Gründungsgeschehen 2019

Von intelligenten Kühlschränken und umweltfreundlicher Holzkohle

24.07.2019

Gruendungsgeschehen Bonn/Rhein-Sieg 2019Bei einem Besuch in der City of London beobachtete Mark Twiehoff, dass viele Büroangestellte dort in der Mittagspause Bistros mit großen Kühlschränken aufsuchen. Sie decken sich mit Salaten, Smoothies, Sandwiches und Gerichten zum Heißmachen ein. Etwa gleichzeitig stellte sein Freund Jannick Borschel fest, dass Bonner Arbeitnehmer oft weite Wege bis zu einer Pausenmahlzeit haben. Denn nicht jedes Unternehmen hat eine Kantine. Und wenn, dann öffnet sie oft nur zwischen 12 und 14 Uhr. Wer außerhalb dieser Kernzeiten Hunger hat, findet mit Glück einen Automaten mit Chips und Schokoriegeln. Gesund?

Der "intelligente Kuehlschrank"  Der "intelligente Kühlschrank" bietet Gesundes

Borschel und Twiehoff gründeten FoodbyFriends, um Arbeitnehmern gesunde Mahlzeiten anzubieten – rund um die Uhr. Die Idee der beiden jungen Geschäftsführer: Sie stellen in Unternehmen Kühlschränke auf, aus denen die Angestellten sich mit frischen Produkten wie Salaten, Fruchtjoghurts mit Haferflocken, vorgekochter Pasta, Wraps und Bagels bedienen können. „Für die Kühlschränke haben wir mit Hilfe der RFID-Technologie ein spezielles System entwickelt“, erläutert Borschel. „Jeder Kunde öffnet den Kühlschrank über eine elektronische Zugangskarte oder eine App. Da jedes Produkt mit einem RFID-Aufkleber versehen ist, kennt der Kühlschrank seinen Bestand. Er berechnet, was der Kunde entnommen hat und zeigt es auf dem Display an.“

Der Kühlschrank ist so intelligent, dass er sich nicht austricksen lässt. Wer meint, bei offener Tür schnell einen Joghurt auslöffeln und den leeren Becher wieder zurückstellen zu können, fliegt auf. Denn der Kühlschrank misst auch, wie lang die Tür offen steht.

Gründergeist und Vorbilder fehlen

Borschel und Twiehoff gehören zu den innovativen Köpfen, die im vergangenen Jahr in Bonn/Rhein-Sieg ein Unternehmen gründeten. Insgesamt gab es 7.584 Gewerbeanmeldungen, denen 7.411 Gewerbeabmeldungen gegenüberstanden. „Der Gewerbesaldo war nur noch leicht positiv“, sagt Regina Rosenstock, Gesamtbereichsleiterin Unternehmensförderung bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Die FoodbyFriends-Gründer (v.o.) Jannick Borschel und Mark Twiehoff haben ihr Unternehmen an den Gastronomieanbieter immergrün Franchise GmbH verkauft. Geschäftsführer Lukas Brinkmannn (u.) sieht ein großes Potential neue Zielgruppen zu erschließen.

Insgesamt ging die Zahl der Gewerbeanmeldungen zurück. In Bonn sank sie im Vergleich zum Vorjahr um 12,35 Prozent, im Rhein-Sieg-Kreis um 5,1 Prozent. Rosenstock sieht den Grund für das zurückgehende Gründungsgeschehen vor allem in der guten Wirtschaftslage: „Für viele Angestellte kommt die Selbstständigkeit als Alternative zurzeit nicht in Betracht.“ Auch gebe es in Deutschland anders als in anderen europäischen Ländern keine ausgeprägte Gründerkultur. „Junge Menschen kennen kaum noch Unternehmer, es fehlt an Vorbildern“, meint Rosenstock.

Wegen der guten Arbeitsmarktlage handelten nur wenig Gründer aus der Not heraus. Vielmehr gebe es einen deutlichen Trend, mit der Existenzgründung eigene Ideen und Interessen zu verwirklichen – auch im Nebenerwerb. Rosenstock: „Oft handelt es sich um lang geplante und gut durchdachte Unternehmensideen. Die Gründungen sind meist nachhaltig. Sie haben eine gute Chance, sich am Markt zu behaupten.“

Verkauf an ein Franchise-System

Die IHK Bonn/Rhein-Sieg bietet zahlreiche Informationsformate an, um das Gründungsgeschehen in der Region zu beleben (www.ihk-bonn.de, Webcode @142). So berät sie Gründer ausführlich zum Gründerstipendium.NRW, das auch Borschel und Twiehoff in Anspruch nahmen. „Zum Gründerstipendium gehört ein Coaching. Darüber haben wir erkannt, dass die Entwicklung eines Kühlschranks mit RFID-Technologie nicht die eigentliche Herausforderung ist. Im Tagesgeschäft geht es vielmehr darum, die Speisen zuzubereiten und den Kühlschrank jeden Morgen aufzufüllen“, sagt Borschel. „Uns wurde klar, dass FoodbyFriends eine Technologie mit sehr viel Potenzial entwickelt hatte. Als kleines Start-up ohne Fremdkapital hätten wir unsere Idee nicht allein umsetzen können“, ergänzt Twiehoff.

Die beiden entschieden sich zum Verkauf an die immergrün Franchise GmbH. Der Gastroanbieter hatte bereits ein deutschlandweites Frischekonzept aufgebaut. „Die meisten unserer 61 Filialen sind in Einkaufszentren und Bahnhöfen angesiedelt, bei denen sich auch viele Berufstätige in der Mittagspause versorgen”, sagt Lukas Brinkmann, Geschäftsführer immergrün. “Mit der innovativen Technologie von FoodbyFriends können wir die Versorgung der Mitarbeiter in Unternehmen mit frischem und gesundem Essen ermöglichen. Wir sehen ein großes Potential, unsere Produkte einer bisher unerschlossenen Zielgruppen anbieten zu können.“

Umweltfreundlich produzierte Holzkohle für Afrika

Auch die Gründer des Unternehmens SCC-Industries erhielten das Gründerstipendium.NRW. Sie überzeugten die Jury durch ihr umweltfreundlich

Die Gruender von SCC-IndustriesDie Gründer von SCC-Industries: (v.l.) Dominik Kagerer, Sebastian Czaplicki und Tobias Löwe.

es und nachhaltiges Holzkohle-Konzept für Afrika: „In Deutschland kennen wir Holzkohle als Luxusgut für Grillabende“, sagt Dominik Kagerer, einer der drei Geschäftsführer. „Doch in Afrika ist sie der primäre Energielieferant – mit problematischen Folgen für die Umwelt. Denn beim Herstellen der Holzkohle in Meilern entstehen schädliche Treibhausgase und in den seltensten Fälle wird Holz aus nachhaltigen Quellen verwendet.“

Gemeinsam mit seinen Partnern Sebastian Czaplicki und Tobias Löwe entwickelte Kagerer ein Geschäftsmodell, um Holzkohle in Afrika maschinell und wirtschaftlich zu produzieren. Für den vergleichsweise nachhaltigen Produktionsprozess werden keine Bäume gefällt. Stattdessen stammt das Holz aus Sägewerken, die ihre gefährlichen Holzreste sonst verbrennen müssten. Denn jeder Holzspan kann bei der trockenen Witterung schnell entflammen. Außerdem locken die Sägespäne Ungeziefer an. Ein Sägewerk aus Tansania umgeht diese Risiken, indem es 20.000 Kubikmeter Holz als Biomasse an SCC Industries liefert.

Bleibt die Frage der Wirtschaftlichkeit. Können afrikanische Haushalte sich den Kauf maschinell produzierter Holzkohle überhaupt leisten? „Da unsere Produktion umweltfreundlicher als das traditionelle Meilern ist, erhalten wir Emissionszertifikate. Die verkaufen wir und nutzen die Erträge als Querfinanzierung. So können wir unsere Holzkohle zu einem wettbewerbsfähigen Preis anbieten.“

Holzkohle industriell zu produzieren, erfordert ein hohes Investment. Gelände müssen gekauft, Produktions- und Lagerhallen errichtet werden. SCC-Industries ist zurzeit auf Investorensuche. In wenigen Monaten soll die Finanzierung stehen.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

 

Der neue Gründungsreport ist da

Die Region Bonn/Rhein-Sieg wächst, die Bevölkerung nimmt zu. Allerdings steigt die Zahl der Existenzgründungen nicht in gleichem Maße. Im Gegenteil: Die Gewerbeanmeldungen gehen zurück. Wie die Zahlen sich in den vergangenen Jahren entwickelten, zeigt der aktuelle Gründungsreport 2019.

Die 24-seitige Broschüre informiert außerdem über Gewerbeabmeldungen, Unternehmensinsolvenzen, Nebenerwerbsgründungen und vieles mehr. Vier Gründer schildern ihre ersten Schritte. Sie zeigen, wie vielfältig die Gründungslandschaft ist – vom Café mit traditionellen Tortenrezepte bis zum Fitnessstudio der anderen Art.

Der IHK-Gründungreport kann unter Webcode @3219 heruntergeladen werden