Doppelte Ehre - gleich zwei Preisträger aus der Region

Deutscher Buchhandlungspreis 2018

12.02.2019

Die Buchhandlungen von Philip Seehausen (l.) und Holger Schwab wurden mit dem Deutschen Buchhandlungspreis 2018 ausgezeichnetSie machen sich stark für Lesekultur und literarische Vielfalt: die 118 unabhängigen, inhabergeführten Buchhandlungen, die im Herbst mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis 2018“ ausgezeichnet wurden. Gleich zwei Mal ging der Preis nach Bonn: Zum wiederholten Mal erhielten ihn der „buchLaden 46“ an der Kaiserstraße und „Unsere Buchhandlung“ am Paulusplatz in Tannenbusch.

Bei der Preisverleihung Ende Oktober in Kassel war sehr viel von Kultur die Rede. Von Lesekultur, der Kulturlandschaft Deutschland, dem Kulturgut Buch. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, sagte über den Deutschen Buchhandlungspreis sogar: „Wir wenden uns damit auch gegen die Degradierung des Kulturguts Buch zur bloßen Handelsware und zum Konsumgut.“

Philipp Seehausen liebt das Kulturgut Buch – und verkauft es jeden Tag. Im liegt aber viel daran, darauf hinzuweisen, dass es nicht nur um Kultur geht: „Wir sind Buchhändler. Buch-Händler. ‚Händler‘ hat sieben Buchstaben, ‚Buch‘ vier. Damit ist das Gewicht klar verteilt.“

Seehausen ist Inhaber von Unsere Buchhandlung am Paulusplatz in Tannenbusch, die zum dritten Mal den Deutschen Buchhandlungspreis erhielt. Er hat also keinen reinen Kulturauftrag, wie Bibliotheken, Theater oder Orchester.

Sein Auftrag und Selbstverständnis als Unter-nehmer: Er muss schwarze Zahlen schreiben. Mit roten könnte er dauerhaft weder die Gehälter der Angestellten zahlen noch die Ladenmiete. Das trifft auch auf Holger Schwab zu, seit vielen Jahren Geschäftsführer der buchLaden 46 GmbH. „Die Menschen kommen gerne zu uns, aber für unseren Erfolg und unseren Ruf als besondere Buchhandlung müssen wir jeden Tag hart arbeiten“, betont er.

2012 - 2017: Zahl der Leser/Innen sank um sieben Millionen

Bücher sind nicht nur Handelsware und Konsumgut – aber eben auch. Damit stehen sie – und mit ihnen die Buchhandlungen – im täglichen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Menschen, die ja ebenfalls mehr sind als Buchleserinnen und -leser. Nämlich immer häufiger Fans von TV-Serien, eifrige Nutzer der sozialen Medien – und Nicht-mehr-Buch-Leser. Zwischen 2012 und 2017 gingen dem Buchhandel fast sieben Millionen Buchkäufer verloren. Der Anteil der Bevölkerung, der Bücher kauft, sank von 55 auf rund 45 Prozent. Das ist dramatisch.

Nicht nur dieser Kulturwandel fordert die Buch-handlungen heraus. Im Fall von Seehausen sind es auch handfeste lokale Entwicklungen: „In den vergangenen Jahren hat hier am Standort ein Drittel der Läden zugemacht“, erzählt er. Damit gehen die Frequenzen zurück, was weitere Einzelhändler bedroht. „Man muss sehr aktiv sein, um sich gegen eine solche Entwicklung zu stemmen, und selbst für Frequenz sorgen“, sagt Seehausen. Als der Kiosk am Paulusplatz schloss, der für viel Publikumsverkehr sorgte, dachte Seehausen einen Moment nach – und bietet zudem selbst Zeitungen an.

Davon abgesehen findet der Paulusplatz langsam aber sicher wieder zu alter Lebendigkeit zurück: „In diesem Jahr wird das letzte freie Ladenlokal vermietet, dann gibt es keinen Leerstand mehr“, freut sich Seehausen. Er selbst investiert das Preisgeld in einen größeren Standort: Die Buchhandlung zieht demnächst in den Pavillon des ehemaligen Sparkassengebäudes. „Dort haben wir mehr Platz für Veranstaltungen, für Begegnungen und für unser Spezialgebiet Anthroposophie“, sagt Seehausen.

Die Kundschaft fährt Rad – und  hat viele Fragen

An der Kaiserstraße in der Bonnen Innenstadt könnte man ähnliche Herausforderungen vermuten, sie liegt zwar zentral, aber doch etwas abseits der Passantenströme. „Aber dafür haben wir den Radweg“, betont Holger Schwab. Er verbindet den Haupt-bahnhof und die vielen Arbeitsplätze im ehemali-gen Bundesviertel und beschert dem buchLaden 46 sehr viel Kundschaft.

Zweite Überraschung: Bei der Lage würde man sehr viel Stammkundschaft, aber nicht so viele Neu-kunden erwarten. Auch das: weit gefehlt. „Es kommen ständig neue Menschen zu uns“, freut sich der Buch-händler. In fast 40 Jahren hat sich der buchLaden 46 einen Ruf erarbeitet, der inzwischen sogar bei Veranstaltern von Stadtrundgängen gehört wird. „Immer wieder stehen Gruppen vor dem Schaufenster“, beobachtet Schwab, „und lernen uns als interessanten kulturellen Ort der Stadt kennen.“

Auch Schwab und seine drei Mitarbeiterinnen bemerken die Krise des Buches, die sich in der nach-lassenden Zahl von Leserinnen und Lesern manifestiert. Bonn sei aber eine Art Insel der Glückseligen, „eine gute Stadt für Bücher“, sagt Schwab, mit interessiertem Lesepublikum. Zudem kämen, entgegen dem vermeintlichen Trend, viele junge Leute in die Buchhandlung, „viele aufgeweckte Studierende, die sich plötzlich wieder für die großen Themen der Zeit interessieren und sich von guten Büchern Orientierung erhoffen.“

Beide Buchhändler, Schwab und Seehausen, stellen fest, dass Orientierung offenbar wichtiger denn je ist. „Die Menschen kommen informierter und selbstbewusster in die Buchhandlung als früher“, sagt Seehausen, „die Vorherrschaft des guten Rats des Buchhändlers ist vorbei.“ Gleichzeitig jedoch würden immer mehr zugeben, im Meer der Neuerscheinungen den Überblick zu verlieren und angesichts der drängenden gesellschaftlichen Fragen in relevanten Büchern Antworten zu suchen. „Dabei können wir helfen!“

„Die Menschen haben viele Fragen, auf die sie trotz großer Informationsfülle keine Antworten finden“, sagt Schwab. „Sie spüren, dass sie sich selbst darum kümmern, selbst wichtige und verlässliche Quellen auftun müssen – und greifen deswegen wieder häufiger zum Buch.“

Dabei helfen ein anspruchsvolles und vielseitiges Sortiment, ungewöhnliche Veranstaltungen und exzellente Beratung – so wie es die Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises zu bieten haben.

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn