Tourismus in der Region

Lohnende Ziele!

10.05.2010

Start ist am ehemaligen Bonner Viehmarkt, der gleich außerhalb der Stadtmauer lag. Heute heißt er Friedensplatz und der Reisebus für die Große Bonner Stadtrundfahrt ist voll besetzt. An Bord sind Besucher wie Joachim Ronnenberg aus Bremen, der die Tour mit Frau und Tochter macht. Die jungen Eheleute Susan Hübner und Buddhika Surqweera, von denen er aus Sri Lanka stammt. Und Zdenko Grobenski vom Bodensee, der seit einigen Monaten in Bonn arbeitet. Vorn am Mikrophon begrüßt Gästeführer Heinz Kusch die Anwesenden auf Deutsch und Englisch.

Zwei Stunden wird die Tour dauern, von der Bonner City über die Südstadt nach Bad Godesberg, von dort zum Rhein und an Posttower und ehemaligem Regierungsviertel vorbei zurück in die City. Wer mag, kann anschließend an einem historischen Rundgang durch die Innenstadt teilnehmen. „Wir haben pro Jahr deutlich über tausend Besuchergruppen“, sagt Heinz Kusch. „Das Interesse an Bonn nimmt zu. Ich finde das sehr positiv.“

Dieses steigende Interesse weiter auszubauen, ist Ziel von Stadt, Region und Land. Die Tourismus & Congress GmbH Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler (T&C) unternimmt viel, um den Tourismus in der Region zu stärken. Das Strukturprogramm Regionale 2010 verschafft den Zugang zu Mitteln, um den Tourismus in einzelnen Projekten zu fördern. Einige Beispiele sind die Investitionen in Königswinter und am Drachenfels, der Ausbau der „Rad Region Rheinland“ und die bessere Verbindung von Kottenforst, Rheinauen und Siebengebirge, genannt „Grünes C“. Und die Landesregierung hat gemeinsam mit dem Verein Tourismus NRW einen Masterplan erarbeitet, damit Nordrhein-Westfalen im In- und Ausland als Tourismusdestination besser wahrgenommen wird.

Gästeführer Heinz Kusch

"Das Interesse an Bonn nimmt zu. Ich finde das sehr positiv."

„Gelingt es, die Stärken Nordrhein-Westfalens klar zu kommunizieren, kann große Schubkraft für den Tourismussektor und für den Wirtschaftsstandort insgesamt freigesetzt werden“, sagt Prof. Dr. Ute Dallmeier, Tourismus NRW e.V.
Gemeinsam mit ihrem Team hat sie sechs Zielgruppen ermittelt: Junge Singles und Paare, erwachsene Paare, aktive Best Ager, bodenständige Best Ager, Familien und Business-Gäste. Aus deren Urlaubspräferenzen wurden fünf Themenschwerpunkte gebildet: Gesundheit, Business, Sport und Aktiv sowie Kultur. Neu hinzugekommen ist das Thema Stadt und Event. Themen, mit denen Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis punkten können.

Publikumsmagnet Museumsmeile

„Die Museen interessieren mich besonders“, sagt der Bremer Joachim Ronnenberg, als der Reisebus zum Stopp vor der Bundeskunsthalle hält. „Die Ausstellung ‚Ägyptens versunkene Schätze’ haben wir besucht, ‚Byzanz’ werden wir uns bestimmt auch ansehen.“ Damit gehört er zu einer typischen Gruppe von Bonn-Touristen, denn die Museumsmeile mit Bundeskunsthalle und Bonner Kunstmuseum, mit Haus der Geschichte und Museum Alexander Koenig ist ein enormer Anziehungspunkt. Allein die Tutanchamun-Ausstellung zog 870.000 Besucher an, zur Guggenheim Collection kamen 810.000 Kunstfreunde. „Immer mehr Menschen kommen wegen der Kultur in die Region“, sagt Manfred Tenten, Geschäftsführer des Wellness Anbieters bonaViva.

Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland ist ein Teil des Publikumsmagnetes "Museumsmeile". Zur Zeit läuft dor die viel beachtete Ausstellung "Byzanz"

„Doch der Wunsch nach Kultur steht meist nicht allein. Das Interesse an Nebenangeboten wie Wellness steigt.“ bonaViva ist eine regionale Flatrate, die den Zugang zu dreißig etablierten Sport und Wellness-Anlagen wie etwa dem Saunapark Siebengebirge in Königswinter ermöglicht. Tenten hat beobachtet, dass vor allem Berufstätige zunehmend Kurzurlaube nicht allzu weit weg vom Heimatort buchen. „Viele Leute fahren nicht mehr für drei oder vier Wochen in den Urlaub, sondern nutzen häufiger kleinere Einheiten zur Regeneration“, sagt er. Die Wellness-Anbieter profitierten außerdem von Geschäftsreisenden. „Ich kenne das von mir: Wenn ich nach Berlin oder München muss, buche ich ein Hotel mit Schwimmbad und Sauna. Selbst wenn ich keine Zeit für die Sauna finde, hätte ich zumindest die Möglichkeit.“ Wellness-Angebote seien damit ein wichtiges Buchungskriterium.

Kurfürst Max Franz – Wegbereiter des Medizintourismus

Ähnlich dachte bereits Kurfürst Max Franz, der in Bad Godesberg die Redoute als Vergnügungssaal für Musik, Theater und Tanz bauen ließ. Die Teilnehmer der Stadtrundfahrt sind inzwischen dort angekommen – im Reisebus und nicht in der Kutsche oder mit dem Rhein-Dampfer wie zu Zeiten des Barock. Der Kurfürst, selbst fettleibig und wassersüchtig, erkannte die Kraft der Heilquelle im späteren Kurort Bad Godesberg. Seine Gäste waren die Vorgänger der heutigen Medizintouristen, die in die Region kommen, um sich in privaten oder öffentlichen Kliniken behandeln zu lassen. „Der Medizintourismus ist für uns eine Sparte, in der die Belegung ständig wächst“, sagt Angelika Viebahn, Director of Revenue and Reservation des Kameha Grand Bonn. Sie stellt unter anderem für diese Touristengruppe Arrangements zusammen, zum Beispiel speziell für den russischen oder arabischen Markt.

"Sieben Tage in der Woche Qualität und Gastfreundschaft"
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Interview mit Kurt Schmitz-Temming, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Das Thema Tourismus gehört zu seinem Geschäftsbereich.

Wie groß ist die Bedeutung des Tourismus in der Region für Gastronomie, Hotels und Einzelhandel?
In der Region Bonn/Rhein-Sieg finden etwa 10.000 Menschen einen Arbeitsplatz im Gastgewerbe. Etwa 700 Restaurants und 300 Hotels mit insgesamt 16.500 Betten bieten sieben Tage in der Woche Qualität und Gastfreundschaft. 2009 wurden 2,2 Millionen Übernachtungen gezählt. Touristen kaufen vor allem in der Bonner City ein.

Die Landesregierung NRW hat einen „Masterplan Tourismus“ aufgestellt. Herzstück dieses Strategieplanes sind zielgruppengenaue Angebote. Welche Zielgruppen spricht die Region Bonn/Rhein-Sieg besonders an?
Die Geschäftsreisen dominieren sehr stark: 55 Prozent gehören zu diesem Segment, 25 Prozent zum Kongress- und Tagungstourismus und 20 Prozent sind Freizeittouristen. Alleine durch die Post-Nachfolgegesellschaften haben wir  300.000 Geschäftsreise-Übernachtungen pro Jahr in Bonn. Das ist doppelt soviel wie das Übernachtungskontingent aus Bundestagsbesuchergruppen zu Hauptstadtzeiten. Auch im Rhein-Sieg-Kreis ist der Geschäftsreiseanteil sehr hoch, er wird hier ergänzt durch den Freizeittourismus im Raum Siebengebirge. In Bonn spielt auch der Kulturtourismus eine große Rolle.

Wie gut ist die Verkehrsinfrastruktur auf wachsende Tourismuszahlen eingerichtet? Wo fehlt es an Angeboten wie zusätzlichen Haltepunkten im ÖPNV oder Parkplätzen?
Die Verkehrsinfrastruktur in der Region Bonn/Rhein-Sieg ist hochwertig. Mit Köln/Bonn haben wir einen internationalen Flughafen, mit Sankt Augustin-Hangelar einen sogenannten Satelliten-Flughafen für Individualgeschäftsreisende. An das überregionale Schienennetz sind wir durch die Haltepunkte Bonn-Hauptbahnhof, Siegburg, Flughafen Köln/Bonn, Köln-Hauptbahnhof und Köln-Deutz optimal angeschlossen. Zusätzlich ist der Raum Bonn von einem weitmaschigen Autobahnnetz umgeben. Dringend verbessert werden müssen allerdings die Zuläufe zu diesen einzelnen Netzen, speziell zum Flughafen durch eine optimierte Schienenanbindung und zum Autobahnnetz durch eine verbesserte Anbindung an die Nord-Süd-Achse, die A 3.

Mit welchen Angeboten unterstützt die IHK Unternehmen, die im Tourismusgeschäft sind oder dort einsteigen möchten?
Wir haben ein Beraterteam, das für Existenzgründungen, Existenzsicherung, öffentliche Fördermittel und Unternehmensnachfolge bereit steht. Wachsende Bedeutung gewinnt auch das Thema „Energieeffizienz“. Unsere Umweltingenieurin führt dazu gerne Aufschlussberatungen in den Betrieben durch. Außerdem betreuen wir eine Erfa-Gruppe Mittelständischer Hotels und einen Fachausschuss für Tourismus und Kultur.Wie ist die Kooperation mit anderen
Kammern in der Region, z.B. mit Koblenz?Mit dem Hotel- und Gaststättenverband Bonn/Rhein-Sieg verbindet uns seit langem eine sehr enge Kooperation, gleichfalls mit der Hotel- und Gaststätteninnung. Mit der IHK Koblenz führen wir seit fünfzehn Jahren gemeinsame touristische Großveranstaltungen durch, zuletzt auf dem Nürburgring.

 

Der Reisebus der Großen Stadtrundfahrt parkt inzwischen am Rhein nahe der Fähre Bad Godesberg-Niederdollendorf. Der Blick geht auf Siebengebirge und Drachenfels. Gästeführer Heinz Kusch nimmt den Besuchern zunächst eine Illusion: „Das Siebengebirge heißt nicht etwa wegen seiner sieben Berge so, schon gar nicht wegen der sieben Zwerge. Es hat vierzig Hügel und der Name geht auf ‚Siffen-Gebirge’ zurück, was soviel bedeutet wie Feuchtgebiet.“ Auch der Drachenfels habe nichts mit Siegfried und dem Drachen zu tun. Der Name komme von dessen Gestein: Trachyt.

Gemeinsam die Stärken bündeln

Die Legenden sagen etwas anderes: „Der Drache soll über den Rhein gekommen sein und sich hier verschanzt haben. Deshalb haben wir linksrheinisch das Drachenfelser Ländchen“, erläutert Vera Spitz, Geschäftsführerin von Rhein-Voreifel Touristik e.V. Die sechs Gemeinden Alfter, Bornheim, Meckenheim, Rheinbach, Swisttal und Wachtberg haben sich 2004 zu diesem Verein zusammengeschlossen, um ihre Stärken zu bündeln und den linksrheinischen Teil des Rhein-Sieg-Kreises gemeinsam zu vermarkten. „Die Anfragen kommen per Internet oder Telefon aus ganz Deutschland, Holland, Belgien, sogar aus Polen und Russland“, sagt Vera Spitz, die ihr Büro im Rathaus Wachtberg hat. „Die meisten wollen unser Gästeverzeichnis mit knapp hundert Hotels und Pensionen sowie allgemeine Informationen.“ Doch es kämen auch ganz spezielle Wünsche. So gebe es einen Trend, auf einer der fünfzehn Burgen zu heiraten – ganz in Weiß und in stilvollem Ambiente. Oder es kämen Fragen nach dem Tauchzentrum im Freizeitbad Monte Mare. „Einen typischen Urlauber gibt es nicht. Unsere Besucher sind so vielfältig wie unser Angebot.“ 75 bis 80 Prozent der Besucher seien Tagestouristen, die übrigen kämen für mehrere Tage. „Wir beobachten eine Tendenz zu einer ganzen Woche. Diese Gäste nutzen die Voreifel als Startpunkt für Bootsfahrten auf dem Rhein, Kultur in Bonn oder Köln, den Rheinsteig, ja sogar Touren bis in die Ardennen haben wir schon gehabt.“

Die Große Stadtrundfahrt geht ihrem Ende entgegen, der Bus nähert sich wieder der Bonner Innenstadt. Einige der Touristen folgen Heinz Kusch zu Fuß zum Beethovenhaus, zum Bonner Marktplatz und zum Münster. Dort verabschieden sie sich. Es habe ihm sehr gefallen, sagt Buddhika Surqweera aus Sri Lanka. Die vielen alten Häuser in der Südstadt und im Godesberger Villenviertel hätten ihn sehr beeindruckt. Doch am schönsten fand er das Akademische Kunstmuseum am Fuß des Hofgartens. Zdenko Grobenski hat die Stadt mit anderen Augen gesehen. Bonn sei historisch und politisch interessant, von den Römern bis zum Bonn-Berlin-Beschluss. Sein Fazit: „Man denkt immer, Bonn sei ein Dorf. Dabei ist es ganz schön groß.“

Ursula Katthöfer, freie Journalistin