Konjunktur für Finanzierungsalternativen

Verbriefung von Handelsforderungen

10.10.2011

In Deutschland dominiert in der Unternehmensfinanzierung der Bankkredit. Über alle Umsatzklassen hinweg, auch bei Großunternehmen, ist er neben Cash Flows die wichtigste Finanzierungsquelle. Immer konnte die deutsche Wirtschaft dabei auf eine Vielzahl von Banken zurückgreifen, die Kredite zu günstigen Konditionen bereitstellten. Nur in den tiefen Wirtschaftskrisen ab 2000 und ab 2007 kam es zu temporären Finanzierungsengpässen. Unternehmen mit einer breiten Diversifikation ihrer Finanzierungsquellen hatten in dieser Zeit Vorteile. Doch eine nachhaltige Kreditklemme blieb zum Glück aus, so dass der kriseninduzierte Drang vieler Unternehmen nach Diversifikation ihrer Finanzierung schnell verblasste.

Heute schaut man auf Basel III und Solvency II. Beide Regulierungswerke für Banken und Versicherungen treten 2013 in Kraft. Zusammengenommen mit dem Bankenrestrukturierungsrecht werden sie das Gefüge der Bankenfinanzierung und ihre Geschäftsmodelle nach Meinung aller Experten deutlich verschieben. Staatsfinanzierungen und pfandbrieffähige Immobilienfinanzierungen werden begünstigt, die Refinanzierung aller anderen Geschäftsfelder der Banken wird sich deutlich verteuern. Das Thema Diversifikation der Finanzierungsquellen kommt somit für die Realwirtschaft wieder auf die Tagesordnung.

Geeigneten Finanzierungspartner finden

Bei der Suche nach geeigneten neuen Finanzierungsquellen bietet sich für Unternehmen mit einem Umsatz über 150 Millionen. Euro die Verbriefung von Handelsforderungen an. Bislang nutzen nur wenige Unternehmen das Instrument, doch jene gut 100 bis 150 Unternehmen, die es nutzen, finanzieren damit etwa acht Milliarden. Euro – und sie sind hochzufrieden. Die geringe Verbreitung der Verbriefung von Handelsforderungen hat viele Ursachen. Etliche Kundenbetreuer von Banken meiden das Produkt, weil sie damit nicht vertraut sind oder die eigene Bank es nicht anbietet. Viele Unternehmen scheuen den Initialaufwand, der damit verbunden ist. Es lohnt sich jedoch nach einem Finanzierungspartner zu suchen.

Und so funktioniert die Verbriefung von Handelsforderungen für Unternehmen. Für die Programme sind – je nach Programm – Unternehmen mit einem Umsatz ab 150 Millionen Euro und einem verkaufbaren Forderungsbestand ab zehn Millionen Euro qualifiziert. Das Unternehmen verkauft seine Kunden-Forderungsvolumina im zwei- bzw. dreistelligen Mio. Euro-Bereich an eine Zweckgesellschaft, die sich ihrerseits über die Begebung von kurzlaufenden, forderungsgedeckten Wertpapieren, sogenannten Asset Based Commercial Papers (ABCPs), refinanziert. Die verbrieften Handelsforderungen dienen als Sicherheit für die ABCPs. Die Forderungsverwaltung und das gesamte Debitorenmanagement verbleiben beim verkaufenden Unternehmen. Somit hat der Schuldner keine Kenntnis vom Weiterverkauf der Forderungen.

Sorgfältige Vorbereitungsphase

Hat sich ein Mittelständler für die Nutzung eines derartigen Finanzierungsprogramms entschieden und die dazugehörige Verbriefungspartnerbank ausgewählt, startet die interne Forderungsprüfung. Hierbei erfolgt die Auswertung des historischen Forderungsportfolios unter den Aspekten Forderungsvolumen, Gutschriften, Boni, Ausfälle, Reklamationen, Verwässerungen und Überfälligkeiten von Forderungen. Auch das interne Forderungsmanagement und die Abtretbarkeit der Forderungen werden in die Prüfung einbezogen. Am Ende der Untersuchung steht das Gesamtvolumen an verbriefungsfähigen Forderungen fest.

Prof. Dr. Hans Heinrich Driftman, DIHK-Präsident

"Der Blick auf Finanzierungsalternativen, die bislang nicht im großen Stil auf der betrieblichen Agenda standen, lohnt sich. Mit einer breiter aufgestellten Finanzierungsstruktur geht die Krisenanfälligkeit zurück."

Sobald diese Punkte geklärt sind, werden die wesentlichen Rahmendaten, wie Volumen und Laufzeit der Transaktion, zu verbriefende Forderungen und Ankaufparameter sowie notwendige EDV- bzw. Reportingsysteme in der Transaktionsstruktur spezifiziert. Je nach Komplexität und Qualität des bestehenden Forderungsmanagements muss für die Umsetzung des Projektes – beginnend mit Datenaufbereitung und der Portfolioanalyse bis hin zur fertigen Dokumentation – einige Monate einkalkuliert werden.

Die laufenden Kosten für derartige Finanzierungen schwanken mit der Höhe der Inanspruchnahme. Sie liegen aber – selbst bei Hinzurechnung und Verteilung der anfänglich ins Gewicht fallenden Einmalkosten gerechnet auf eine Programmlaufzeit von fünf Jahren – in der Regel unter denen eines Bankkredits. Für den mittelständischen Forderungsverkäufer stellen diese Programme demzufolge eine günstige Alternative zur Diversifizierung der eigenen Finanzierung dar. Gleichzeitig werden dadurch vorhandene Banklinien entlastet.

Einmalkosten fallen für die Aufsetzung der Transaktion am Anfang an mit der Prüfung, Dokumentation und Strukturierung der Transaktion. Im Allgemeinen gilt: Je ausgereifter die Mahn-, Inkasso- und Reportingstandards im Rahmen des Debitorenmanagements des Unternehmens sind, desto geringer sind Implementierungsaufwand und damit einhergehende Einmalkosten. Hilfreich sind an dieser Stelle insbesondere historische Datenbestände, um die Ausfallwahrscheinlichkeiten der Forderungen statistisch ableiten zu können.

Größere Mittelständler sollten erwägen, die Forderungsverbriefung als weitere Alternative in den eigenen Finanzierungsmix einzubeziehen, um die eigenen Finanzierungsquellen zu erweitern und sich weniger abhängig von Bankkrediten zu machen. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass der Forderungsverkauf in der Regel bilanzbefreiend ist. Damit verbessern sich die Bilanzkennzahlen und die Eigenkapitalquote steigt. Mit der Diversifikation der Finanzierung sinken für gewöhnlich auch die Finanzierungskosten des Unternehmens und nach Durchlaufen des Prozesses wird auch das eigene Forderungsmanagement erheblich verbessert. Außerdem werden das eigene Forderungsmanagements und die Qualität der Schuldner bewertet. Dies wiederum wirkt sich positiv auf die Bankfinanzierung aus.

Das Marktpotential für die Verbriefung von Handelsforderungen liegt – legt man hierfür alle Unternehmen mit einem Umsatz über 150 Millionen Euro zugrunde – bei insgesamt etwa 6000 bis 7000 Unternehmen mit einem Umsatzvolumen von etwa 2,7 Billionen Euro. Somit besteht bei einer aktuell laufenden Inanspruchnahme der Programme von etwa acht Milliarden Euro noch ein erhebliches freies Finanzierungspotential.                                

DIHK