Handel in der Region Bonn/Rhein-Sieg

Da ist wirklich ALLES drin!

10.10.2011

Prüfend blickt die Kundin in den Spiegel. Nein, die Jeans mit der Stickerei an der Hosentasche sitzt doch nicht richtig. Statt dessen entscheidet die Dame sich für einen silbernen Bilderrahmen. „Wer bei uns nichts zum Anziehen findet, hat immer noch eine große Auswahl an Schmuck, Kosmetik und Wohn-Accessoires“, sagt Antonia Molina, eine der beiden Inhaberinnen des Room Nine Concept-Stores in der Bonner Innenstadt. 2006 öffnete sie gemeinsam mit Allessandra Cuschie ihren ersten Laden, inzwischen sind es drei Geschäfte mit aktueller Mode und ein Outletstore. „Die Kunden haben unser Concept-Store, das es bis dahin in Bonn noch nicht gab, super angenommen“, sagt Molina. „Inzwischen bieten wir auch Schuhe, Lederwaren und Herrenmode an.“

Room Nine nimmt einen aktuellen Trend auf: den Erlebniseinkauf in der Stadt. Kunden betrachten das Einkaufen in der City zunehmend als Freizeit und Erholung. Dabei ist ihnen neben einem vielfältigen Einzelhandel ein eigenes Flair ihrer Stadt wichtig, geprägt von ansprechenden Gebäuden und guter Gastronomie. Dies ist nur ein Ergebnis des IHK Handelsreports Bonn/Rhein-Sieg, der kürzlich erschienen ist.

„Ohne Einzelhandel funktioniert keine Stadt“, sagt Fabian Göttlich, Bereichsleiter Handel der IHK und Autor des Handelsreports. Er schildert ein Spannungsfeld, in dem Händler, Kunden und Politik unterschiedliche Interessen verfolgen: „Die Händler suchen nach kosten- und verkehrsgünstigen Standorten, die Kunden möchten ihre Wünsche möglichst vor Ort befriedigen und die Politik wünscht Arbeitsplätze und Steuereinnahmen und schließlich ist der Einzelhandel besonderen planungsrechtlichen Spielregeln unterworfen. Hier sind wir als IHK aufgefordert, die Interessen unserer Mitgliedsunternehmen ausgleichend und abwägend zu vertreten.“ Der Handelsreport mit seinen Grundsatzpositionen zu Stadtentwicklung und Einzelhandel bildet die Grundlage dafür.

Spitzentrio Troisdorf, Siegburg, Sankt Augustin

Im Rhein-Sieg-Kreis ist der Einzelhandelsumsatz seit 2005 jahresdurchschnittlich um 1,12 Prozent gestiegen und hebt sich damit deutlich vom Bundestrend ab. Knapp 2,6 Mrd. Euro werden die Menschen im Kreis im Jahr 2011 im Einzelhandel ausgeben. Umsatzstärkste Kommune ist Troisdorf (308,4 Mio. Euro), dicht gefolgt von Siegburg (306,2 Mio.) und Sankt Augustin (297,3 Mio.). Die höchsten Zuwächse verzeichnet Bornheim mit einer Umsatzsteigerung von 48 Prozent seit 2005. Grund dafür sind die neu entstandenen großflächigen Einzelhandelsbetriebe am neuen Autobahnanschluss. Auch Alfter profitiert von Neuansiedlungen und legt beim Umsatz um 20 Prozent zu.

Fahrrad XXL Feld GmbH

Multi-Channeling: Das reale Geschäft verschmilzt mit dem Online-Shop

Wer auf das Gelände von Fahrrad XXL Feld GmbH in Sankt Augustin kommt, findet ein Gebäude in grau und weiß, der Eingang hat einen roten Vorbau. Auf der Webseite ist das Entrée identisch: Die Farben grau, weiß und rot bestimmen den Internetauftritt. „Wir achten sehr auf ein einheitliches Bild. Denn wir möchten für den Kunden glaubwürdig sein“, sagt Inhaber Peter Feld.

Internet und Geschäft werden in Zukunft noch enger miteinander verzahnt, denn Fahrrad XXL Feld wird im Jahr 2012 in das sogenannte Multi-Channeling einsteigen. Dabei wachsen die reale Verkaufsfläche mit mindestens 1000 ausgestellten Fahrrädern vom Mountainbike bis zum Kinderfahrrad und ein Online-Shop zusammen.

„Wir sind davon überzeugt, dass Fahrräder sich im Internet verkaufen lassen“, sagt Peter Feld, der den Online-Shop gemeinsam mit acht Partnern, die sich als Fahrrad XXL-Händler zusammengeschlossen haben, aufbaut. „Wir geben den Kunden die Möglichkeit, ein Fahrrad zu bestellen, wann und wo sie möchten. Der Multi-Channeling-Gedanke, also das möglichst einheitliche Gesicht von Verkaufsfläche und Internet, ist dabei sehr sinnvoll, um Vertrauen für den Kunden zu schaffen.“
Doch beide Verkaufswege miteinander zu verschmelzen, ist nicht immer einfach. „Erleben, testen, losfahren“ heißt die Subline von Fahrrad XXL. Ein Fahrrad im Internet zu erleben, geht schon. Aber testen? Während der Kunde im Laden das gewünschte Rad über eine Teststrecke fährt, während er Luftpumpe, Schloss, Lampe und Pedalsystem ausprobiert, sind ihm vor dem PC die Füße gebunden. „Für solche Fragen suchen wir den Rat einer Beratungsfirma. Denn wir denken als Einzelhändler, online sind wir Greenhorns“, meint Peter Feld.

Auch die Fahrrad-Hersteller müssen sich erst an den Gedanken des Onlinehandels gewöhnen. Sie fürchten einen Preisverfall und schützen sich mit Verträgen, in denen sie klare Regeln vereinbaren. So darf der stationäre Händler die Fahrräder weder über Preissuchmaschinen noch über eBay anbieten. Reine Onlinehändler kommen mit den traditionellen Fahrradherstellern erst gar nicht ins Geschäft, eine Niederlassung ist Voraussetzung.

Andererseits biete das Internet viele Möglichkeiten, um sich bis ins Detail über ein Rad zu informieren und verschiedene Modelle miteinander zu vergleichen. Außerdem sei das reale Geschäft nicht aus der Welt. Peter Feld ist auf zusätzlichen Service vorbereitet: „Der Internetauftritt wird durch eine gute Telefonberatung ergänzt. Außerdem kann der Kunde sich per Mail zu einer Probefahrt anmelden, um später ins Geschäft zu kommen und das Rad abzuholen.“

www.fahrrad-xxl.de/filialen/bonn-sankt-augustin

Bonn behauptet sich gut

Stadtgrenzen spielen für die Kunden keine Rolle. Auch Bonner fahren nach Bornheim, Alfter oder Wachtberg, um dort den Kofferraum mit frischen Lebensmitteln zu füllen, Möbel auszusuchen oder Pflanzen für den Garten einzupacken. Doch trotz der deutlich erweiterten Angebote rundherum hat sich die Stadt Bonn im Wettbewerb behauptet. Seit 2005 hat sie durchschnittlich nur 0,61 Prozent pro Jahr an Einzelhandelsumsatz verloren.

2011 verfügt die Bonner Bevölkerung über knapp 1,9 Mrd. Euro einzelhandelsrelevanter Kaufkraft, dies entspricht pro Kopf 5.839 Euro. (Zum Vergleich: Rhein-Sieg-Kreis 5639 Euro pro Kopf, Bundesdurchschnitt 5.329 Euro pro Kopf). Umsatzmotor in Bonn ist die Bonner Innenstadt mit ihrer Fußgängerzone, die deutlich mehr als Troisdorf, die umsatzstärkste Kommune im Kreis, umsetzt. Die Mieten in der Innenstadt sind vergleichsweise hoch und das Flächenangebot knapp, Leerstände sind praktisch nicht vorhanden. Auch dies ist Beleg für die Attraktivität der Bonner Innenstadt bei Kunden, Händlern und Investoren. 

Einmal hin – alles drin

Das Verkaufsflächenwachstum der letzten Jahre hat vor allem im Umland stattgefunden. Gerade Fachmarkt- und Einkaufszentren auf der „Grünen Wiese“ werden von den Kunden unter dem Motto „Einmal hin - alles drin“ gut angenommen. Die Kehrseite dieses betriebswirtschaftlichen Erfolges sind oftmals verödete Stadtteile und Dörfer, in denen sich kein Geschäft mehr trägt.  „Die Konkurrenz zwischen Innenstadt und Grüner Wiese wird weiter bestehen“, sagt Fabian Göttlich.

Shoppingcenter, Baumärkte, Möbelhäuser und Discounter waren die größten Wachstumstreiber. In Folge dessen ist in den vergangenen zehn Jahren bundesweit die Flächenleistung pro Quadratmeter Verkaufsfläche von 3.650 Euro auf 3.350 Euro gesunken. Bei gleichzeitig mehr oder weniger unveränderter einzelhandelsrelevanter Kaufkraft sind auch zukünftig schwierige Wettbewerbsbedingungen im Einzelhandel zu erwarten, darum sind gleiche Rahmenbedingungen wichtiger denn je. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg sieht bei den landesplanerischen Vorgaben zum großflächigen Einzelhandel dringenden Handlungsbedarf und fordert im neuen Landesentwicklungsprogramm einfache Spielregeln, die auch höchstrichterlicher Rechtsprechung genügen.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn