Einzelhandel:

Das Zauberwort heißt "Service"

13.04.2010

Die Kaufkraft ist hoch, doch die Verkaufsfläche ist begrenzt: In der Bonner Innenstadt fehlen große Handelsflächen. Die zu schaffen erfordert durchdachte Konzepte und viel Fingerspitzengefühl. So das Thema des zweiten Teils der Serie zum Einzelhandel in der Wirtschaft.

„Wir shoppen gern“, sagt Isabell Söntgen. „Wir suchen vor allem Kleidung und Schuhe.“ Ihre Freundin Lara Rümmele lacht und meint: „Endlich dürfen wir alleine los, ohne Eltern. Da macht es viel mehr Spaß.“ Die beiden Schülerinnen sind wie viele andere Passanten an einem Mittwoch Mittag in der Bonner Innenstadt unterwegs. Die Gründe für einen Besuch in der City sind zahlreich: Harald Starke ist auf dem Weg zu seiner Bank: „Ich bummel gern, man muss ja nicht immer etwas kaufen.“ Renate Klimesch wohnt in der City und kauft für den täglichen Bedarf ein: „Ich vermisse nichts. Nur die Radfahrer sind mir zu viel.“ Und Peter Maxelon aus Troisdorf begleitet seine Frau durch Fachgeschäfte, die es zu Hause nicht gibt. „Bonn ist gemütlich“, meint er. „Wir sind gern hier und werden gleich noch essen gehen.“ Alles in allem eine sehr freundliche und angenehme Klientel, meint Marlene Zobel, Blumenhändlerin auf dem Remigiusplatz.

„An guten Tagen kommen bis zu 70.000 Menschen in die Bonner Innenstadt“, sagt Kurt Schmitz-Temming, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Der Einzelhandel ist unser Hauptmagnet.“ Die Kaufkraft der Einwohner ist hoch, die Kaufkraftkennziffer für Bonn beträgt 2009 laut GfK 107,5.

Große Handelsflächen fehlen

Zahlreiche Kunden aus dem Bonner Umland beweisen, dass das A-Zentrum Bonn, die Bonner City, zu Recht als attraktiver Einkaufsstandort gilt. Trotzdem sehen Stadtverwaltung und Einzelhandel Handlungsbedarf. In einem Gutachten des Büros Dr. Acocella Stadt- und Regionalentwicklung, das die Stadt in Auftrag gab und auf dessen Grundlage der Rat im Mai 2008 das Bonner Einzelhandels- und Zentrenkonzept verabschiedete, steht schwarz auf weiß: „Die räumliche Begrenzung der City (Oxfordstraße, Belderberg, Universität und Bahnhof) hat unter anderem zu einem Verlust ihrer regionalen Zentralität geführt.“ Weitere Gründe seien der Regierungsumzug, der ICE-Anschluss in Siegburg und die Stärkung der umliegenden Mittelzentren.

Kurt Schmitz-Temming, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

"An guten Tagen kommen allein von auswärts 70.000 Menschen in die Bonner Innenstadt", so Schmitz-Temming.

Durch den engen Ring um die City sind laut Gutachten die Flächen knapp, hohe Mieten und Kaufpreise sind die Folge. „Vergleichsweise viele großflächige Immobilien wurden (…) in kleinere lukrative Einheiten aufgeteilt.“ Mit dem Ergebnis, dass heute vor allem große Handelsflächen fehlen.

Doch für die wenigen großen Flächen, die entstehen könnten, gibt es auch andere Ideen als die Einrichtung von Geschäften. Kein Standort, über dessen Nutzung, Architektur und Finanzierung in Vergangenheit und Gegenwart nicht ausführlich diskutiert wurde, bzw. wird. Sei es das Alte Stadthaus am Bottlerplatz, der Bahnhofsvorplatz, das Metropol Theater, das Sparkassengrundstück am Friedensplatz oder das SWB-Haus.

Eine Gratwanderung

Die lebhaften Diskussionen machen die Gratwanderung deutlich: Einerseits sollen sich neue Anziehungspunkte ansiedeln, um die Attraktivität der City zu erhöhen und damit den vorhandenen Einzelhandel zu stärken. „Ein zusätzlicher Lebensmittelanbieter wäre eine gute Bereicherung der Angebotspalette“, sagt Kurt Schmitz-Temming. „Unterhaltungselektronik wird immer wieder genannt.“

Es gibt viele attraktive Plätze und Lokale in Bonn, in denen man den Sommer draußen sitzend genießen kann.

Andererseits ist der Wettbewerbsdruck hoch, es besteht ein Verdrängungsprozess. Viele inhabergeführte Fachgeschäfte – ohnehin durch die Handelsplattformen im Internet unter Druck - fürchten die Konkurrenz von Ketten und Discountern. „Der Fachhandel muss zuerst schließen“, meint Alfred Westenhöfer, Inhaber und Geschäftsführer des Spielwarengeschäfts Puppenkönig. „Die kleinen Betriebe versuchen, sich mit Nischen über Wasser zu halten. Doch für sie wird es immer schwieriger.“ Das Zauberwort, um der Konkurrenz zu begegnen, heißt Service. „Wir bestellen für unsere Kunden, wir schicken Sachen zur Reparatur, wir verpacken Geschenke. Allein im vergangenen Weihnachtsgeschäft haben wir elf Kilometer Weihnachtspapier verbraucht. Das alles ist für unsere Kunden kostenlos“, sagt Westenhöfer.

Konkurrenz für die B-Zentren

Der Fachhandel hat es immer schwerer sich zu behaupten - bei Puppenkönig wird zur Kundenpflege der Servicegedanke groß geschrieben.

Aufmerksam beobachten die umliegenden B-Zentren Beuel, Bad Godesberg und Duisdorf die Entwicklung im Zentrum. „Jedes Mehr in Bonn ist ein Weniger in Beuel“, Jürgen Harder, erster Vorsitzender der Gewerbe-Gemeinschaft Beuel e.V., deren Mitglieder nur wenige hundert Meter von der Bonner City entfernt liegen. „Unser Einzelhandel ist sehr kleinteilig aufgestellt, ein Magnet fehlt.“ Dem wollen die Beueler mit Qualität begegnen. Die Bebauung des Rathausvorplatzes, für die bisher vergeblich ein Investor gesucht wurde, würde dem Stadtteil Auftrieb geben, meint Harder. Denn mehreren Gutachten zufolge ist Beuel bisher ein Nahversorgungszentrum, das zwar viele Stammkunden hat, jedoch wenig Laufkundschaft. „Wir können uns etwas vorstellen, was es in Bonn nicht gibt“, sagt Harder. „Beispielsweise ein Öko-Kaufhaus, das auch Reisen oder Möbel verkauft.“ Mit Ideen wie dem Bürgerfest, zu dem ein verkaufsoffener Sonntag gehört, will die Gewerbe-Gemeinschaft für ihre Geschäfte werben.

Ob Ober- oder Mittelzentrum, ob kleines Fachgeschäft oder großes Kaufhaus, alle kämpfen um die Kunden. Die Verbraucher entscheiden durch ihr Einkaufsverhalten, wie sich der Einzelhandel entwickeln wird. Auch hier gilt: Der Kunde ist König.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn