Unternehmerische Verantwortung: Flagge zeigen in Bonn/Rhein-Sieg

Ein Herz für...

10.05.2011

Der Fußweg war weit, die Arbeit hart, der Hunger groß. Männer, die während der Mittagszeit nicht von ihren Frauen oder Kindern mit einer warmen Mahlzeit versorgt wurden, blieb üblicherweise nur das mitgebrachte Brot. So war es typisch für die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung schneller fortschritt als die sozialen Errungenschaften.

Doch es gab Unternehmer, die sich nicht nur für die technischen Neuerungen interessierten, sondern die auch an ihre Mitarbeiter dachten. So Christian Gottlieb Rolffs, Gründer der Kattunfabrik Rolffs & Co. in Siegburg, seine Tochter Bertha sowie sein Schwiegersohn Georg Ludwig Keller. Rolffs richtete für die Mitarbeiter seiner Kattunfabrik, dem Vorläufer des heutigen Siegwerks, bereits 1843, knapp 40 Jahre vor Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung, eine Kranken- und Invalidenversicherung ein. 1854 folgte die erste Speiseanstalt, in der 300 Arbeiter täglich ein warmes Mittagessen bekommen sollten. „Der Zweck der Speise Anstalt ist, allen hier beschäftigten Arbeitern, insbesondere den entfernter Wohnenden, Gelegenheit zu einem billigen, gesunden und warmen Mittagessen zu geben, sowie den Frauen und Kindern die Mühe und Zeit zu ersparen, um ihren Angehörigen das Essen zu bringen.“ So zitiert Andrea Korte-Böger, Stadtarchivarin der Stadt Siegburg, in ihrem Buch „Die Kattunfabrik“ aus historischen Dokumenten des Unternehmens. Und Dr. Andreas Hauner, Standortleiter und CSR-Manager der heutigen Siegwerk Druckfarben AG, ergänzt: „Für ein Unternehmen wie Siegwerk war es stets selbstverständlich, sich für seine Mitarbeiter und das Gemeinwesen verantwortlich zu fühlen. Staatliche Sozialsysteme, wie wir sie heute kennen, gab es zur Zeit der Industrialisierung schließlich noch nicht und viele Menschen hatten keinerlei Absicherung. Gesellschaft und Unternehmen haben sich seitdem zwar stark verändert, aber Verantwortung ist bis heute ein wichtiger Wert für Siegwerk geblieben.“ (siehe Interview mit Andrea Krieger).

Historische Verantwortung

Was wir heute Corporate Social Responsibility (CSR) nennen und als unternehmerische gesellschaftliche Verantwortung übersetzen, erfährt zur Zeit eine Blüte, ist aber keineswegs eine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Seit dem Mittelalter gibt es in Europa das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns, das bestimmte Verhaltensnormen vorschrieb. Später traten industrielle Unternehmer als Stifter und Mäzene auf, um die sozialen Lebensumstände ihrer Mitarbeiter zu verbessern und die Kultur zu fördern. Heute betrachten Unternehmen CSR zunehmend als Wettbewerbsfaktor. Ihr soziales, ökologisches und kulturelles Engagement wendet sich inzwischen weit über die Mitarbeiter im eigenen Unternehmen hinaus. Es richtet sich an viele gemeinnützige Einrichtungen, vom Familienzentrum in der Nachbarschaft über Museen und Kirchen bis hin zur Tee-Kooperative in Nepal.

„Der Teefachhandel braucht qualitativ hochwertigen Tee“, sagt Dr. Thomas Henn, Mitglied der Geschäftsführung und CSR-Ansprechpartner der TeeGschwendner GmbH in Meckenheim. Das Franchise-Unternehmen mit über 140 Geschäften hat zahlreiche Projekte ins Leben gerufen, um einerseits die Teebauern zu unterstützen und andererseits eine Teequalität zu erhalten, die der Kunde nach Aussehen, Blatt und Geschmack schätzt. Eines dieser Projekte ist die Zusammenarbeit mit der Shree Sunderpani Cooperative in Ilam, dem wichtigsten Teedistrikt Nepals. Dort verpflichtete TeeGschwendner einen Bio-Tee-Experten, der die Kleinbauen in den Teegärten während der Arbeit zum biologisch-dynamischen Anbau schult. „Außerdem haben wir eine Fabrik gebaut, damit der Tee gleich nach der Ernte verarbeitet werden kann“, sagt Thomas Henn. „Denn die Teequalität leidet sehr, wenn frische Blätter lange in Säcken gequetscht werden.“ Nicht zuletzt hat das Unternehmen gemeinsam mit der Gesellschaft für Technologische Zusammenarbeit (GTZ) dafür gesorgt, dass 120 Kleinbauern eine Biogasanlage erhalten haben: In einem unterirdischen Bottich gärt eine Mischung aus Kuhdung, Kuhurin und Wasser, so dass ein Gas entsteht, das über eine Leitung zu einem Gaskocher in der Küche geführt wird. Für die Menschen, die bisher Holz gesammelt haben, um ihr Essen über einer Feuerstelle zu kochen, ein großer Fortschritt.

Win-win-Situationen

Indianische Aufgüsse im Saunapark Königswinter kommen Indianern in South Dakota zugute. Denn mit einer Spende unterstützt Geschäftsführer Frank Rösgen indianische Kinder und Jugendliche, die ihre Kultur nicht vergessen möchten.

Entscheidend für ein gutes CSR-Konzept ist, dass beide Seiten von der Zusammenarbeit profitieren: Das Unternehmen und die unterstützte Organisation. Nur so entsteht eine Win-win-Situation. Voraussetzung dafür ist, dass das Unternehmen nicht wahllos spendet, sondern sein CSR-Engagement mit seiner Kernkompetenz verknüpft. „Wir setzen schon seit Jahren auf Nachhaltigkeit“, sagt beispielsweise Frank Rösgen, der gemeinsam mit seinem Vater Hans Rösgen den Saunapark Siebengebirge in Königswinter betreibt. Der Saunapark liegt mitten in der Natur, deren Schutz Rösgen in sein Konzept einbezogen hat. „Wir gewinnen die Energie für unsere Saunen in einem eigenen Blockheizkraftwerk“, erläutert er. „Die Kräuter für spezielle Sauna-Anwendungen wachsen in einer Kräuterspirale im Saunagarten, für das Peeling der Gäste wird Honig aus der Region verwendet.“ Auch die Saunabesucher erleben CSR hautnah. Als Rösgen im vergangenen April zu einer indianischen Erlebnisnacht einlud, kommunizierte er von Anfang an, dass ein Euro pro Eintrittskarte an ein Hilfsprojekt für indianische Kinder im Pine Ridge Reservat, South Dakota (USA) geht. Dort bietet die Hilfsorganisation Sunka Wakan Na Wakanyeja Awicaglipi Inc. (To bring back the horse and the child Inc.) Kindern und Jugendlichen die Chance, zu ihrer indianischen Kultur zurückzufinden. Ziel ist, die jungen Indianer zum Beispiel durch das Erlernen der Reitkunst vor Alkohol, Drogenmissbrauch und Kriminalität zu bewahren.

Nachhaltig und zukunftsfähig

Doch nicht nur auf Seiten der Unternehmen hat sich viel getan. Auch die Organisationen, die Unterstützung bekommen, entwickeln sich. Das gilt zum Beispiel für die Hochschulen. „Es gibt in Deutschland noch keine etablierte Stipendienkultur“, heißt es in einer Pressemitteilung der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. „Insofern ging das Land Nordrhein-Westfalen beispielhaft voran, als es das sogenannte NRW-Stipendium auflegte.“ Dieses Stipendium können besonders begabte Studierende bekommen. Der Clou: Erst wenn die Hochschule einen privaten Geldgeber gefunden hat, der den Studierenden mit 150 Euro im Monat unterstützt, legt das Land NRW noch einmal die gleiche Summe drauf. „Das ist mühsam für die Hochschulen, aber diese sogenannten Matching Funds dienen gewissermaßen zur Einübung einer Stipendienkultur, um besonders begabte und leistungsstarke Studierende zu fördern.“

Die Georg Jordan GmbH in Siegburg, die Isolatoren für die Elektro- und Bahnindustrie herstellt, unterstützt über das NRW-Stipendium einen jungen Mann, der den Studiengang „Bachelor of Engineering“ besucht. Alexander Stern, kaufmännischer Leiter der Georg Jordan GmbH, verspricht sich viel davon: „Wir hoffen, ihn als Nachwuchstalent für unser Unternehmen begeistern zu können.“ Ein Beispiel dafür, dass CSR nachhaltig in die Zukunft weist.

Ursula Katthöfer,
freie Journalistin, Bonn