Rohstoffe nur durch technischen Vorsprung halten. Und schwer lösbar ist die Aufgabe, weil man Erfindungen nicht planen kann. Schon deshalb nicht, weil man heute noch gar nicht weiß, welche Erfindung morgen gebraucht wird. Was Politik und Wirtschaft aber organisieren können, sind Wahrscheinlichkeiten. Angesichts globaler Trends wie der weltweit steigenden Lebenserwartung, dem Klimawandel, der Bevölkerungsexplosion in den Mega-Cities oder der Wasserknappheit werden gute Erfindungen aus der Medizin, der Energietechnik, der Logistik oder der Wasserhygiene potenziell im Wert steigen. Außerdem können Politik und Wirtschaft das Klima für Forscher verbessern – auch das erhöht die Wahrscheinlichkeit des technischen Vorsprungs.

Der Deutzer "A"-Motor von Nikolaus August Otto und erste Werbung für den Viertaktmotor - den "Neuen Motor". Fotos Deutsches Museum

Bewährt hat sich zum Beispiel der organisierte Brückenschlag zwischen ganz unterschiedlichen Ideenschmieden. So ringt etwa das Science-to-Business-Center (S2B) in NRW dem Werkzeugkasten der Natur Produkte von morgen ab. Beteiligt sind neben der Essener Evonik-Tochter Degussa die Technische Universität Dortmund, die RWTH Aachen, das Forschungszentrum Jülich, die Universität Münster und die TU München. Das Netzwerk hat sich darauf spezialisiert, Enzyme und Mikroorganismen zum Beispiel für die Entwicklung von Kosmetik zu nutzen, die das Altern der Hautoberfläche verzögert.

NRW baut auf Erfinder-Netzwerke

„Cluster“ nennen die Organisatoren solche Erfinder-Netzwerke, und davon gibt es in NRW reichlich: „19 neue Spitzenforschungsinstitute, High-Tech-Labore und Denkfabriken – so viel Wissenschaftsexzellenz hat in den letzten Jahren kein anderes Bundesland für sich gewinnen können“, heißt es im NRW-Innovationsministerium. Evonik ist dabei nur einer von vielen  Brückenköpfen der Industrie in die Wissenschaft.
Ein anderer ist der Düsseldorfer Energiekonzern Eon, der mit 40 Millionen Euro über zehn Jahre das Energy Research Center in Aachen unterstützt. Das Gemeinschaftsprojekt der RWTH und des Jülicher Forschungszentrums untersucht von Erdwärme bis zu energiesparendem Verbrauchsverhalten so ziemlich alles, was unter die Überschrift „ganzheitliche Energieforschung“ passt. Parallel finanziert der Essener Eon-Rivale RWE in Aachen und Jülich vier Lehrstühle zur Kernkraftsicherheit und zur Entsorgung nuklearer Abfälle. Ein weiteres von rund 200 Beispielen im Land für wissenschaftlich-industrielle Forschungsnetzwerke ist die „Lebenswirtschaftliche Innovationsplattform“ in Dortmund. Das Cluster ist den Grundlagen der Krebsbekämpfung auf der Spur: Max-Planck-Forscher arbeiten hier mit den Universitäten Dortmund und Bochum, dem Dortmunder BioMedizin-Zentrum und Pharmaunternehmen an der Beherrschung von krankhaften Zellkern-Veränderungen.
Das Innovationsministerium beschreibt die sich selbst verstärkenden Effekte solcher Cluster als „Forschungsturbo für NRW“: Das Land müsse für die besten Köpfe „so attraktiv wie möglich sein. Je mehr davon hier sind, desto mehr wollen zu uns kommen“. Bibelkundige sprechen vom „Matthäus-Effekt“: Wer da hat, dem wird gegeben. Ministeriales Ziel: Bis 2015 soll NRW zum Innovationsland Nummer 1 in Deutschland werden.  Das ist ein ehrgeiziges, aber machbares Ziel. Denn die nordrhein-westfälische Forschungslandschaft steht auf zwei starken Säulen: Dem privaten und öffentlich-rechtlichen Hochschulsystem auf der einen sowie der privatwirtschaftlichen Forschungslandschaft auf der anderen Seite. Mit 30 öffentlich-rechtlichen und 26 anerkannten privaten Hochschulen verfügt das bevölkerungsreichste Bundesland über eines der dichtesten Hochschulnetze in Europa. Über 500.000 junge Menschen studieren in Nordrhein-Westfalen, was bedeutet, dass schon heute jeder vierte Studierende in Deutschland seine akademische Ausbildung in NRW erhält.

Nicht nur viel, sondern auch gut geforscht

In NRW wird nicht nur viel, sondern auch gut geforscht: Aktuell fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 57 Sonderforschungsbereiche in NRW. Das ist mehr als in jedem anderen Bundesland. Die Hochschulen mit den derzeit meisten Sonderforschungsbereichen, also einer anerkannt exzellenten und fachübergreifenden Grundlagenforschung, sind die Universitäten Bonn, Köln, Düsseldorf und Münster. Bei der von Bund und Ländern zur Förderung des Hochschulwettbewerbs ausgerufenenen Exzellenzinitiative haben sich in NRW gleich 13 Projekte durchgesetzt. Das bedeutet für sie 350 Millionen Euro Extra-Fördergeld. Die RWTH Aachen darf sich als eine von bundesweit neun Hochschulen sogar Elite-Universität nennen. Damit liegt NRW im deutschlandweiten Vergleich mit Bayern auf Rang Zwei. Nur Baden-Württemberg war in der Exzellenzinitiative noch besser als NRW. Abgerundet wird der Bereich der akademischen Forschung in NRW durch die Grundlagenforschung der Max-Planck-Gesellschaft, die hier mit zwölf von 80 deutschen Instituten vertreten ist, sowie mit zwölf Einrichtungen der auf angewandte Forschung spezialisierten Fraunhofer-Gesellschaft. Die Brücke zwischen der angewandten und der Grundlagenforschung schlagen in NRW zehn Einrichtungen der Leibnitz-Gesellschaft, zu denen zum Beispiel das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen gehört.

Die Universität Bonn gehört mit zu den Hochschulen mit den derzeit meisten Sonderforschungsbereichen, also einer anerkannt exzellenten und fachübergreifenden Grundlagenforschung.

Rückrat des Fortschritts made in NRW

Mit zwei Dritteln kommt der größte Aufwand für Forschung und Entwicklung in NRW aber aus der privaten Wirtschaft. Und hier wiederum zu über 80 Prozent aus Großunternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten, wie der Stifterverband in seiner aktuellen Statistik zeigt. Mit anderen Worten: Weltbekannte Großkonzerne wie der in Wuppertal gegründete und dort mit einem Pharma- und Chemiepark vertretene Dax-Konzern Bayer, der noch Düsseldorfer und bald Essener Mischkonzern ThyssenKrupp samt seiner Duisburger Stahlsparte, der Bielefelder Lebensmittelgigant Oetker, das Aachener Forschungszentrum des Ford-Konzerns oder das Wuppertaler Staubsauger-Phänomen Vorwerk gehören mit Eon und RWE zum Rückgrat des Fortschritts „made in NRW“. Hinzu kommen aber auch ungezählte Hightech-Schmieden, die trotz Konzerngröße mehr in Fachkreisen bekannt sind: Die Harsewinkeler Claas KGaA (Weltmarktführer für Erntemaschinen) zum Beispiel, die Bonner Hydro Aluminium GmbH, der Dortmunder Pumpen-Konzern Wilo, der Mühlheimer Gas- und Flüssigkeitenanalyst Gerstel, der Hildener Diagnosetechnik-Aufsteiger Qiagen, der Dattelner Dach- und Fassadenspezialist Rheinzink, der Bottroper Fahrzeugveredler Brabus und Nischenspieler wie die auf elektrische Verbindungstechnik spezialisierte Detmolder Weidmüller KG. Alles Unternehmen, die mit der Entwicklung neuer Verfahren und Produkte ganz nebenbei auch den Forschungsstandort NRW unterstützen. Auch, indem sie untereinander für Innovationswettbewerb sorgen: Vielleicht wären die weltweit führenden Klebstoffspezialisten der Düsseldorfer Traditionsfirma Henkel AG & Co. KGaA ja nicht ganz so erfinderisch, hätten sie nicht die Konkurrenz der findigen Jowat AG aus Detmold im Nacken.


Innovationsgutscheine NRW


Das Innovationsförderprogramm des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen hat ein Förderprogramm speziell für den Mittelstand aufgelegt. Unter der Dachmarke „Mittelstand.innovativ“ werden dabei in Kooperation mit der InnovationsAllianz der NRW-Hochschulen e.V. so genannte Innovationsgutscheine vergeben. Damit soll primär die Planung, Entwicklung und Umsetzung sowie die Weiterentwicklung von Produkten, Produktionsverfahren oder Dienstleistungen unterstützt werden. Es gilt, die Innovationsfähigkeit und Wachstumsorientierung der Unternehmen in Nordrhein-Westfalen zu stärken - bei kleinen und mittelständischen Betrieben in der Industrie, im Handel und Dienstleistungsbereich wie auch im Handwerk. Den Innovationsgutschein gibt es in zwei Varianten:

Innovationsgutschein B
für externe wissenschaftliche Beratung im Vorfeld der Entwicklung eines innovativen Produkts, einer Dienstleistung oder einer Verfahrensinnovation, zum Beispiel Technologie- und Marktrecherchen, Machbarkeitsstudien, Werkstoff-studien oder Studien zur Fertigungstechnik.

Innovationsgutschein F+E
für externe umsetzungsorientierte Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten, die darauf ausgerichtet sind, innovative Produkte, Produktionsverfahren und Dienstleistungen bis zur Markt- beziehungsweise Fertigungsreife auszugestalten, zum Beispiel Konstruktionsleistungen, Service Engineering, Prototypenbau, Design, Produkttests zur Qualitätssicherung etc.

Die Fördersumme beläuft sich auf maximal 5.000 Euro (Innovationsgutschein B) beziehungsweise auf 10.000 Euro (Innovationsgutschein F+E). Bis zu diesen Obergrenzen werden maximal 50 Prozent der Ausgaben, die dem Unternehmen von der beauftragten Forschungseinrichtung in Rechnung gestellt werden, erstattet. Bei kleinen Unternehmen erhöht sich die Förderquote auf 80 Prozent. Eine Kombination beider Innovationsgutscheine ist möglich. Zudem können die Innovationsgutscheine von mehreren Unternehmen für ein gemeinsames Forschungs- oder Entwicklungsvorhaben kumuliert werden. In diesem Fall ist von jedem Unternehmen ein gesonderter Antrag zu stellen. Gefördert werden allerdings nur Leistungen, die nicht üblicherweise bereits am Markt angeboten werden (etwa von Ingenieurbüros, Analytiklabors oder Unternehmensberatungen).Die Aufträge können sowohl von deutschen, als auch von ausländischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ausgeführt werden. Wichtig ist, dass das kooperierende Unternehmen, das den Innovationsgutschein in Anspruch nimmt, seinen Sitz in Nordrhein-Westfalen hat.

Anträge auf Innovationsgutscheine können postalisch oder in digitaler Form bei der
InnovationsAllianz der NRW-Hochschulen e.V., Stephanie Koch, Telefon 0251 8364603, E-Mail: innovationsgutschein(at)fh-muenster.de, Internet: www.innovationsgutschein.nrw.de oder www.innovationsallianz.nrw.de eingereicht werden.

In der Statistik des Stifterverbandes fällt aber auch auf, dass der Anteil der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) an den FuE-Aufwendungen in NRW im Vergleich zu anderen konzerngeprägten Wirtschaftsregionen mit 20 Prozent relativ hoch ist (Niedersachsen: 9 Prozent, Hessen und Baden-Württemberg je 11 Prozent). Das hängt mit den in NRW überdurchschnittlich starken Wirtschaftszweigen Maschinenbau und Elektrotechnik zusammen, die klassischer Weise mittelständisch geprägt und zugleich entwicklungsintensiv sind. Überhaupt sollte der Beitrag der KMUs zur Forschungslandschaft in NRW nicht unterschätzt werden. Während die Großkonzerne ihre Schwerpunkte häufig in den klassischen deutschen Domänen der gehobenen Gebrauchstechnologie haben, sind die KMUs laut Stifterverband „häufig auf den Wissenstransfer in innovationsferne Branchen spezialisiert“. Sprich: Die traditionsreichen Werkzeugmacher des Bergischen sorgen dafür, dass die Duisburger High-Tech-Stähle von ThyssenKrupp auch eingesetzt werden, wo es deren Entwickler selbst gar nicht vorgesehen hatten.

Land muss Investitionen in FuE erhöhen

Wenn NRW aber wirklich Forschungsland Nummer 1 werden will, muss das Land zulegen. Noch arbeitet bundesweit fast jeder zweite der insgesamt 322.000 für die Wirtschaft tätigen Forscher und Entwickler in Baden-Württemberg oder Bayern. Die Unternehmen dieser beiden Länder stemmten 2007 – neuere Zahlen liegen nicht vor – zusammen mehr als die Hälfte der gesamten FuE-Ausgaben der Wirtschaft in Höhe von 43 Milliarden Euro. An Rhein und Ruhr liegen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung pro Einwohner bei weniger als einem Drittel des Wertes von Baden-Württemberg. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht: In NRW flossen 2007 laut Stifterverband nur 1,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in die Forschung. Damit liegt das bevölkerungsreichste Bundesland im Ländervergleich gerade mal auf Platz elf und weit unter dem Bundesdurchschnitt von 2,54 Prozent. Dürftige Zahlen, wenn man an Lissabon denkt: In der portugiesischen Hauptstadt haben die europäischen Staatschefs vollmundig beschlossen, Europa „zum dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt“ zu entwickeln. Deshalb wollten sie fortan mindestens drei Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung in die Forschung investieren. Das Treffen liegt jetzt zehn Jahre zurück.

Thomas Reisener,
Wirtschaftskorrespondent Rheinische Post