Besondere Unternehmen aus der Region

Formel D GmbH

25.07.2011

Der erste Eindruck: Hier gibt es etwas zu verbergen. Der zweite Eindruck: Transparenz, Offenheit, Kommunikation. Also nichts zu verbergen. Im weiteren Verlauf festigen sich beide Eindrücke, auch wenn der zweite überwiegt. Ein Widerspruch?

Wer zu Formel D will, muss klingeln und am Empfang eine Sicherheitserklärung unterschreiben. Es herrscht Fotografie-Verbot, die Ankunftszeit des Besuchers wird notiert. Aber: Hat man diese Hürde überwunden und wartet in der Sitzgruppe auf seine Gesprächspartnerin, bietet sich eine prima Gelegenheit, die Blicke schweifen zu lassen. Denn sie können weit schweifen – kaum ein Hindernis stellt sich ihnen in den Weg. Man befindet sich in einem einzigen großen Raum – nach oben offen, zu den Seiten offen. Hier ein Paravent, dort eine große Zimmerpflanze, offensichtlich sind verschiedene Bereiche abgetrennt. Aber geschlossene Büros? Schreibtische hinter blickdichten Türen und Wänden? Fehlanzeige. Links hinten findet offenbar eine Besprechung statt, weiter rechts arbeitet jemand an einem großen Tisch am Laptop – und nach oben gelangt der Blick gleich mehrere Stockwerke weit. Foyer und Arbeitsbereiche gehen fließend ineinander über, Helligkeit, freundliche Farben und ungewöhnliche Geometrien sorgen für reichlich Aufenthaltsqualität.

Nach wenigen Minuten geht es weiter in den Konferenzraum. Tische aus Glas in geschwungener Formation, Tür aus Glas – mit Blick auf den Gang, der sich hier zu einer Art Mitarbeiter-Bistro weitet. Dann bleibt das Auge an einem Poster hängen: „Meeting-Spielregeln“ sind hier für jeden sicht- und damit beachtbar festgehalten – neun an der Zahl. Viola Metzner hält sich an alle. Die geschäftsführende Gesellschafterin des mittelständischen Unternehmens kommt pünktlich (Regel 2) zum Interview, ist vorbereitet (Regel 1), bleibt beim Thema (Regel 4) und lässt sich nicht von einem Mobiltelefon stören (Regel 9). Stattdessen zeigt sie eine Unternehmenspräsentation, die viel enthält und dennoch mit wenigen Seiten auskommt. Erzählt aus einem facettenreichen Unternehmerinnenleben, ohne dabei im Mittelpunkt zu stehen. Und schwärmt von Autos mit hoher Geschwindigkeit und schneller Beschleunigung, ohne freilich selbst überhaupt ein Auto zu besitzen. Dazu später.

Am Anfang war – das Wort

Arbeit an Fahrzeugteilen im Geschäftsleben "QUALIFYing".

Viola Metzner und Hans-Josef Orth haben Formel D 1993 gegründet. Sie waren davor beim selben Arbeitgeber im Automobilsektor beschäftigt, kannten also einander ebenso wie die Branche. Es gelang ihnen, die Banken zu überzeugen, und so konnten sie eine Million Mark investieren und loslegen. Die Idee: Literatur für ein Fahrzeug schreiben. „Alles, was ein Vertragshändler wissen muss, um ein Auto reparieren zu können“, erzählt Metzner. Sie wussten: Den Herstellern ist ein Partner am liebsten, der das gesamte Fahrzeug beschreiben kann. Technische Dokumentation aus einer Hand.

Um verständlich zu beschreiben, wie man den Motor ein- und ausbaut, ein ABS repariert oder den Katalysator erneuert, muss man das selbst gemacht haben. Also mussten Metzner und Orth schnell eine entsprechende Infrastruktur aufbauen und Fachleute einstellen, um die Arbeitsabläufe am echten Objekt selbst durchführen und dokumentieren zu können. Formel D betreibt an mehreren Standorten eigene Werkstätten und erhält von den Herstellern immer wieder Prototypen, an denen dann gearbeitet wird. Viele Vorgänge werden inzwischen auch am Computer simuliert. Damit ist auch schon klar, weshalb das Unternehmen besondere Sicherheitsvorkehrungen trifft: Es herrscht ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Formel D als Dienstleister und den Autobauern als Auftraggeber, denn Prototypen – sogenannte „Erlkönige“ – stehen unter absoluter Geheimhaltungspflicht. „Wenn auch nur einmal entsprechende Informationen an die Öffentlichkeit oder die Konkurrenz gelangen würden, hätten wir ein riesiges Problem“, bekennt Metzner.

Auf eine Dienstleistung folgt die nächste

Zurück zu den Anfängen. Metzner und Orth haben aus einer Dienstleistung die nächste entwickelt. Die Dokumentation der Arbeitsgänge geht nicht, ohne sie durchzuführen. Dabei stellt sich wiederum schnell heraus, welche Abläufe praktikabel sind und welche nicht. Also unterbreitet Formel D den Kunden in einem Vorschläge für service- und damit kostenfreundliche Reparaturen. Auch werden bei allen Reparaturabläufen die Zeiten gestoppt – Dienstleistung Nummer 3: Handreichungen für die Dauer typischer Reparaturvorgänge.

Formel D ist ziemlich schnell gewachsen. Schon ein Jahr nach der Gründung eröffnete das Unternehmen in Großbritannien die erste Auslandsniederlassung, 1996 die nächste in Brasilien. „Wir sind unseren Kunden von Anfang an für wichtige Projekte ins Ausland gefolgt, um uns Aufträge zu sichern“, berichtet Metzner. Anfang der 90er Jahre herrschte in der Automobilbranche Krisenstimmung – die Kosten waren zu hoch, die Gewinne sackten ein. Es kam die Zeit von Leuten wie José Ignacio Lopez, der bei Volkswagen mit nicht unumstrittenen Methoden die Herstellungskosten deutlich senkte. Produktionen wurden ins Ausland verlagert, viele Herstellungsschritte ausgelagert. „Wir haben uns zum richtigen Zeitpunkt für die Automobilbranche entschieden“, freut sich Metzner noch heute.

Die Zahlen geben ihr Recht: Formel D wuchs und wuchs. Die Mitarbeiterzahl auf heute 1.850, der Umsatz auf 94,3 Millionen Euro im Jahr 2010 und prognostizierte 112 Millionen Euro im laufenden Jahr. In 20 Ländern unterhält das Troisdorfer Unternehmen 55 Niederlassungen. Hinzu kommen weitere Standorte, wohin Formel D seinen Kunden für einzelne Projekte folgt, ohne sich dort dauerhaft niederzulassen.

Fünf Geschäftsbereiche

Zum ursprünglichen Unternehmensgegenstand Technische Dokumentation sind viele weitere hinzugekommen. Das Unternehmen bündelt sie in fünf Geschäftsbereichen:

FLOWing: Dieser Geschäftsbereich ist sozusagen der klassische, er umfasst die Technische Dokumentation, aber zum Beispiel auch eine Service-Hotline für Vertragshändler.

KNOWing: Formel D unterhält eine eigene Schulungsakademie. Hier lernen Mitarbeiter von Herstellern, Zulieferern und Vertragswerkstätten zum Beispiel neue Systeme in Pkws kennen, sie erfahren, wie man diese repariert und wie man hohe Qualitätsstandards einhält.

QUALIFYing: Autohersteller planen Innovationen – Formel D sucht für sie weltweit die geeigneten Lieferanten für die entsprechenden Teile. Der Dienstleister sorgt aber, falls gewünscht und erforderlich, auch dafür, die Lieferanten so zu ertüchtigen, dass sie das jeweilige Produkt in der notwendigen Qualität und integriert in alle Standards des Herstellers liefern können.

CARing: In diesem Geschäftssegment nimmt Formel D den Autoherstellern quasi alle Arbeiten ab, die diese nur unter hohem Aufwand und hohen Kosten in ihre Abläufe integrieren könnten, zum Beispiel den Bau von Prototypen, Pilot- und Versuchsfahrzeugen oder den Exponatebau für Ausstellungen. Oder den Bau von Sonderfahrzeugen. Oder Fahrzeugen in kleiner Serie. Neu: das „Refining Manufacturing Center“ in Brüssel. Hier führt Formel D zum Beispiel eigenverantwortlich kundenspezifische Veredelungen am Audi A1 durch.

CREATing: Nicht immer können Reparaturvorgänge oder Produktneuheiten in 20 verschiedenen Sprachen ausführlich beschrieben werden. Manchmal sagt ein Bild mehr als 1.000 Worte. Für solche Fälle bietet Formel D seinen Kunden Multimedia- und audiovisuelle Produktionen an, zum Beispiel Schulungs- und Imagefilme oder internetbasierte Trainingseinheiten.

Den größten Umsatz macht Formel D mit den beiden Geschäftsbereichen Qualifying und Caring – nämlich 60 Prozent – sowie mit der technischen Literatur und der Service-Hotline (weitere 30 Prozent). Zu der Literatur gehören dabei nicht nur Reparaturanleitungen, sondern auch Benutzerhandbücher – für Rolls-Royce- ebenso wie für Opel- Fahrer. Insgesamt zählt Formel D rund 600 Automobilhersteller und -zulieferer zu seinen Kunden. Immerhin zehn Prozent des Umsatzes kommen jedoch aus dem Non-Automotive-Bereich. „Etwas haben alle unsere Kunden aber gemeinsam“, betont Metzner, „und das ist Bewegung.“ Zu den Nicht-Automobil-Kunden gehören zum Beispiel ein Aufzug- und ein Windrad-Hersteller.

Problem: Fachkräftemangel

Die Geschäfte laufen gut. Das Betriebsklima ist, wie Metzner mit Freude erzählt, gut. Das Renommee stimmt – 2010 gehörte Formel D zum wiederholten Male zu den Finalisten des renommierten Wirtschaftspreises „Entrepreneur des Jahres“. Also alles bestens? „Leider nicht“, bedauert Metzner, „es gibt eine Schwachstelle: der Ingenieurmangel.“ Sie sucht händeringend neue, gute Ingenieure. Nicht einen. Sondern viele. Das Problem: der Fachkräftemangel im Allgemeinen, und der Bekanntheitsgrad bei Nachwuchsspezialisten im Besonderen. „Bosch und Daimler sind nach wie vor am gefragtesten“, weiß Metzner. Formel D will etwas dagegen setzen, neue Wege der Nachwuchsgewinnung beschreiten. „Ich kann Ihnen sagen: Wir machen uns sehr viele Gedanken, wie wir an gute junge Ingenieure kommen können“, unterstreicht Metzner. Nennen will sie die Ideen freilich nicht – die Konkurrenz schläft nicht.

Was die Unternehmerin hingegen gerne verrät, ist ihre Motivation. Sie ist froh, mit ihrer Firma Teil der deutschen Automobilbranche zu sein – „der innovativsten Branche, die es gibt“, findet sie. „Sie ist genau wie ihr Produkt: schnell, faszinierend, immer in Bewegung.“ Metzner liebt ihre Branche. Und sie liebt Autos. Auch schnelle Autos. Sofort ist es da, das Bild von der dynamischen Unternehmerin im schnellen Mercedes-Cabrio, vielleicht sogar in einem Porsche, oder warum nicht gleich zwei Autos in der Garage – bei dieser Leidenschaft und dieser Branche!

„Ich habe kein eigenes Auto – und zwei meiner drei Kollegen in der Geschäftsführung auch nicht!“ Diese Antwort kommt vollkommen unerwartet. „Aber wir haben ein intelligentes Mobilitätskonzept“, fährt Metzner lächelnd fort. Das sieht zum Beispiel so aus: Viola Metzner fährt mit dem ICE von Siegburg nach Stuttgart. Dort wartet der Mietwagen für die Fahrt zu den Kunden. Dann fliegt sie nach Berlin, fährt mit dem dortigen Mietwagen zu weiteren Kunden. Per Flug geht’s zurück nach Köln/Bonn – und von dort erneut mit dem Mietwagen in die Firma oder nach Hause. „Wenn Sie so viel unterwegs sind wie ich, dann rentiert sich ein eigenes Auto nicht“, bekennt Metzner. „Im Übrigen lerne ich auf diese Weise viele tolle neue Autos kennen – was für meine Arbeit sehr nützlich ist!“

Lothar Schmitz,
freier Journalist, Bonn