"Die Wirtschaft" im Gespräch mit Prof. Dr. Jürgen Fohrmann, Rektor der Universität Bonn

"Die Uni Bonn hat eine herausragende Stellung in der Forschungslandschaft der Region."

28.07.2010

Die Wirtschaft: Herr Professor Fohrmann, vor vier Jahren hat die Landesregierung verkündet, Nordrhein-Westfalen solle bis 2015 Forschungsland Nummer 1 werden. Ist NRW auf gutem Wege?

Professor Dr. Jürgen Fohrmann: Grundsätzlich gibt es keinen Grund, warum dieses Ziel nicht erreichbar sein sollte. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen entsprechend ausgerichtet sind, dazu gehört neben der wissenschaftlichen Freiheit zwangsläufig auch die Frage der finanziellen Ausstattung. Wenn zum Beispiel nur unzureichende Räumlichkeiten vorhanden oder aufgrund des Sanierungsstaus Dächer undicht sind, sind das schwerlich Arbeitsbedingungen, die man Spitzenforschern und ebensolchem wissenschaftlichen Nachwuchs zumuten kann, diese Kollegen werden sich dann überlegen, ob sie überhaupt an die Universität Bonn kommen wollen oder ob sie nicht doch den Ruf an eine andere Hochschule annehmen. In diesem Zusammenhang eine nicht unwesentliche Zahl: Allein an der Universität Bonn ist der Sanierungsbedarf auf über 800 Millionen Euro zu beziffern. Weiterhin dürfen wir nicht vergessen, dass wir längst nicht mehr nur in einem nationalen Wettbewerb stehen, Forschung und Wissenschaft sind stark globalisiert, die besten Forscher sind in der Regel sehr mobil und gewillt, an die Standorte zu gehen, die ihnen die besten Arbeitsbedingungen bieten.

 Prof. Dr. Jürgen Fohrmann

Bayern und Baden-Württemberg geben, gemessen am Anteil der Wirtschaftsleistung, erheblich mehr Geld für die Forschung und Entwicklung aus als NRW. Auch bei den Patentanmeldungen liegen die süddeutschen Länder weit vorn. Kann NRW den Rückstand aufholen?
Auch hier geht es in erster Linie um die richtigen Rahmenbedingungen. Allerdings gilt es anzumerken, dass die Zahl der Patentanmeldungen sicherlich nicht der ausschließliche Maßstab für wissenschaftliche Erfolge sein kann. Nehmen sie die Universität Bonn als Beispiel. Wir sehen uns als Volluniversität, eine Universität also, die ein möglichst breites Spektrum an Fächern anbietet – da liegt es in der Natur der Sache, dass eine Volluniversität mit starken Anteilen in den Geisteswissenschaften weniger Patentanmeldungen aufzuweisen hat als etwa eine Technische Universität. Dennoch wird niemand ernsthaft behaupten können, sie sei schon deswegen weniger erfolgreich. Wir haben aber in Bonn auch sehr starke Forschungsbereiche, die aus Sicht der Wirtschaft durchaus anwendungsnah forschen, etwa in den Lebenswissenschaften oder der Pharmaforschung.

Diese Stärke gilt für die gesamte Region – laut einer aktuellen Untersuchung der IHKs ist das Rheinland die forschungsstärkste Region Deutschlands. Welchen Stellenwert nimmt dabei die Forschungsregion Bonn/Rhein-Sieg ein?
Sie muss den Vergleich sicher nicht scheuen. Zunächst ist sie Teil der größeren Forschungsregion Rheinland, die mit Aachen, Köln und Bonn immerhin drei Universitäten ihr eigen nennen kann, jede von diesen mit Erfolgen in der Exzellenzinitiative. Hinzu kommt das erfolgreiche Forschungszentrum Jülich. Die Universität Bonn arbeitet mit diesen drei Partnern im Rahmen der ABC-/J-Partnerschaft (Aachen, Bonn, Cologne, Jülich) eng zusammen. In der Region Bonn/Rhein-Sieg finden sich dann die rasch wachsende Hochschule Bonn/Rhein-Sieg, die Fachhochschule Bad Honnef-Bonn und die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Ferner ist Bonn Sitz eines Vizerektorats der United Nations University (UNU), mit der die Universität Bonn ebenfalls eng kooperiert. Schließlich haben wir hier eine ganze Reihe wichtiger Forschungsinstitutionen, etwa caesar, die Forschungsplattform LIFE & BRAIN im Bereich der Biomedizin sowie seit kurzer Zeit auf dem Gelände der Universitätsklinik das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Krankheiten – DZNE.

Ein wesentlicher Bonus besteht in der Tatsache, dass eine ganze Reihe führender Wissenschaftsförderorganisationen in Bonn beheimatet sind: die Helmholtz-Gemeinschaft, die Leibniz-Gemeinschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die Alexander-von-Humboldt-Stiftung und natürlich auch der Hauptsitz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – diese Aufzählung ließe sich durchaus noch fortführen.

Und die Universität Bonn? Wie werten Sie deren Position
innerhalb unserer Forschungsregion?

Die Universität hat innerhalb der Forschungsregion Bonn/Rhein-Sieg unzweifelhaft eine herausragende Stellung. Ich möchte das mit einigen Kennzahlen verdeutlichen: Im vergangenen Jahr betrug die Höhe der eingeworbenen Drittmittel zirka 115 Millionen Euro, zur Zeit haben wir 13 von der DFG geförderte Sonderforschungsbereiche und Transregios an der Universität, darüber hinaus fördert die DFG sieben Graduiertenkollegs und 15 Forschergruppen – mit diesen Zahlen gehören wir absolut zur Spitzengruppe deutscher und europäischer Universitäten. Wir unterstreichen diesen Anspruch mit Erfolgen aus den letzten beiden Runden der Exzellenzinitiative, bei denen wir einen Exzellenzcluster und zwei Graduiertenschulen einwerben konnten. Selbstverständlich bemühen wir uns auch bei der nächsten Runde, auf diese Erfolge aufzubauen, nicht zuletzt auf der Ebene der Zukunftskonzepte – auch bekannt als „Eliteuniversität“. Die Universität ist aber kein Einzelkämpfer, weder international noch in der Region. Vielmehr sind wir sehr bemüht, mit universitären und außeruniversitären Partnern in der Region zusammenzuarbeiten – auch mit der Wirtschaft.

Bestens ausgebildete Fachkräfte erhält die Wirtschaft durch die Absolventen der Uni Bonn.

Wie steht es um den Wissenstransfer? Fließen die Ergebnisse aus der Spitzenforschung an Ihrer Universität rasch genug in die Unternehmen?
Dort, wo wir anwendungsnah forschen, etwa in der Pharmazie oder den Lebenswissenschaften, geschieht dies oft in Kooperation mit der Industrie oder bezogen auf Anwendungsmöglichkeiten. Folgerichtig führt dies immer wieder dazu, dass die Translation, also die Umsetzung von Forschungsergebnissen in Produkte oder Dienstleistungen, tatsächlich sehr schnell vonstatten gehen kann. Ich bin aber nicht der Überzeugung, dass Wissenschaft als reine Dienstleistung an die Wirtschaft verstanden werden sollte. Zunächst ist die Wissenschaft durchaus ein Selbstzweck – auch wenn dieser in aller Regel zu Anwendungen führt. Für die Universität Bonn bedeutet dies beispielsweise, dass mittlerweile einige dutzend Unternehmensgründungen aus unserer Forschung hervorgegangen sind, die sehr wettbewerbsfähige Produkte und Dienstleistungen erfolgreich am Markt anbieten.

Gehen Sie auf die Unternehmen zu – oder suchen Firmen eher den Kontakt zu Ihnen?
Beides ist möglich, allerdings hängt dies sehr spezifisch vom jeweiligen Forschungsbereich ab.

Letzte Frage: Die Wirtschaft profitiert nicht nur von Forschungs- und Entwicklungszusammenarbeit mit Hochschulen, sondern sie benötigt auch bestens ausgebildete Fachkräfte. Erhält sie diese von der Universität Bonn?
In einem Wort: Ja.

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn