Kessko

Lieferung aus dem Schlaraffenland

15.09.2011

Die beiden Gäste kommen von TheCruiseLine, einem Anbieter für Kreuzfahrten rund um die Welt. Im Kessko-Backstudio probieren sie - eingekleidet in Einwegkittel und Schutzhaube - ein Törtchen: Unter einer Schicht aus Schokolade verbergen sich eine Creme aus feinem Nougat, eine Sahneschicht, eine Obstcreme und schließlich ein Biskuitboden. Gekrönt wird das ganze von einer frischen Himbeere.

Helmut Kessler, bis vor kurzem geschäftsführender Gesellschafter der Kessler & Comp. GmbH und Co. KG und inzwischen Sprecher der Gesellschafter, begrüßt die Gäste persönlich. „Wir haben viele Vorführungen in unserem Backstudio“, erläutert er. „In diesem Fall suchen die Konditoren von TheCruiseLine nach Rezepturen für die Patisserien an Bord ihrer Luxuskreuzfahrtschiffe.“

Die Firma KESSKO aus Bonn-Beuel stellt Halbfabrikate für die Süßwarenbranche her. Dazu gehören Kuvertüren und Marzipanrohmasse, Mandel- und Nusspräparate, Aromen, Eisrohstoffe und Convenience-Produkte, insgesamt etwa 800 verschiedene Produkte. Kunden sind zu 70 Prozent Bäckereien und Konditoreien, die übrigen 30 Prozent der Produktion gehen in die Industrie und in den Export. Hier liefert KESSKO in 42 Länder der Erde. Ein typisch deutscher Verbraucher kann nahezu täglich ein Produkt aus dem Hause KESSKO zu sich nehmen, sei es in der Nussecke vom Bäcker an der Ecke oder im Aprikoseneis aus der Eisdiele, sei es im Kuchen aus der Tiefkühltruhe oder im Müsliriegel aus dem Supermarkt, seien es Zutaten für Pralinen, Schokolade, Kekse, Nachspeisen und sogar Babynahrung. Neben den Halbfertigerzeugnissen zur Weiterverarbeitung vertreibt Kessko Bio-Produkte sowie eigene Marken wie „Celestiale“ für den Eismarkt und „diabella“ für diabetikergerechte Produkte.
„Wir arbeiten sehr eng mit unseren Kunden zusammen, wenn diese neue Ideen wünschen“, sagt Helmut Kessler. „Auf Kundenwunsch produzieren wir auch kleine Mengen von nur einer halben Tonne, zum Beispiel ein spezielles Krokant.“ Im Gegensatz zum Großteil seiner Wettbewerber beliefere KESSKO seine Kunden direkt. „Wir haben insgesamt zwölf Auslieferungslager, die über ganz Deutschland verteilt liegen. Jedes Lager verfügt über zwei bis drei Fahrzeuge, so dass unsere Kunden immer frische Ware bekommen.“

Am Anfang war das Backpulver

Die Idee, die Kunden ohne Zwischenhandel zu erreichen, geht auf Helmut Kesslers Großvater zurück. Bereits 1905 mischte Gustav Kessler senior Backpulver und verkaufte es, damals noch vom Keller eines Hildener Wohnhauses aus. 1927 zog das Unternehmen nach Beuel. Ein für kurze Zeit in den Betrieb aufgenommener Kompagnon stieg bald wieder aus. Doch der Name aus den Worten „Kessler“ und „Kompagnon“ blieb: KESSKO. Inzwischen hat das Familienunternehmen eine Geschäftsführung, die nicht zur Familie gehört. Ein Beirat aus vier Personen kontrolliert diese Geschäftsführung. Doch Helmut Kessler, heute 74 Jahre alt, sieht die Zukunft weiter in Familienhand. Seine Nichte Ulrike Kessler, Diplom-Kauffrau von Beruf, ist bereits in den Beirat berufen worden.

Helmut Kessler selbst, dessen Geburtshaus auf dem Betriebsgelände steht, hat nahezu sein ganzes Leben im Unternehmen verbracht. Ungezählt sind die Kilometer, die er in den Fluren zwischen Verwaltung und Produktion, auf den Wegen zwischen Lager, Entwicklungsabteilung und Backstudio gelaufen ist. Noch heute nimmt er zwei Stufen gleichzeitig, wenn er im Laufschritt durch die Treppenhäuser des Gebäudes eilt. Die Gerüche von zerlassener Schokolade, gerösteten Nüssen und destillierten Aromen nimmt er kaum noch wahr.
Zeit nimmt Helmut Kessler sich hingegen, um sich an der Abfüllstation für Erdbeer-Fruchtpaste nach dem Gesundheitszustand eines erkrankten Mitarbeiters zu erkundigen. Er kennt jeden der 175 Angestellten und der 70 freien Handelsvertreter namentlich, viele begrüßt er mit Handschlag. In der Schokoladenproduktion trifft er Klaus Bellinghausen. „Sein Sohn Michael ist bei uns in der Verwaltung“, stellt Helmut Kessler vor.“ Dort, wo gebrühte Mandeln aus dem Wasserbad kommen, begutachtet Abteilungsleiter Isidro Alvárez die Qualität der Mandeln. „Er ist seit 35 Jahren im Betrieb. Schon seine Eltern waren bei uns“, erzählt Helmut Kessler stolz.

Schwankende Rohstoffpreise

Mandeln sind ein zentrales Produkt im Kessko Sortiment. Aus Kalifornien kommend wird ein Vorrat von 80 bis 100 Tonnen in großen Silos im Keller des Firmengeländes gelagert. Sie werden gereinigt und im heißen Wasserbad kurz abgebrüht, damit sich die Schale löst. Verlesemaschinen und sogenannte Windsichter blasen lose Schalen endgültig fort, es bleiben weiße Mandeln, die ganz unterschiedlich verarbeitet werden. Gehobelt oder gehackt, als Stift oder in einem Schokoladenüberzug zu einem Dragee verwandelt erreichen sie den Kunden. Oder sie werden mit Wasser und Zucker gemischt, zerkleinert, gewalzt und abgeröstet, um als 12,5 Kilo schwerer Marzipanblock ausgeliefert zu werden.

In der Entwicklungsabteilung kreieren Lebensmitteltechnologen neue Produkte, um Bäckereien und Konditoreien, vor allem aber der Industrie neue Ideen geben zu können. Allerdings wandelt sich der Markt: Die Zahl der Bäckereien sinkt, da viele Discounter inzwischen selbst Brot backen. „Die Großen werden größer und die Kleinen verschwinden aus Wettbewerbsgründen vom Markt. Dadurch müssen wir neue Terrains erschließen“, sagt Helmut Kessler, der seine Produkte zunehmend u.a. Großverbrauchern wie Caterings, Krankenhäusern, Kantinen, Studentenwerken, Hotels und Gaststätten anbietet.
Ein weiteres Risiko seien die schwankenden Rohstoffpreise, vor allem bei Mandeln, Rohkakao und Haselnusskernen sowie Fetten. „Wir aktualisieren die Preisliste, mit der unsere Handelsvertreter arbeiten, drei- bis viermal im Jahr“, sagt Helmut Kessler. Bei Großaufträgen aus Industrie und Export kalkuliere das Unternehmen mit Rohstoff-Tagespreisen. Doch mit Widrigkeiten wie diesen sei Kessko seit über 100 Jahren immer wieder fertig geworden. „Wir sind ein durchaus gesundes Unternehmen“, sagt Helmut Kessler in dem Moment, als ein Mitarbeiter seinen Kopf zur Tür hineinsteckt und fragt, was er den Gästen von TheCruiseLine aus der Kantine zum Mittagessen anbieten soll. „Spargel“, entscheidet Helmut Kessler und springt auf. Und schon ist er wieder auf einem der verwinkelten Wege durch das Unternehmen.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn