Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) lohnt auch für KMU

Gesunde Mitarbeiter in gesunden Unternehmen

31.12.2010

„Es geht darum, den Unternehmenserfolg zu steigern durch gesunde und zufriedene Mitarbeiter“, sagt Dr. med. Heinz Pilartz: „Weiterhin muss das Potenzial der Mitarbeiter wie z. B. Ausbildung, Erfahrung, persönliche Begabung und Kreativität zum Vorteil aller Beteiligten eingesetzt werden. Mitarbeiter sind am ehesten zu motivieren, wenn sie sich wichtig, bedeutsam und geachtet erleben, dann lässt sich das Mitarbeiterpotenzial am ehesten mobilisieren.“

BGM ist mehr als Rückenschule

Doch wie lässt sich die Gesundheit von Mitarbeitern steigern? „Die klassische Rückenschule kann man sich sparen, Einzelmaßnahmen verpuffen wirkungslos“, lautet das zugespitze Fazit von Dr. med. Paula Antonia Vogelheim, Leitung Produktmanagement bei der BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH. „Strategie statt Rückenschule“, so das Credo von Vogelheim. Ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) muss her. Strategie, Analyse, Umsetzung und Evaluation setzen sich zu ihrem BGM-Haus zusammen. Bei der Umsetzung greifen Personalentwicklungsmaßnahmen, Gesundheitsförderung, Events, medizinische Vorsorge und psychosoziale Beratung ineinander. Vogelheim: „Quick-Wins wie der eigene Lauftreff oder Gesundheitstage sorgen für schnelle Akzeptanz und die Einbindung der Mitarbeiter ist unabdingbar.“ Doch nur durch die Vorbildfunktion der Führungskräfte könne die Akzeptanz unter den Mitarbeitern erzielt werden.

Es gilt, betriebswirtschaftliche Erkenntnisse und Erfordernisse rund um Krankheit und Gesundheit zusammenzufügen. „Die ausschließlich betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise in Unternehmen hat zu Rationalisierungen, Effizienzsteigerung und Straffung der Betriebsabläufe geführt. Die Grenzen dieser Vorgehensweisen sind weitgehend erreicht“, sagt auch Unternehmensberater Dipl.-Kaufmann Azad Ghasimi: „Management beschäftigt sich mit der zielgerichteten Steuerung komplexer Systeme. Das Ziel eines Unternehmens ist sein wirtschaftlicher Erfolg. Dieser Erfolg ist eher mit motivierten, gesunden Personal zu erreichen. Deswegen ist eine der Aufgaben der Unternehmensführung sich um gesundheitsbezogene Themen zu kümmern.“

Das BGM setzt also ganz oben an. Dass es unerlässlich ist, zeigen zwei Zahlen: In Deutschland fallen jährlich 1,5 Millionen Arbeitsstunden durch Krankheit aus, die allein stressbedingten Schäden in Europa werden auf 20 Milliarden Euro geschätzt. Demografischer Wandel, längere Lebensarbeitszeiten und die Auflösung der Trennung zwischen Beruf und Privat führen zu höheren Krankenständen und mehr Langzeiterkrankungen. „Präventive Lösungsansätze sind deshalb eine volkswirtschaftlich rentable Investition“, erläutert Professor Dr. Bernd Siegemund, Vorsitzender der BAD-Geschäftsführung: „Die Vermeidung von Krankheit kostet weniger und ist zielführender als die Behandlung von Krankheiten. Human- und Sozialkapital von Unternehmen werden als wichtige Determinanten zunehmend an Bedeutung gewinnen.“

Bewegen – aber nicht im begehbaren Arzneimittelschrank

Auf der anderen Seite nimmt die Lebenserwartung in Deutschland stetig zu. Lag sie 1875 noch bei 39,5 (Männer) bzw. 42,5 (Frauen) Jahren, so wurden Frauen 2008 rund 80 und Männer im Durchschnitt 77 Jahre alt. Aber auch die Kosten steigen. Der Deutsche geht durchschnittlich 18 Mal im Jahr zum Arzt, die Medikamentenkosten summieren sich auf 29 Milliarden Euro und steigen stärker als das Bruttosozialprodukt. „Der Trend geht zum begehbaren Arzneimittelschrank“, sagte Professor Dr. Thomas Wessinghage bei der
7. BAD-Expertentagung „Gesundheit ist MehrWert“ über das betriebliche Gesundheitsmanagement zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

So erhöht sich die Lebenserwartung eines 60jährigen derzeit um ca. 40 Tage pro Jahr. Doch erstmals halten sich produktive und unproduktive Jahre mit 38 zu 38 die Waage. Und 500.000 Deutsche erleiden jährlich einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. „Regelmäßige Bewegung könnte hier eine Reduktion um 40 Prozent erreichen“, so Wessinghage. Sieben Millionen Deutsche sind chronisch an Diabetes erkrankt. „Bewegung verringert den Insulinbedarf der Körperzellen für den Glukose-Transport“, erläutert der ehemalige Mittel- und Langstreckenläufer, heute ärztlicher Direktor der Medical Park AG mit mehreren Rehakliniken. „Bewegung ist Leben.“ Zwei Stunden Joggen pro Woche verbrennen 1.500 Kilo-Kalorien und reichen schon aus, optimal seien 30 Minuten pro Tag (2.500 kcal pro Woche).

Körperliche Fitness führt zu höherer Belastbarkeit

„Fitness fängt am Arbeitsplatz an“, sagt auch Dr. med. Axel Seuser, Chefarzt der Orthopädischen Abteilung der Bonner Kaiser-Karl-Klinik GmbH: „Stress, Fehlhaltung, Überbelastung und Schmerz beeinflussen unseren Bewegungsapparat. Gefordert ist also eine Bewegungsanalyse zu spezifischen Arbeitsplatzproblemen. Aber allgemein führt körperliche Fitness zu höherer Belastbarkeit“. Dabei setzt Seuser unter anderem auf das Programm fit@job, das am Arbeitsplatzrechner installiert werden kann und die Fortschritte beim Rückentraining und der Fettverbrennung misst und den Mitarbeiter daran erinnert, auch während der Arbeit etwas für seine Beweglichkeit zu tun. Sei es durch stehend telefonieren, Treppen steigen oder dem ein oder anderen kleinen Dienstgang. Mini-Workouts sehen zwei- bis vierminütige Kraft- und Dehnübungen, Stretching-Pausen oder gemeinsame Übungen beim Meeting vor und helfen Kalorien zu verbrennen und den Rücken stärken. Und am Ende des Arbeitstages meldet das Programm den Wellness-Faktor.

Auf einen Unterschied der richtigen Motivationsinstrumente zwischen großen Unternehmen auf der einen und KMU auf der anderen Seite macht Azad Ghasimi aufmerksam: „Monetäre Anreize stehen bei kleinen und mittleren Unternehmen nicht im Vordergrund. Dort sind andere Motivationen bedeutsam: selbstständige Projekte, individuelle Förderung, vertrauensvolle Atmosphäre, und gesundheitspräventive Maßnahmen.“ Seien diese Bedingungen erfüllt, können Mitarbeiter optimal eingesetzt werden. Unter dem Begriff Gesundheitsmanagement werden Unfallschutz, Betriebsbegehung, Präventivmaßnahmen nicht nur rund um Bewegung und Ernährung angeboten. Ghasimi: „Allerdings stellt sich die Frage, wie wirksam diese Maßnahmen sind, ohne dass die Motivation für Veränderungen vom Mitarbeiter selbst kommt. Werden lediglich Vorschriften von der Unternehmensspitze angeordnet, ohne aktiv Mitarbeiter einzubinden, verfehlen die Maßnahmen oft die angestrebte Wirkung. Dabei reichen Maßnahmen, die sich nur an körperlichen Kriterien orientieren, oft nicht aus.“ Soll der Einzelne zum Wohle des Betriebes als Ganzes geachtet und gestützt werden, seien gerade emotionale Faktoren mit zu berücksichtigen. Persönliche Befindlichkeiten, Belastungen durch Konflikte, Unklarheiten belasten den Betrieb in verdeckter Form immens. „Diese Faktoren führen nicht immer zu Krankmeldungen (Absentismus) und damit erkennbaren Ausfallzeiten, sondern können auch über ein schleichendes Nachlassen der Leistungsfähigkeit und einen latenten Krankheitszustand „Krankheit bei Arbeitsfähigkeit“ (Präsentismus) bewirken“, stimmt Pilartz zu. Krankheit bei Arbeitsfähigkeit kostet Untersuchungen zur Folge viel mehr als die Abwesenheit des Mitarbeiters durch Krankschreibung. Mobbing, Burnout, innere Kündigung führen dazu, dass der Mitarbeiter nicht krank, aber auch nicht einsetzbar ist. Aufgrund der Umstände kann er sich nur schlecht konzentrieren, macht oft Fehler oder arbeitet langsam. Darüber hinaus werden oft Zeit und Potenzial weiterer Mitarbeiter gebunden, die helfen wollen, was zusätzliche Kosten verursacht.

Michael Pieck