Gute Diagnosen für die Region Bonn/Rhein-Sieg

Zukunftsmarkt Gesundheit

25.07.2011

Bereits heute macht die Gesundheitswirtschaft gut 12 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus. Tendenz steigend. Experten sehen einen großen Zukunftsmarkt mit dynamischen Entwicklungsperspektiven. Davon profitiert auch die Region Bonn/Rhein-Sieg, die in der Gesundheitswirtschaft jetzt schon sehr gut aufgestellt ist.

Dieser Waage macht niemand etwas vor: Sie kann mit einer Genauigkeit von 10 Milligramm abwiegen und bietet damit eine Präzision, wie sie die pharmazeutische Industrie benötigt. Ihre glatte Edelstahloberfläche glänzt, die Zahlen im Display schimmern bläulich. Hier im Wiegeraum des Pharmaunternehmens Krewel Meuselbach in Eitorf beginnt der Herstellungsprozess des Medikaments Migräne-Kranit, das Migräneattacken lindert. „Zum Wirkstoff Phenazon kommen noch weitere Hilfsstoffe wie Binde- und Fließmittel hinzu. Alles wird genau abgewogen und kontrolliert“, sagt Dr. Ulrich Kuczkowiak, Apotheker und Leiter der Qualitätssicherung bei Krewel Meuselbach.

Die Krewel Meuselbach GmbH mit etwa 280 Mitarbeitern in Eitorf, im thüringischen Gehren und in mehreren europäischen Vertriebsbüros geht auf den Arzt Dr. Ernst Georg Blank zurück. Er legte 1922 den Grundstein für das Familienunternehmen, das im Laufe seiner Geschichte mehrere Veränderungen erlebte. Das Unternehmen ist in Eitorf fest verwurzelt, bekennt sich trotz des engen Siegtals und den damit verbundenen Transportschwierigkeiten zu seinem Standort und ist damit einer der wichtigen Repräsentanten der Gesundheitswirtschaft in Bonn/Rhein-Sieg.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind in der Region mehr als 35.000 Arbeitnehmer in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt. Das sind 13,1 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Sie arbeiten in Krankenhäusern, bei Ärzten und Apotheken, in der Pflege und im medizinischen Handwerk, in Forschungs- und Schulungseinrichtungen.

Dr. Ernst Georg Blang, Gründer der Krewel Werke

Die Stadt Bonn nimmt dabei eine Spitzenstellung ein. Denn zu mehr als 20 Krankenhäusern, Fachambulanzen und Tageskliniken, 672 Arztpraxen und 113 Apotheken kommen Forschungseinrichtungen wie das Universitätsklinikum Bonn, das Forschungszentrum caesar und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Auch die Weiterbildungsinstitute und Schulen für Gesundheitsfachberufe zählen zur Gesundheitswirtschaft, ebenso das Bundesministerium für Gesundheit und etwa 30 Verbände. Außerdem zählt die Stadt zu den Top Ten der beliebtesten Behandlungsstandorte Deutschlands. „Hier hat unsere Region große Chancen“, sagt Heiko Oberlies, Gesundheitsexperte der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Denn nur eine Branche mit Strahlwirkung nach außen kann über die Regionsgrenzen hinaus neue Märkte erschließen und neben der eigenen Bestandssicherung gezieltes Wirtschaftswachstum betreiben.“

130.000 Tabletten pro Stunde

In der Produktion von Krewel Meuselbach sind die einzelnen Rohstoffe der zukünftigen Migränetablette inzwischen zu einem Pulver vermischt worden, das in einem Container den Pressraum erreicht. In einer Tablettenpresse läuft das Pulver über ein Flügelrad der Füllstation in die Matrizen, ein Ober- und ein Unterstempel drücken die Tabletten mit einer Kraft entsprechend einem Gewicht von bis zu 3.000 Kilogramm zusammen. Auch der Name Migräne-Kranit wird eingestempelt. „Wir können mit einer Presse bis zu 130.000 Tabletten pro Stunde herstellen“, sagt Dr. Ulrich Kuczkowiak. Ebenso wie die Chemiekanten und Pharmakanten in der Produktion trägt er eine weiße Haube, dazu Kittel und spezielle Schuhe. Hygiene und ständige Qualitätskontrollen sind Grundvoraussetzungen in der Pharmaindustrie. Jeder, der die Produktion durch die Schleuse betritt, muss sich zunächst die Hände desinfizieren und Schutzkleidung anziehen.

Auf dem Weg zur Verpackungsabteilung gleitet ein unbemannter Hubwagen an Kuczkowiak vorbei. Der Hubwagen hat ein Fass geladen und wird über eine Induktionsschleife automatisch gelenkt. Der Wagen bringt die fertige Ware ins Lager und transportiert Rohstoffe in die Produktion. In der Verpackung angekommen, weist Kuczkowiak auf die Verpackungslinie für Tabletten hin, in die das Unternehmen vor drei Jahren investiert hat. Auch die Liquidalinie, in der Hustensaft abgefüllt wird, wird in den nächsten Monaten modernisiert. „Wir wollen zukunftsfähig bleiben“, sagt er.
Das gilt für die gesamte Gesundheitsbranche: Nur wer sich neuen Märkten öffnet und investiert, kann die Chancen der Zukunft nutzen. Denn die Branche erlebt einen stetigen Wandel. Technischer und medizinischer Fortschritt bringen neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten mit sich, das verändert Dienstleistungen und Anwendungen. Prävention und Gesundheitsförderung werden angesichts zunehmender Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht zunehmen. Wegen des demografischen Wandels steigt die Nachfrage nach Pflegedienstleistungen und altersspezifischen Angeboten. Hinzu kommt der Trend zur ambulanten Versorgung, denn neue Behandlungsmethoden verkürzen Krankenhausaufenthalte oder machen sie überflüssig. Die Folgen des Wandels insgesamt: An manchen Stellen werden Kosten gespart und Märkte schrumpfen, an anderen Stellen entstehen neue Potenziale.

Der demografische Wandel als Chance

Inzwischen hat auch die Migränetablette die Verpackungslinie erreicht. Über eine Rille fällt sie gemeinsam mit ihren Nachbarinnen in eine vorgefertigte Folie, die Aluminiumunterfolie wird aufgesiegelt, die Blister werden ausgestanzt. Gemeinsam mit der Gebrauchsinformation wird sie in die Faltschachtel geschoben und ganz am Ende des Prozesses steht wieder eine Waage. „Bei der Gewichtskontrolle sehen wir, ob alles drin ist“, sagt Dr. Ulrich Kuczkowiak.

„Bei diesem Migränemittel handelt es sich um ein sogenanntes OTC-Medikament. OTC steht für das englische ,over the counter’, es sind also Präparate zur Selbstmedikation, die zwar apothekenpflichtig, nicht aber rezeptpflichtig sind“, erläutert Dr. Detlef Schierstedt, Geschäftsführer der Krewel Meuselbach GmbH. Diese Medikamente seien ein wichtiges Standbein des Unternehmens, denn die Präparate, die vom Arzt verschrieben und von den Krankenkassen bezahlt werden, seien seit Inkrafttreten des Arzneimittelneuordnungsgesetzes (AMNOG) Anfang dieses Jahres immer weniger lukrativ. Diesem Gesetz zufolge können die Hersteller die Preise neu eingeführter Medikamente in Deutschland nicht mehr selbst bestimmen, sondern müssen sie mit den Krankenkassen aushandeln. „Durch diese Rabattverträge mit den Krankenkassen ist das Geschäft stark eingeschränkt“, sagt Schierstedt.

Stattdessen passe sich das Unternehmen den neuen Entwicklungen an. So sieht der Geschäftsführer im demografischen Wandel eine Chance. „Hier können wir Präparate auf den Markt bringen, die das Wohlbefinden der Generation 50 plus steigern.“ Auch der Export sei stark. Krewel Meuselbach mache über die Hälfte des Umsatzes von 50 Millionen Euro pro Jahr mit dem Exportgeschäft. So werde zum Beispiel Hustensaft für Osteuropa produziert.

Der Migränetablette ist es egal, wo sie Kopfschmerzen lindert. Sie wartet in ihrer Packung, bis es über den Counter geht.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn