Kamelle statt Mallorca

Karneval als Wirtschaftsfaktor

10.02.2010

Horst Bachmann, Präsident des Festausschusses Bonner Karneval, nimmt in jedem Jahr am Rosenmontagszug teil, auf dem Gesellschaftswagen des Festausschusses. Für die Kamelle, die er wirft, könnte er zwei Wochen lang in einem Vier-Sterne-Hotel auf Mallorca Urlaub machen. Denn so wie viele der 3500 Bonner Zugteilnehmer finanziert Horst Bachmann Kamelle und Strüssjer selbst.

Das Wurfmaterial für die zahlreichen Karnevalszüge in Bonn/Rhein-Sieg kostet nur eine kleine Summe gemessen an dem, was der Karneval umsetzt. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat im Auftrag des Festkomitees des Kölner Karnevals die Wirtschaftskraft errechnet. Ergebnis: Im Kölner Karneval werden jährlich rund 460 Millionen Euro ausgegeben. Damit wird der Erhalt von etwa 5000 Arbeitsplätzen in der Region unterstützt, die Stadt Köln kassiert vier bis fünf Millionen Euro an Gewerbesteuern.

Für Bonn/Rhein-Sieg existiert keine vergleichbare Studie, doch Horst Bachmann schätzt, dass der Schlüssel ähnlich ist: „Köln hat etwa dreimal so viele Einwohner wie Bonn“, sagt er. „Deshalb können wir hier von einer Wirtschaftskraft von etwa 150 Millionen Euro ausgehen.“ Kamelle, Kostüme, Dekorationen, Pappbecher, Spirituosen, Snacks, Bus-tickets und Eintrittskarten für Karnevalsveranstaltungen machen noch überschaubare Summen aus, doch es stecken auch große Posten dahinter: Gagen für Künstler, Fernsehübertragungen, Hallenmieten, Messen rund um den Karneval, Versicherungsgebühren und Immobilien wie die neue Wagenhalle des Festausschusses Bonner Karneval im Dransdorfer Gewerbegebiet. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Sponsoren für die Session

Horst Bachmann, Präsident des Festausschusses Bonner Karneval

Ohne Sponsoring würde der Karneval deutlich kleiner ausfallen. Im Großen Senat des Bonner Festausschusses haben sich über fünfzig Firmen und Einzelpersonen, die den Karneval unterstützen, zusammengeschlossen – vom namhaften Familienunternehmen bis zum Global Player. „Die Mitglieder des Großen Senats bringen fünfstellige Summen mit“, verrät Horst Bachmann. „Das ist unsere Finanzierungsbasis.“ Zu diesen Mitgliedern gehört beispielsweise die Deutsche Post DHL. „Sponsoring ist Teil unseres gesellschaftlichen Engagements“, sagt Dirk Klasen aus der Pressestelle.

Unzählige Unternehmen aus Bonn/Rhein-Sieg sponsern in kleinerem Rahmen, indem sie einzelne Posten übernehmen: Mal finanzieren sie eine Tanzgruppe, mal statten sie den Wagen eines Vereins für den Veedelszug aus. Eines dieser Unternehmen ist die Metro Sankt Augustin, die beispielsweise beim Sessionsauftakt am 11. 11. das Catering im Bonner Rathaus finanziert und beim Prinzenempfang auf dem Petersberg den Wein- und Sektempfang sponsert. Metro Betriebsleiter Lutz Persch: „Unsere Kunden sind Gewerbetreibende, also Vereine und Karnevalsgesellschaften, aber auch Gastronomiebetriebe sowie kleine Händler. Für sie alle ist Karneval ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Metro Cash & Carry unterstützt das ganze Jahr über die Vorbereitungen und Aktivitäten rund um die fünfte Jahreszeit. Im Oktober findet unser Kundenevent im Beueler Brückenforum statt, bei dem sich etwa siebzig Aussteller den Kunden präsentieren. Höhepunkt unserer Karnevalssession ist der jährliche Tollitätentreff Ende Januar im Metro-Großmarkt in St. Augustin, bei dem das Bonner Prinzenpaar in Süßigkeiten aufgewogen wird.“

Modetrend Mittelalter

Regieren die Bonner Narren in der Session 2009/2010 - Prinz Amir I. und Bonna Uta I.

Während die Tollitäten im traditionellen Ornat die Bühne der Metro besteigen, machen sich andere jedes Jahr aufs neue Gedanken um ihr Kostüm. Dabei gibt es klare Trends: „Das Mittelalter wird immer beliebter, zum Beispiel die Marketenderin“, sagt Nicole Poertgen, Geschäftsführerin bei Peter Kastenholz, Ausstatter für Kurzwaren und Karnevalsbedarf in Bonn und seit einem Jahr auch in Odendorf im Rhein-Sieg-Kreis. „Im Dezember nähen die Leute oder lassen sich von unserer Schneiderin etwas nähen. Kurz vor Weiberfastnacht kaufen sie nur noch Fertigkostüme.“ Für das Geschäft mache die Länge einer Session viel aus: „Ist Aschermittwoch erst im März, gehen die Leute zu mehr Sitzungen, das spüren wir deutlich am Umsatz.“ Auch in Krisenzeiten werde gefeiert, allerdings mit kleineren Mitteln.

Manche tauschen oder leihen ihre Kostüme. Kinderprinz Nils I. zum Beispiel trägt – sofern nicht im Ornat – eine Kadettenuniform aus der Kleiderkammer der Bonner Stadtsoldaten. „Das ist alles teuer“, sagt der elfjährige mit großen Augen.

Eine Karnevalsgesellschaft als Wirtschaftsunternehmen

Nicht nur der Handel, auch die Veranstaltungsbranche hat im Karneval viel zu tun. „Wir machen etwa zehn Prozent unseres Umsatzes mit Karnevalsveranstaltungen“, sagt Sven Tietze, Direktor der Rhein-Sieg-Halle in Siegburg. „Dazu zählen wir nicht nur Klassiker wie den Sessionsauftakt „Countdown op Kölsch!“ und die Prunksitzung, sondern auch „Tanz in den Mai“ mit der Band Brings, denn die geht ja auf den Karneval zurück.“ Für die Rhein-Sieg-Halle mit ihren 1600 Sitzplätzen sei die fünfte Jahreszeit eine sehr wichtige Größe, nicht nur kommerziell. „Als Multifunktionshalle bekommen wir Stars wie den Schauspieler Kevin Costner im kommenden März. Doch für die örtlichen Vereine sind wir ebenfalls da, als eine Art Stadthalle. In diesen Vereinen sitzen teilweise richtige Profis, die das Veranstaltungsgeschäft schon kennen.“

"Die Siegburger Funken sind nicht nur ein Karnevalsverein, sondern auch ein kleines Wirtschaftsunternehmen", weiß Ferdinand Büchel, Präsident der Funken (r. mit Ehrensenator Wolfgang Overath).

Einer dieser Profis ist Ferdinand Büchel, Präsident der Siegburger Funken „Blau-Weiss“ von 1859 e.V., einer der ältesten Karnevalsgesellschaften Deutschlands. Die Siegburger Funken präsentieren sowohl den „Countdown op Kölsch!“ im November als auch ihre Kostümsitzung „Das Finale!“ am Karnevalssamstag. „Planung, Organisation, Kalkulation und Controlling sind das A & O“, sagt Ferdinand Büchel. Er weiß, dass nur ein hochkarätiges Programm die Besucher in die Rhein-Sieg-Halle zieht. „Die Halbentschlossenen motivieren wir nur mit Stars wie Bernd Stelter oder Guido Cantz.“ Zu einer gelungenen Veranstaltung gehöre jedoch noch viel mehr: „Mit guter Lichttechnik kann man viel Stimmung machen. Wir brauchen eine spezielle Mikrophonie für Gesangsgruppen, die fein ausgepegelt werden müssen. Das Catering muss stimmen. Wir verkaufen eben nicht nur eine Veranstaltung, sondern Stimmung und Flair.“ Die Eintrittspreise liegen bei bis zu dreißig Euro, denn die Veranstaltungen sollen sich selbst finanzieren. Das finanzielle Risiko nimmt Büchel wie jeder andere Unternehmer in Kauf, denn: „Die Siegburger Funken sind nicht nur ein Karnevalsverein, sondern ein kleines Wirtschaftsunternehmen.“

Touristen aus Berlin und Bayern

Sven Tietze hat beobachtet, dass sogar Besucher aus dem Frankfurter Raum nach Siegburg kommen. Kein Einzelfall der Karneval zieht Touristen an. So waren zur Karnevalszeit zuletzt 2.800 Hotelgäste in Bonn, die Tourismus & Congress GmbH Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler hat sie gezählt. „Durchschnittlich gibt ein Freizeitgast 124,30 Euro pro Tag inklusive Übernachtung aus. Gesamt wäre das ein Umsatz durch die Übernachtungsgäste von rund 350.000 Euro“, meint Tilmann Flaig, Geschäftsführer der Tourismus & Congress GmbH. Eine Umfrage unter den Hoteliers in der Region ergab, dass die Gäste vorwiegend Drei- und Vier-Sterne-Häuser buchen, gern im Bonner Stadtgebiet. Der Großteil ist zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt und kommt aus anderen Teilen NRWs, aus Berlin, Baden-Württemberg und Bayern.

                                                                                     Das Karnevalprinzenpaar Stephan I. und Prinzessin Heike I. regieren die Narren in der fränkischen Fastnachtshochburg Weibersbrunn. Im wirklichen Leben ist Heike Reinharts Hoteldirektorin im Dorint Venusberg Bonn, ihr Mann, Stephan Sandmann leitet das Dorint Hotel & Sportresort Winterberg/Sauerland.

„Der Bonner Karneval macht etwas her, der Rosenmontagszug ist abwechselungsreich“, bestätigt Mathias Johnen, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Nordrhein, Geschäftsbereich IV. „Bonn ist übersichtlich, die Besucher kommen zu Fuß und können beim Zug auch mal den Platz wechseln.“ Doch Johnen sieht auch, dass viele Besucher zwar gerne schunkeln, dabei jedoch aufs Geld achten: „Die vollen Kneipen machen im Karneval nur den zwei- bis dreifachen Umsatz von normalen Tagen“, meint er. „Die Zeiten, in denen der Wirt dem Gast ungefragt ein neues Glas Kölsch servieren durfte, sind vorbei.“ Die Gastronomen müssten sich spezialisieren, um vom Karneval besonders zu profitieren, etwa durch ein besonderes Programm. Manche räumten ihre Kneipe nahezu leer, um Tanzflächen zu schaffen. Dabei kämen neue Ausgaben auf sie zu: „In der heißen Phase kommen sie ohne Security nicht mehr aus.“ So gehören auch die Sicherheitsdienste zu denen, die in der fünften Jahreszeit Umsatz machen. Dem Karneval als Wirtschaftsfaktor können sich in Bonn/Rhein-Sieg nur ganz wenige entziehen.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn