Gesundheitswirtschaft

"Die Informationstechnologie ist aus der Medizin nicht mehr wegzudenken"

25.07.2011

Voraussetzung ist, dass sie mit TouchSpeak ausgestattet sind, einer Software zur Kommunikation für all diejenigen, die an einer Aphasie leiden. „Diese Menschen konnten einmal sprechen, doch sie haben ihr Sprachvermögen durch einen Schlaganfall, einen Hirntumor oder eine andere Erkrankung verloren. In Deutschland haben wir etwa 400.000 Patienten mit einer Aphasie“, erläutert Wolfgang Grießl, Geschäftsführer der Phoenix Software GmbH.

Der Software-Anbieter und IT-Dienstleister aus Bonn Beuel hat TouchSpeak innerhalb eines vierjährigen von der EU geförderten Forschungsprojekts gemeinsam mit Sprachtherapeuten, Linguisten, Programmierern und Patienten entwickelt. 2003 wurde die Software auf der RehaCare mit einem Innovationssiegel ausgezeichnet, sie wird ständig weiterentwickelt. „Wir liefern ein Standardvokabular. Jeder Besitzer kann dieses Vokabular nach seinen Wünschen erweitern und speichern. Die Texte werden auf dem Bildschirm hinter Symbole gelegt. Bei Bedarf tippt der Nutzer das Symbol an und das Gerät ‚spricht’ die gewählten Worte“, erläutert Wolfgang Grießl. TouchSpeak eigne sich auch für Telefonate, außerdem seien die Botschaften als SMS versendbar.

Studiengang „Medizinische Informatik“

Wolfgang Grießl, Geschäftsführer der Phoenix Software GmbH.

Dies ist nur ein Beispiel für ein medizintechnisches Produkt, das auf der Informationstechnologie (IT) beruht. Bereits in den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts boten die ersten Universitäten den Studiengang „Medizinische Informatik“ an. Ziel war und ist u. a., Ärzte, Krankenhäuser, Wissenschaft und Forschung dabei zu unterstützen, Patientendaten zu archivieren und auszuwerten, um anhand der Ergebnisse die Qualität der Behandlung zu verbessern. Dank IT können diagnostische und therapeutische Geräte entwickelt werden. Viele Patienten informieren sich heute im Internet über ihr Krankheitsbild und tauschen sich in Foren mit anderen Menschen darüber aus. Auch die Entwicklung von handlichen Hilfen wie des TouchSpeak, die den Patienten den Alltag erleichtern, ist ein wichtiger Aspekt. „Mit steigender IT-Affinität in der Bevölkerung nimmt der Markt zu“, sagt Wolfgang Grießl. „Ursprünglich hatten wir das Produkt für Schüler und Studenten, deren Sprachfähigkeit verloren gegangen war, entwickelt. Inzwischen haben viele ältere Menschen genug Erfahrung mit Software, um nach einer Grundeinweisung von vier bis sechs Stunden gut zurecht zu kommen.“

Dokumentation zur Qualitätssicherung

Im Gegensatz zu TouchSpeak hat die Software megaMANAGER™ keinen unmittelbaren Einfluss auf die Behandlung des einzelnen Patienten. Dennoch profitieren viele an Krebs erkrankte Personen von diesem Produkt aus dem Hause megapharm in Sankt Augustin, einer 100-prozentigen Tochter des internationalen Pharmahandelskonzerns Alliance Boots.

„Die Software hilft, den Alltag in onkologischen Schwerpunktpraxen und Kliniken zu organisieren. Dazu gehören z. B. Therapie- und Terminplanung sowie das Schreiben von Rezepten und Arztbriefen“, sagt Olaf Grenz, Direktor Vertriebssupport und verantwortlich für die Entwicklung und den Vertrieb des megaMANAGERs™. Die Software enthält mehrere Schnittstellen, z.B. zu Apotheken, die Zytostatika für die Chemotherapie zubereiten. Sie ist kompatibel zu Klinik- und Praxisinformationssystemen und ermöglicht die Online-Teilnahme an Tumorkonferenzen, damit mehrere Experten einen Patientenfall besprechen können. Eine Reminderfunktion erinnert den behandelnden Arzt an die diagnostische und therapeutische Nachsorge.

Eine zentrale Funktion des megaMANAGERs™ ist die Dokumentation des kompletten Krankheits- und Therapieverlaufs eines jeden Tumorpatienten. „Die Dokumentation dient der Qualitätssicherung“, sagt Olaf Grenz. „Durch eine vollständige Tumordokumentation können Ursachen von Krebserkrankungen und zeitliches Auftreten erforscht werden.“ Da die Dokumentation fachübergreifend angelegt sein kann, also z.B. Informationen aus Krankenhaus, Strahlentherapie beim Radiologen und weiterer Behandlung in einer onkologischen Schwerpunktpraxis verknüpft, verfüge der behandelnde Arzt über eine größere Basis an Informationen. Dies verbessere seine Entscheidungsgrundlage. „Auf lange Sicht ist der megaMANAGER™ ein Baustein auf dem Weg in eine wirksamere und wirtschaftliche Versorgung“, sagt Grenz.

10.000 Entwicklungsstunden

So eine Software schreibt sich nicht von selbst. Als die erste Version 1998 auf den Markt ging, steckten bereits 10.000 Entwicklungsstunden darin. Inzwischen ist das, was als einfache Patientenakte begann, eine webbasierte Plattform. Dr. Ralph Schröder, Geschäftsführer von megapharm, geht von einer steigenden Nachfrage nach Tumordokumentationssoftware aus: „Nach Angaben der Deutschen Krebshilfe erkrankten im Jahr 2010 in Deutschland 450.000 Menschen neu an Krebs. Unsere Gesellschaft ist eine alternde – und Krebs ist eine Erkrankung des Alters. Der wachsenden Zahl der Tumorpatienten müssen wir auch in Zukunft gerecht werden.“ Der Stellenwert der IT steige stetig, der Datenaustausch zwischen behandelnden Ärzten, Wissenschaft und Forschung, Kostenträgern und staatlichen Stellen sei anders gar nicht möglich. Schröder bringt es auf den Punkt: „IT ist aus der Medizin nicht mehr wegzudenken.“

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn