Gesundheitswirtschaft

Im Gespräch mit Dr. Olaf Juergens

25.07.2011

In welchen Fällen bitten Top-Manager Sie um Rat?
Es kommen Menschen mit Erstsymptomen oder einer Erstdiagnose, die noch nicht öffentlich wirksam ist, beispielsweise Multiple Sklerose. Diese Krankheit ist für Außenstehende zunächst unauffällig. Doch niemand weiß, wann der nächste Schub kommt. Oder es kommt jemand mit einer Depression, die chronisch zu werden droht. Wir beraten als Case Manager unsere „Patienten“ bei der Wahl des geeigneten Vorgehens. Es kommen nicht diejenigen, die akut erkranken, also beispielsweise einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden. Diese Patienten werden in ortsnahen Kliniken betreut.

Darf ein Top-Manager seine Krankheit geheim halten?
Kein Arbeitnehmer ist verpflichtet mitzuteilen, an welcher Krankheit er erkrankt ist. Doch gemäß Aktiengesetz ist ein Manager mitteilungspflichtig, wenn die Einschränkung seiner Leistungsfähigkeit länger als vier Wochen andauern könnte. Doch wie soll ein Manager mit z.B Multipler Sklerose das einschätzen? Diese Lücke zwischen Erstdiagnose und der adäquaten Information an den Aufsichtsrat zu schließen, ist unsere Aufgabe.

Dr. Olaf Juergens berät Top-Manager im Falle einer schweren Erkrankung.

Dazu erstellen Sie ein Gutachten. Was beinhaltet dieses Gutachten?
Wir beziehen Ärzte, Arbeitsrechtler, Gesellschaftsrechtler und Kommunikationsberater ein, um abzuschätzen, wie der erkrankte Vorstand sich verhalten soll und wie der gesundheitliche Zustand kommuniziert werden kann, ohne dass die Börse falsch reagiert. Nur wenige Manager machen sich über mögliche Nebenwirkungen einer Therapie Gedanken, etwa darüber, wie sehr Chemotherapie oder Bestrahlung die Leistungsfähigkeit einschränken. Auch da schaffen wir Klarheit, denn wir können das Gutachten der Ärzte in das Leben und die Arbeit eines Managers einordnen. Für unser Gutachten benötigen wir etwa zwei Wochen. Dem Manager verschaffen wir damit Rechtssicherheit. Sofern er „im Schadensfall“ mit dem Gutachten nachweist, dass er professionell beraten wurde, greift die Haftpflichtversicherung für Managementfehler auf jeden Fall.

Was raten Sie bei ganz praktischen Dingen? Wer soll zum Beispiel die Arzttermine abstimmen, das Vorstandssekretariat?
Das hängt davon ab, wie öffentlichkeitsrelevant ein Manager für Börse, Analysten, Kooperationen und Firmenübernahmen ist. Wir empfehlen, nur wenige Vertrauenspersonen einzuweihen. Manche informieren, leider, muss man sagen, nicht einmal den engsten Familienkreis. Wir überlegen uns auch, ob man den Manager im Krankenhaus erkennen würde. Wenn ja, schützen wir ihn, indem wir den medizinischen Teil des Gutachtens im Ausland durchführen lassen. Übrigens machen wir sowieso ein Screening, welche Klinik die jeweils beste für eine Erkrankung i

Lassen sich Ihre Beratungsinhalte auch auf kleine und mittelständische Unternehmer übertragen?
Gleich wie groß ein Unternehmen ist: Ein Geschäftsführer, der werteorientiert denkt, ist in der Pflicht sich zu fragen, ob er seinen Job krankheitsbedingt noch erfüllen kann. Auch an einem Betrieb mit zehn Mitarbeitern hängen viele nichtbetriebliche Menschen, wenn man z.B. die Familien mit einbezieht. Transparenz innerhalb des Unternehmens ist im Mittelstand sehr wichtig. Denn eisernes Verschweigen gegenüber den Mitarbeitern schafft Unsicherheit, Unsicherheit schafft Angst, Angst führt zu eingeschränkter Mitarbeit und Leistungsfähigkeit.

Wie offen sollte ein Mittelständler gegenüber Banken und Kunden sein?
Wenn Banken das Gefühl haben, dass jemand ihnen in Bezug auf Krankheit etwas vormacht, werden sie hinsichtlich der Kreditlinie sehr aufmerksam. Hier sinkt das Risiko, wenn man transparent mit den Banken umgeht. Auch hier würde das Gutachten eines Arztes helfen. Die Offenheit gegenüber den Kunden hängt ganz vom Geschäft ab. Sofern ich einen guten Kollegen habe, der mich vertreten kann, muss ich vielleicht nicht so offen sein. Anders verhält es sich, wenn das Geschäft auf persönlichem Vertrauen basiert, etwa bei Wirtschaftsprüfern oder Rechtsanwälten.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn