Mode in Bonn/Rhein-Sieg

Flüchtige Trends und schneller Handel

11.11.2010

Die Wände im Fotostudio sind mattschwarz gestrichen, vor der weißen Leinwand sind zwei Beleuchtungsschirme aufgebaut. In den Regalen ringsum lagern Pullover und Schuhe, auf einem Kleiderständer hängt eine ganze Reihe bunter T-Shirts mit provokanten Sprüchen. „Please do not feed the models“ steht auf dem schwarzen T-Shirt, das David Bedzent sich gerade über den muskulösen Oberkörper zieht. Eines von etwa 120 Modellen, die der 22jährige an diesem Tag vor der Kamera zeigen wird.

Es ist zehn Uhr am Vormittag, das Foto-Shooting des Internethandels Trends & Brands GmbH in Bonn-Beuel hat gerade begonnen. Model David Bedzent und Fotograf Babak Shah sind ein eingespieltes Team, der Ablauf wird bei jedem T-Shirt der gleiche sein: Oberkörper von vorn, Klick. Oberkörper von hinten, Klick. Spruch auf dem T-Shirt, Kragen, Ärmel, Etikett, Ende. Das geht in weniger als einer Minute. „Wir präsentieren ein Produkt, nicht uns als Model“, sagt Birke Göddertz, die ebenfalls für Trends & Brands modelt und die Damenmode zeigt. „Das ist ganz anders als auf einem Laufsteg oder bei einem Kampagnen-Shooting. Unsere Gesichter werden nicht fotografiert, nur die Produkte. Das spart das Make-up und mindert den Ausschuss, denn auch ein Model lächelt nicht immer perfekt.“ Bis zu sieben Stunden dauert ein Tag vor der Kamera, an dem etwa tausend Fotos gemacht werden. „Babak muntert uns zwischendurch auf“, erzählt Bedzent, „das macht einen Profi-Fotografen wirklich aus.“

Alle vier Wochen eine neue Kollektion

Mode ist ein schnelles Geschäft. Die Fotos, die Babak Shah an einem Tag macht, sind spätestens zwei Tage später im Online-Shop „Kiss a Frog“ der Trends & Brands GmbH zu sehen, inklusive deutschem und englischem Text. Das Unternehmen gehört zu einer Branche, die in den vergangenen Jahren an Tempo gewonnen hat. Das beginnt bereits beim Design. „Manche Firmen bringen alle vier Wochen neue Kollektionen auf den Markt. Speziell bei der Young Fashion ist das so“, sagt Christina Hauber, Mode-Designerin aus Wachtberg. Sie hat sich auf Herrenoberbekleidung spezialisiert und entwirft Strickwaren, T-Shirts und Sweatshirts. Dabei erlebt sie immer wieder, dass ein Trend sich noch während der Entwicklungsphase für ein Produkt ändert: „Das gilt vor allem für die Farbe.“

Die Modebranche in Bonn/Rhein-Sieg ist so vielfältig wie die Mode selbst. Kleine Händler besetzen Nischen, in denen sie sich mit einem ganz speziellen Angebot behaupten. Hinzu kommen Ideen und Vertriebswege, die ohne das Internet nicht denkbar wären.

Hauber entwirft Mode für verschiedene Firmen. Die aktuellen Trends bricht sie auf die Zielgruppen ihrer Kunden herunter. „Wenn einer meiner Kunden eine aktuelle Farbe – zum Beispiel apfelgrün - eher schlecht verkauft, baue ich sie als Detail ein. Das kann ein Knopfloch oder ein Knopf als Blitzer sein“, erläutert sie. „Es ist wichtig zu zeigen, dass man den Trend erkannt hat.“

Mode hat ein Verfallsdatum. Der Druck, möglichst schnell zu handeln, ist hoch. Ali Abbassi, Geschäftsführer der Trends & Brands GmbH mit knapp vierzig Mitarbeitern, setzt auf Restware, die er in seinem Online-Shop reduziert anbietet. „Wir kaufen europaweit Restposten auf. Vorwiegend sind es bekannte Labels“, sagt er mit Blick auf Kisten eines Schuhherstellers aus Norddeutschland, die kurz vor der Mittagspause in seinem Lager eingetroffen sind. Was sich noch auf Paletten stapelt, wird in wenigen Stunden kontrolliert, gezählt, vermessen, im Computersystem angelegt und ins Hochregal einsortiert worden sein. Dort lagern bereits Hosen, Pullover, Jacken, Kleider, Socken, Wäsche, Ketten und Uhren. Sogar Mäntelchen für Hunde hat Abbassi im Programm. Täglich gehen etwa 500 Online-Bestellungen ein. Die Ware wird umgehend verpackt und verschickt.

Spontane Kundenwünsche

Denn auch die Kunden sind schnell. Sie möchten, dass ihre Wünsche zügig erfüllt werden. Das stellt auch Bernd Willmers fest, der den Online-Shop hutportal.de in Troisdorf betreibt. „Wenn ich montags meine E-Mails öffne, weiß ich, wer am Samstag bei ‚Wetten dass, …’ auf der Couch gesessen hat“, sagt er. Überhaupt verhelfe die Musikbranche dem klassischen Hut zur Renaissance. „Denken Sie an Udo Lindenberg. Wir haben ein Modell mit dem Namen ‚Roger Cicero’. Und Lena Meyer-Landrut hat immer etwas auf dem Kopf.“

Christina Hauber, Mode-Designerin aus Wachtberg

Es ist kein Zufall, dass Willmers ebenso wie Abbassi auf den Online-Handel setzt. Sein Internethandel für Hüte, Kappen und Mützen ist 2002 aus dem Herrenmodegeschäft, das seine Großeltern 1928 gegründet hatten, hervorgegangen. „Ein Hutgeschäft lohnt sich heutzutage nicht mehr“, erzählt er. „Denn Hüte brauchen viel Platz, sie lassen sich nicht so gut stapeln wie Pullover.“ In seinem Lager hingegen habe er eine große Auswahl. Bei der Suche nach der richtigen Hutgröße am Computerbildschirm helfe die Anleitung zum Ausmessen des Kopfes auf seiner Webseite.

Gefragt seien zur Zeit auch Westernhüte. „Die haben wir im Geschäft nie gezeigt, weil sie nicht zu Troisdorf passen.“ Inzwischen kaufen Mitglieder von Western- und Line-Dance-Vereinen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum ihre Hüte in Troisdorf. „Zum Rodeofest in Köln kommen 20.000 Leute, die haben alle einen Hut auf“, weiß Willmers. Da darf es sogar ein Hut aus Biber- oder Kaninchenhaaren sein.

Logistik bringt Mode auf den Punkt

Um punkt 15.30 Uhr trifft auf dem Gelände der Trends & Brands GmbH in Beuel der DHL-Lastwagen ein. „Der wird jetzt 250 bis 300 Pakete mitnehmen“, schätzt Ali Abbassi. Er arbeite mit zahlreichen Logistikern zusammen, sagt der Geschäftsführer, je nach Ziel: „In die USA liefern wir mit Fed-Ex, in Asien vertrauen wir auf UPS.“
Schnell wechselnde Kollektionen und trendbewusste Kunden erfordern eine ausgefeilte Logistik, nicht nur im Online-Handel. Die Bekleidungsbranche agiert weltweit, das beginnt bei der Materialbeschaffung, geht über die Produktion in mehreren asiatischen Ländern und die Lagerhaltung bis hin zur Lieferung an Modemessen, Kaufhäuser, Boutiquen und Endkunden. „In Hongkong betreiben wir ein eigenes Fashion Competence Center“, sagt Dunja Kuhlmann aus der Abteilung Media Relations von Deutsche Post DHL in Bonn. Denn es bleibt nicht nur beim Transport der Mode. Hinzu kommen weitere Dienstleistungen wie das Etikettieren oder Aufbügeln (das Kleidungsstück wird auf einen Bügel gehängt).

Hilfe für Existenzgründer

Während der Bundesverband des Deutschen Versandhandels beim Online-Handel ein überproportionales Wachstum gegenüber dem Gesamtmarkt für Bekleidung und Textilien meldet, erwartet der Einzelhandel kein nennenswertes Wachstum für 2010. Dennoch will Ali Abbassi, der zusätzlich zum Online-Shop ein Outlet Store in Bonn betreibt, ein zweites Outlet eröffnen. Damit reagiert er wiederum zeitnah auf die Nachfrage: „In unserem bisherigen Ladenlokal wollen wir uns in Zukunft ganz auf Mode für Mutter und Kind konzentrieren, denn die läuft im Augenblick sehr gut. Hier in Beuel werden wir zusätzlich auf knapp tausend Quadratmetern das anbieten, was wir auch online haben.“

Wer hingegen erst eine Boutique oder einen Online-Handel eröffnen will, braucht eine zündende Unternehmensidee und Mut zum Risiko. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg berät Existenzgründer zu betriebswirtschaftlichen Fragen. „Speziell für den Textileinzelhandel können wir eine Einschätzung des geplanten Standortes abgeben und Angaben zur Kaufkraft und Mietniveau machen“, sagt Kurt Schmitz-Temming, stellvertretender Hauptgeschäftsführer. Die IHK greife dabei auf Branchenbriefe, den Gewerblichen Mietspiegel und aktuelle Umsatz- und Kaufkraftkennziffern zurück. Außerdem regt Schmitz-Temming das Netzwerken untereinander an: „Da ist zunächst unser Einzelhandelsausschuss mit dem Vorsitzenden Rüdiger van Dorp, gleichzeitig Mitglied unseres Präsidiums. Eine enge Kooperation besteht auch mit dem Einzelhandelsverband Bonn/Rhein-Sieg/Euskirchen e.V.. Schließlich haben wir etwa vierzig Gewerbevereine als regionale Netzwerke registriert.“

Die Trends & Brands GmbH hat die ersten Schritte in die Modewelt längst hinter sich. Das Unternehmen ist inzwischen über zehn Jahre alt und stetig gewachsen. „Wir hatten schon fünf verschiedene Standorte“, erinnert sich Ali Abbassi. „Bisher sind wir aus jedem herausgewachsen.“

Ursula Katthöfer; freie Journalistin, Bonn