Generationswechsel

Ein Leben im Unruhestand

10.09.2010

Zum Ende des Berufslebens kommen die ersten Gedanken an den Ruhestand. Unternehmer müssen Rechtsfragen und Nachfolgeregelungen klären. Außerdem können sie sich gedanklich darauf vorbereiten, nicht mehr jeden Tag in den Betrieb zu gehen. Sofern sie das überhaupt wollen.

„Was ich noch für unsere Unternehmen plane, reicht mindestens für zwei weitere Leben“, sagt Werner Widdel. „Ruhestand? Kann ich mir nicht vorstellen.“ Der 60jährige sitzt an einem runden Tisch im hinteren Teil des Seniorenfachhandels Perpetuum Mobile in der Bonner Innenstadt, den er seit 2005 gemeinsam mit seiner Frau Doris und den beiden Söhnen Sebastian und Johannes betreibt. Hier hat er eine seiner zahlreichen Ideen umgesetzt: In den Regalen liegen Haushaltshilfen, um Flaschen und Dosen zu öffnen. Es gibt riesige Brettspiele mit magnetischen Figuren, die gut sichtbar sind und nicht umfallen. Bei den Telefonen reicht die Auswahl vom Tastentelefon mit großen Ziffern bis zum nachgebauten Bakelittelefon mit Wählscheibe. Und im Eingang sind mehrere Elektromobile ausgestellt. „Wir handeln mit Produkten für diejenigen, die ein Handicap haben“, sagt Widdel, „das müssen nicht immer Senioren sein.“

Perpetuum Mobile ist nicht das einzige Unternehmen der Familie Widdel. Schon vor Jahrzehnten startete Werner Widdel das Bauunternehmen Widdel GbR, das alles rund ums Bauen anbietet, vom Neubau bis zur Altbausanierung, vom Treppenbau über Fliesenarbeiten bis zu Elektroinstallationen. Ein Familienunternehmen, in das die Söhne von klein auf hineingewachsen sind. „Wir haben schon im Grundschulalter Tapeten abgerissen“, sagt Sebastian Widdel. „Ich erinnere mich noch an eine Baustelle in Köln, bei der mein Vater gemauert hat. Er hätte die Steine sicher selbst nehmen können, doch ich habe ihm jeden Stein angereicht. Das war ganz toll.“ Sein Vater ergänzt: „Wir haben die Kinder von klein auf als Mitarbeiter ernst genommen. Sie trugen Arbeitskleidung, haben an den Pausen teilgenommen und einen leistungsgerechten Lohn erhalten.“

Eine fließende Übergabe

Inzwischen ist Sebastian selbst Elektromeister und Meister für Sanitär, Heizungs- und Klimatechnik. Sein Bruder Johannes ist Maurermeister und Restaurator. Rechtlich gesehen gehört ihnen das Bauunternehmen bereits, das Einzelhandelsgeschäft soll folgen. Denn obwohl ihr Vater sich nicht vorstellen kann, einmal die Hände in den Schoß zu legen, hat die Familie den Generationenwechsel bereits vor zehn Jahren eingeleitet. „Wir wollen einen fließenden Übergang“, sagt der Senior. „Ich habe viel Erfahrung. Doch meine Söhne kennen berufsspezifische neue Techniken, die mir fremd sind.“ Das gelte zum Beispiel für Telefone, Treppenlifte und Elektromobile, die bei Perpetuum Mobile nicht nur verkauft, sondern auch gewartet und repariert werden. „Hier kommt uns Sebastians Elektroausbildung zugute. Manche Reparaturen sind simpel, etwa das Erneuern der abgefahrenen Reifen eines Elektromobils. Doch er repariert auch Magnetbremsen oder die Elektronik.“ Bis nach England reisten die Söhne, um sich weiterzubilden und an speziellen Schulungen zu den Produkten teilzunehmen.

Die Türglocke läutet, eine Kundin fragt nach einem Shopper für ihre Mutter. Sie geht an den am Fenster aufgereihten Shoppern entlang und fragt nach einem ganz bestimmten Muster. „Das können wir bestellen“, sagt Werner Widdel und greift nach einem Flyer des Herstellers, um der Kundin das Muster zu zeigen. „Die Muster sind nur im Hauptkatalog“, sagt hingegen Sebastian und übernimmt das Gespräch mit der Kundin. Sein Vater überlässt ihm das Feld. „Das Verhältnis hat sich umgekehrt“, meint Werner Widdel. „Früher habe ich den Jungen etwas beigebracht. Heute frage ich sie.“ Er mache sich keine Sorgen, dass in den Unternehmen, die er aufgebaut hat, etwas ernsthaft schief gehen könnte: „Man muss auch zulassen, dass die Jungen Fehler machen.“

Tanzen in der Nostalgie-Formation

Er selbst hat ein weiteres Projekt vor Augen: Die 1. Lohmarer Messe „Mitten im Leben“ für die Zielgruppe 50 plus, bei der Perpetuum Mobile zu den Ausstellern gehört. „Bei allen Messen sind wir die ersten, die aufbauen, und die letzten, die abbauen“, sagt Widdel. „Wir zeigen einen kompletten Laden mit Produkten von der Gehhilfe bis zum Nadeleinfädler.“ Letzterer werde sehr stark nachgefragt, denn in der heutigen Seniorengeneration werde noch viel genäht. Und wer bei mangelnder Sehfähigkeit den Faden nicht mehr ins Nadelöhr bekomme, sei dankbar für die kleine Hilfe.

Bei aller Umtriebigkeit findet Widdel Zeit zum Ausspannen. Der zweiwöchige Urlaub auf Amrum war die Idee seiner Frau, wie er schmunzelnd gesteht. Gemeinsam besucht das Ehepaar seit 1976 eine Tanzschule, mit deren Nostalgie-Formation die beiden zweimal in der Woche trainieren. „Das fängt beim Biedermeier an und geht bis in die 70er Jahre“, sagt Widdel. Die Begeisterung swingt mit, als er von diesem Hobby erzählt. Die Unternehmen stehen an erster Stelle, doch ein Ausgleich muss sein.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn