Interview mit Karl Reiners, Bereichsleiter Existenzgründung/-sicherung der IHK Bonn/Rhein-Sieg

"Wir verstehen uns als Wegweiser."

31.12.2010

Die IHK Bonn/Rhein-Sieg berät nicht nur Existenzgründer, sondern auch junge Unternehmen, die bereits seit einiger Zeit am Markt sind. Denn während der Startphase stellt sich oft heraus, dass die Personal- und/oder Finanzplanung noch optimiert werden kann. Dazu sprach Ursula Katthöfer mit Karl Reiners, Bereichsleiter Existenzgründung/-sicherung der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Was sind typische Fragen bei der Beratung zur Existenzsicherung?

Oft geht es um Liquiditätsprobleme - zum Beispiel wenn ein guter Kunde eines jungen Unternehmens Insolvenz angemeldet hat. Danach dauert es, bis der Kundenstamm wieder aufgebaut ist. Das junge Unternehmen braucht Geld, um diese Phase zu überwinden. Entscheidend ist dann eine gute Kommunikation mit der Bank, denn die Bank muss darauf vertrauen können, dass sie ihren Kredit zurückbekommt. Wer in Zahlungsschwierigkeiten gerät, muss seiner Bank Daten liefern und eine Perspektive aufzeigen, wie die Zahlungsfähigkeit sicher gestellt werden kann. Andere Fragen betreffen die Prozessoptimierung. Meist geht es um Akquisitions- und Kommunikationskonzepte. Außerdem beantworten wir viele Fragen zu Zuschussprogrammen.

Wie kann die IHK helfen?

Wir verstehen uns als Wegweiser. Wir sind keine Zauberer, doch oft hilft ein Gespräch mit uns, um die Realität besser einzuschätzen und sich Klarheit zu schaffen. Hier geht es um existentielle Dinge. Und die Existenz ist eben manchmal in Gefahr, ohne dass der junge Unternehmer sich das eingestehen möchte.

Besuchen Sie die Betriebe auch?

Ja, allerdings unterscheiden wir uns von Unternehmensberatern, die mehrere Tage im Betrieb recherchieren. Wir sagen beispielsweise nicht, dass der Fuhrpark oder die Software veraltet ist. Sondern wir geben grundsätzliche Hinweise.

Raten Sie manchmal dazu, das Unternehmen aufzugeben?

Ja, wenn wir aus unserer distanzierteren Perspektive sicher sind, dass die Existenz nicht mehr überlebensfähig ist. Das ist manchmal  beispielsweise der Fall, wenn die Mietkosten die Umsätze übersteigen und es auch keine Perspektive gibt, das sich dies ändert. Dann kommen wir zu dem Schluss: Je schneller, umso besser. Denn je eher man handelt, desto größer sind die Handlungsspielräume. Oft ergeben sich dann unerwartete positive Aspekte.

Ein Blick auf die Statistik: Wie viele Unternehmen schaffen die Anfangsphase?

Einer Untersuchung der KfW zufolge sind nach fünf Jahren noch 50 Prozent der Unternehmen am Markt. Diese Zahl kann mein Bereich aus seiner Beratungserfahrung bestätigen. Die Unternehmen verschwinden aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es sind längst nicht immer Insolvenzen, sondern auch menschliche Schicksale. Nehmen Sie den Gastronomen, der vom späten Vormittag bis in die späte Nacht in seinem Restaurant arbeitet. Er hat Probleme mit seiner Partnerin und ist plötzlich nicht mehr motiviert. Oder er wird schwer krank. Es gibt auch äußere Einflüsse, an denen ein Unternehmer nichts ändern kann. Nehmen wir an, dass neben einem Einzelhändler die Postfiliale schließt. Dann bricht ein großer Teil der Laufkundschaft weg. Oder jemand hat ein Gewerbe angemeldet, ohne seinen festen Arbeitsplatz aufzugeben. Wenn er sein Gewerbe wieder abmeldet, weil es sich nicht rentiert, ist er immer noch abgesichert.

Was sind die häufigsten Gründe für eine Insolvenz?

Das sind fehlgeschlagene Umsatzschätzungen und –entwicklungen. In den Beratungen sagen dann viele, sie hätten von der Bank nicht genug Geld bekommen. Doch wenn jemand seinen Standort falsch eingeschätzt hat und keine Perspektive entwickelt, wie er in Zukunft seinen Umsatz verbessert, kann man von der Bank nicht mehr verlangen.

Sie haben einmal gesagt, in Deutschland gebe es statt einer „Kultur der Selbständigkeit“ eine „Kultur der Förderung“. Was meinen Sie damit?

Mitte der 90er Jahre hat man in der Bundesrepublik damit begonnen, Förderprogramme aufzulegen, um die Zahl der Selbständigen zu steigern. In Südeuropa ist die Quote deutlich höher als bei uns, man wollte auch hier die Alternative zur abhängigen Beschäftigung unterstützen. Die Folge ist eine unübersichtliche und verwirrende Förderlandschaft mit zahlreichen Programmen und Institutionen. Oft kommen Gründer in die Beratung und sagen uns: „Ich habe mich über alle Förderprogramme informiert, jetzt weiß ich gar nichts mehr.“ Über die vielen Förderungen verlieren die Existenzgründer den Fokus. Sie fragen sich, wo sie die beste Förderung bekommen, statt sich zu fragen, wo ihre Unternehmensidee die besten Chancen hat und wo ihre Erfolgspotenziale liegen.

Was können Sie jungen Unternehmern für einen Tipp geben?

In der Beratung höre ich oft den Standardspruch: „Meine Familie und meine Freunde haben gesagt: Mach das, du kannst das prima.“ Doch auf einen solchen Zuspruch sollte man nicht bauen. Denn Freunde und Familie haben das Produkt ja kostenlos oder zu einem kleinen Preis bekommen. Wenn es später ums Geld geht, trennt sich die Spreu vom Weizen.


SERVICE-INFORMATIONEN

Für junge Unternehmen, die die Startphase bereits hinter sich haben, stehen Zuschüsse für unterschiedliche Beratungen zur Verfügung. Ziel ist, die Existenzgründungen zu sichern und zu festigen.

Gründercoaching Deutschland
Das Gründercoaching Deutschland wendet sich an Unternehmer in der Start- und Festigungsphase. Für ein Coaching von maximal zwölf Monaten können sie Zuschüsse aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) beantragen. In den alten Bundesländern liegt der Zuschuss bei 50 Prozent des Beraterhonorars bei einer maximalen Bemessungsgrundlage von 6.000 Euro. Existenzgründer aus der Arbeitslosigkeit erhalten einen Zuschuss von 90 Prozent des Honorars bei einer maximalen Bemessungsgrundlage von 4.000 Euro.
www.existenzgruender.de/beratung_und_adressen/gruendercoaching/index.php

Potenzialberatung
Mit der Potenzialberatung will das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW kleine und mittlere Betriebe, die älter als fünf Jahre sind und weniger als 250 Beschäftigte haben, unterstützen. Sie dauert zwischen einem und fünfzehn Tagen. Der Erfolg der Beratung ist in Zahlen messbar: In Unternehmen, die die Beratung angenommen haben, wächst die Zahl der neuen Arbeitsplätze überdurchschnittlich.
www.potentialberatung.nrw.de

ERP-Startfonds
Die KfW geht mit dem ERP-Startfonds Beteiligungen an jungen, innovativen Technologieunternehmen ein. Die Unternehmen dürfen nicht älter als zehn Jahre sein, müssen die Kriterien der EU-Kommission für kleine Unternehmen erfüllen und als Kapitalgesellschaft firmieren. Dabei sollen Vorhaben finanziert werden, die sich mit der Entwicklung neuer oder wesentlich verbesserter Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen und/oder deren Markteinführung befassen.
www.foerderdatenbank.de

Der Runde Tisch
Diese Förderung wendet sich an kleine und mittlere Unternehmen, die aufgrund einer nicht erwartungsgemäß verlaufenden wirtschaftlichen Entwicklung in Schwierigkeiten geraten sind. Ausgeschlossen sind Unternehmen, die einen Insolvenzantrag gestellt haben. Gefördert wird eine Beratung, die Schwachstellen zeigen soll und Maßnahmen vorschlägt, um die Krise zu überwinden. Ansprechpartner ist die IHK Bonn/Rhein-Sieg als zuständiger Regionalpartner. Weitere Informationen: KfW-Infocenter, Telefon 0180 1241124 und www.unternehmenssicherungs-beratung.de

Gebündelte Informationen
Die Internetplattform unternehmenswelt.de informiert über verschiedene Fördermittel für Existenzgründer und junge Unternehmer.  
www.unternehmens-welt.de/foerdermittel.html