Eine erfolgreiche Bilanz für die Region Bonn/Rhein-Sieg

Klimaschutz und Energieeffizienz

11.10.2010

Es gibt gewöhnliche und ungewöhnliche Orte, um eine Kabinettssitzung abzuhalten. Die Regierung der Mongolei traf sich Ende August an einem ungewöhnlichen Ort: mitten in der Wüste Gobi. Mit Anzug und Krawatte saßen die zwölf Minister unter gleißender Sonne im Wüstensand – an einer Stelle, wo noch vor fünf Jahren zahlreiche essbare Pflanzen wuchsen. Inzwischen ist das Tal vollständig mit Sand bedeckt. Die Dünen wandern unterdessen weiter und bedecken immer mehr Land. Deshalb kamen die Mitglieder des Kabinetts in der Wüste zusammen: um ein Zeichen gegen die Erderwärmung zu setzen. „Die Mongolei“, sagte Ministerpräsident Batbold Suchbaatar, „spürt die Folgen des weltweiten Klimawandels.“

Die Mongolei ist weit entfernt. Zwischen Bonn und der Wüste Gobi liegen nahezu 7.000 Kilometer Luftlinie. Und doch hat die Situation dort etwas mit Bonn zu tun.
Erstens: Der Klimawandel ist ein globales Phänomen. Nicht nur die Mongolei ist von der Erderwärmung betroffen – auch in Bonn ist es wärmer geworden. Während die mittleren Jahrestemperaturen in der Bundesstadt zwischen 1895 und 1965, in einem Zeitraum von 70 Jahren also, um 0,4 Grad Celsius stiegen, nahm die Temperatur im wesentlich geringeren Zeitraum von 1960 bis 2005 schon um 1,2 Grad Celsius zu. Auch die mittlere Niederschlagsmenge ist deutlich gestiegen. Die Folgen sind nicht so dramatisch wie in der Mongolei oder etwa in einigen Südseestaaten, deren Atolle vom Untergang bedroht sind. Doch sie sind deutlich zu spüren: heißere und trockenere Sommer, feuchtere Winter und eine Zunahme von Starkregen- und Hochwasserereignissen.

Und zweitens: In Bonn wird etwas gegen die weltweite Wüstenbildung getan. Hier hat das Sekretariat des Übereinkommens der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) seinen Sitz. Das Übereinkommen ist ein Ergebnis des Umweltgipfels von Rio de Janeiro im Jahr 1992. Seit ihrem Inkrafttreten hat die UNCCD 193 Mitgliedsstaaten und wird als Instrument angesehen, das einen dauerhaften Beitrag zur weltweiten Verwirklichung einer nachhaltigen Entwicklung und zur Armutsreduzierung leisten kann. Konkret geht es um die Verbesserung der Landproduktivität, die Wiedernutzbarmachung betroffener Landflächen, den Bodenschutz und die Anwendung nachhaltiger Landmanagement-Praktiken.

Cluster für Nachhaltigkeit

Mit Fug und Recht kann sich Bonn knapp zwanzig Jahre nach dem Regierungsumzug nach Berlin wieder Hauptstadt nennen: Klimahauptstadt. Oder auch: Hauptstadt der Nachhaltigkeit. Denn zwischen Graurheindorf und Mehlem versammelt sich eine Vielzahl von Akteuren in den Bereichen Umwelt und Entwicklungszusammenarbeit. Die Stadt spricht von einem „Bonner Cluster für Nachhaltigkeit“, also einer Ballung entsprechender Institutionen. Dazu gehören nicht nur die rund 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 18 UNO-Einrichtungen in Bonn, sondern auch Bundesbehörden, Entwicklungsdienste, Wissenschaftseinrichtungen, Unternehmen, Medien sowie rund 150 internationale und international tätige Nichtregierungsorganisationen. Der Klimawandel als Querschnittsthema der Nachhaltigkeit spielt für viele von ihnen eine zentrale Rolle.

Eine der wichtigsten Institutionen in Sachen Klimawandel ist das Sekretariat des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC). Das Rahmenabkommen von 1992 sowie das fünf Jahre später verabschiedete Kyoto-Protokoll haben zum Ziel, die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre auf einem Niveau zu stabilisieren, das den Gefahren für das Klimasystem durch menschliche Eingriffe vorbeugt. Für dieses Ziel arbeiten im Bonner UN-Klimasekretariat rund 380 Mitarbeiter. Und es werden noch deutlich mehr werden. Bis Ende 2011 soll die Zahl der Mitarbeiter auf über 600 steigen. Deshalb wird in naher Zukunft auf dem UN-Campus ein weiteres Gebäude errichtet werden um diese Institution vernünftig unterzubringen.  Denn das Sekretariat hat vielfältige Aufgaben: Es unterstützt unter anderem die Verhandlungen zum Klimawandel, organisiert Konferenzen, analysiert und überprüft die Informationen und Daten zum Klimawandel, die von den Vertragsstaaten erstellt werden. Das Sekretariat unterstützt außerdem die Umsetzung des Kyoto-Protokolls. Es stärkt das Rahmenübereinkommen, indem es völkerrechtlich verbindliche Ziele zur Verringerung der Emissionen für 36 Industrieländer und die Europäische Gemeinschaft festlegt.

Städtisches Engagement

Das UN-Klimasekretariat hat seinen Sitz auf dem UN-Campus der Stadt Bonn, dessen Kern das ehemalige Parlamentsgebäude „Langer Eugen“ bildet. Offiziell eröffnet wurde er am 11. Juli 2006 vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Klimaschutz ist in Bonn aber schon seit 1995 ein Thema. Damals trat die Stadt Bonn dem Klima-Bündnis der Europäischen Städte bei. Dem ging der politische Beschluss zur Einleitung einer Klimaoffensive voraus. Weitere städtische Schritte: 1996 wurde eine kostengerechte Einspeisevergütung für Strom aus regenerativen Energien eingeführt, 1997 erarbeitete die Stadt ein Energie- und Klimaschutzkonzept mit CO2-Bilanzierung und verpflichtete sich zum Bau von Niedrigenergiehäusern auf städtischen Grundstücken. Im selben Jahr wurde das Heizkraftwerk Nord von Braunkohle auf Erdgas umgestellt, was die CO2-Emissionen um 70.000 Tonnen pro Jahr senkte.

Seit 2003 nimmt die Stadt Bonn am European Energy Award (EEA) teil. Der EEA bietet einerseits Kommunen ein modernes Klimaschutzmanagementsystem, andererseits gilt er als Auszeichnung beim Erreichen definierter Klimaschutzanforderungen. Im November 2008 erhielt Bonn den European Energy Award in Gold. Bereits vier Jahre zuvor wurde sie von EUROSOLAR, der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien – Sitz: Bonn – mit dem Europäischen Solarpreis ausgezeichnet.

Im vergangenen Jahr trat die Stadt Bonn dem Konvent der Bürgermeister auf EU-Ebene bei. Die Mitglieder verpflichten sich, bei der Reduzierung der CO2-Emissionen durch eine Steigerung der Energieeffizienz und eine umweltfreundlichere Energiegewinnung und -nutzung über die energiepolitischen Ziele der EU hinauszugehen. Entsprechend ihrer Verpflichtung, gegenüber dem Referenzjahr 1990 den CO2-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent zu senken, hat sie soeben auf Grundlage existierender Rats- und Ausschussbeschlüsse einen „Sustainable Energy Action Plan“ sowie eine aktuelle CO2-Bilanz beim Büro des Konvents in Brüssel vorgelegt.
Um die CO2-Emissionen zu senken, sind viele Einzelmaßnahmen erforderlich.

Einige Beispiele:

  • In vier von sechs städtischen Freibädern erwärmen Solarabsorberanlagen das Beckenwasser.
  • Das Schulzentrum Pennenfeld wird von einer Holzhackschnitzelanlage versorgt.
  • Die Stadtwerke Bonn bauen derzeit mit einer Investition von 80 Millionen Euro das bestehende Heizkraftwerk Nord zum Gas- und Dampfkraftwerk um. Damit wird die Eigenstromerzeugung fast verdoppelt, während die CO2-Emissionen um 195.000 Tonnen jährlich sinken.
  • Wann immer es der jeweilige Nutzungszweck erlaubt, werden nur noch Pkws mit weniger als 120 Gramm pro Kilometer an CO2-Emissionen beschafft. Das waren 2008 und 2009 jeweils 16 Pkws; insgesamt umfasst der städtische Fuhrpark 161 Pkws.
  • Auf 53 städtischen Liegenschaften sind Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von 513 Kilowatt Peak (maximale Leistung; Anm. d. Red.).

Unternehmen und Klimaschutz

Und noch ein Element des Klimaschutzengagements der Stadt: Vor einem halben Jahr hat Bonn als sechste Stadt in Deutschland ein Solardachkataster veröffentlicht. Damit lässt sich online überprüfen, ob und in welchem Umfang das Dach eines Gebäudes für die Installation einer Photovoltaik- oder Solarthermie-Anlage geeignet ist.

Das Dach der Verpoorten GmbH & Co. KG am Potsdamer Platz ist für Sonnenenergie geeignet. Es umfasst eine Fläche von 3.500 Quadratmetern – und die ist seit diesem Jahr mit Solarmodulen vertäfelt. Die Photovoltaik-Anlage ist nach Unternehmensangaben die größte in Bonn, sie kann im Jahr bis zu 180.000 Kilowattstunden erzeugen. Auch wenn Verpoorten den so gewonnenen Strom noch nicht selbst nutzt, sondern ins lokale Stromnetz einspeist – das Unternehmen betreibt die Anlage selbst und sorgt dafür, dass jährlich 120 Tonnen CO2 weniger in die Atmosphäre ausgestoßen werden. William Verpoorten hofft, Privatleuten und Firmen einen Denkanstoß zu liefern: „So ein Flachdach wie bei uns eignet sich hervorragend für Solarmodule“, weiß der Unternehmer, der auch Mitglied im Arbeitskreis Wirtschaft Bonn/Stadt Bonn der IHK Bonn/Rhein-Sieg ist.

Aus „tiefer Überzeugung“ setzt sich Carsten K. Rath für den Klimaschutz ein. Er ist Gründer und Geschäftsführer der LH&E Group, die das Hotel Kameha Grand betreibt. Klima- und Umweltschutz sind dem Unternehmer so wichtig, dass er auch seine Mitarbeiter danach auswählt, inwieweit sie bereit sind, die grüne Unternehmensphilosophie in der täglichen Arbeit umzusetzen. Das Nobelhotel am Bonner Bogen ist jedenfalls konsequent auf Nachhaltigkeit getrimmt. Bis zu 400 Tonnen CO2-Emissionen spart das Hotel beispielsweise mithilfe einer modernen Geothermie-Anlage ein. „So beginnt Klimaschutz – aber so endet er nicht“, unterstreicht Rath. Anders ausgedrückt: Es kommt ebenso auf die Details an. Auf Licht-Bewegungsmelder in den Toiletten etwa, Energiesparlampen oder den Einsatz von effizienter LED-Lichttechnik. Doch Rath geht noch weiter – er nimmt alle Unternehmensbereiche unter die Energie-Lupe. Etwa im Restaurant: „Es gibt Restaurants, in denen Sie Mineralwässer aus aller Welt erhalten – von Norwegen bis zu den Fidschi-Inseln“, berichtet er. Der Haken daran: Der Transport verschlingt enorme Mengen CO2. „Die Mineralwässer aus der Eifel sind ebenfalls spitze“, so Rath – also trinkt man im Kameha Gerolsteiner & Co. und leistet dank kurzer Transportwege auch auf diese Weise einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz.

Selbstverpflichtung zum Energiesparen

Transporte sorgen in Zeiten der Globalisierung ganz wesentlich für den Klimawandel – wer wüsste das besser als ein weltweit agierender Konzern, der damit sein Geld verdient: die Deutsche Post AG. „Wir sind uns bewusst, dass wir zum Klimawandel beitragen“, sagt Dr. Winfried Häser, der in dem Bonner Unternehmen unter anderem für den jährlichen Nachhaltigkeitsbericht verantwortlich ist. Die Post erzeugt einen jährlichen CO2-Ausstoß von 25 Millionen Tonnen – das entspricht ungefähr dem jährlichen Ausstoß eines mittelgroßen Braunkohlenkraftwerks. „Diese Emissionen gehen vor allem auf die Nutzung fossiler Kraftstoffe zurück“, erläutert Häser. Also ist es ein wichtiges Ziel des Hauses, die Abhängigkeit von der Versorgung mit fossilen Brennstoffen zu reduzieren und damit auch die Kosten zu mindern. „Strategisches Interesse“ nennt Häser das. Hinzu kommt die gesellschaftliche Verantwortung, die das Unternehmen hat und nach eigenem Bekunden sehr ernst nimmt. „Beides sind für uns gleichwertige Aspekte“, bekundet Häser und liefert Zahlen: „Wir wollen bis 2020 unsere CO2-Effizienz im Vergleich zu 2007 um 30 Prozent steigern“, lautet die Selbstverpflichtung des Konzerns. Konkret heißt das: Jedes Päckchen und jeder Brief sollen innerhalb der kommenden zehn Jahre mit einem Drittel weniger CO2-Verbrauch zugestellt werden.

Um dieses ehrgeizige Ziel zu verwirklichen, hat die Deutsche Post ihr eigenes „GoGreen“-Programm aufgestellt, es umfasst fünf Bereiche: Ressourcen effizienter nutzen, Mitarbeiter mobilisieren, umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen, Transparenz bei der Erfassung von CO2-Daten sowie Vorreiterschaft demonstrieren. Letzteres heißt: Das Unternehmen will sich in Industrie, Politik und Öffentlichkeit als ernstzunehmender Gesprächspartner und Motivator in Sachen Klimaschutz engagieren. „Wir wollen ambitioniert vorangehen“, so Häser, „und mit den anderen Akteuren im Klimaschutz einen anspruchsvollen, konstruktiven Dialog führen.“

Die Selbstverpflichtung des Unternehmens, die Auswirkungen seines Geschäfts auf die Umwelt zu reduzieren, ist eine Sache, das konkrete Tun eine andere. Ein Beispiel, das viele Post-Kunden kennen: CO2-neutrale „GOGREEN“-Produkte. Wer sich für diese etwas teurere Versandvariante entscheidet, verzichtet zwar nicht auf den Transport seines Briefes oder Pakets von A nach B und damit auf die Erzeugung von CO2. Aber immerhin werden die beim Transport und der Bearbeitung von Kundensendungen erzeugten CO2-Emissionen gemessen und durch Klimaschutzprojekte ausgeglichen. Das sind zum Beispiel Wasserkraftwerke, Biomassekraftwerke oder Hybridfahrzeuge. 2009 wurden 700 Millionen „GOGREEN“-Sendungen verschickt und 38.500 Tonnen CO2 ausgeglichen.

Ähnlich funktioniert die Nachhaltigkeitsinitiative „Leading Green“, die von „The Leading Hotels of the World“ ins Leben gerufen wurde. Auch das Kameha Grand Bonn kooperiert mit „Leading Green“. Damit haben Gäste die Möglichkeit, ihr Zimmer CO2-neutral zu buchen. Bei jedem Buchungsvorgang schafft das Kameha einen finanziellen Ausgleich für den Stromverbrauch während des Aufenthaltes. Als Berechnungsgrundlage dienen aktuelle Zahlen des US-Energieministeriums, nach denen in einem Gebäude jedes Jahr durchschnittlich 316 Kilowattstunden Strom pro Quadratmeter verbraucht werden. Die Organisation „Sustainable Travel International“ hat auf dieser Basis den Treibhausgasausstoß pro Übernachtung berechnet.

Klimaschutz ist nicht nur in aller Munde: In Bonn wird eine Menge dafür getan. Ist Bonn also Klimahauptstadt? „Sagen wir lieber: Klimastadt Bonn – als Teil einer wachsenden Bewegung von Städten und Menschen weltweit“, gibt Jürgen Nimptsch bescheiden zu Protokoll. Immerhin: Bonns Oberbürgermeister, der auch stellvertretender Vorsitzender des Weltbürgermeisterrats zum Klimawandel (World Mayors Conference on Climate Change – WMCCC) ist, freut sich, „wenn von Bonn gute Signale ausgehen. Klimaschutz funktioniert am besten, wenn alle mitmachen.“ Eine Stadt könne technisch vieles erreichen – Kraftwerke umbauen zum Beispiel. „Aber wenn städtische Förderprogramme private Investitionen in vielfacher Höhe generieren wie beim Förderprogramm Solarthermie, wenn Unternehmen den ‚Global Compact’ unterzeichnen oder Menschen von nebenan bereit sind, sich als ‚Klimabotschafter’ einzubringen, dann können wir eine vielfache Wirkung erreichen.“

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn