Netzwerk Bonner Stadtsoldaten:

Echte Fründe stonn zosamme

10.02.2010

Beim Generalappell des Bonner Stadtsoldaten-Corps zu Beginn dieser Session im vergangenen November trug der designierte Prinz Amir I. einen Business-Anzug, dazu die Feldmütze des Corps à la Suite. Seine Proklamation stand noch bevor, der Ornat war zwar geschneidert, hing aber noch im Schrank. Amir I., im bürgerlichen Leben Geschäftsführer der prodi@log Telemarketing GmbH, zeigte sich als eines der 38 Mitglieder des Corps à la Suite der Bonner Stadtsoldaten, einem Netzwerk aus Unternehmern und Führungskräften, das den Karneval kräftig unterstützt.

Brauchtumspflege braucht finanzielle Unterstützung

„Die Brauchtumspflege steht bei uns im Vordergrund“, sagt Walter G. Raderschall, Kanzler des Corps à la Suite. „Denn der Karneval braucht wirtschaftliche Mittel: Für die historischen Wagen, Fahnen, Uniformen und vieles mehr.“ Die Mitglieder des Corps spenden daher jährlich eine vierstellige karnevalistiche Summe direkt an das Bonner Stadtsoldaten-Corps – ohne Einflussnahme. „Die Stadtsoldaten können das Geld nutzen, wie sie es für sinnvoll halten“, meint Raderschall. Dabei ist dieser Beitrag für viele Mitglieder nicht der einzige Zuschuss an die Stadtsoldaten. Manche inserieren in der „Feldpost“, dem Magazin, das jährlich zu Sessionsbeginn erscheint. Andere unterstützen Familien, deren Kinder ins Kadettencorps möchten und die nicht die notwendigen Mittel haben.

Kavalleristen des Bonner Stadtsoldaten-Corps beim Rosenmontagszug.

Doch nicht nur die finanzielle Unterstützung des Karnevals liegt den Kaufmännern, Rechtsanwälten, Maklern, Ärzten und Finanzberatern dieses Förderkreises am Herzen. Das Netzwerk, das Corps à la Suite, trifft sich nach amerikanischem Vorbild an jedem ersten Donnerstag im Monat zu einem Business-Lunch, um Geschäftsbeziehungen zu pflegen und Know-how auszutauschen. „Dort geben wir wichtige Informationen weiter“, sagt Walter G. Raderschall. „Wo beispielsweise ein Haus zu verkaufen ist. Wir sehen das als gegenseitige Ergänzung.“ Frauen sind in diesem Corps nicht zugelassen, die militärische Tradition erlaubt nur männliche Mitglieder.
Steuerberater Thomas Boll ist einer von ihnen. „Mir geht es gar nicht darum, neue Kunden aus dem Netzwerk zu gewinnen“, sagt er. „Das Verhältnis zu einem Steuerberater ist ein Dauerverhältnis. Da ist der Wechsel nicht so einfach wie bei einem Handwerker. Für mich sind die Anreize aus unseren Gesprächen sehr wichtig, zum Beispiel zum Thema Marketing.“ Mitgliedern, die einen rabattierten Preis für seine Beratung wünschten, könne er sowieso nur eine Absage erteilen. Denn Boll ist an die Gebührenverordnung für Steuerberater gebunden.

Nicht nur die Mitglieder des Corps à la Suite, sondern die Stadtsoldaten insgesamt betrachten sich als eine Gemeinschaft, die private wie geschäftliche Kontakte innerhalb des Vereins nutzt – das ganze Jahr über. Neben dem Corps à la Suite existieren noch das Corps de Chevaliers und das Corps Honorée sowie der Elferrat. Auch wer keinem Förderkreis angehört, nutzt die Kontakte. „Wenn mein Auto kaputt ist, gehe ich zu dem, den ich kenne“, meint der Gefreite Max Heier, Pressesprecher der Stadtsoldaten. „Das verkürzt die Wege. Ich bekomme einen viel besseren Service.“ Bessere Preise verspricht sich Kavallerist Jan Markus Essen: „Meine neue Brille kaufe ich bei jemandem von den Stadtsoldaten.“

Spaß an Karneval und Gemeinsame Freizeitgestaltung

Allerdings steht gerade für aktive Mitglieder wie Jan Markus Essen die Gemeinschaft viel weiter im Vordergrund als ein paar gesparte Euro bei einer neuen Brille. Als Kavallerist reitet der 27jährige Chemiker, der zur Zeit an seiner Promotion arbeitet, jeden Montag zusammen mit seinen Kameraden am Rodderberg. Mit Erfolg: Beim 4-Städte-Turnier, an dem neben den Bonnern auch die berittenen Abteilungen der Prinzengarden aus Köln, Düsseldorf und Aachen antraten, siegte die Kavallerie der Stadtsoldaten zum ersten Mal seit langem. Essen wurde Einzelsieger im Springreiten. Am Rosenmontagszug nimmt er selbstverständlich zu Pferd teil: „Zu Fuß hätte ich nichts davon“, meint er. „Aber als Reiter ist es phantastisch.“

Ralf Wolanski, Kommandant des Bonner Stadtsoldaten-Corps.

"Natürlich kann man das Corps als Wirtschaftsnetzwerk betrachten, doch die Freude am Karneval steht im Vordergrund."

So greift eins ins andere: Der Spaß am Karneval, die gemeinsame Freizeitgestaltung und das geschäftliche Netzwerken. Um es mit dem Kommandanten des Bonner Stadtsoldaten-Corps, Ralf Wolanski, zu sagen: „Meine Aufgabe als Vereinsvorsitzender ist unter anderem das satzungsgemäße Einhalten des Vereinszwecks. Dabei muss ich zwingend persönliche wirtschaftliche Interessen ausblenden. Würde ich dies nicht tun, dann wäre ich an dieser Stelle der falsche Mann. Selbst die überwiegend unternehmerisch denkenden Mitglieder unserer Förderkreise sollten die Unterstützung des Bonner Stadtsoldaten-Corps als Hauptbeweggrund sehen. Natürlich kann man das Corps als Wirtschaftsnetzwerk betrachten, denn es treffen sich viele dort, die auch beruflich miteinander zu tun haben. Dazu gesellen sich dann oftmals auch die Spitzen aus Politik und Verwaltung. Im Gegensatz zu anderen Netzwerken steht jedoch die Gemeinschaft und die Freude am Karneval im Vordergrund. Diese soziale Komponente können andere, zumeist eher informell gebildete Kreise, nicht bieten.“

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn