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Social Media

31.12.2011

„Kommt das D-English, das wir auf den Social Media Plattformen sprechen, überhaupt bei unseren Kunden an?“ Diese Frage, gestellt von einem Teilnehmer des Social Media Workshops der IHK Bonn/Rhein-Sieg, sorgt gleich zu Beginn für Gesprächsstoff. „Das geht doch gar nicht anders“, meint eine Teilnehmerin. „Da müsste man sich schon sehr zusammen nehmen“, sagt ein anderer. Also startet die Gruppe einen Versuch: „Dies ist ein Social Media Workshop.“ Das hieße auf Deutsch: „Dies ist ein Arbeitsladen zu Sozialen Medien.“ Zweiter Versuch: „Ich habe bei Facebook ein Audiofile gepostet.“ Zu deutsch: „Ich habe bei Gesichtsbuch eine Hörakte postiert.“ Hallo?

Kurzweilig und informativ ist dieser Workshop im Hauptgebäude der Kammer. Nach einem Vortrag von Nils Brettschneider, Geschäftsführer der Bonner Webagentur ruhmesmeile (s. Interview Seite 14), geht es in die Fragerunde. Die Teilnehmer, die alle bereits einige Erfahrungen Social Media Marketing (SMM) haben, möchten ganz praktische Dinge wissen: „In unserem Unternehmen hat eine Mitarbeiterin ihre Privatfotos auf der Facebook-Unternehmensseite gepostet. Wie kann das passieren?“. Nils Brettschneider dazu: „Das kann sehr schnell gehen, dazu reicht ein Klick. Man muss sehr gut aufpassen.“ Eine andere Frage: „Unsere Firma produziert Musik. Doch auf Facebook schaut sich niemand unsere Musikvideos an.“ Die Antwort: „Dann ist das vielleicht die falsche Plattform. YouTube könnte besser geeignet sein.“

Steigende Budgets für Social Media

Anna-Maria Zahn, Leiterin der Unit Marktforschung/Leistungswerte der Fachgruppe Social Media im BVDW

Das Interesse der kleinen und mittleren Unternehmen an Social Media ist im zurückliegenden Jahr explosionsartig gestiegen. Während Social Media bis vor einigen Jahren der jungen, internetaffinenen Generation und der IT und TK-Branche vorbehalten war, denkt inzwischen nahezu jedes Unternehmen darüber nach. Einer Online-Umfrage des DIHK zufolge nutzen 47 Prozent bereits Social Media, wobei Facebook unter der Vielzahl der Plattformen am häufigsten genutzt wird, gefolgt von XING, YouTube und Twitter.

Die Umfrage zeigt, dass die meisten Unternehmen Social Media vor allem für die Kommunikation nutzen. 81 Prozent aller im Social Network aktiven Firmen gaben an, über diese Kanäle neue Zielgruppen zu erschließen und die Bekanntheit (77 Prozent) zu steigern. Der Vertrieb von Produkten oder Dienstleistungen ist bisher weniger bedeutend.

Diese Zahlen werden durch eine Studie des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. untermauert. Daraus geht das hohe Zukunftspotential von Social Media hervor: 85 Prozent aller deutschen Unternehmen versprechen sich von ihren Social Media Aktivitäten insgesamt einen Erfolg. „Diese positiven Erfahrungen werden in steigenden Budgets für Social Media resultieren, von denen die gesamte digitale Wirtschaft in den kommenden Jahren profitieren wird“, sagt Anna-Maria Zahn, Leiterin der Unit Marktforschung/Leistungswerte der Fachgruppe Social Media im BVDW.

Champagner bei Facebook

Das Kameha Grand Bonn (www.kamehagrand.com) im Bonner Bogen macht vor, wie ein Unternehmen seine Kunden gleich über mehrere Plattformen erreicht: Das Hotel twittert das Weihnachtsmenü. Auf Facebook können die Teilnehmer eines Gewinnspiels eine Flasche edlen Champagners gewinnen. Und im hauseigenen Blog finden Webgäste das Rezept der Woche: Kabeljau Saltim Bocca-Piccata auf Scampipesto und Balsamicoreduktion.

So entsteht auf verschiedenen Plattformen ein Mix aus Informationen, Gewinnspielen, Rabattaktionen und Neuigkeiten. Der im Hotel logierende Gast muss sich nicht mehr die Mühe machen, zum Haustelefon zu laufen, wenn er Lob oder Kritik loswerden möchte. Dazu kann er das App „iFeedback“ nutzen. „Die Verknüpfung aller Social Media Portale garantiert deren optimale Nutzung und stellt einen zeitnahen und relevanten Informationsaustausch mit unseren Gästen und Freunden sicher“, sagt Carsten K. Rath, Gründer & CEO der Lifestyle Hospitality & Entertainment Management AG, die das Kameha Grand Bonn betreibt. Der Erfolg ist messbar. Bei Facebook hatte das Hotel bei Redaktionsschluss mehr als 5.300 Fans, Tendenz steigend.

Wichtige Zielgruppe: die Medien

Den umfassendsten Social Media Auftritt in der Region dürfte jedoch die Deutsche Telekom (www.telekom.com/dtag/cms/content/dt/de/973662) haben. „Na, wer hat denn gerade ein neues Smartphone gekauft? Dann könnt Ihr Euer altes Schätzchen ja spenden. Warum? Bis kurz vor Weihnachten wollen wir mindestens 500.000 alte Handys sammeln. Für jedes spenden wir zwei Euro an „Ein Herz für Kinder“, postet Luisa an einem Dienstag um 7:13 Uhr auf der Facebook-Seite „Deutsche Telekom“. Auf der Facebook-Seite „Telekom Karriere“ wird ein ganz anderer Ton angeschlagen: „In welchem Geschäftsbereich Sie sich auch engagieren: Bei der Deutschen Telekom agieren Sie in einem dynamischen Zukunftsmarkt.“
Mit seinem differenzierten Social Media Auftritt erreicht der Konzern neben Kunden und Jobsuchenden eine für ihn sehr wichtige Zielgruppe: Die Medien. „In der Konzernpressestelle nutzen wir für unsere externe Kommunikation Twitter, YouTube, Facebook und unseren Unternehmensblog“, sagt Luisa Vollmar aus der Pressestelle. „Über diese Kanäle können wir anders kommunizieren als über klassische Kommunikationskanäle. Der Einsatz von Social Media in der PR bietet uns die Möglichkeit, andere Themen zu setzen, oder auch mal ein Thema anzusprechen, das bisher von den klassischen Medien ignoriert wurde.“

Trolle im Web 2.0

Unternehmen, die sich bereits auf den Social Media Plattformen engagieren, sehen viele Vorteile. Diejenigen, die sich noch nicht dazu entschlossen haben, begründen dies mit Nachteilen. Der DIHK-Umfrage zufolge sind die größten Hindernisse für den Einstieg in das Web 2.0 der zeitliche Aufwand und die schwierige Abschätzung von Kosten und Nutzen. Auch beim Controlling gebe es Nachholbedarf: 72 Prozent der deutschen Betriebe messen den Erfolg ihrer Social Media-Aktivitäten nicht.

Bei einer nicht zu vernachlässigen Gruppe hat das Misstrauen gesiegt. Fast ein Viertel aller deutschen Firmen sperrt einer Studie zufolge den Zugang zu Facebook, Twitter und Co. Im weltweiten Durchschnitt sind es 19 Prozent. Diese Unternehmen möchten verhindern, dass ihre Daten im Netz nicht mehr kontrollierbar sind. Auch befürchten sie die sogenannten Trolle, die im Social Web Unruhe stiften. Haben sie doch – ähnlich ihrer Vorfahren aus der nordischen Mythologie - das Ziel, andere öffentlich anzuschwärzen, ihrem Image zu schaden und für Streit zu sorgen.
Letztlich muss jedes Unternehmen für sich entscheiden, wie es sich zu Social Media verhält. So, wie jedes Unternehmen es bereits bei anderen Neuerungen in der Kommunikation getan hat. Wer möchte heute noch auf E-Mail, Webseite oder Handy verzichten?

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn