Trends aufspüren:

Der Einzelhandel schafft sich immer wieder neu

10.03.2010

„Die historische Siegburger Innenstadt ist im Kreis einzigartig“, schwärmt Andreas Kernenbach, der in der Siegburger City wohnt. „Die Einzelhandelsvielfalt ist toll.“ Und für Petra Baum hat die Siegburger Innenstadt einfach alles, was eine Innenstadt haben muss: „Ich bekomme in den Geschäften das, was ich brauche“, sagt die ambulante Pflegerin. „Ich mag den Markt und die gemütlichen Ecken. Vor allem im Sommer ist es schön, wenn man draußen sitzen und Eis essen kann. Oder ich fahre mit den Kindern mit dem Michelexpress zur Benediktinerabtei. Das kostet nicht die Welt.“

Einschätzungen, wie Einzelhandel und Stadtplaner sie sich nur wünschen können. Die Kunden sollen in den Innenstädten nicht nur einkaufen, sondern sich rundum wohl fühlen. „Es zeigt sich, dass der Einzelhandel mit dafür verantwortlich ist, dass Innenstädte lebendige Zentren und Begegnungsstätten bleiben, in denen nicht nur Waren und Geld getauscht werden“, heißt es in einer Publikation des DIHK. Doch die Idylle sei bedroht: „Viele kleinere Kommunen beklagen zurzeit das Wegbrechen von Handelsbetrieben in ihren Zentren, da damit ein Verlust an Lebensqualität insgesamt einhergeht.“

Andreas Kernenbach

Der Einzelhandel hat es nicht leicht. Denn er ist abhängig von der Konsumlaune der Verbraucher. Die wiederum hängt sehr von der Entwicklung der Arbeitslosenzahlen ab. Der Handel fürchtet die psychologisch wichtige Marke von vier Millionen Arbeitslosen. Ist die überschritten, sparen die Verbraucher erst recht. Auch eine Nullrunde bei den Renten bremst die Konsumlaune, die Erhöhung des Kindergeldes hingegen lässt sie steigen. Sogar das Wetter spielt eine Rolle. Sagen die Meteorologen ein Unwetter voraus, bleiben die Innenstädte leer. Alles in allem prognostiziert die Gesellschaft für Konsumforschung für 2010 ein schwieriges Jahr für den privaten Verbrauch.

Das wird Auswirkungen auf viele Lebensbereiche haben, denn der Handel ist in Deutschland einer der wichtigsten Wirtschaftszweige und einer der größten Arbeitgeber. Fast vier Millionen Beschäftigte arbeiten direkt für die Handelsbranche. „Der Handel hat eine ganz wichtige Funktion, er versorgt die Bevölkerung. Ohne ihn funktioniert das Gemeinwesen nicht“, sagt Kurt Schmitz-Temming, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Gutachter empfehlen große Handelsflächen

Um sich zu behaupten, muss der Einzelhandel Trends aufspüren und die Erwartungen der Kunden immer wieder neu erfüllen. Sonst sind die Kunden weg. „Wir sind aus Troisdorf hergekommen“, sagt Anja Kawohl, die mit ihrer Tochter Lisa durch Siegburg bummelt. „Wir suchen nach einem Kleid und haben in Troisdorf nichts gefunden.“ Die beiden sind kein Einzelfall. Für den rechtsrheinischen Teil des Rhein-Sieg-Kreises ist die Kreisstadt einem Gutachten der Kölner Unternehmensberatung BBE Retail Experts zufolge ein Magnet. Um die Innenstadt um zusätzliche, vor allem große Flächen zu bereichern, empfehlen die Gutachter ein Shopping-Center mit einer Verkaufsfläche von ca. 15.000 Quadratmetern.

Petra Baum liebt die gemütlichen Ecken in der Siegburger Innenstadt: "Im Sommer kann man hier schön draußen sitzen. Und für die Kinder gibt es einen großen Spielplatz."

Die Meinungen dazu sind geteilt. „Das ist doch total verrückt“, sagt Ute Ternes, die in der Siegburger City einen Facharzt aufgesucht hat und noch über den Markt bummelt. „Das wird ausgehen wie in Sankt Augustin, da hat ein Einkaufszentrum die kleinen Geschäfte kaputt gemacht.“

Die Einzelhändler halten sich mit öffentlichen Äußerungen zurück, doch Bürgermeister Franz Huhn ist überzeugt, das Siegburg großflächige Geschäftsformate braucht: „Die jetzigen Liegenschaften sind zu klein, als dass sich die dringend benötigten Angebote an diesem Standort verwirklichen lassen.“ Derzeit ziehe in jedes frei werdende Geschäft ein weiterer Backladen, ein Handy-Geschäft oder ein Friseur: „Diese Entwicklung ist nicht gesund, das macht uns allen Sorgen.“

Magnet für das gesamte Umland: Die Hauptstraße in der Innenstadt von Rheinbach mit ihren vielen Geschäften.

Die Diskussion um zusätzliche große Handelsflächen ist kein Einzelfall. Was den Siegburgern das Einkaufszentrum, ist den Rheinbachern das Factory-Outlet-Center in der Gemeinde Grafschaft. Auch wenn die Pläne und Voraussetzungen jeweils vollkommen unterschiedlich sind, bleibt bei den Einzelhändlern das gleiche Gefühl: Unsicherheit. In Rheinbach kommt hinzu, dass das geplante „Eifel-Ahr-Portal“ sich in Rheinland-Pfalz befinden würde. „In den Entwicklungsprogrammen der Länder heißt es, dass große Flächen auf der „grünen Wiese“ abgelehnt werden“, sagt Christian Fassbender, der mehrere Baumärkte in Bonn/Rhein-Sieg betreibt und dessen Frau ein Juweliergeschäft in Rheinbach hat. „Das ist ein Widerspruch zum Outlet. Ich kann doch nicht die Handbremse ziehen und gleichzeitig Gas geben.“

„Wie macht Ihr das nur?“

Bisher ist Rheinbach mit seinem historischen Stadtkern und Sehenswürdigkeiten wie dem Hexenturm ein beliebtes Einkaufsziel für das gesamte linksrheinische Umland. „Weniger als die Hälfte meiner Kunden sind Rheinbacher“, erzählt Hildegard Theissen, Inhaberin des „Sherwood Cottage“, einem kleinen Fachgeschäft für Küche und Wohnen. Sie handelt mit außergewöhnlichen Dingen wie dem Piepei, einer Eieruhr zum Mitkochen. Oder sie berät junge Brautleute, die sich einen Hochzeitstisch einrichten. „Am Ort habe ich keine Wettbewerber“, sagt sie. „Doch es ist schwer, mit den großen Städten zu konkurrieren.“

Christian Fassbender

"Ich kann doch nicht die Handbremse ziehen und gleichzeitig Gas geben."

Das gilt für ganz Rheinbach. Grund für den ansässigen Gewerbeverein, mit zahlreichen Veranstaltungen, die sich über das Jahr verteilen, Kunden zu werben und zu binden. Angefangen bei der Sport- und Gesundheitsmesse im Frühjahr über den Rheinbacher Autosonntag bis zum Weihnachtsmarkt. „Wir wurden von unseren Nachbargemeinden schon oft gefragt ‚Wie macht Ihr das nur?’“ sagt Paul Nelles, Geschäftsführer der Modehaus Nelles GmbH & Co. KG und 1. Vorsitzender des Gewerbevereins Rheinbach. „Ganz einfach: Wir wirken seit Jahrzehnten alle zusammen: Rat und Verwaltung, Vereine, Presse und Geschäftsleute aller Coleur.“

Ursula Katthöfer

In der April-Ausgabe der Wirtschaft lesen Sie Teil 2 der Serie: Das Zauberwort heißt „Service“.