Die ersten Jahre nach dem Start

Gemischte Gefühle - Junge Unternehmen in Bonn/Rhein-Sieg

31.12.2010

Das Buch „Marken des Jahrhunderts“ beschreibt den exklusiven Zirkel deutscher Marken mit Rang und Namen. Dazu gehören die Deutsche Bank, Persil, Haribo, Mercedes Benz und viele andere. Und dort auf der Seite 543, zwischen dem Wäschehersteller Triumph und dem Reiseveranstalter TUI, steht eine 250 Milliliter-Flasche mit einem violetten Fruchtsaft aus pürierter Banane und fünf verschiedenen Waldbeeren: Das purple Smoothie von true fruits.

Die true fruits GmbH aus Bonn (www.true-fruits.com) verkauft inzwischen monatlich etwa eine halbe Million Flaschen mit Smoothies in den Farben yellow, pink, purple, white und green. Anders als bei herkömmlichen Fruchtsäften wird bei Smoothies die ganze Frucht bis auf Schale und Kern verarbeitet. True fruits führte damit in Deutschland, dem Spitzenreiter unter den Fruchtsafttrinkern in Europa, ein neues Produkt ein. „Als jüngstes Unternehmen in das Standardwerk ‚Marken des Jahrhunderts’ aufgenommen zu werden, war einfach bombastisch“, sagt Inga Koster, Geschäftsführerin Marketing & Finanzen des Start-Ups. Dabei war diese Auszeichnung nur eine von vielen, die das 18köpfige Team um die Gründer Inga Koster, Marco Knauf und Nicolas Lecloux gesammelt hat: Startschuss war der 2. Platz des NUK-Businessplan-Wettbewerbs im Jahr 2006. „Dieser Preis hat uns immens geholfen, um einen Businessplan zu schreiben“, erinnert sich Koster. „Dazu muss man sich nämlich wirklich aufraffen.“ Es folgten der Deutsche Verpackungspreis, der DLG Ehrenpreis für Fruchtsaftgetränke, der Designpreis red dot award und der Deutsche Gründerpreis, um nur einige Auszeichnungen zu nennen. Und während andere Existenzgründer auf die Frage, ob ihnen Fehlentscheidungen unterlaufen seien, abwiegeln, antwortet Inga Kosten ganz offen: „Wir bauen auch Mist.“ So habe sich auf den Flaschen des green Smoothie der Strichcode des purple Smoothie befunden. Und im vergangenen September habe bei der Markteinführung des neuen Produkts Crisps – so heißen die knusprigen Chips aus Ananas, Erdbeere und Apfel –  das Verpackungsmaterial nicht ausgereicht.

Nicolas Lecloux, Inga Koster und Marco Knauf arbeiteten schon als Studenten an ihrem Unternehmen true fruits. Überzeugt von ihrer Geschäftsidee des flüssigen Obstes in Flaschen verkaufen sie heute mehr als eine halbe Millionen Falschen ihrer Fruchtsaftgetränke.

Diese Offenheit und die Lust, neue Dinge auszuprobieren, sind das Erfolgsrezept von true fruits. Das Unternehmen macht inzwischen einen Jahresumsatz von sechs Millionen Euro, offene Stellen sind ausgeschrieben. Hinzu kommt der gute Riecher der drei Geschäftsführer, die als BWL-Studenten im Jahr 2004 die Smoothies in einem schottischen Supermarkt entdeckten und sie als geeignetes Produkt für den deutschen Markt erkannten. Inzwischen gibt es die Smoothies von true fruits in Supermärkten und Bistros, in Mensen und sogar in Apotheken. „Unsere Kunden betrachten Smoothies als ein Wohlfühlprodukt“, sagt Inga Koster. „Smoothies haben ihren Preis. Doch sie sind selbst für Obstmuffel der kleine Luxus des Tages.“

Ein Kulturbetrieb mit Durchsetzungsvermögen

Ebenfalls erfolgreich – wenn auch auf ganz anderem Terrain – war die Gründung des Drehwerks 17/19 in Wachtberg-Adendorf. In einer alten Töpferei öffneten die Eheleute Rudi und Ille Knorr, deren Knorrwerbung oHG bereits erfolgreich Kinowerbespots produzierte, einen privaten Kulturbetrieb mit Kino, Bistro und Bühnenraum (www.drehwerk-1719.de). Das war im Oktober 2007. „Wir hatten diesen Gebäudekomplex gekauft, die Büros der Knorrwerbung eingerichtet und fragten uns, was wir mit den übrigen Räumen machen könnten“, erinnert sich Rudi Knorr. Seine Frau ergänzt: „Wir dachten an einen Kulturbetrieb. Doch die Bank meinte, Kultur funktioniere gar nicht, wir sollten in Wohnungen investieren.“ Die Knorrs entschieden anders und reichten einen Businessplan ein, der überzeugte.

Über zwei Banken erhielten sie Förderkredite der KfW, sie bekamen Fördermittel von der Filmstiftung NRW, später auch von der Filmförderungsanstalt in Berlin. Hinzu kamen Eigenmittel aus der erfolgreichen Knorrwerbung und viel Eigenleistung beim Umbau der Töpferei. „Mit der Einrichtung der Küche und des Kinos haben wir knapp eine halbe Million Euro investiert“, sagt Rudi Knorr. „Insgesamt waren die Verhandlungen mit den Banken positiv, die Zinssätze sind in Ordnung.“

ALLER ANFANG IST SCHWER

Barbara Ludermann, Ludermann Coaching und Lotos
Als die Diplom-Betriebswirtin Barbara Ludermann im Jahr 2007 den Konzern, für den sie fünfzehn Jahre als Führungskraft gearbeitet hatte, verließ, wollte sie etwas ganz anderes machen. Auf Umwegen hat sie es geschafft. „Zunächst habe ich mich in Bonn als Coach niedergelassen“, erzählt sie. Doch zufrieden war sie nicht. „Meine Führungserfahrung reichte nicht, um mich von den vielen anderen Beratern abzuheben. Ich brauchte ein Alleinstellungsmerkmal und habe eine Ausbildung zur Feng Shui Beraterin gemacht.“

Seit 2008 betreibt sie gemeinsam mit einer Partnerin die Lotos GbR in Köln, die sich auf Feng Shui, Innenarchitektur und Coaching spezialisiert hat. „Feng Shui betrachtet den Menschen ganzheitlich. Ziel ist, in allen Räumen ein möglichst hohes positives Energieniveau zu schaffen. Wir arbeiten sehr viel mit Farbe und Licht.“ Hinzu komme das persönliche Coaching, denn die Kunden wollten einerseits ihre Räume, andererseits ihre Persönlichkeit verändern. „In Bonn beraten wir beispielsweise mehrere Hotels. Einerseits gestalten wir die Zimmer und den Empfang neu. Andererseits schulen wir die Mitarbeiter in der Kundenansprache.“ Weitere Lotos-Kunden sind Seminaranbieter, Arzt- und Physiotherapiepraxen, Schulen und Fahrschulen sowie Privatpersonen, die sich in ihrem Zuhause wohler fühlen möchten. www.lotos-business.de

Die Besucher des Drehwerks 17/19 kommen aus einem Umkreis von 15 Kilometern. „Für einen guten Film muss ich nicht bis nach Bonn fahren“, sagt Margret Sturm-Rödel aus Meckenheim, die an der Kinokasse zwei Karten für den neuen Film mit Julia Roberts abholt. Ihren Kino-Pass lässt sie abstempeln, nach zehn Besuchen gibt es einen freien Eintritt.

„Wir haben einige besondere Angebote, etwa das Keinohrkino für Hörgeschädigte“, erzählt Ille Knorr. „Jeden letzten Dienstag im Monat ist außerdem FKK, das steht für Film, Kaffee und Kuchen.“ Sie müsse sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, sagt sie. „Im Bistro haben wir unsere Karte schnell erweitert, denn viele Stammgäste hatten die kleine Karte schnell runter gegessen.“ Nun stehe die nächste Investition an: Um auch digitale Filme in 3 D Qualität zeigen zu können, sind ein neuer Server und ein neuer Projektor geplant. Ein Vorhaben, für das sich Rudi Knorr über das Gründercoaching Deutschland (siehe Service-Informationen) von einem Unternehmensberater unterstützen lässt.

Kurz nach dem dritten Geburtstag des Drehwerks 17/19 machen die Eheleute Knorr kein Geheimnis daraus, dass ihr Unternehmertum sehr anstrengend ist. „Es ist schwierig, hier auf dem Land geeignetes Personal zu finden. Die Studenten leben in Bonn, nicht in Wachtberg“, meint Ille Knorr. Krank dürfe sie nicht werden. „Ich kann meinen Gästen ja nicht sagen, dass es heute nicht geht.“ Umso dankbarer sei sie für gute Mitarbeiter. „Unsere Köchin beispielsweise ist klasse. Von deren Rinderbrühe müssen Sie mal probieren.“

ALLER ANFANG IST SCHWER

Andreas Kluth, Beach & Business
Draußen ist es windig und nasskalt, ein typisch rheinischer Winter. Drinnen sitzen die Gäste barfuß am Strand oder lassen sich in Hawaii-Hemd und mit Aloha-Ketten fotografieren. „In unserer Strandatmosphäre fühlt sich fast jeder wohl. Hier lernen die Teilnehmer von Team-Events sich so leicht kennen, als seien sie im Urlaub“, sagt Andreas Kluth. Am 1. Januar 2007 startete der Diplom-Kaufmann sein Unternehmen Beach & Business, mit dem er Veranstaltungen am Strand anbietet, zum Beispiel in der Beachhalle in Niederkassel. „Manche Unternehmen buchen ein Team-Building, wenn beispielsweise eine Projektgruppe zusammenwachsen soll. Andere kommen zum Abschluss einer Tagung, um ihre Kommunikation noch einmal zu verbessern.“ Der Tag am Strand gestalte sich je nach Programm unterschiedlich. Beim Team-Building gehe es beispielsweise darum, Seile zu spannen, durch die die Teilnehmer nacheinander wie durch ein Spinnennetz kriechen müssen, ohne das Netz zu berühren. Soll das Team vor allem Spaß haben, spiele sich viel an der Hawaii-Station ab.

„Ich war früher als Key Account Manager in der IT-Branche tätig“, sagt Andreas Kluth. „Damals habe ich mit Kunden gern Events zum Kennen lernen besucht. Ein Konzept wie meines habe ich damals vermisst.“ In der Anfangszeit von Beach & Business seien ihm manchmal Zweifel gekommen, ob er das Richtige tue. Denn Durststrecken wie zu Beginn eines Jahres oder während der Sommermonate seien für die Event-Branche typisch. Doch mittlerweile habe er sich etabliert und im Krisenjahr 2009 seinen Umsatz sogar um 20 Prozent gesteigert. Kluth hat Ideen für die Zukunft: „Die Strand-Veranstaltungen sind für manche Kunden der Einstieg zu weiteren Team-Events“, weiß er. „So habe ich zuletzt mit einem Team aus der Finanzwelt einen Weinberg in Rhöndorf besucht, wo sie Reben geschnitten haben und Traktor gefahren sind.“ www.beachandbusiness.com

Manche Gäste kommen zu Pferd

Rolf und Christine Schwarz von der Waldschänke „Im Zuschlag“ in Alfter setzen auf ein etwas anderes Gastronomie-Konzept. Sie betreiben ein Ausflugslokal mit Restaurant und Biergarten. „Viele unserer Gäste sind Ausflügler, die mit dem Fahrrad, zu Fuß oder zu Pferd kommen,“ erzählt Christine Schwarz. Es sind Gäste wie Aloys Paus und Heinz Schlichting, die heißen Kräutertee bestellen. Draußen ist es frisch, die beiden Senioren sind mit ihren Elektrofahrrädern unterwegs und machen eine Pause.

Im Juni 2007 öffneten die Eheleute Schwarz ihr Ausflugslokal. Vorausgegangen war eine lange Planungsphase. „Wir sitzen jetzt sozusagen auf einer Weide“, sagt Christine Schwarz an einem Tisch in ihrem Restaurant. „Das Grundstück gehört uns schon viele Jahre. Doch als wir Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal bei der Gemeinde Alfter anfragten, ob wir hier bauen dürften, gab es ein klares Nein. Denn dies ist ein Naturschutzgebiet.“ Gut zehn Jahre später hatte sich die Meinung geändert. Die sechs linksrheinischen Gemeinden des Rhein-Sieg-Kreises hatten den Rhein-Voreifel-Touristik e.V. gegründet und ein Tourismus- und Freizeitkonzept erarbeitet. „Von da an wurde unser Plan unterstützt.“ Dem Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung für das Naturschutzgebiet wurde schließlich in Düsseldorf statt gegeben – mit Auflagen. „Wir mussten eine biologische Kläranlage bauen“, sagt Rolf Schwarz. „Außerdem sei durch unseren Bau ein ökologisches Ungleichgewicht entstanden, so dass wir Bäume nachpflanzen müssen. Wir haben damit angefangen, doch fertig sind wir mit dem Anpflanzen noch nicht.“ Auf der Weide entstand nach den Plänen eines Architekten ein Restaurant nach modernen Gastronomie-Gesichtspunkten. Auf der Speisekarte stehen Kalbsleber, Himmel un Äd sowie Matjes und Sülze. Der Biergarten hinter dem Fachwerkgebäude bietet einen Blick auf die Pferdekoppel der Familie Schwarz.

Nach den Anfangsjahren ziehen die Eheleute eine gemischte Bilanz. Die Umsätze verliefen in jedem Monat anders und seien wegen des Wetters nicht vorhersagbar. „Am vergangenen Vatertag hatten wir 11 Grad, da setzt sich kaum jemand in den Biergarten“, meint Christine Schwarz. „Andererseits sind wir für den Mai bereits mehr als ein halbes Jahr vorher ausgebucht, weil dann viele Konfirmationen und Kommunionen gefeiert werden.“

Im Rückblick gibt es wenig, das sie anders machen würden. Um in Zukunft bekannter zu werden und die Autofahrer mehr auf sich aufmerksam zu machen, würden sie gern ein großes Schild aufstellen, denn die Waldschänke „Im Zuschlag“ (www.waldschaenke-im-zuschlag.de) liegt direkt an der Bundesstraße 56. Ein Plan, der bisher an der Gesetzgebung scheiterte.

Ursula Katthöfer
freie Journalistin, Bonn

ALLER ANFANG IST SCHWER

Hannelore David, Mrs Sporty
Als Hannelore David im März 2007 den Frauensportclub Mrs. Sporty in der Bonner Südstadt öffnete, hatte sie bereits einen mehrjährigen Auslandsaufenthalt hinter sich. Nach zwei Jahren als Mrs. Sporty Franchisepartnerin, in denen sie Frauen das Sportkonzept von Tennisspielerin Stefanie Graf nahe brachte, zog es sie wieder ins Ausland. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Singapur.

„Sie war schon immer eine Weltenbummlerin“, sagt Sandra Mensing, die den Club übernommen hat und ihre Vorgängerin sehr gut kannte. „Wir haben uns 2007 in Berlin bei der Basisausbildung von Mrs. Sporty angefreundet. Ich hatte gerade einen Club in Köln eröffnet, sie in Bonn.“ Die beiden trafen sich regelmäßig, um Ideen und Erfahrungen zu Marketing, Personal und Kundenbetreuung auszutauschen. So war es fast eine logische Konsequenz, dass Hannelore David ihre Freundin fragte, ob sie den Club zum 1. Mai 2009 übernehmen würde. „Wir haben den Übergang ganz sanft gestaltet“, sagt Mensing. „Die Kundinnen haben es kaum bemerkt, da ich nur wenig verändert habe.“ Sie blickt positiv in die Zukunft. Mrs. Sporty sei seit der Übergabe bereits um 70 Mitglieder gewachsen. www.mrssporty.de/club57