In Alfter gedeiht weit mehr als Spargel und Erdbeeren

Alanus Hochschule: Bestehendes und Gewohntes hinterfragen

28.07.2010

Können

Kunst und Philosophie Innovationsprozesse in Unternehmen begünstigen? Dieser spannenden Frage widmete sich  im Juni der Innovationsclub des Forums Innovation der IHK Bonn/Rhein-Sieg (siehe auch Seite 18) in der Alanus Hochschule (www.alanus.edu).  

Für Marcelo da Veiga besteht kein Zweifel: „Kunst und Philosophie lassen sich erfolgreich in die betriebswirtschaftliche Ausbildung einbinden und ermöglichen neue Denkansätze und frische Herangehensweisen“, ist der Professor und Rektor der Alanus Hochschule überzeugt. „Unbestritten wirkt sich die Beschäftigung mit Kunst und Philosophie positiv auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit aus“, pflichtete ihm auch Dr. Rainer Neuerbourg, Bereichsleiter Innovation/Umwelt der IHK Bonn/Rhein-Sieg, bei. Der Innovationsclub ist Teil des Forums Innovation, das die IHK gemeinsam mit Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat. 

Anfang Juni beschäftigte sich der Innovationsclub des Forums Innovation in der Alanus Hochschule mit der Frage "Können Kunst und Philosophie Innovationsprozesse in Unternehmen begünstigen?"

Seit acht Jahren ist die Alanus Hochschule in Alfter nun eine staatlich anerkannte Kunsthochschule. Vor zwei Monaten wurde sie vom Wissenschaftsrat akkreditiert und ist damit nach eigenen Angaben die erste nichtstaatliche Kunsthochschule Deutschlands, der der Wissenschaftsrat sein Gütesiegel verliehen hat. Das Besondere: Die Hochschule bildet auch Betriebswirte aus – und kooperiert mit Partnerunternehmen, die zum Beispiel einzelne Studierende unterstützen. Weitere Partner, auch und gerade aus der Region, sind erwünscht.

Betriebswirtschaft und Kunst

Betriebswirtschaft, Kunst, Philosophie? Zunächst stößt man auf: Amselweg, Spargelweg, Auf dem Polacker. Die Straßennamen lassen Zweifel aufkommen: Hier in der Nähe soll sich eine Hochschule befinden, sollen Studierende Innovationsfähigkeit entwickeln? Hier, wo im Umkreis Erdbeeren und Spargel, Kohl und Salat prächtig gedeihen? Offenbar bietet Alfter genügend Nährboden nicht nur für Obst und Gemüse. „Bei uns gedeihen Wissen, Verantwortungsbewusstsein und Kreativität“, sagt Professor da Veiga. Bei uns – damit meint er die Alanus Hochschule. Und tatsächlich: Von Bonn kommend, erblickt man rechts an der Bonn-Brühler-Straße, zwischen den Sträßchen Auf dem Polacker und Buschdorfer Weg, einen schicken Neubau samt unmissverständlichem Schriftzug: Alanus Hochschule.

Malerei und Marketing, Collagen und Controlling - das Studium an der Alanus Hochschule ist vielfältig.

Nicht nur die geografische Lage macht die Hochschule ungewöhnlich. Von den rund 600 Studierenden an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, so der vollständige Name, sind nämlich rund 100 angehende Betriebswirte. Und mehr noch: Zum Bachelor-Studiengang BWL kommt im Herbst ein Master hinzu, dann werden weitere rund 20 Fortbildungswillige an der Kunsthochschule einen Wirtschaftsabschluss auf Universitätsniveau anstreben. Malerei und Marketing, Collagen und Controlling, passt das zusammen? „Wir wollen Führungskräfte ausbilden, die Bestehendes und Gewohntes hinterfragen, die neue Konzepte für ökologisch und sozial zukunftsfähiges Wirtschaften entwickeln und umsetzen“, erläutert Professor Dr. Lars Petersen, Leiter des Fachbereichs Wirtschaft. Rektor da Veiga und Petersen sind überzeugt: Die Unternehmer der Zukunft müssten als Gestalter und Entscheider aufnahmefähig, flexibel und initiativ sein – und das könne man nicht aus einem Lehrbuch lernen.

Ein anderer Realitätsbezug

Spätestens die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise hat es deutlich vor Augen geführt: „Wir müssen Wirtschaft neu denken“, unterstreicht da Veiga. „Der klassische Börsenbroker-Blick – Wie kann ich mich persönlich bereichern? – muss der Vergangenheit angehören“, so da Veiga, „worauf es künftig ankommt ist, Wirtschaft als Sozial- und Kulturakt zu verstehen, sie nicht länger isoliert zu betrachten!“ Auch Petersen hat beobachtet, dass die Wirtschaftskrise etwas verändert hat: „Das Interesse an unserem integrierten Konzept steigt, strategische Wachsamkeit, der Blick über den Tellerrand, ist nun deutlich stärker gefragt.“ Und das geht mithilfe von Kunst? Eine Produktinnovation lässt sich nicht töpfern, Buchhaltung nicht malen und ein Marketingkonzept nur schlecht tanzen. Deshalb findet auch an der Alanus Hochschule das BWL-Studium vorwiegend im Hörsaal und in Seminarräumen statt. Trotzdem: „Die aktive Beschäftigung mit den Künsten bereichert die Ausbildung fundamental“, betont der Rektor, „sie schafft einen anderen Realitätsbezug.“

Prof. Marcelo da Veiga, Rektor der Alanus Hochschule

"Die aktive Beschäftigung mit den Künsten bereichert die Ausbildung fundamental."

Konkret geht das so: Pro Jahr nehmen etwa 40 Personen an der Alanus Hochschule das Bachelorstudium BWL auf. Es dauert drei Jahre und verteilt sich auf drei Säulen. Säule 1: Betriebswirtschaftslehre. Hochschulprofessoren, Lehrbeauftragte und erfolgreiche Führungspersönlichkeiten aus der Praxis vermitteln sowohl das klassische Grundlagenwissen als auch aktuelle Konzepte und zukunftsweisende Ansätze. Das dritte Semester können die Studierenden an einer Partnerhochschule im Ausland verbringen. Säule 2: Praxis in den Unternehmen. Wenn andere Studierende Semesterferien haben, geht der Alanus-Nachwuchs arbeiten. Insgesamt 60 Wochen verbringen die Studierenden während der dreijährigen Studienzeit in einem Partnerunternehmen. „Sie sollen frühzeitig ein Gespür für die praktische Umsetzung des theoretischen Wissens bekommen“, erläutert Petersen diesen Ausbildungsteil.

Studium generale

Die dritte Säule ist das Besondere am Alanus-Studium: Kunst und Studium Generale. Kunstpraktische Übungen sollen die Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit schärfen und helfen, Denk- und Gestaltungsblockaden zu überwinden. „Sie fördern Kreativität und Beweglichkeit im Denken“, hebt Petersen hervor. Bei Alanus ist man davon überzeugt: Sich mit grundlegenden Fragen aus der Philosophie und Kulturwissenschaft zu beschäftigen, schärft das logische Denkvermögen. Es erweitert den Horizont und öffnet den Blick für Normen und Werte, innerhalb derer sich wirtschaftliches Handeln bewegt.

Dr. Rolf Schumacher, Bürgermeister der Gemeinde Alfter

"Die Alanus Hochschule mit ihrem interdisziplinären Ansatz ist ein wirkliches Zukunftsprojekt. Ich freue mich über die positive Entwicklung sehr, da die ebenso junge wie bereits anerkannte Alanus-Hochschule die Qualität des Standortes Alfter bekannter macht und entscheidend stärkt."

Im Herbst setzt die Alanus Hochschule noch eins drauf: das Masterstudium BWL. Erstmals können dann Selbstständige, Angestellte, aber auch Arbeitsuchende in Teilzeit über drei Jahre einen Masterabschluss in Betriebswirtschaftslehre erwerben. Das Konzept ist das gleiche wie beim Bachelor: Fachwissen plus Kunst und Philosophie. Der Masterstudiengang will berufstätige Nachwuchskräfte dazu anleiten, betriebswirtschaftliche Ansätze kritisch zu hinterfragen und Wirtschaft neu zu denken. „In unserem Masterstudiengang steht die Persönlichkeitsbildung als gleichrangiges Ziel neben der fachwissenschaftlichen Qualifikation“, erklärt Wirtschaftsfachbereichsleiter Petersen.

Hochschule und Wirtschaft

Die Alanus Hochschule schult nicht nur für die Wirtschaft – sie ist nach einer dynamischen Aufbauphase selbst längst zum Wirtschaftsfaktor geworden. Mit 140 Angestellten, rund 40 bis 50 Aushilfskräften und weiterem freien Lehrpersonal sind wir inzwischen bestimmt einer der größten Arbeitgeber in Alfter“, glaubt Rektor da Veiga. Er selbst leitet die Hochschule seit 2002, damals hatte sie 16 Mitarbeiter. Mit Bildungswissenschaft und BWL sind unter da Veigas Ägide zwei komplette wissenschaftliche Fachbereiche hinzugekommen, mit dem BWL-Master startet nun die nächste Entwicklungsphase. Ohne Wirtschaft wiederum sind die Neuerungen der vergangenen acht Jahre kaum denkbar. Denn die Hochschule finanziert sich aus Zuwendungen von Stiftungen, Studiengebühren und Geld von Partnerunternehmen. Jeder der etwas über 100 BWL-Studierenden hat ein Partnerunternehmen. Das heißt: ein Unternehmen in der Region oder außerhalb, das den jeweiligen Studierenden in den 60 Wochen Praxisphase beheimatet, bei der Bachelor-Abschlussarbeit kooperiert und sich zumeist auch an dem Stipendienfonds der Hochschule beteiligt.


Neu an der Alanus Hochschule: Masterstudiengang BWL

Die 1973 als Kunststudienstätte gegründete Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft gehört zu den jüngsten Hochschulen in Deutschland. Derzeit zählt die Hochschule zirka 600 Studierende in den Fachbereichen

- Darstellende Kunst 
- Bildende Kunst
- Künstlerische Therapien 
- Achitektur
- Bildungswissenschaft 
- Wirtschaft

Neuester Wirtschaftsstudiengang ist das kostenpflichtige Masterstudium BWL – rund 20 Personen werden es im Herbst zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit aufnehmen. Es ist auf sechs Semester angelegt und lässt sich neben einer Vollzeittätigkeit absolvieren. Pro Semester sind drei bis vier Blockwochen Präsenzzeit an der Hochschule vorgesehen. Für die Vor- und Nachbereitung sollte man 12 Arbeitsstunden pro Woche einplanen. Studienvoraussetzung: entweder ein Bachelorabschluss und ein Jahr Unternehmenspraxis oder ein Magister- bzw. Diplomabschluss. Wer vorher nicht BWL studiert hat, kann zwischen drei Spezialisierungen wählen: Social Management, Global Management oder Human Resource Management. Betriebswirte können zwischen den genannten Schwerpunkten sowie zusätzlich Marketing Management und Supply Chain Management wählen.

Weiteres Fortbildungsangebot: Die Module des Master-Studienprogramms können im Rahmen von Zertifikatskursen auch einzeln oder in thematisch zusammenhängenden Gruppen belegt werden.

 

Hochschulpartner gesucht

Zum Beispiel die Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG in Alfter-Witterschlick. Das Unternehmen ist seit einigen Jahren Partner der Hochschule, weil es an deren Konzept vor allem die Verbindung von Theorie- und Praxisphasen schätzt. „Viele Studiengänge sind ja sehr theoretisch ausgerichtet, wir finden es aber wichtig, dass Studierende so früh und viel wie möglich Einblicke in die Abläufe im Unternehmen erhalten“, findet Sabine Krista, Personalreferentin bei der Deutschen Steinzeug. „Die 60 Praxiswochen in mehreren Abteilungen schaffen eine sehr intensive Verbindung zwischen Unternehmen, Student und Hochschule“, so Krista. Derzeit profitiert Helen Bratvogel von der Partnerschaft. Die Bornheimerin studiert im sechsten Semester BWL an der Alanus Hochschule, zurzeit arbeitet sie an ihrer Bachelorarbeit. Thema: monopolistische Wirtschaftsstrukturen in Mexiko. Darauf gekommen ist sie während eines Auslandssemesters in Mexiko. Auch Helen Bratvogel schätzt an dem Alanus-Konzept die Verbindung von Theorie und Praxis. „Bei der Deutschen Steinzeug konnte ich mein Hörsaal-Wissen um viele Elemente erweitern“, berichtet die 20-Jährige. Vor allem ihre Wochen im Controlling des Unternehmens haben ihr viel Spaß gemacht. Ob sie nach dem Studium direkt im Unternehmen einsteigt, ist allerdings noch nicht sicher: „Ich würde gerne einen Master-Abschluss machen, vielleicht im Ausland“, lauten ihre Pläne.

Professor da Veiga hat ebenfalls die Zukunft im Blick; er freut sich auf den Start des Masterstudiums BWL im Herbst und überhaupt auf die weitere Entwicklung der Hochschule. Die Zukunftsfreude basiert nicht nur auf Optimismus und Überzeugung, sondern auch einer freudigen Nachricht aus der jüngsten Vergangenheit: Am 10. Mai wurde die Alanus Hochschule vom Wissenschaftsrat akkreditiert. Zusätzlich zu der zehn Jahre gültigen Akkreditierung erhielt die Hochschule das eigenständige Promotionsrecht für den Fachbereich Bildungswissenschaft und darf damit Doktortitel verleihen. In der Stellungnahme des Wissenschaftsrates hieß es unter anderem: „Die Besonderheiten des Hochschulkonzepts sind eine Quelle für interdisziplinäre Fragestellungen und viele internationale künstlerische Entwicklungsvorhaben.“ In Alfter gedeiht tatsächlich weit mehr als Spargel und Erdbeeren.

Lothar Schmitz,
freier Journalist, Bonn