Immer mehr Mittelständler firmieren als Europäische Aktiengesellschaft

NRW im SE-Boom

10.09.2010

Wo einst Willy Brandt während des Kalten Krieges Politik machte, residiert seit 2007 eine der am stärksten expandierenden Systemgastronomie-Ketten Europas: die Vapiano SE. Viele Bonner kennen die von Stardesigner Matteo Thun umgestylte einstige „SPD-Baracke“ und genießen die dort frisch zubereitete Italoküche. Vor knapp acht Jahren gegründet, gehört die Franchisekette heute zu den Shootingstars der Systemgastronomie in Europa. Vapiano betreibt mittlerweile 37 Restaurants in Deutschland, weltweit sind es sogar 73. Kaum einer weiß allerdings, dass die Bonner Unternehmensgruppe auch zu den Vorreitern der Europäischen Aktiengesellschaft (Societas Europaea - kurz: SE) gehört.

„Für unser internationales Wachstum hätten wir uns kaum eine bessere Rechtsform aussuchen können“, sagt Vapiano-Vorstand Mirko Silz. „Statt in jedem Land eine neue Gesellschaft nach dem dort gültigen nationalen Recht gründen zu müssen, können wir mit der SE neue Betriebe europaweit ohne viel Bürokratie und Zeitaufwand eingliedern. Vor allem aber können wir unsere Standorte überall in Europa mit einer einzigen Rechtsstruktur, einer einheitlichen Geschäftsführung und einem einheitlichen Berichtssystem steuern. Früher waren dafür komplizierte Firmengeflechte notwendig.“

Rasant wachsende Beliebtheit der SE

2004 von der Europäischen Kommission zum Leben erweckt, schien die Europäische Aktiengesellschaft lange Zeit im Dornröschenschlaf zu liegen. Neuerdings aber erfreut sie sich rasant wachsender Beliebtheit – vor allem in Deutschland. 135 SEs zählte das elektronische Unternehmensregister im Juli 2010 bundesweit, darunter allein 57 Neueintragungen seit August 2009. Ein Plus von 73 Prozent in einem Jahr – wie eine aktuelle Analyse der Foratis AG, einem der führenden Anbieter von Vorratsgesellschaften aus Bonn ergab.

Vapiano-Vorstand Mirko Silz hält die Societas Europaea, kurz - SE, für die ideale Rechtsform seines Unternehmens.

Neben DAX-Konzernen wie Allianz, BASF, MAN und Fresenius entschieden sich zum Beispiel auch Familienunternehmen wie Deichmann oder Conrad auf SE-Recht umzustellen. Gerade für Familienunternehmen bietet die noch junge Rechtsform handfeste Vorteile: Anders als die deutsche AG erlaubt die SE die Personalunion von Vorstand und Aufsichtsrat und bietet damit einen hohen Handlungsspielraum für unternehmerische Entscheidungen. Der Inhaber kann als Verwaltungsratspräsident beides vereinen: Leitung und Kontrolle. „Ähnlich wie ein amerikanischer CEO im One-Board-System kann er seinen geschäftsführenden Direktoren Weisungen für das operative Geschäft erteilen und ihnen nicht bloß aus der Distanz des Aufsichtsratsvorsitzenden auf die Finger schauen“, erläutert Prof. Dr. Ulrich Tödtmann, Foratis-Vorstand und Mitglied des DIHK-Rechtsausschusses die Vorteile der SE.

SE ist für den Mittelständler geeignet

„Die SE ist deutlich besser als die AG für den typischen Mittelständler geeignet, weil der gerne selbst entscheidet“, bestätigt auch die Gesellschaftsrechtlerin Professor Barbara Grunewald von der Universität Köln. „Für viele Familienunternehmer wäre es ein schierer Alptraum, wenn ein familienfremder Manager – der als GmbH-Geschäftsführer streng weisungsgebunden ist – plötzlich durch die Umwandlung des Unternehmens als AG-Vorstand autonom schalten und walten könnte.“ Hinzu kommt: Die SE kann gerade deutschen Mittelständlern den Weg zu moderateren Mitbestimmungsmodellen ebnen.

Gleichzeitig bietet die SE alle Vorteile einer Aktiengesellschaft. Einerseits kann man mit der SE an die Börse gehen, um sich neues Eigenkapital zu beschaffen. Andererseits können Familienunternehmer ihren Kindern und Verwandten Aktienanteile übertragen  – ganz ohne Notar und Bürokratie – und sie so flexibel am Unternehmen beteiligen.

„Die SE genießt einen hervorragenden Ruf sowohl im europäischen Ausland als auch auf anderen Kontinenten“, sagt Peter Hille, Geschäftsleiter FORATIS. Wer als SE firmiert, zeigt damit, dass er dem europäischen Gedanken folgt und sich nicht als rein national aufgestelltes Unternehmen versteht. Das sehen auch die Banken in Europa so, weshalb eine SE leichter Kredite erhält. 

Auf Platz 1 der SE-Boomregionen Deutschlands liegt, so die FORATIS-Analyse, Bayern mit 42 SEs – dicht gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 25. „In Bonn, Köln, Düsseldorf und dem Ruhrgebiet als Sitz der großen Industrie- und Handelskonzerne ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit, sich international aufzustellen offenbar besonders hoch“, urteilt Hille. Dafür spricht auch, dass die Europäische Aktiengesellschaft gerade in NRW seit einem Jahr ihr größtes Wachstum erlebt. Mit neun neueingetragenen SEs verzeichnete die SE in der Region ein Plus von 56 Prozent.

Pia Preuß