Chancengleichheit - mehr als ein Frauenthema

Familienfreundlichkeit ist ein Wettbewerbsvorteil

Chancengleichheit - mehr als ein FrauenthemaUnternehmen, die gute Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen, finden und binden wertvolle Fachkräfte. Denn das Gros der Frauen ist hervorragend ausgebildet. Ihnen berufliche Perspektiven einschließlich Führungspositionen zu bieten, macht das eigene Unternehmen zukunftsfähig. Davon profitieren auch die Männer.

Als das Teatro del Lago im chilenischen Frutillar mit einem Konzert der Bamberger Symphoniker eröffnet wurde, saß Annette Lux(s. Foto) im Publikum und dachte: „Ich habe ein bisschen dazu beigetragen, dass diese Musik hier, am anderen Ende der Welt, zu hören ist.“ Die Bonner Unternehmerin und Geschäftsführerin von Luxreisen hatte mit ihrem Team den Flug mit einer Chartermaschine der chilenischen Regierung organisiert, wertvolle Instrumente transportieren lassen, Hotels gebucht und sich um die Zollbestimmungen gekümmert.

Annette Lux, Bonner Unternehmerin und Geschaeftsfuehrerin von LuxreisenDas Unternehmen, das Lux gemeinsam mit ihrer Schwester Brigitta in zweiter Generation führt, hat sich auf Chor- und Orchestertourneen spezialisiert. „Wenn ein Orchester verreist, verbirgt sich dahinter ein Riesenprozess“ sagt sie. „Wir transportieren nicht einfach Instrumente von A nach B. Wir transportieren das Leben der Musiker.“

Lux arbeitet in einer von Männern dominierten Branche. Denn obwohl inzwischen zahlreiche Violinistinnen und Klarinettistinnen in den Orchestern spielen, sind die Top-Jobs noch häufig Männern vorbehalten: Dirigent, Solist, Orchestermanager. Auch die Wettbewerber von Luxreisen – meist sind es Speditionen – sind in Männerhand.

Dennoch gelang es der Bonnerin, in der Branche zur Weltspitze aufzusteigen. Ihre Kunden sind international, so schätzen z.B. japanische Orchester den Service aus Bonn. Warum der Erfolg? „Wir nutzen unsere Soft Skills“, sagt Lux, die in ihrem zehnköpfigen Team vor allem Frauen beschäftigt. „Wir denken mit und können uns sehr gut in unsere Kunden hineinversetzen. Es sind Künstler, auf deren Wünsche wir eingehen.“

Die Hälfte des Himmels ist noch fern

Die Schwestern Lux gehören gleich mehreren Minderheiten an: Als Unternehmerinnen, als Unternehmensnachfolgerinnen, als Führungskräfte. Denn obwohl die Anzahl der Frauen in Führungspositionen steigt, gehört ihnen noch lange nicht die Hälfte des Himmels. Je höher die Position, desto dünner wird die Luft für Frauen. Aufsichtsräte und Vorstände deutscher Unternehmen sind immer noch Männerdomänen.

Dr. Rosemarie Kay, stellvertretende Geschaeftsfuehrerin des Instituts fuer Mittelstandsforschung, BonnSeitens der Unternehmerinnen wachsen Frauen kaum nach. „Seit Jahren ist ein rückläufiger Trend im Gründungsgeschehen in Deutschland zu beobachten. Das gilt auch und insbesondere für die Gründungsaktivitäten von Frauen“, sagt Dr. Rosemarie Kay, stellvertretende Geschäftsführerin des Instituts für Mittelstandsforschung mit Sitz in Bonn (s. Foto). „Der Frauenanteil an allen Existenzgründungen von gewerblichen Einzelunternehmen sank von 32,1 Prozent im Jahr 2009 auf 28,8 Prozent im Jahr 2018.“ Nur bei den freiberuflichen Gründern machten Frauen 2018 mit einem Anteil von 51,9 Prozent etwas mehr als die Hälfte aus.

Hinzu kommt, dass Frauen in fast zwei Dritteln der Fälle nebenberuflich gründen. Auch bei den Unternehmensnachfolgen stehen die Töchter weniger im Fokus als die Söhne. „Wir wissen aus verschiedenen Untersuchungen, dass Töchter schlechtere Chancen als Söhne haben, das Familienunternehmen zu übernehmen“, sagt Kay.

Der Wandel braucht Zeit

Die deutsche Wirtschaft ist noch auf dem Weg zur Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen. Alte Rollenbilder, nach denen Frauen nicht führen können, sondern sich besser um die Familie kümmern sollten, stecken noch in vielen Köpfen. Der durch die Digitalisierung hervorgerufene gesellschaftliche Wandel gibt Frauen zwar die Möglichkeit, aus dem Home-Office zu arbeiten und ihre Jobs außerhalb der üblichen Kernzeiten zu erledigen. Viele Unternehmen statten ihre Mitarbeiterinnen mit mobilen Geräten aus, sorgen für Kitaplätze und ermöglichen Führungspositionen in Teilzeit.

Doch der Wandel braucht Zeit. Erst langsam setzt sich der Gedanke durch, dass Chancengleichheit nicht nur bedeutet, Frauen bei der Kinderbetreuung zu entlasten und für eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen. Chancengleichheit bedeutet auch, die Männer gleichermaßen am Familienleben teilhaben zu lassen und ihnen ebenso Auszeiten und Elternzeit zu ermöglichen – ohne dass mit dem Finger auf sie gezeigt wird.

In Ruhe zum Kindergarten

„Ich möchte nicht der Vater sein, der morgens vor den Kindern das Haus verlässt und sie nur am Wochenende sieht“, sagt Hendrik Lau(s. Foto). Er ist IT-Berater bei der synalis GmbH & Co. KG aus Bonn, die mittelständische Unternehmen mit Software und Computersystemen unterstützt. Lau ist Vater von zwei Söhnen. „Als unser erstes Kind 2016 zur Welt kam, habe ich mir mit dem Tag der Geburt zwei Monate Elternzeit genommen. Es ist sehr, sehr schön, den Anfang einer Familie mitzuerleben.“

Hendrik Lau, IT-Berater bei der synalis GmbH & Co. KG, BonnLau verabredete mit seiner Frau, die ebenfalls sehr gut ausgebildet ist, die Kindererziehung von Anfang an zu teilen. Auch als sein zweites Kind 2018 zur Welt kam, blieb er für zwei Monate bei seiner Familie. Inzwischen vereinbart er Familie und Beruf recht ausgewogen, sein Unternehmen macht vieles möglich: „Ich nehme jeden Tag mein Notebook mit nach Hause. Einen Tag in der Woche arbeite ich aus dem Home-Office in Sankt Augustin. Über die Cloud und das Cyber Security Operationcenter ist das möglich.“
An seinen Bürotagen bringt Lau seinen älteren Sohn morgens in den Kindergarten. „Wer Kinder hat, weiß, dass das länger dauern kann“, meint er. Den Druck, seinen Sohn noch in den Schuhen im Flur des Kindergartens stehen lassen zu müssen, hat er nicht. „Ich kann mich in Ruhe von ihm verabschieden. Es reicht, wenn ich zur Kernzeit im Büro bin.“

Familienfreundlichkeit ist ein Wettbewerbsvorteil

„Wenn ich meinen Mitarbeitern Flexibilität anbiete, sind sie zufriedener, motivierter und leistungsfähiger. Das ist ein Gewinn für das gesamte Unternehmen“, sagt Geschäftsführer Andreas Lau, der synalis 1997 gründete. „Warum soll ich künstlich Grenzen setzen, wenn flexibles Arbeiten möglich ist?“ Allerdings gibt es ein oberstes Gebot: Die Kundenzufriedenheit. „Noch vor zehn Jahren war z.B. Teilzeit die absolute Ausnahme“, sagt der Geschäftsführer. „Ein IT-Berater verbrachte acht Stunden beim Kunden. Durch die digitalen Methoden hat sich dort sehr viel geändert.“

Von den 50 synalis-Mitarbeitern sind 14 Vater. Neun von ihnen nahmen Elternzeit. Einer der Entwickler war der erste. Als sein Sohn 2001 geboren wurde, ging die Mutter gleich nach dem Mutterschutz wieder arbeiten, er nahm zunächst Elternzeit, steigerte dann Schritt für Schritt die Teilzeit von 16 auf heute 30 Stunden. Sein Sohn hat gerade Abitur gemacht.

„Auf unserer Homepage werben wir mit unserer Familienfreundlichkeit und schreiben in jede Stellenausschreibung, dass Teilzeit möglich ist“, sagt Rieke Zervas aus der Personalabteilung. „Ich habe nun zweimal Bewerber erlebt, die gerade Vater wurden. Sie waren sehr angetan – für uns ein Wettbewerbsvorteil.“

Von der Familienfreundlichkeit haben beide Geschlechter etwas: „Vor zehn Jahren hatten wir in der IT so gut wie keine Frauen“, sagt Andreas Lau. „Das hat sich in den vergangenen Jahren erheblich geändert.“ Nur eine weibliche Führungskraft gibt es bei synalis noch nicht. Grund dafür sei nicht die mangelnde Qualifikation der Frauen, sondern die geringe Fluktuation im Unternehmen.

Generation Z macht Rolle rückwärts

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht nur für jedes einzelne Unternehmen ein Gewinn, sondern für die gesamte Volkswirtschaft. „Dem Arbeitsmarkt gehen enorme Ressourcen verloren, wenn gut ausgebildete Frauen die Familie an die erste Stelle stellen“, sagt Mechthild Upgang, Finanzfachfrau und Vorstand der Mechthild Upgang AG (s. Foto). „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels sollten Arbeitgebende das Potenzial der bestausgebildetsten Frauengeneration nutzen und um Mitarbeiterinnen werben. Mit familienbewussten Angeboten und einer modernen Führungskultur stärken Betriebe ihre Arbeitgebermarke und werden so vor allem für weibliche Fachkräfte attraktiv.“

Mechthild Upgang, Finanzfachfrau und Vorstand der Mechthild Upgang AGMit Sorge betrachtet Upgang, die aus der Frauenbewegung stammt, die Lebenseinstellung der Generation Z, also der 17- bis 27-jährigen: „Sie vollziehen gerade eine Rolle rückwärts. Obwohl die jungen Frauen super ausgebildet sind, wollen sie häufig nur in Teilzeit arbeiten. Das bedeutet auch Teilzeit-Rente. Vielen sind die Zusammenhänge gar nicht bewusst.“

Der gesellschaftliche Wandel, der nun in den Unternehmen spürbar ist, wurde von den Baby-Boomerinnen angestoßen und von der Generation Golf getragen. Nun schickt die Generation Z sich an, die Früchte zu ernten – oder eben nicht. Der Weg zur Chancengleichheit bleibt spannend.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn