Hafen Bonn

"Wir sind auf Wachstumskurs"

13.04.2011

Graurheindorf, Mitte Februar. Stahlträger und andere Bauteile liegen auf dem Gelände, Spezialfahrzeuge bringen Container heran, andere beladen sie. Am Ende stehen 40 volle Container bereit, um nach Shanghai verschifft zu werden. Ihr Inhalt: eine komplette Fabrikanlage. Der Auftraggeber: ein Unternehmen aus der Region, das für einen Kunden in China eine Produktionsstätte errichtet. Der Auftragnehmer: die Am Zehnhoff-Söns GmbH International Logistic Services (AZS). Der Ort des Geschehens: Hafen Bonn, Rheinkilometer 658.

Hafen? „Vielen Bonnern ist gar nicht bewusst, dass Bonn einen Hafen hat“, stellt Alfons Am Zehnhoff-Söns immer wieder fest. Obwohl das in einer Großstadt am Rhein, die auch ein wichtiger Wirtschaftsstandort ist, eigentlich nahe liegt. Zumindest Radfahrer auf dem Rheinuferweg Richtung Köln müssten es wissen, denn kurz hinter der Nordbrücke müssen sie landeinwärts ausweichen und das Hafengelände umfahren. Und vom Rhein aus ist er nicht nur gut zu sehen, sondern wird auch regelmäßig angesteuert: Mehr als 50 Schiffe von und zu den Überseehäfen Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam (ZARA) legen hier wöchentlich an. Pro Jahr werden im Hafen Bonn insgesamt ca. 2.600 Schiffe abgefertigt sowie rund 100.000 Container umgeschlagen.

Investitionen und Wachstum

Es könnten noch mehr werden, denn: „Der Hafen hatte seine Kapazitätsgrenze erreicht oder eher bereits überschritten und musste daher ausgebaut werden, da wir uns immer noch auf Wachstumskurs befinden“, bekundet Alfons Am Zehnhoff-Söns, der gemeinsam mit seinem Bruder Gregor Söns die Geschäfte der Am Zehnhoff-Söns GmbH in dritter Familiengeneration führt. „Und wer wachsen will, muss investieren.“ Unter Leitung der BHB (Bonner Hafenbetriebe GmbH; hierbei handelt es sich um ein Gemeinschaftsunternehmen der Stadtwerke Bonn GmbH und der Am Zehnhoff-Söns GmbH) wurde der Hafen ausgebaut. Vergangenen Herbst wurde auf dem Hafengelände eine zweite Containerbrücke installiert, nachdem zuvor die bestehende Spundwand nach Süden verlängert worden war, dass nun drei Frachtschiffe gleichzeitig an der Kaikante festmachen können.

Gregor und Wilhelm Söns sowie Alfons Am Zehnhoff-Söns (v.l.) führen die Geschäfte im Bonner Hafen.

In einem zweiten Bauabschnitt wird derzeit die Spundwand im mittleren Teil modernisiert. Die Gesamtinvestitionen belaufen sich auf 16 Millionen Euro, ein Großteil davon stammt aus Fördermitteln des Bundes – „ein Beleg für die wirtschaftliche Bedeutung des Bonner Hafens“, wie Am Zehnhoff-Söns sagt.

Die Geschäfte laufen gut, der Hafen schreibt schwarze Zahlen. Er profitiert vor allem von der „Containerisierung“ der weltweiten Warenströme, wie der Unternehmer das nennt. Die Erfindung des genormten Containers liegt zwar schon mehrere Jahrzehnte zurück, in der Binnenschifffahrt traten sie aber erst später ihren Siegeszug an. Ihr unschlagbarer Vorteil: „Der klassische Umschlag, das Anfassen der transportierten Güter, ist komplett weggefallen“, berichtet Am Zehnhoff-Söns. Die Verladung ist viel schneller geworden, und Zeit ist Geld, zumal in der Logistik.

Schnell von und nach Bonn

Apropos Zeit: Auch wenn der Hafen Bonn fast 40 Rheinkilometer südlicher liegt als der Hafen in Köln-Niehl: Die Containerschiffe aus den ZARA-Häfen sind trotzdem schneller in Bonn als in Köln. Was wie die Geschichte vom Hase und vom Igel klingt, hat seinen Grund in der Segmentierung der Schifffahrt in die Niederrhein-, die Mittelrhein- und die Oberrheinschifffahrt. Das Niederrhein-Segment reicht von Rotterdam bis nach Köln. Köln ist also letzter oder erster Hafen aller Schiffe, die diesen Teil des Rheins bedienen – und je nach Ladung und Bestimmungsort auch in Duisburg, Neuss oder anderen Häfen einen Stopp einlegen. Bonn hingegen ist der erste Hafen der Mittelrhein-Schifffahrt, der von den ZARA-Häfen aus angefahren wird – diese gelangen also nonstop nach Bonn und fahren dann weiter stromaufwärts, maximal bis Gernsheim.

Die meisten Container, die im Hafen Bonn ankommen, kommen aus China. Dort unterhält Am Zehnhoff-Söns ein Joint Venture mit einem chinesischen Unternehmen und verfügt über drei Niederlassungen – in Qingdao, Shanghai und Xiamen –, um auf einem der wichtigsten Weltmärkte präsent zu sein. Typische Produkte, die von hier aus die Reise nach Bonn antreten, sind zum Beispiel Solarmodule, Holzkohle oder Natursteine. Aus Ländern wie Chile oder Australien kommt ein Produkt in ungewöhnlicher Verpackung: Wein. Transportiert wird er in 16.000-Liter-Spezialbehältern, sogenannten „Flexitanks“, die ihrerseits genau in einen Container passen. Vom Hafen Bonn bringt sie ein Lkw an die Ahr, dort lassen zum Beispiel Discounter die preiswerten Überseeweine auf Flaschen ziehen und etikettieren. Ein prima Zusatzgeschäft für die heimischen Winzer, deren Abfüllanlagen sonst monatelang nicht ausgelastet sind.

Polymere für den Weltmarkt

Exportiert werden vom Hafen Bonn aus vor allem chemische Produkte, Maschinenbau-Erzeugnisse, Halbfertigprodukte, Anlagen oder Spezialstahl. Einer der größten Kunden ist das Werk Wesseling von LyondellBasell. Hergestellt werden dort insbesondere Polypropylen und Polyethylen, und zwar zwei Millionen Tonnen pro Jahr. Lyondell Basell nutzt den Hafen Bonn zu 95 Prozent für den Export seiner Produkte. Auch Schüttgut wird in Bonn be- und entladen – Erz etwa, Kies, Basalt, Sand oder Bauxite.

Und wie geht es weiter? Mit Prognosen ist Alfons Am Zehnhoff-Söns vorsichtig. „Wir sind da sehr konservativ“, bekennt der Unternehmer. „Wir gehen in den nächsten Jahren von einer gewissen Steigerung der Umschlagsraten aus“ – das immerhin lässt er sich entlocken. Zuletzt hatte er mit maximal fünf Prozent Zuwachs kalkuliert. Tatsächlich wurden es dann sieben Prozent.

Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn