Die IHK Bonn/Rhein-Sieg schafft Kontakte zwischen Sport und Wirtschaft

Starke Teams: Spitzensportler und ihre Unternehmen

10.06.2010

Der 23jährige hat Ehrgeiz, Talent und Spaß an Taekwondo, außerdem beruht sein sportlicher Erfolg auf guten Rahmenbedingungen: Sein Arbeitgeber Hündgen Entsorgung in Swisttal, der Olympiastützpunkt Rheinland und der Taekwondo Verein Swisttal e.V., in dessen Internat Kaya seit Januar 2005 lebt, unterstützen den Sportler, wo sie können. „Ich bin mit 17 zu Hause ausgezogen“, sagt der gebürtige Berliner, dessen Eltern aus der Türkei stammen. „Hier in Swisttal kann ich mich viel besser konzentrieren als in der Großstadt. In Berlin ist eine duale Karriere einfach nicht möglich.“

Spitzensportler in
Ausbildung und Beruf

Denn Ulvi Kaya macht parallel zum Spitzensport eine Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation bei Hündgen Entsorgung. „Wir legen großen Wert auf Ausbildung“, sagt Winfried Hündgen, geschäftsführender Gesellschafter. „Ich wollte einfach mal sehen, wie es ist, einen Leistungssportler im Betrieb zu haben.“ Hündgen hat seinen Entschluss nicht bereut. „Wir wollen doch, dass das Arbeitsleben menschlicher wird. Wir schaffen auch Arbeitsplätze für Behinderte oder Mütter, die nach langer Familienpause in den Beruf zurückkehren. Dann muss auch ein Ausbildungsplatz für einen Sportler möglich sein.“

Die Kollegen fänden es prima, einen Spitzensportler in ihren Reihen zu haben. „Wenn ich nach einem Wettkampf wieder in den Betrieb komme, fragen alle, wie es gelaufen ist“, erzählt Ulvi Kaya. „Egal, ob ich gewonnen habe oder ob es nicht so gut gelaufen ist: Sie fühlen, was ich nach dem Wettkampf gefühlt habe.“ Für Lehrgänge nimmt Kaya seinen Jahresurlaub, für Wettkämpfe wird er oft freigestellt. Da er zum Olympia-Kader gehört, kann sein Arbeitgeber beantragen, dass die durch die Freistellung entstehenden Kosten von der Deutschen Sporthilfe erstattet werden. Winfried Hündgen nimmt die außergewöhnlichen Abwesenheiten seines Auszubildenden gelassen: „Andere Kollegen sind im Karneval viel unterwegs. Hier muss jeder auf die anderen Rücksicht nehmen.“

„Wir wissen aus Erfahrung, dass Betriebe eine Lösung finden, um die Trainings- und Wettkampfzeiten eines Spitzensportlers in ihren Abläufen zu integrieren“, sagt Dario Thomas, stellvertretender Leiter des Geschäftsbereichs Ausbildung der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Die Kammer versteht sich als Mittler zwischen Wirtschaft und Sport. Ein Infotag, zu dem auch Sponsoren und Sportverbände eingeladen werden sollen, ist angedacht, um Kontakte zu ermöglichen. Außerdem berät die IHK Bonn/Rhein-Sieg alle Unternehmen, die einen Sportler ausbilden möchten, etwa weil sie mit Sport-Sponsoring gute Erfahrungen gemacht haben oder mit Sport werben. „Wir informieren darüber, dass Ausbildung inzwischen in Teilzeit möglich ist“, sagt Thomas. „Oder wir beantworten Fragen zur Prüfungsvorbereitung der Spitzensportler.“

Dario Thomas ist davon überzeugt, dass Unternehmen viele Vorteile haben, wenn sie Sportler ausbilden: „Diese jungen Menschen haben eine hohe Belastbarkeit und ein ausgeprägtes Leistungsstreben“, sagt Thomas. „Sie wissen, dass der Spitzensport ab einem gewissen Alter nicht mehr möglich ist und haben ein Motiv für die Ausbildung: Sie wollen ihre Zukunft beruflich absichern.“ Wer beispielsweise nach der sportlichen Karriere ein Fitnessstudio eröffnen wolle, müsse eine kaufmännische Ausbildung haben. Versuche, im Regierungsbezirk Köln eine ganze Berufsschulklasse für den Ausbildungsberuf Sportfachmann/frau zu bilden, seien allerdings gescheitert. „Man findet leider nie mindestens zwanzig Interessenten.“

Spitzensportler sind gut fürs Unternehmen

Was während der Ausbildung klappt, lässt sich auch im weiteren Berufsleben fortführen: Die Wildwasser-Kanutin Birgit Bach vom WSV Blau-Weiss Rheidt – im Jahr 2007 Vize-Europameisterin in der Mannschaft und EM-Fünfte im Einzel – ist Energieelektronikerin bei den Bonner Stadtwerken. Sie prüft und beglaubigt Drehstromzähler, die später bei SWB-Kunden eingebaut werden. Für ihre Wettkämpfe trainiert sie auf Sülz, Sieg und Agger. Auch der Rhein eigne sich gut, hinzu kämen Trainingslager wie zuletzt in Tirol. „Ich habe mit meinem Abteilungsleiter eine Sonderregelung gefunden, um täglich trainieren zu können“, erzählt sie. „Unser Dienst beginnt morgens um 7.00 Uhr. Ich kann einen Urlaubstag so aufsplitten, dass ich an vier Tagen erst um 9.00 Uhr komme und morgens zwei Stunden Zeit für den Sport habe.“ Die 29jährige beantragt außerdem fünf Freistellungstage pro Jahr, die sie für die Welt- und Europameisterschaften nutzt.

Die Leistungssportlerin Birgit Bach wird von ihrem Arbeitgeber, den Bonner Stadtwerken, aktiv unterstützt. Bei der EM 2007 holte Wildwasser-Kanutin Birgit Bach mit ihrer Mannschaft die Silbermedaille.

Mit den Bonner Stadtwerken hat Birgit Bach einen Sponsoring-Vertrag. Das SWB-Logo ist auf Kajak, Paddel und neuerdings auch auf ihrem Helm zu sehen. „Ein Paddel kostet 350 Euro, ein Kajak an die 1.800 Euro. Wenn man vorne mit dabei ist, muss man zwei haben: ein Trainingskajak und ein Rennkajak. Da ist eine kleine Finanzspritze nicht schlecht“, sagt sie. Und außerdem: „’Energie und Wasser’ passt gut zu meinem Sport.“

Auch im Fachbereich Marketing und Kommunikation der SWB sitzt jemand, der regelmäßig für Wettkämpfe freigestellt wird: Dimitrios Lautenschläger, zuständig für die Sportförderung des Unternehmens, war im vergangenen März bei der Taekwondo-Weltmeisterschaft in Mexiko. Nicht als Sportler, sondern als Trainer. Er gründete 1997 den Taekwondo Verein Swisttal, in dem Ulvi Kaya heute so erfolgreich trainiert. Der SWB-Geschäftsführung hat er ein Lehrstellenkonzept vorgelegt, um weitere Spitzensportler auszubilden. „Das sind alles belastbare Leute“, sagt er. „Die können einem Unternehmen nur zugute kommen.“

Sein Engagement für die Nachwuchsförderung hat Lautenschläger immer wieder bewiesen und deshalb für seine „einzigartige Eigeninitiative“ und sein „vorbildliches Ausbildungskonzept für Spitzensportler“ im Jahr 2008 den Förderpreis der Sportstiftung NRW erhalten.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn